Leseproben und Projektbeschriebe

Die verlorenen Flügel der Elfen

Der Botanische Garten Gambarogno ist ein blühendes Kleinod. Gegenüber von Locarno entfaltet sich hier die grösste Magnoliensammlung der Welt zu einer betörenden Pracht.

Schweizer Familie  |  März 2014  |   6 Minuten

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Die Berge im Hintergrund tragen noch Weiss, aber hier im Gambarogno, auf der Südseite des Lago Maggiore, berwältigt den Besucher ein Meer aus Rot und Rosa, Weiss und Zartgrün. Es sind die Magnolien in Otto Eisenhuts botanischem Garten. Sie gehören zu den ersten Blüten, die im Tessin blühen.

Auf der Hügelterrasse zwischen Piazzogna und Vairano pilgern daher nun wieder Naturfreunde aus aller Welt zum Botanischen Garten Gambarogno. Ein Rundgang durch den Park verspricht jeden Frühling einen Sinnesrausch: Alle paar Schritte steigen einem betörende Düfte in die Nase: süss in allen Varianten, auch zitronig, würzig und herb. Wohin man blickt, leuchten die Farben, als ob sie alles Wintergrau vergessen machen wollten.

Mal sind es wuchtige Kamelienknospen im tiefsten Rot, dann flimmern filigrane weisse Sternchen Daphne (Seidelbast) durchs Grün. Es spriess in violett und blau. Es baumeln gelbe Blüten in Glockenform neben hellen Knospen, die einem Schatz von Perlenketten gleichen. Eidechsen rascheln vorbei, Schmetterlinge flattern daher; es summt und zirpt, quakt und krächzt.

Da schweben Handteller grosse Magnolienblätter wie von Elfen verlorene Flügel zu Boden, dort steht ein japanischer Nadelbaum dünn und knochig wie ein greiser Asiate mit langem Barthaar. Eine Hummel brummelt vor sich hin, ein zittriges Flugwesen wird vom einem Lüftchen davon getragen. Schwarze Ameisenkörper glänzen in der Sonne und verrichten ihre Arbeit.

Es scheint, als ob dieser Garten Eden auf über 20'000 Quadratmetern allen wintermüden Wesen neues Leben einhauche – allem voran den menschlichen Besuchern: Man vernimmt lauter „Ahs!" und „Ohs!"; Fremde kommen miteinander ins Gespräch, teilen ihre Bewunderung, fachsimpeln über Farbnuancen oder mögliche Frostschäden. Fotoapparate klicken nach allen Seiten, Sonnenhüte segeln zu Boden weil die Köpfe immer wieder in die Höhe schauen.

Stille Besucher sitzen mit einem Lächeln auf einer Bank, lassen in aller Ruhe die Blütenpracht auf sich wirken: Hier gedeihen über 1000 Sorten Kamelien, über 500 verschiedene Magnolien (grösste sammlung der welt), Azaleen, Glyzinien, Pfingstrosen und Rhododendren, nichte vergessen eine  weltweit bedeutendten sammlung von Zitruspflanze.

Dazwischen wachsen seltene, exotische Laub- und Nadelgehölze. Zwei Bäche und kleinste Wasserfälle gurgeln über Moos bewachsene Steine; mit Holzschnipsel bestreute Pfade dämpfen die Schritte; Holzbänke und Granittische unterstreichen das lokale Flair.

Jetzt, im Tessiner Frühling, zeigt sich die Magnolienblüte besonders farbenprächtig: „Schauen Sie hier, die ‚Princess Margaret' steht in voller Blüte", sagt Gärtner Otto Eisenhut, der 83-jährige[GB1] Begründer des Parkes, und zeigt auf einen Magnolienbaum voller zarter Rosatöne: „Mit ihr hat alles angefangen…"

Otto Eisenhut denkt zurück, sein Blick schweift in die Ferne. Leicht gebückt und sichtlich müde steht er da. Schmerzende Kniescheiben, verschlissen vom steten Einsatz an den steilen Hängen, und eine Diabetes-Erkrankung zwingen den Wittwer zum Müssiggang – zu einer Untätigkeit, die er sich zuvor nie erlaubt hätte. Die Lunge tut auch nicht mehr recht. Mittlerweile hat Eisenberg das Rauchen aufgeben. Früher, so sagt er, sei die Zigarettenpause eben die einzige Pause gewesen, die man sich bei der Arbeit gegönnt habe.

Bis vor kurzem führte Otto Eisenhut noch täglich interessierte Besucher durch seinen botanischen Garten, inzwischen muss er sich auf kleine Runden beim Eingangsbereich des Parkes beschränken, die steilen Hänge im Gelände vermag er kaum noch zu bewältigen.

Eisenhut reist in Gedanken zurück in die Vergangenheit, erinnert sich, wie er 1955, vor 59 Jahren, dieses Stück Land erstanden hatte, um sich als Gärtner selbständig zu machen. „Es war ein uralter Rebberg mit vielen Steinen und ‚Glump', erzählt er. „Viel chrampfed" habe er, bis er das Land für eine Gärtnerei und Baumschule urbar gemacht habe.

