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Neue Ästhetik im grünen Salon

So „salonfähig“ wie heute, war der Privatgarten noch nie. Er dient immer öfter als Erweiterung des Innenraums, als schicke, zweite „gute Stube“.

Für das Umwelt-Magazin EcoLife, 2010

Ein Wasserspiel plätschert, Lichter spiegeln sich darin, Kerzen flackern, Menschen plaudern, lachen, aalen sich auf Lounge-Möbeln, geniessen den lauen Abend... Vorbei die Zeiten der billigen Gartenplastikmöbel, baufälligen Gartenhäuschen und morschen Holzbänke. Heute werden Gärten sorgfältig und durchaus kostspielig möbliert und eingerichtet. Die Hunn Gartenmöbel AG in Bremgarten AG, der grösste Anbieter von Freizeitmöbeln in der Schweiz, verzeichnete 2009 ein „bombastisches Jahr“ mit markantem Umsatzwachstum bei Flechtmöbeln (Lounges) sowie bei teuren, nachhaltigen Granittischen. Ferner werden die Gärten vermehrt mit Kunstobjekten geschmückt, mit Wasserelementen bereichert und in den Abendstunden beleuchtet. „Hundert Rechaudkerzen im Garten verteilt, ergeben eine zauberhafte Stimmung“, weiss Peter Steiger aus Rodersdorf SO, ein Naturgartenfachmann der ersten Stunde.

So dient der Garten immer mehr als ein Raum, in dem man Freunde empfängt, Feiern abhält, Mahlzeiten geniesst, spielt, meditiert... Man nutzt ihn also so, wie man sonst drinnen die Stube nutzt – ausser vielleicht, dass man da draussen keinen Fernseher aufstellt, weil es im Grünen genug Schönes zum „nahsehen“ gibt: Das Flackern in der Feuerstelle etwa, die Versteckstrategien der Eidechsen, das Liebesspiel der Marienkäfer.

Man verlagert auch die aktuellen Gesellschaftsthemen in den Garten: Die Wirtschaftskrise, die Sorge um das Klima, die Sehnsucht nach Harmonie: All das spiegelt sich heutzutage in unseren grünen Oasen wieder.

Nachhaltig investieren. So wird trotz wirtschaftlicher Unsicherheiten im Garten paradoxerweise viel Geld ausgegeben. „Wenn schon, denn schon...“, sagen sich die Gartenbesitzer und investieren in die eigene Scholle, das bestätigt eine Umfrage von ecoLife bei mehreren Gartenbetrieben. In Zeiten, wo die Finanzmärkte keine Sicherheit gewähren, ziehen es viele Gartenbesitzer vor, auf bodenständige Werte zu setzen – das eigene, grüne Refugium vor der Haustür gewinnt an Bedeutung. Wer sich derzeit im Budget einschränken muss, der verzichtet eher auf eine Reise als auf eine Aufwertung seines Aussenraums – schliesslich lässt es sich dann im eigenen, blühenden Aussenraum auch gut „Ferien zu Hause“ machen. Oder er spart ein, zwei Jahre länger und leistet sich dann den neuen Teich oder die Umgestaltung der Beete.

Naturgärten haben Signalwirkung. Die Sorge um das Klima wiederum spiegelt sich in einem gesteigerten Interesse an nachhaltigem, naturnahem Gärtnern: Dieses fördert die Biodiversität und vermittelt Naturerlebnisse vor der eigenen Haustüre. Diese Bio-Oasen sind gegenüber den konventionellen Gärten zwar noch in der Minderheit, aber sie nehmen eine Vorreiterrolle ein. 2009 stieg die Mitgliederzahl bei „Bioterra“ um zehn Prozent sagt Doris Guarisco, die in der „Organisation für Bio-, Naturgarten und nachhaltigen Lebensstil“ das gleichnamige Magazin „bioterra“ als Chefredakteurin verantwortet. Ihre Leserangebote für biologische Pflanzen erreichen jeweils einen hervorragenden Rücklauf von 3 - 4 Prozent (üblich im Verlagswesen sind weniger als ein Prozent).

