Leseproben und Projektbeschriebe

Der Glasperlen-Deal

Wie ein internationales Minenunternehmen den Widerstand von Ureinwohnern auf den Philippinen gegen eine geplante Nickelmine zu brechen versucht.

1999 verfasst, ohne Veröffentlichung  |  März 2010  |   6 Minuten

Damals, als die Japaner sein Land eingenommen hätten, sei er noch ein Jüngling gewesen, entsinnt sich Cardu Kabo nach seinem Alter gefragt. So muss er nun, da die Norweger sein Land erobern wollen, wohl über 70 Jahre alt sein. Lediglich mit einem Lendenschurz bedeckt, sitzt das hagere Männchen, ein Ureinwohner der philippinischen Insel Mindoro, auf der blankpolierten Holzbank im neuen Gemeindehäuschens seines Hüttendorfes Baykalan. Kabo gehört zum Mangyanenstamm der Alangan, hat sie mehrere Dekaden geführt, schliesslich so sagt man, verfüge er über besondere spirituelle Kräfte, die ihn mit den Geistern reden liessen. Inzwischen hat sein Sohn Daniel das Zepter übernommen, der alte Kabo aber ist freilich bei allen wichtigen Besprechungen anwesend – die Mangyane fällen ihre Entscheidungen stets in der Gemeinschaft, nach ausführlichen Aussprachen mit den Dorfältesten. Das dauert Stunden, manchmal Tage und Nächte, denn diese äusserst friedfertigen und konfliktscheuen Menschen brauchen ihre Zeit des Verhandelns und verbalen Ringens.

"Wir stimmen der Mine zu", erklärt nun Cardu Kabo, "weil diese Leute uns bestimmte Versprechungen gemacht haben". Eines der Versprechen erfüllte sich sehr rasch; es ist jenes erwähnte Gemeindehäuschen, ein Geschenk der norwegischen Minenfirma Mindex. Weiter errichtete der Konzern für die Ureinwohner einem blanken Betonbau namens "Mindex Medical Clinic" und stellte eine 100-Prozent Krankenschwester ein. Zudem spendete er fünfzehn Wasserbüffel und engagierte einen "Pastor", der die Mangyanen beraten soll. Keine schlechten Gaben für Menschen, deren materiellen Ansprüche bisher darin bestanden, im Tiefland genügend Ingwer und Bananen verkaufen zu können, um davon ein neues Buschmesser, ein Kilo Salz oder eine Schachtel Streichhölzer zu erstehen.

Was aber Kabo und seine Stammesangehörigen inzwischen weit inniger begehren, ist der Erwerb der Landbesitztitel, die Mindex ihnen ebenso versprochen hat – unter der Bedingung, dass ihnen die Alangans erlauben, ihre Erde auszubeuten. Gemäss einem nationalem Ahnengesetz liegt die Verfügungsgewalt bei den einzelnen Mangyanenstämmen, selbst wenn der Staat das Land besitzt. Kabo zeigt auf die Fingerabdrücke seiner Leute im Vertrag mit Mindex: "Wir haben unterschrieben, aber auf die Landtitel warten wir noch immer. Und die versprochene Hängebrücke über den Fluss ist auch noch nicht da".

Zwei Helikopterstunden entfernt, in Manila, waltet der Garant des Versprechens im 16. Stock eines Geschäftshauses: Arne Isberg, schwedischer Präsident von Mindex Philippinen, ein smarter, vielsprachiger Manager, der auf alle Fragen eine überzeugende Antwort zu wissen scheint. Glastüren schwingen, Computer surren, ein Duft von "Big Business" in der Luft. Über eine Milliarde Franken (650 Millionen US Dollars) will Mindex in die Nickelmine investieren – das ist die grösste Investition eines einzelnen Unternehmens in ganz Mindoro. Rund 20 Millionen Franken (12,5 Millionen US Dollar) dürften nach den ersten zehn steuerfreien Jahren jährlich an Steuern anfallen – über das Doppelte der gesamten Steuereinnahmen Mindoros Orientals, jener Inselhälfte, auf der die Mine errichtet werden soll. Während der Aufbauphase sollen 2500 Menschen Arbeit erhalten, danach will Mindex 1000 Arbeiter für den Betrieb der Mine beschäftigen. Der Lebensstandart soll steigen, dringend benötigte Strassen sollen entstehen und Mindex will ein funktionstüchtiges Elektrizitätswerk errichten. Kurzum: Dank der Mine soll auf der rückständigen Agrarinsel nun der Fortschritt Einzug halten.

