Leseproben und Projektbeschriebe

Polarforschung im zugigen Schlossturm

Auf Schloss Lenzburg lebten Herzöge, Landvögte, Dichter und eine englische Adlige. Und ein Abenteurer. Auch seinetwegen informiert nun im Turm eine kindgerechte Ausstellung über die Polarfoschung.

Schweizer Familie, 15/2017  |  April 2017  |   3 Minuten

Höher und höher steigen wir, über ausgetretene Steintreppen und eine Hängebrücke zum Schloss Lenzburg, dann in der mittelalterlichen Burganlage über schmale Holztreppen, vorbei am beliebten «Kindermuseum», wo man sich mit mittelalterlichen Kostümen verkleiden könnte. Heute werden wir aber nicht Prinzessin oder Ritter spielen. Heute geht's noch einen Stock höher: In einen verwinkelten Raum, der einst Rumpelkammer war und sich nun als PLIRRK präsentiert.

Was ist denn das!? «P-L-I-R-R-K», klingt nach «brr!» und «klirr» und irgendwie nach Kälte. Klar, es geht hier um Polarforschung, und den Namen dieser Dauerausstellung haben sich Kinder ausgedacht, nicht irgendein Werbetexter. «PLIRRK» sagt doch bereits viel aus, oder? Die Kinder, die hier bei der Entwicklung dieser Ausstellung mitgewirkt haben, waren zwischen 9 – und 12 Jahre alt. Gearbeitet haben sie mit der Geschichtsvermittlerin des Hauses, Brigitte Poffa: «Wir haben an acht Nachmittagen gemeinsam Ideen und Konzepte entwickelt» sagt sie. Nun sehen wir, was davon realisiert wurde: Ein Raum, der mit seinen Holzverstrebungen wie ein umgestülpter Schiffrumpf wirkt und zur Hälfte auch wie ein Schiff eingerichtet wurde: mit Kapitänsbrücke, Steuerrad, einem Navigationstisch und einer Koje. Mit Fässern, alten Reisekoffern und einigen Luken – wer hindurchspäht, dem schwimmen drollige Seemonster entgegen.

Die Kinder probieren das Fernrohr aus, greifen ins Steuer. In einem kindergerechten Museum darf man alles anfassen, ausprobieren. Neugierig spähen sie in der zweiten Hälfte des Raumes hinter hellblaue Stellwände, die Eisbergen gleichen. Sie finden Schneeschuhe, Fellmützen, Polarsonnenbrillen – wer will, kann hier Selfies in Polarforscher-Montur knipsen.

Ein «Abenteuerpass» führt die kleinen Forscherinnen und Forscher durch die Ausstellung. So forschen sie mit diesem Frageboden im Raum nach den Antworten, lernen, wie sie ihren Namen mit der «Geheimsprache» der Signalflaggen schreiben können, fragen sich, ob der Polarforscher Lincoln Ellsworth einst tatsächlich einen Mantel aus Eichhörnchenfell getragen hatten? Dieser amerikanische Abenteurer war der letzte private Besitzer der Lenzburg. Sein Vater hatte die Burganlage 1911 gekauft. In der bald 1000-jährigen Burg lebten einst Grafen, Herzöge, Landvögte, ein deutscher Dichter, englische Adelige und eben auch dieser Ellsworth. Geschichtsvermittlerin Brigitte Poffa freute es, dass ihre Kindergruppe ausgerechnet das Konzept rund um den Polarforscher zum Sieger erkoren hatten – mittels demokratischer Abstimmung. «Mit seiner Geschichte können wir einen direkten Bezug zum Schloss herstellen», sagt sie.

Wie gefährlich seine Expedition waren, zeigt ein historischer Stummfilm von seiner Polarreise im Jahr Doch nicht nur über diese Abenteuer erhalten wir Einblick, ein Teil der Ausstellung thematisiert auch die Gefahren in der Schifffahrt: Piraterie, Krankheiten, Seeungeheuer, Stürme und Havarien. «Manche Kinder verweilen hier stundenlang obschon die Ausstellung sehr klein ist», erzählt Poffa. Andere Kinder wiederum turnen einfach auf den Sitzkissen herum, die Eisschollen nachempfunden sind. Und unsere Mädchen? Sie frieren! «Brr!» oder besser «PLIRRK»?! Hier oben im Schlossturm gibt's keine Heizung und die Gedankenreisen zum Nordpol rufen Gänsehaut hervor.

So machen es sich die müden Forscherinnen in der Koje unter einem kuscheligen Kunstfell bequem. Sieht ganz so aus, also ob diese zarten Mädchen lieber in ein königliches Gewand der Lady Mildred schlüpfen würden und in den unteren, geheizten Gemächten zur «Tea time» gebeten werden möchten. Lady Mildred, die Grosstante von Queen Elisabeth II. von England, lebte von 1893 bis 1897 auf dem Schloss. Am nächsten Montag, 17. April, veranstaltet das Schloss eine szenische Führung mit der Adelsdame. Daran teilnehmen dürfen alle, auch Polarforscher.

 

Info-Box: Schloss Lenzburg

Im Schloss Lenzburg bietet Kunst, Kultur und Mittelaltererlebnisse für gross und klein. Kinder können im Kindermuseum spielen und basteln und in der PLIRRK-Ausstellung mehr über Polarforschung und Schifffahrt erfahren. Unter anderem können sie auch Foxtrail-Schnitzeljagden erleben, Erlebnisnachmittage besuchen oder Geburtstagsfeiern buchen. Mehr Infos: www.schloss-lenzburg.ch

Anfahrt nach Lenzburg: Anfahrt per Bahn: Bis Lenzburg im Aargau, Bahnhof SBB, von dort zu Fuss in ca. 25 Minuten zum Schloss oder mit Regionalbus, Linie 391, bis Schloss-Parkplatz oder Kronenplatz. Mit Auto: Von Zürich, St. Gallen oder Bern via N1 nach Lenzburg, von Basel via N3 oder von Luzern via N2 zum Schloss-Parkplatz.

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