Ausserdem setzen immer mehr Gemeinden im öffentlichen Raum auf die Philosophie der Naturgärtner. Das hat Signalwirkung. So sickert sie auch allmählich ins Bewusstsein der konventionellen Gärtner ein: Weniger Pestizide, mehr Lebensraum für einheimische Pflanzen und Tiere – dies wünschen sich inzwischen auch Gartenbesitzer, die politisch keineswegs „grün“ denken.
Seltene, heimische Zierpflanzen fördern.

Seltene, heimische Zierpflanzen fördern. Auch wird in den Schweizer Naturgärten derzeit mit viel Fleiss Stück um Stück Biodiversität gerettet. Pro Specie Rara, seit Jahren bekannt als Organisation, die einheimische Nutztiere und -Pflanzen fördert, hat vor rund drei Jahren damit angefangen, auch Zierpflanzen zu retten – und das „mit grossem Erfolg“ wie Pressesprecherin Nicole Egloff bestätigt. Selten gewordene einheimische Stiefmütterchen, Rittersporn oder Hortensien sollen so vor dem Aussterben bewahrt werden.
Pro Specie Rara fordert die Bevölkerung daher auf, Fotos ihrer seltenen, einheimischen Pflanzen zur Identifikation zu senden. Zugleich bildet sie Hobbygärtner zu „Sortenbetreuern“ aus, versorgt diese mit dem raren Saatgut und hat somit ein Heer von semiprofessionellen Gärtnern, die Pro Specie Rara ehrenamtlich helfen, bedrohte Zier- und Nutzpflanzen zu kultivieren und gratis an die Mitglieder weiter zu verteilen.

Jedes erste Mai-Wochenende im Jahr organisiert Pro Specie Rara einen grossen Setzlingsmarkt auf Schloss Wildegg im Aargau. 2009 pilgerten über 10'000 Gartenfreunde dahin. Im Angebot gibt es da beispielsweise gelbe Randen, roten Krautstiel, blaue Kartoffeln, seltene Beeren oder die vielen „neuen“ alten Tomatensorten wie etwa „Green Zebra“ oder die violetten „Black Cherry“. Wer diese sät, hegt und schliesslich an der Gartenparty effektvoll serviert, liegt damit voll im Trend der heutigen Gartenkultur.
Wellness, Spiritualität und altes Hexenwissen halten Einzug. Alte Sorten, längst vergessene kulinarische Genüsse kehren also zurück – ebenso wird althergebrachtes Wissen um die Wirkung von Pflanzen wieder kultiviert.  Was einst die Hexen und Kräuterfrauen wussten, das präsentiert Naturgartenpionier Peter Richard nun als neuen Trend an der Gartenmesse GiardinaZÜRICH 2010 (siehe Box): Nebst einer nachhaltigen Wahl, Verwendung und Standortwahl der Pflanzen berücksichtigt seine Winkler & Richard AG nun je länger je mehr auch die Wirkung einer Pflanze. „Wir wollen Gärten ganzheitlicher gestalten“, sagt Richard, „also achten wir auch auf Ihre Symbolik, gesundheitliche oder hormonelle Wirkung“. Das heisst zum Beispiel: Wenn die W&R-Mitarbeiter bei einem Privatkunden melancholische Züge wahrnehmen, empfehlen sie ihm beispielsweise einen Haselnussstrauch zu setzen, „er gilt seit jeher als Glücksbaum“, so Richard. Wenn etwa ein öffentlicher Treffpunkt geschaffen werden soll, dann eignet sich dafür die Linde mit ihrer grossen Symbolik als „Gemeinschaftsbaum“.
Mit Energien und Geist im Garten befassen sich je länger je mehr auch andere Gartenbetriebe, indem Sie beispielweise eine Gestaltung nach den Prinzipien der chinesischen Harmonie-Lehre Feng Shui anbieten – auch dies ein Trend, der sich von den Innenräumen nun auch nach aussen in den Garten verlagert hat. Naturgärtner Christoph Winistörfer in Malters LU sagt, er werde von Anfragen betreffend Feng Shui geradezu „überhäuft“. Für solche Anfragen zieht er jeweils einen Feng-Shui-Spezialisten zu Rate. Dabei wird in den Gärten besonders darauf geachtet, Energien positiv einzusetzen. Beispielsweise werden für Orte, die Geborgenheit ausstrahlen sollen bewusst runde Linien gestaltet oder es wird im Eingangsbereich darauf geachtet, dass dort möglichst wenig Schatten hinfällt. Ein Feng-Shui-Garten sollte so natürlich wie möglich gehalten sein und zum Wohlfühlen einladen.
Die neue Entspanntheit. Doch auch ohne östliche Harmonielehren sind Hobby-Gärtner zunehmend dem Wohlfühl-Garten zugetan. Statt ständigem Jäten, Buddeln und Pützeln ist Entspanntheit angesagt. Lieber mal in Ruhe auf der Liege der Natur lauschen oder mit Freunden ein Gartenfest feiern als ständig im Garten herum werkeln und jedes Unkraut jagen. So spricht der Zürcher Familiengartenverein in seinen Reglementen längst nicht mehr von „Unkraut“, das vernichtet werden soll, wie es einst die Ordnung wollte. Heute nennt sich das „Begleitflora“. Und diese wird im Sinne der Biodiversität durchaus als nützlich erachtet.
Beton, neu interpretiert. Bei soviel Wohlfühlstimmung und Naturverbundenheit mag es erstaunen, dass derzeit ausgerechnet der Beton eine Renaissance feiert und einer der bemerkenswertesten Entwicklungen darstellt. „Überraschend, frisch und frech“, seien die neuen Beton-Kreationen schwärmt Eliane Fasnacht, die Pressesprecherin der GiardinaZÜRICH, „bisher nahm man Beton als eher kühl, grau und geometrisch war; nun werden neue geschwungene Formen und sehr farbiger Beton angeboten“. An der diesjährigen Giardina setzen gleich vier Aussteller auf Beton (siehe Box). Dieser kommt dabei so „naturnah“ daher, dass die üblichen Pro- und Kontra- Argumente neu überdacht werden müssen – womit bereits ein Trend-Thema für die Lifestyle-Gärtner gesetzt wäre: Die Frage „Beton ja oder nein?“ wird diesen Sommer bestimmt in mancher Garten-Lounge für lebhafte Debatten sorgen.