Noch ahnte er damals nicht, dass er dazu bestimmt war, zu einem der weltbesten Magnolien und Kamelienzüchter heranzuwachsen und dereinst Gartenpreise zu gewinnen, die mit einer Goldmedaille an der Olympiade vergleichbar sind: Etwa die „Gold Veitch Memorial Medal", die ihm von der englischen Royal Horticultural Society (RHS) 2006 verliehen wurde. Zuvor hatte er bereits 2001 den „Schulthess-Gartenpreis" des Schweizerischen Heimatschutzes erhalten sowie 2003 den renommierten „Rudolf Maag-Preis", der Persönlichkeiten ehrt, die sich „in besonderer Weise um die Pflege und Förderung der Pflanze verdient gemacht haben".

Alles fing damit an, in den 60er-Jahren die Magnolia Campbellii "Princess Margaret" erkrankte. Sie stand im Garten des englischen Gentlemens Sir Peter Smithers, einem ranghohen Diplomaten und Politiker, der sich in der Luganeser Gemeinde Vico Morcote einen prächtigen Garten angelegt hatte. Sir Peter Smithers bat Eisenhut, aus dem bestmöglichsten Material dieser Pflanze Veredlungen zu machen. „Ich war skeptisch", erinnert sich Eisenhut. Er versuchte es dennoch mit einigen Kobus-Sämlingen aus seiner Baumschule – und schaffte es, Princess Margaret neue Lebenskraft zu verleihen.

Das war der Moment, in dem Eisenhuts Leidenschaft für das Veredeln weiterer Sorten geweckt wurde. Der Tüftler in ihm trieb ihn fortan an. Man möchte glauben, ein Gärtner, der einen Park voller Zauber und Schönheit erschaffe, habe eine romantische Ader, doch weit gefehlt: Eisenhut liebt wohl seine Pflanzen und findet sie durchaus „schön", was ihn aber wirklich mit Stolz erfüllt, ist das „Erschaffen von Neuem" und – so profan das klingen mag – „das Produkt, das ich verkaufen kann", denn daran misst er seine Kompetenz und Geschäftstüchtigkeit. „Ich bin halt einfach ein Gärtner", sagt er beinahe entschuldigend.

Sir Peter Smithers ermutigte Eisenhut, die Veredlung von weiteren Sorten zu versuchen, da diese auf der halben Welt gesucht waren. Der Gärtner und der Sir wurde Freunde. Otto Eisenhut entwickelte immer mehr Freude am Forschen, Versuchen und Veredeln. Er importierte für riskant hohe Summen neue Sorten und Arten, erst aus England, schliesslich auch aus Übersee. Über das Internet fand Sir Peter für Eisenhut „das Beste vom Besten".

Je erfolgreicher das Duo damit wurde, desto mehr tauschten sich Eisenhut und Smithers mit weiteren Pflanzen-Enthusiasten aus und wurden aus aller Welt mit Reissern zum Veredeln beschenkt. Eisenhut vertiefte fortlaufend sein Fachwissen, wob ein Netzwerk von Kennern und Kunden aus der ganzen Welt – von England bis China, Kalifornien bis Tokio. „Es gibt bei den Sammlern und Botanikern nur zwei Typen: Die Egoisten und die anderen", sagt er mit seinem trockenen Humor; „ich gehöre zu den anderen, habe meine neuen Erkenntnisse immer gerne mit anderen ausgetauscht".

Um die Zukunft des Parkes zu sichern, gründete Eisenhut im Jahr 1999 die Stiftung „Parco botanico del Gambarogno", sie seine Sammlung seither betreut und fördert – allerdings mit minimalen finanziellen Mittel. 2000 übernahm Eisenhuts Sohn Reto die Gärtnerei.

Hat sich Otto Eisenhut seither dem Ruhestand hingegeben? Nein, es treibt ihn um, denn es gäbe noch so viel zu tun. Wie nur, so zweifelt er, soll sein Lebenswerk auf Dauer erhalten bleiben? Die Einnahmen der Besucher reichen knapp zum Unterhalt der bestehenden Pflanzen. Doch der Park benötigt neues Land, denn es wird eng für die Pflanzen. Und er bräuchte sehr viel engagierte Pflege.

Sohn Reto hat indes alle Hände voll mit dem Gärtnerei-Betrieb. Sein Vater wünschte, er könnte ihm ein halbes Jahrhundert an Erfahrung und Fachwissen vererben, sieht aber ein, dass dies nur sehr beschränkt möglich ist. Auch seien die Zeiten heute anders, sagt Otto Eisenhut, denn heutige Gärtner und Hilfsarbeiter seien nicht mehr zu härtester Knochenarbeit gewillt, wie er in seinen jungen Zeiten war: Schon als kleiner Bub wollte Otto Eisenhut ein Gärtner werden, half oft bei einer Tante auf dem Bauernhof aus, meldete sich freudig für die Arbeit im Schulgarten.