Dafür erhält Mindex jährlich rund 40 000 Tonnen Nickel, 3000 Tonnen Kobalt, als Nebenprodukt 130 000 Tonnen Ammoniumsulfat, das Recht, 25 bis 50 Jahre auszubeuten – und die weltweit billigste Nickelproduktion, so frohlockt die Firma in ihrem Jahresbericht. Der Preis für die Lokalbevölkerung: Vier Millionen Tonnen Erdschlamm, der Jahr für Jahr ins Meer gekippt werden soll; vier Millionen Kubikmeter Wasser, die an einer kritischen Wasserscheide für die Mine abgezapft werden müssten; und den Verlust einer Waldfläche von insgesamt 9,720 Hektaren. Auf dieser Fläche werden schrittweise in Parzellen (2 – 3 Hektaren) die obersten Meter Erde abgebaut. "Unakzeptabel!" urteilt Evelyn Cacha, Kopf der grössten lokalen Umweltschutzorganisation in der Provinzhauptstadt Calapan. Die Mine werde das ökologische Gleichgewicht stören, die ausreichende Bewässerung der Reisfelder gefährden, Erosionen hervorrufen und das Meer verschmutzen. Sie werde demnach die Lebensgrundlage der lokalen Bevölkerung vernichten, befürchtet Cacha. Für sie steht fest: "Wir werden die Mine mit allen Mitteln bekämpfen, selbst wenn wir uns auf der Strasse vor die Lastwagen werfen müssen".

Mit ihrer Opposition ist Cacha nicht allein. Als sie vergangenen Jahres von einer norwegischen Umweltschutzorganisation nach Norwegen zu einer Vortragsreihe eingeladen wurde, berichteten die grossen Tageszeitungen über die Vorhaben von Mindex und weckten das Missfallen der Nordländer. Selbst der Bischof von Oslo protestierte. Aus England operiert eine Mangyanenschutz-Organisation, die über das Internet Protestbriefe gegen Mindex veröffentlicht. In Mindoro Oriental selbst fanden im vergangen Jahr acht grosse Demonstrationen gegen die Mine statt, es protestierten Pfadfindermädchen, Bauern, Studentinnen, Fischer und Umweltschützer – mit der Mehrheit des Volkes im Hintergrund. Ebenso opponierten in Protestschreiben die 14 vereinigten Bürgermeister der Provinz, diverse Städte- und Gemeindeverbände, offizielle Vertreter der umliegenden Nachbarinseln, die Medizinervereinigung, die Schule für Agrikultur, alle Kirchen sowie die meisten Mangyanenorganisationen und viele weitere Interessensverbände.

Neben den ökologischen Risiken fürchten die Gegner die Schwächung der Sozialstruktur der Mangyanen sowie den Entzug derer Lebensgrundlagen. Schliesslich soll die Mine durch ihr Land führen, und viele der Ureinwohner wollen in der Mine arbeiten. So würden sie nicht mehr ihre traditionelle Landwirtschaft betreiben und erstmals eigenes Geld verdienen – mit dem sie nie gelernt haben umzugehen. Ebenso haben sie keinerlei Erfahrungen mit den materiellen Errungenschaften moderner Zivilisationen. Die Folgen solch rasanter Entwicklungen kennt man von den nordamerikanischen Indianern oder den australischen Aborignines: Soziale Verarmung, Verlust der kulturellen Identität, Verelendung. Entwicklungshelfer versuchen hingegen, die Mangyane langsamer und nachhaltiger auf die Zivilisation vorzubereiten.

