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Zwischen Himmel und Meer

Wanderpfade durch Weinberge, der Steilküste abgerungene Dörfer, eine kreative Küche und gastfreundliche Bewohner: Ligurien lässt Geniesser schwelgen.

für die Zeitschrift "Schweizer Familie", Juni 2014

Original-PDF der Reisereportage
 
„Alles noch da: Kletterfelsen, Focacceria, Strandpromenade, Piazza...“: Erleichtert texte ich diese Entwarnung an meine 13-jährige Tochter Anaïs, die wegen der Schule nicht mit mir nach Italien reisen konnte.
 
Eine halbstündige Rundfahrt mit dem Velo durch das ligurische Küstenstädtchen Levanto reicht, um festzustellen, dass die Welt hier noch immer in Ordnung ist: Opas erledigen auf wackeligen Fahrrädern kleine Kommissionen; Touristenkinder bauen am flachen Strand Sandburgen; Lausbuben angeln auf der Mole; Sonnengegerbte Männer basteln an bunt bemalten Fischerbooten herum. Auf dem schattigen Spielplatz im Park regieren Omas lautstark über ihre Schützlinge. Nebenan auf den Sitzbänken schäkern die Jugendlichen.
 
Die meisten davon kenne ich: Sie gingen mit meinen drei Töchtern in den Kindergarten oder zur Schule, als wir noch in Levanto lebten. Der Ort bietet alles, was wir für unsere Kinder damals suchten: Ein Stück heile Welt mit überschaubaren Sozialleben, das auch ausserhalb der Touristensaison funktioniert. Eine geschützte Ortschaft zwischen grünen Hügeln eingebettet, ideal zum Wandern. Ein sauberes Meer, ein reichhaltiger Gemüse- und Obstmarkt, einige Restaurants, zwei Kinos. Unerlässlich zudem: Die Piazza und Parkanlage, wo die Levantesi spielen und tanzen, lamentieren und diskutieren.
 
Wir sitzen in der Bar neben dem Park, planen unseren Aufenthalt: Mit einigen Freundinnen meiner Töchter werden wir den neuen Veloweg entlang der Küste erkundigen. Mit Anaïs’ Busenfreundin Chiara wollen wir später auf dem Camping-Platz die beste Pizza der Welt essen gehen. Annette, meine deutsche Vertraute vor Ort, und ich planen zudem, eine der spektakulärsten Wanderungen der Gegend zu unternehmen: Von Riomaggiore in den benachbarten Cinque Terre bis zur Hafenstadt Porto Venere. Diese Gegend samt Nationalpark wurde 1997 zum UNESCO-Weltkulturerbe erklärt. Auf dem Rückweg fahren wir mit dem Linienschiff an den berühmten Weinterrassen und fünf Dörfern entlang zurück.
 
Luca Ettlin (53) balanciert ein Tablett mit spritzigem Bio-Wein, Foccaccia, Salami und grünen Oliven herbei, setzt sich mit Brigitta Fink (56) zu uns. Seit zehn Jahren führen die beiden Deutschschweizer hier die Bar Brigida. Zusammen mit ihrer polnischen Partnerin Aga veranstalten sie auch Konzerte und Kunstausstellungen. Ausländische Gäste merken in diesem Lokal rasch, dass sie nebst Apéro und Co. auch Reisetipps in etlichen Sprachen erhalten
 
„Kennt ihr schon die einsame Mini-Bucht hinter der dritten Galerie?“, fragt Brigitta als sie hört, dass wir den neuen Radweg erkunden wollen. Brigittas Beschreibung klingt wie eine Schatzsuche: „Geht nach dem Tunnel rechts beim Ginster den Pfad hoch, an der Macchia vorbei. Klettert über die Abschrankung. Danach, hinter dem Felsen, findet ihr den unbekannten Strand.“
 
Im Laufe meines Aufenthaltes werde ich noch mehr Wegbeschreibungen in dieser Art zu hören bekommen. Erstaunt stelle ich fest: Hier ist ja doch nicht mehr alles beim Alten! Denn selbst alt eingesessene Levantesi erfreuen sich neuerdings daran, vergessene Ecken neu zu entdecken: Wege, die vor wenigen Jahren noch durch Gestrüpp oder Abschrankungen versperrt waren.
 
