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Und hoch gehts, himmelwärts

Als Gärtnerlehrling hat er Kürbisse gezüchtet, um die teueren Flugstunden zu bezahlen. Jetzt reist Stefan Zeberli, der beste Schweizer Ballonfahrer der Schweiz, mit Bruder und Schwester an die Weltmeisterschaft.

Für die Zeitschrift Schweizer Familie, Juli 2014

PDF der Reportage

Es dröhnt und zischt, als ob ein Drache wütete: Immer heisser, immer höher speit das Ungetüm seinen Feuerstrahl. Eine gelbe Hülle erwacht zum Leben, bläht sich höhlenartig auf, reckt sich als ein Heissluftballon empor.

Drachenbändiger Stefan Zeberli arbeitet flink: Stoppt das Geknatter des Gebläses, unterbricht den Feuerstrom aus den Propangas-Flaschen, springt nun als Ballonpilot an Bord. Hopp, hopp! Alle Fahrgäste klettern hinzu und hoch geht’s. Himmelwärts. Ganz leise, nur hin und wieder vom lauten Brausen der Flammen unterbrochen. «Gut Land», ruft Vater Köbi Zeberli, 70, vom Boden aus und winkt, schrumpft zu einem Zwerg, zu einem dunklen Punkt im Grün der Felder, verschluckt von der Landschaft, da unten neben all den Spielzeughäuschen und Ameisenstrassen voller Mini-Autos, die scheinbar unsinnig durch die Gegend rund um Bischofszell TGsausen.

Stefan Zeberli, 33, führt in Andwil SG ein Ballonfahrer-Unternehmen, bietet Passagierfahrten an, bildet Piloten aus und nimmt an internationalen Wettkämpfen teil. Noch während der Fussball-Weltmeisterschaft wird er diese Tage nach Brasilien reisen, um dort vom 17. bis 27. Juli in Rio Claro an der Weltmeisterschaft der Heissluftballone teilzunehmen. Doch heute macht er für die «Schweizer Familie» eine kleine Spritzfahrt. Wir duzen uns. Das ist in der Ballonfahrt üblich. Fotograf Daniel gerät ins Schwärmen: «Schau mal, die Hektik der Welt. Sie ist so weit weg.» Und Stefan antwortet: «Stress und Sorgen kannst beim Ballonfahren einfach unten lassen. Ich erhole mich beim Fahren total und fühle mich dabei frei wie ein Vogel.» Ballone haben schon immer ein Gefühl von Freiheit vermittelt. Seit 1783 steigen sie dank dem ersten Ballon der Gebrüdern Montgolfier in dem Himmel, sie sind die ältesten Luftfahrzeuge der Welt.

Die Zahlen auf dem Höhenmesser schrauben sich hoch: 800, 1200, 1600 Meter über Meer. Wir fahren mit 27 Stundenkilometern durch die Luft. Stefan Zeberli kontrolliert die Geräte, funkt mit dem Flugsicherheitsdienst, gibt unsere Position durch. Seine Schwester Lea, 29, steuert den Ballon. Sie war Stefans Flugschülerin, seit zwei Jahren ist sie selbst patentierte Pilotin. Noch ein Familienmitglied steht im Korb: Bruder Simon, 30, ein Informatiker, justiert an seinem Laptop das Positionsbestimmungssystem. Die drei Geschwister, Simons Frau Sonja und ein Freund bilden zusammen das Wettkampfteam der Zeberlis.

Unter uns liegt die Ostschweiz, der Bodensee glänzt, um den Säntis ziehen Wolkenfetzen. Bald erblicken wir den Greifensee, den Zürichsee, die schwäbische Alp, ja sogar Stuttgart. Stefan Zeberli zeigt auf einen kleinen Fluss, die Sitter, und weist Lea an, diese anzusteuern. Lea setzt zum Sinkflug an, wir fahren über die Dächer von Bauerngehöften, sinken noch tiefer über die Felder, streifen beinahe das Korn. Stefan gibt in knappen Worten Anweisungen.

Er ist das Zugpferd in der Ballon-Familie, die ursprünglich aus Heldswil TG stammt. Schon als Primarschüler wusste er: Wenn ich gross bin, werde ich Ballon-Pilot. «Mich fasziniert seit jeher das Spiel der Winde und ich bin sehr naturbegeistert. Im Ballon kann ich diese zwei Leidenschaften ideal kombinieren». Zusammen mit seinem Vater Köbi baute er unzählige Heissluftballone aus Seidenpapier, analysierte ihr Flugverhalten, kannte sich aus mit Windverhältnissen und Temperaturregelung.

Inzwischen hat er fast alles erreicht, wovon ein Ballon-Pilot träumen kann: Er ist in fast 40 Ländern Ballon (Steffi, Achtung, nicht schreiben in „seinem“ Ballon, denn er ist auch für andere Teams in anderen Ballonen gefahren) gefahren und mit seinem Team fünffacher, derzeit amtierender Schweizermeister und zweifacher Europameister geworden. «Die Titel bedeuten mir eigentlich nichts“, sagt er bescheiden und lacht. Natürlich empfinde er dafür einen gewissen Stolz und grosse Freude, aber er mache in erster Linie an den Ballon-Wettbewerben mit, weil er daran „einfach den Plausch“ habe.