Ruhe in den erhitzten Gegnergemütern trat erst ein, als Mindoros Gouverneur Rodolf G. Valencia im vergangenen September an einer Massendemonstration mit 20'000 Gegnern öffentlich seine starke Ablehnung gegen die Mine bekundigte und versprach, nicht zuzulassen, dass Mindoros Umwelt geschädigt werde. Nun herrscht Patt – bis Mindex in etwa einem Jahr mit seiner von Gesetz her verlangten Umweltverträglichkeitsstudie aufwarten kann. Diese muss belegen, dass sowohl allen ökologischen wie auch sozialen Risiken Rechnung getragen wird und die Bevölkerung hinter dem Projekt steht. Eine von Mindex ursprünglich für PR-Zwecke eingesetzte Agentur wurde kürzlich ihrer Aufgabe enthoben, weil deren manipulativen Massnahmen zu offensichtlich waren und die Bevölkerung nicht zu überzeugen vermochten. Selbst die Fälschung tausender Befürworter-Unterschriften ist in Calapans Stadtverwaltung dokumentiert. Nun soll ein anderes Unternehmen noch mal eine von Grund auf neue Informations- und Überzeugungskampagne für Mindex starten. Ebenso hat Mindex diesen März Namen und Besitzverhältnisse geändert: Neu tritt sie als "Crew Minerals" mit kanadischer Beteiligung auf.

Können die Proteste der Bevölkerung das Unternehmen beeindrucken? "Die Gegner haben unser Projekt nicht gründlich studiert", hält Mindex-Präsident Arne Isberg fest und verweist auf "modernste, sichere Technologien", die man anwenden werde. Und natürlich werde die Mine einen wirtschaftlichen Aufschwung in der bislang rückständigen Region einleiten. Zudem werde Mindex die Mangyanen finanziell unterstützen, und man habe sich vertraglich verpflichtet, die abgetragene Erde wieder zurückzubaggern und mit Bäumen neu zu bepflanzen; vom benötigten Wasser gäbe es genug, im Gegenteil dank der Mine würden die alljährlichen Überschwemmungen der Regenzeit gestoppt. Die Abfallbeseitigung im Meer sei bedenkenlos, da der Minen-Schlamm einfach die Küste hinunterrutschen werde und die Meeresbiologie in keiner Weise tangieren könne. Und – das ist Isbergs Trumpf – Mindex habe ja bereits die Unterstützung der lokalen Mangyanen. Es ist jener mit Fingerabdrücken unterschriebene Vertrag, an dem auch Daniel Kabo mitgewirkt hat.

Das sind die üblichen Argumente und Beschwichtigungen der philippinischen Minenunternehmer: Täuschung, Bestechung, Einschüchterung, "Teile und Herrsche" sowie der mangelnde Einbezug der Lokalbevölkerung seien die klassischen fünf Methoden, mit denen die Unternehmen vorgingen, schreibt Niklas Reese, Soziologe, Theologe und Geschäftsführer des deutschen "Philippinenbüros" in einer Untersuchung über den Grossbergbau, der seit 1995 von der philippinischen Regierung massiv gefördert wird. Ein Beispiel für die Täuschung: Die geplante Methode der Unterwasserentsorgung (Deap Sea Tailing Placement DSTP) ist ökologisch nicht so bedenkenlos, wie es Mindex glauben machen will. DSTP ist fast nur noch in 3.Weltländern erlaubt und in Industrienationen wie den USA und Kanada seit vielen Jahren streng verboten. Eine Studie des australischen Mineral Policy Institutes in Papua Neu Guinea zeigt, dass die Meeresabfälle durch DSTP zu Schädigung von Plankton und Fischen führen können, sofern sie wieder an die Oberfläche geschwemmt werden, was etwa durch ein Erdbeben verursacht werden kann. Mindoro ist ein Erdbebengebiet; 1995 erreichte das letzte Beben 7,7 auf der Richterskala.