Luca erzählt, wie es dazu kam: „Wir haben Eigeninitiative ergriffen und in den letzten zwei Jahren über 50 Kilometer Wander- und Mountainbike-Wege. instand gesetzt.“ Hierfür hat er sich zusammen mit anderen freiwilligen Helfern im nationalen Alpinistenclub CAI organisiert. Auch hätten diese einen neuen Mountainbike-Park gebaut sowie eine Bike- und Wanderwegkarte entwickelt, erzählt Luca.
 
Tatsächlich stossen wir tags danach im nahe gelegenen Naturpark von Porto Venere auch auf eine Gruppe CAI-Alpinisten, die einen Wanderweg von Gestrüpp befreien. Wir befinden uns hoch über den Cinque Terre, blicken über steil abfallende Hänge aufs Meer, atmen den würzigen Duft der Macchia. „Selbst nach 18 Jahren, die ich nun in Ligurien lebe, erinnert mich dieser Geruch immer noch an Ferien“, sagt meine Freundin Annette Barg (44) begeistert.
 
Auch Silvia Mertens (52), eine zweite deutsche Freundin vor Ort, die seit 21 Jahren in Ligurien lebt, ist von der Gegend mehr denn je fasziniert: In den seit 2012 neu initiierten Führungen, die sie als Fremdenführerin unternimmt, quillt die profunde Kennerin von Sagen und historischen Begebenheiten beinahe über: „Es gibt immer wieder Neues, Lustiges und Seltsames zu erzählen.“
 
Einer, der alles über ligurische Spezialitäten zu berichten weiss, ist der Slow-Food-Koch Lorenzo Perrone (46), dessen Gerichte wir uns am Abend gönnen. Der Levantesi gilt als einer der besten Köche der Gegend, führt die Küche des familiären Hotel Palace. Bei ihm stehen immer wieder lokale Spezialitäten auf der Karte: Etwa die frittierten Kräuterkrapfen „Gattafin“, die berühmten „Acciughe di Monterosso“ (Sardinen) und selbstverständlich der Klassiker von ganz Ligurien: Die berühmten „Trofie al pesto“ mit dem einzig wahren Genueser Basilikum-Pesto – authentisch und von Lorenzo doch immer wieder neu interpretiert. Wohlig satt, lehne ich mich zurück und texte an Anaïs: „Mhm, Trofie! Morgen treffe ich GiniJ“.
 
Sorgfältig gestylt wie von Kindesbein an erscheint Anaïs Freundin Ginevra (13) tags darauf mit ihren Schwestern Gilda (6), Elettra (10) und Rubina (11). Mit Rädern, In-Linern und Trottinet machen wir uns auf die Suche nach der unbekannten Bucht, von der uns Brigitta erzählt hatte. Sie ist erst zugänglich seit die neue „Pista ciclabile di Levanto“ eröffnet wurde. Diese fünf Kilometer lange Küstenstrecke zwischen Levanto und Framura diente einst als Bahnstrecke, wurde vor vierzig Jahren still gelegt, 2011 restauriert und neu eröffnet. Nun führt sie abwechslungsreich unter Felsgalerien an Landzungen, Klippen und Buchten vorbei – laut italienischen Radführern ist sie eine der schönsten Radstrecken Italiens.
 
Nach dem dritten Tunnel, lassen wir die Räder stehen und gehen den beschriebenen Weg entlang. „Che bello!“, ruft Elettra, die den Strand als erste entdeckt, „Bellissimo!“ An diesem frühen Sonntagmorgen gehört die Bucht uns ganz allein. Schützende Felsen bilden in einem Halbrund ein natürliches Meeresbecken. Die Mädchen klettern auf Felsbrocken, suchen nach Muscheln, finden blau schillernde, gestrandete„velette“: Kleine ovale Segelquallen (Velella Vellella), die dank eines transparente „Segels“ wie Mini-Schiffchen mit dem Wind über den Ozean reisen.
 
