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Veredelung eines Bettlerpfades

Der Schweizer Verein „Zukunft für Kinder“ organisiert nachhaltiges Trekking im Norden Balis. Dabei werden die Teilnehmer von ehemaligen Bettlerinnen geführt – eine preisgekrönte Tour.

Originaltext im EcoLife

Ein staubiger Pfad im Norden Balis, hoch über dem Meer, knapp drei Autostunden von den Postkartenstränden des Südens entfernt: Die Spuren darin erzählen vom Leben in dieser Vulkangegend, legen die Abdrücke nackter Kinderfüsschen offen und die Rillendrucke abgelaufener Flip-Flops. Früher führte dieser Pfad die einheimischen Frauen und Kinder zu ihren Bettelstandorten in Balis Touristenorten.

Nun stapfen in der Gegenrichtung Wanderschuhe darüber, gravieren ihre Labels in den Staub: Eine Gruppe Schweizer, mit Strohhüten, Fotoapparaten und Rattanwanderstäben bestückt, erfreut sich an der tropischen Vegetation. Noch strotzt die Natur vor lauter Grün, aber schon nach einer halben Stunde Fussmarsch wird sie in Trockenheit übergehen.

Linkerhand leuchtet die Nordküste Balis in der Morgensonne. Rechterhand glitzert in der Tiefe Lake Batur, mit langen Reihen traditioneller Fischreusen. Eine der wichtigsten Pilgerstätten der Balinesen liegt unten im Dorf Songan. Dort, im Tempel Pura Ulun Danu, huldigen die Hindus ihrer Wassergöttin Dewi Batari Ulun Danu. Die Bergquellen aus Balis Norden fliessen in beinahe alle wichtigen Flüsse der Insel und wurden hier schon vor Jahrtausenden mit Tempeln versehen.

Wasser, das ist Leben. Wasser ist heilig. Wo es an Wasser mangelt, mangelt es an allem: Weiter oben, auf der Nordseite  der Vulkan-Caldera herrscht im Gegensatz zur fruchtbaren Südseite grosse Trockenheit. Der klimatische Wechsel vollzieht sich auf wenigen hundert Metern.

Diese staubigen Nordhänge sind das Ziel der Trekking-Gruppe: Die Teilnehmer wandern nach Muntigunung eine der kargsten Gegenden Balis, wo derzeit eines der wirkungsvollsten Nachhaltigkeits-Projekte der Insel seine Früchte treibt. Hier hat der Schweizer Verein „Zukunft für Kinder“ Wasser in die Gegend gebracht. Und Arbeit. Und Hoffnung. Neuerdings bringt er auch Touristen nach Muntigunung, damit eine Brücke geschlagen wird zwischen arm und reich und beide Seiten voneinander lernen.

Die Wanderer halten Rast vor einem kleinen Altar, hören gespannt zu, was Daniel Elber, der Initiator des Vereins erzählt: Wie die Bettelkinder in Balis Touristenorten vor acht Jahren sein Herz berührt hatten, wie er innerhalb einer Nacht beschloss, seinem Schweizer Leben als Bankdirektor definitiv den Rücken zu kehren und fortan diesen Kindern zu helfen: Mit Hilfe zur Selbsthilfe. Hierfür musste er als erstes herausfinden, woher die Bettler überhaupt kamen, erfuhr, dass viele aus Muntigunung stammten. Daraufhin liess er ausführliche Studien über ihre Lebensbedingungen und ihren Gesundheitszustand erstellen, holte Rat von Profis aus der Entwicklungshilfe.

Wayan Diarni, die einheimische Führerin der Gruppe, lacht, macht eine fragende Geste: Wollen wir weiter wandern? Wie alle Führerinnen des Trekkings war sie einst eine Bettlerin. Nun arbeitet sie als gut bezahlter Guide, betreut ihr Trüppchen, als ob es allerliebste Freunde wären, umarmt die Gäste, lacht fortlaufend, streichelt Daniel Elbers Hände und blickt zu ihm, klein wie sie ist, bewundernd hoch.