Box Giardina: Erlebnis- und Trendplattform für Gartenträume
Die Gartenmesse GiardinaZÜRICH (www.giardina.ch) findet vom 17. bis 21. März 2010 in der Messe Zürich statt. Sie gilt als die qualitativ beste Indoor-Gartenmesse auf dem europäischen Festland und setzt jeweils die Trends für die kommende Saison: Vom raffiniertem Lounge-Design über Trendpflanzen bis hin zu neuartigen Mauern und Lauben.
Unter den 270 Ausstellern befindet sich auch der grösste Schweizer Naturgartenbetrieb Winkler & Richard AG, der mit seinen aufwendigen Inszenierungen schon mehrere Male den begehrten Giardina-Award gewonnen hat. An der diesjährigen Giardina werden gleich vier Aussteller auf einen der bemerkenswertesten Trends setzen – auf Beton:
-    Gartengestalterin Eva Bruhin Design zeigt mit ihrem Showgarten "Farben des Südens" wie Beton, warm, weich, farbig und „weiblich“ interpretiert werden kann.
-    Die Zingg AG zeigt mit dem Showgarten "Zwischen Himmel und Erde" ihre Neuinterpretation von Beton und erzielt „organische“ Effekte mit Stampfbeton. Dank Farbpigmenten kann Beton nun auch bunt, erdfarben oder ganz weiss gefärbt werden – die Zingg AG zeigts vor.  
-    Berger Gartenbau zeigt im Showgarten "Beton Art“ verspielt geschwungenem Stampfbeton und Beton, der mit weissem Zement gebunden wurde.
-    Auch die Juchler Landschaftsbau zeigt in ihrem Showgarten neue Betontrends.