Und wohl hat sich Mindex nach zahlreichen Geschenken die Unterstützung der Mangyanenorganisation "Kabilogan" eingeheimst – allerdings repräsentiert diese Gruppe bloss rund 200 Menschen – eine lächerliche Zahl angesichts der Massenproteste der Restbevölkerung. Im Gespräch mit "Kabilogan"-Mitgliedern wie Daniel Kabo zeigt sich zudem rasch, dass diese einfachen Bergler die ökologischen und sozialen Folgen einer Mine nicht abschätzen zu vermögen und in vertrauensvoller Naivität alle Versprechungen der Mine für bare Münze nehmen. Sollte dennoch etwas schief gehen, so argumentieren sie gutgläubig, habe die Nationale Kommission für Indigene Völker (NCIP) ihnen versprochen, alles wieder in Ordnung zu bringen.

Die NCIP, die für die Anliegen der Ureinwohner zuständig ist, bekennt sich als einzige grosse Institution im Land mit Enthusiasmus zum Mindex-Projekt und hat der "Kabilogan" eindringlich zur Vertragsunterzeichnung geraten. Die NCIP leidet indes seit Jahren unter einem schlechten Ruf. Nichtregierungsorganisationen und Kirchenverbände kritisieren sie wegen ihrer Tatenlosigkeit und Bestechlichkeit. Doch von Korruption will Mindex-Präsident Isberg nichts wissen. "Das können wir uns nicht erlauben". Nein, man habe nie Geld auf den Tisch gelegt, aber selbstverständlich gäbe es die Form des "winig and dining" (Einladungen zu gutem Essen), dies sei indes normal.

Fehlt nun bloss noch die Entscheidung des Umwelt- und Ressourcenministeriums, des "DENR", das die Umweltverträglichkeitsstudie von Mindex abnehmen wird und aufgrund dessen prüfen muss, ob es eine Abbaulizenz erteilen kann. Und ebenso ausschlaggebend sind die Stimmen der Politiker, die sich derzeit mehrheitlich gegen die Mine aussprechen, schliesslich stehen im Frühling 2001 neue Wahlen an. Die Bewilligungen für Mindex sind erst nach den Wahlen zu erwarten.

Alles deutet darauf hin, dass die Mine kommen wird – allem Widerstand der Lokalbevölkerung zum Trotz. Denn das grösste Problem der Philippinen liegt in deren tief verankerten Korruption. Erst kürzlich hielt die Weltbank in einer Studie fest, dass über die Hälfte der Staatsgelder illegal verwendet werden; und in diesen Monaten hält sich in Manila nach einer Welle neuer Bestechungsskandale hartnäckig das Gerücht, der amtierende Präsident Joseph Estrada werde demnächst in einem Staatsstreich abgesetzt.

Insider glauben, Mindex werde sich wie viele andere Minenunternehmen durchsetzen. Denn Vetternwirtschaft und Korruption innerhalb der Entscheidungsträger (DENR, NCIP, Parlament) sind hinreichend bekannt. Darüber hinaus werden Entscheidungen mit bedeutendem Ausmass in diesem so gerne als demokratisch geltenden Land letztlich meist im Alleingang in Manila gefällt. Jedenfalls, so betont ein Journalist der grössten philippinischen Tageszeitung, kenne er keinen wichtigen Fall, bei dem es je anders verlaufen sei. "Die Regierung riecht das Geld und danach fasst sie ihre Beschlüsse." Oder wie es Niklas Reese vom "philippinenbüro" ausdrückt: "Die philippinische Bergbaupolitik ist vom Prinzip bestimmt, gierig und kurzsichtig alle Ressourcen so schnell wie möglich und in grossem Massstab ausbeuten zu wollen". Dabei werden insbesondere ausländische Firmen bei der Konzessionsvergabe bevorzugt.

Von diesen Dingen weiss der alte Cardo allerdings nichts – selbst wenn er mit den Geistern zu reden vermag.

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