Schwer vorstellbar, dass sich dieses träge Meer vor Tagen noch zu meterhohen, gewaltigen Wellen auftürmt hat. Immer wenn das Toben jeweils losgeht, eilen die Surfer aus Norditalien und dem Tessin herbei. Levantos Bucht gehört dank ihrer Beschaffenheit zu den besten Surforten Italiens.
 
Die vier Schwestern wollen nun Eis essen und drängen zur Weiterfahrt. Wir radeln weiter bis zum winzigen Hafen von Framura, einem Weiler am Ende des Velo-Weges. Die neue Piste beschert dem einst ziemlich isolierten Ort neuen Zulauf, so dass hier nun erste Bars, Agriturismi und Bed and Breakfasts entstehen – inmitten einer ungewöhnlich reichen Fauna, die dank eines geschützten Mikro-Klimas immer mehr Naturliebhaber anlockt.
 
Endlich bekommen wir unser Eis. Gilda lächelt selig: Die Kleinste in unserer Runde hat sich da Gelato nach ihrer Trottinet-Fahrt wohl verdient!
 
Mein Handy piepst. Anaïs hat geantwortet: „Neid!“
Ich texte retour: „Nicht nötig. Bald bist du auch wieder hier“.
 
Text: Gabriela Bonin
Fotos: Reto Albertalli
 
 
Service-Teil
 
 
Restaurants

 

  • Pizzeria l’igea, c/o Camping Acqua Dolce, Via Semenza 5, Levanto, +39 0187 807 293, www.campingacquadolce.com: Herausragende Pizza, ligurische Spezialitäten, familiäre Atmosphäre
  • Antiga Ustaia Zita, Lavaggiorosso, Tel +39 0187 800 158: Reichhaltige, ligurische Hausfrauenkost in einem bezaubernden Weiler im Hinterland
  • Ristorante L'Articiocca, via Olivi 8,  Levanto, +39 366 717 7613: Innovative, gehobene Küche mit Bio-Touch
  • Ristorante Pochi Intimi, Via Garibaldi 1, Levanto, +39 0187 807 118: Hochstehende, edle, frischeste Fischgerichte
  • Osteria All’Inferno, Via Lorenzo Costa 3, La Spezia, +0187 294 58: Uriges, günstiges, leckeres Traditionslokal direkt bei der Markthalle

 
Hotels
 

  • Hotel Garden, Levanto, www.nuovogarden.com, DZ ab Fr. 120.-, freundliches, modernes Hotel direkt beim Strand, vermietet auch Fahrräder
  • Hotel Palace, Levanto, www.hotelpalacelevanto.it, DZ ab Fr. 135.-, familiäres Traditionshotel im Liberty-Stil, mit herausragender Küche.

 
Camping
 

  • Camping Pian di Picche, www.piandipicche.it, unter deutschem Management, sauber, freundlich, in Fussdistanz zum Bahnhof Levanto, neu auch mit günstigen Zimmern.

Bar
 

  • Bar da Brigida,Piazza Staglieno, Levanto, unter Schweizer Management, gepflegte Bar mit sonnigen Sitzplätzen, guter Musik und engagiertem Team, www.facebook.com/BarDaBrigida

 
 
Touristische Informationen
 

  • Bei "Levanto Tourismus" gibt die Deutschschweizerin Adriana Probst gerne Auskunft, Piazza Mazzini, www.comune.levanto.sp.it, iat.levanto@libero.it  Tel/Fax: 0187 - 808125 sowie Tel 0187/80 26 26 www.occhioblu.it"
  • Die lokale Tourismus-Vereinigung Occhio Blu www.occhioblu.it organisiert u.a. interessante Stadtführungen durch Levanto, auf Wunsch auch mit der deutschsprachigen Fremdenführerin Silvia Mertens: Anfragen via info@occhioblu.it oder direkt auf deutsch bei Silvia Mertens: s.mertens@tin.it.

 
Hinweis: Dieses Reisereportage entstand in Zusammenarbeit mit der ligurischen Tourismus-Agentur Agenzia Regionale Promozione Turistica "In Liguria"  www.turismoinliguria.it.