Der Pfad auf dem Grat wird immer schmaler und trockener, fällt auf beiden Seiten steil ab, rechterhand führt ein furchterregender Abstieg in einen grünen, tiefen Schlund, hinunter zum See. Wayan fuchtelt mit ihren Händen, weist nach unten, lacht, streichelt Daniel Elbers Arm. Er übersetzt: Damals, als es in Muntigunung noch an Wasser mangelte, mussten die Frauen und Kinder der Bergdörfer täglich diesen Pfad hinunter steigen, um Wasser zu holen, 10 Liter auf dem Kopf wieder hoch balancieren. Das allein kostete sie rund fünf Stunden ihres Tages.

Elber sagt: „Als erstes musste also Wasser her, damit die Leute Zeit gewinnen, um zu arbeiten. Als zweites musste Arbeit her”. Es schwindelt einem beim Blick in die Tiefe. Man fühlt den Staub in den Lungen, man schwitzt in der tropischen Sonne, man hat Durst und denkt an die eigenen Kinder, die wohlgenährt auf einer Schulbank sitzen. Man denkt: Dieser Verein ist ein Segen.

In den vergangenen fünf Jahren hat er hier die Lebensbedingungen bereits markant verbessert: Rund zweitausend Menschen in elf Dörfern haben dank des Vereins Gemeinschaftszisternen erhalten, die das Regenwasser sammeln, jede Familie hat zudem eine solide eigene Zisterne. In vier Dörfern ist dank der Vereins-Projekte Vollbeschäftigung garantiert: Die ehemaligen Bettlerinnen flechten nun Körbe, produzieren Cashew-Nüsse und Rosella-Tee (Karkade), bemalen kunstvolle Kürbisschalen, durchlaufen landwirtschaftliche Testprojekte, manchmal auch mit Misserfolgen, das lässt sich nicht vermeiden, bei aller Weitsicht und Sorgfalt, die Elber und sein Team ans Werk legen. Der Clou dabei: Die 5-Sterne-Hotel Balis sind überzeugte Handelspartner, kaufen die Ware aus Muntigunung für ihre Gäste ein, sichern den Bergdörfern damit ihr Einkommen.

Schon von weitem hört man das Lachen der Arbeiterinnen in „Munti“, wie Daniel Elber die Gegend gerne nennt. Hier sitzen sie in aller Ruhe beisammen, flechten Körbe, plaudern, stillen nebenbei ihre Säuglinge. Kleinkinder purzeln durch diese muntere Gemeinschaft. Junge Burschen scherzen miteinander, flechten ebenso. Alles wirkt bescheiden, aber nicht mehr arm. Manch Mädchen trägt Ohrringe, manch junge Frau hat ihre Fingernägel lackiert. Ihre Blicke sind offen, heiter, selbstbewusst. Vorbei die Zeiten, in denen sie als Bettlerinnen die Augen niederschlugen.

Gegen Abend kehren die Wanderer in die Touristenorte zurück. Mütter in Lumpenkleidern greinen „pleeeease!“; Kinder recken sich bittend entgegen. Warum nur müssen sie sich hier auf der Strasse aufbauen? Man wünschte, ihre Füsschen würden weit oben in Muntis Staub herumwuseln.

Preisgekrönter Verein
 
„Zukunft für Kinder“
wurde im September 2011 mit dem bedeutendem, internationalem Preis für nachhaltige, touristische Entwicklung ausgezeichnet, den die internationale Tourismusorganisation SKAL vergibt. Damit wird gewürdigt, dass der Verein mit dem Trekking eine äusserst arme Region mit sanfter und nachhaltiger touristischer Aktivität näher an die Gesellschaft bringt. Teilnehmer des Trekkings leisten einen direkten Beitrag an die Unterstützung der Bevölkerung von Muntigunung.

Spendenkonto der Stiftung:  ZKB, IBAN Nr. CH1800700110000800343 oder PC-Konto Nr. 85-551834-2