Sein Vater hatte indes andere Pläne. Er betrieb die Turngerätefabrik „Alder und Eisenhut", die damals im toggenburgischen Kappel jene Turnmatten fabriziert, die jedes Schweizer Schulkind kennt. Otto sollte nach Wunsch seines Vaters ebenso in seine Fabrik einsteigen. Widerwillig tat er dies als junger Mann, konnte schliesslich aber doch durchsetzen, dass er in Horgen ZH eine Gärtnerlehre machen durfte.

Später erwarb er sich zusätzliche Berufskenntnisse in Stockholm, wo er während einundhalb Jahren mit Zierpflanzen und Schnittblumen arbeitete. Danach besuchte er die Gartenbauschule der Universität Stuttgart-Hohenheim, wo er in Stuttart auch seine künftige Frau Gretel kennen gelernt „Aber die Zeiten waren schwierig" erinnert er sich: Als er nach all seiner Aus- und Weiterbildung in der Deutschschweiz keine Stelle fand, ergatterte er sich eine Anstellung im Tessin – und blieb.

Das vor allem wegen des besonderen Klimas: Die Hügel, an denen seine Gärtnerei und der Botanischen Garten liegen, sind von einer grossen wertvollen Winterruhe geprägt.  Anfang November – früher als auf der gegenüber liegenden Seite bei Locarno – schafft es die Sonne nicht mehr über den Monte Gambaragno und Tamaro hinaus. Fortan dämmern Flora und Fauna für einige  Monate im Schatten. Im Winter sinkt das Thermometer nicht unter 5 Grad, im Sommer steigt es kaum über 30. Ein subtropisches Klima, ideal für Eisenhuts grosse Liebe, die Magnolien.

„Früher war für uns Gärtner das Klima wichtiger als heute", erzählt er. Deshalb hat er hier im Gambarogno alles aufgebaut, aber heute, so sagt er, mache sich halt jeder Gärtner sein Klima selbst: „Dafür reichen einige Plastikplanen und Gewächshäuser, die man heutzutage billig einsetzen kann."

Dennoch bleibt Eisenhut der Verdienst, ein einzigartiges Kulturgut und Lebenswerk geschaffen zu haben – schliesslich hat es bislang noch keiner geschafft, sein Magnolien-Mekka zu überbieten.

Ausflüge in der Umgebung

Die Riviera del Gambarogno liegt am linken Ufer des Lago Maggiore und erstreckt sich bis zur italienischen Grenze. Historisches Zentrum von Gambarogno ist der Ort Vira mit der Kirche San Pietro, die sich eindrücklich über den Lago Maggiore erhebt. Der grösste Ort des Gambarogno ist Magadino.

Nebst dem Besuch des Botanischen Gartens Gambarogno lohnen sich folgenden Ausflüge in der Umgebung:

  • Die „Bolle di Magadino" ist eines der bedeutendsten Schweizer Naturschutzgebiete. Zahlreiche Wasservögel nisten in diesem Altwassergebiet mit seinem Schilfgürtel und den prächtigen Auenwäldern. Während eines Spaziergangs durch das Feuchtgebiet kann man im Winter wie auch in der warmen Jahreszeit Fauna und Flora beobachten und auf Lerntafeln neue Erkenntnisse gewinnen. Auch wartet ein schöner Abenteuerspielplatz auf die Kleinen.
  • Von Vira führt eine kurvenreiche Strasse hinauf in die Bergdörfer des Alto Gambarogno über den Neggia-Pass. Dieser ist Ausgangspunkt für Wanderungen auf die Gipfel des Tamaro (1961 m.ü.M.) und des Gambarogno (1734 m.ü.M.). Das abgelegene einstige Schmugglerdorf Indemini liegt unmittelbar an der italienischen Grenze. Seine Häuser sind aus einheimischem, grauem Gneis errichtet, haben typische Steinplattendächer und Holzlauben bilden ein verwinkeltes, einträchtiges Dorfbild.
  • Von den Uferorten des Gambarogno führen Kursschiffe nach Locarno, Ascona und zu den drei Brissago-Inseln. Im Botanischen Garten der grössten Insel gedeihen zirka 1'700 Pflanzenarten vom Mittelmeerraum, den Subtropen Asiens, Südafrikas, Amerikas und Ozeaniens.
  • Von Gambarogno aus ist der italienische Markt von Luino rasch zu erreichen. Zu den Starken des Markts von Luino zählen Frischkäse, Wurstwaren, Fische vom See, Früchte und Gemüse. Es werden aber auch Kleider, Haushaltswaren, Kosmetik und allerlei Krimskrams feilgeboten. Der Markttag findet immer mittwochs 9.00 bis 16.30 Uhr statt.

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Farbtupfer im Grünen: Edgeworthia Red Dragon

Magnolia Apollo

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