Kein Zweifel: Einem Piloten wie Stefan vertraut man blind, wenn man in seinen Ballon steigt. Oder doch nicht? Wir fahren durch eine Schneise, zwischen zwei Bäumen hindurch über die Sitter, das Wasser nur einen halben Meter unter uns. Man hört es gurgeln, die Vögel zwitschern, der Ballon flattert leise. «Ui nei!», denkt die Journalistin. Wir scheinen direkt auf eine Baumreihe am gegenüberliegenden Ufer zuzusteuern. Kann man hier schwimmen, wenn wir einen Crash erleiden? Was geschieht mit der Super-Kamera des Fotografen, wenn wir untergehen?

Stefan befiehlt Lea, mehr Heissluft einzuschiessen, um an Höhe zu gewinnen. «Mehr! Mehr..!» Die Flamme braust, laut und lauter. Unter uns Wasser, vor uns Bäume. «Mehr!» Und hui, der Ballon zieht steil hoch, streift noch sachte eine Baumkrone und schon sind wir wieder völlig abgehoben. Das war knapp. Die Zeberlis lachen über uns Angsthasen. Sie wussten, dass sie so ein Manöver voll im Griff haben – wir ahnungslosen Passagiere sind dank dem Adrenalinschub nach dieser Einlage umso euphorischer.

Mit der Lust an der Leichtigkeit des Fliegens sind wir nicht allein. Bunte Heissluftballone am blauen Himmel bedeuten Gutwetterlaune im ganzen Land. Für jene, die von unten zum Heissluftballon winken und für jene, die von oben im Korb herunter blicken: Auf den Glanz der Gletscher, die Geometrie der Felder, das Netzwerk der Flüsse – auf eine Schweiz, wie sie nicht schöner sein könnte.

Die Schweiz ist eine Ballonfahrernation, 2013 zählte sie 303 lizenzierte Ballonpiloten. Nirgends auf dieser Welt, ausser in Japan, findet man eine höhere Dichte pro Ballon und Fläche in einem Land. Dafür gibt es mehrere Gründe: Dank den Alpen, zahlreichen Seen und viel Grünflächen ist Helvetia von oben betrachtet eine wahre Pracht; Ballonfahrten können daher touristisch genutzt werden. Zudem sind Heissluftballone ein teures Hobby, die wohlhabenden Schweizer können es sich leisten. Eine Ausbildung zum Piloten kostet rund 15 000, ein komplett ausgerüsteter Ballon kostet neu 100 000 Franken. Die jährlichen Kosten für Gebühren, Wartung und Weiterbildung belaufen sich auf 10 000 bis 15 000 Franken. Wer als Passagier mitfliegen will, kann ab rund 300 Franken pro Fahrt zusteigen (siehe Box).

Stefan Zeberli hat sich seinen Pilotentraum indes ohne dickes Portemonnaie  erfüllt. Schon als Gärtner-Lehrling betrieb er nebenher ein eigenes Gewächshaus, um sich mit dem Nebenerlös aus seiner Kürbis- und Tomatenproduktion Flugstunde um Flugstunde zu verdienen. Mit Hilfe seiner Familie kann er sich inzwischen vollumfänglich der Ballonfahrerei widmen und seine einjährige Tochter (ja, bitte ohne Name. Die Mutter will das so) betreuen. Seine Frau Sonja sorgt für das Familieneinkommen und kümmert sich um die Administration der Air Ballonteam Stefan Zeberli GmbH. Stefans Vater arbeitet ehrenamtlich mit. Schwester Lea absolviert von Freitag bis Sonntag Passagierflüge und auch Bruder Simon hilft an den Wochenenden mit. Mit den Passagierfahrten und Fahrstunden, die Stefan erteilt und mit Hilfe von Sponsoren nehmen die Zeberlis grad so viel Geld ein, dass sie die Teilnahmen an den Wettbewerben finanzieren und mehrere Ballone unterhalten können.

Doch nun ziehen Wolken am Ballonfahrerhimmel auf. In knapp einem Jahr, ab April 2015 treten neue Regelungen im europäischen Luftfahrtgesetz in Kraft, ausgearbeitet von der European Aviation Safety Agency (EASA) mit Hauptsitz in Köln. Nach einer Übergangsfrist von zwei Jahren gelten härtere Bestimmungen: Für Erwerb und Erhalt der Lizenz verlangt die EASA künftig mehr Flugstunden, ärztliche Checks und Materialkontrollen, was die Ballonfahrt massiv teurer macht. Wer als Ballonpilot nicht auf grosse finanzielle Reserven oder die Hilfe von Familie und Sponsoren zählen kann, dem droht das Grounding. Stefan Zeberli aber bleibt optimistisch: «Das Bundesamt für Zivilluftfahrt hat noch etwas Spielraum, um für uns Ballon-Fahrer einige Ausnahme-Regelungen zu erkämpfen», sagt er. Die Entwicklung sei differenziert zu betrachten, denn natürlich sei es sinnvoll die Kleinfliegerei über die Landesgrenzen hinaus zu regeln. Auch begrüsse er es, dass Lizenzen international vereinheitlicht werden. Nur seien die neuen Regelungen eben eher für kommerzielle Flugunternehmen ausgerichtet und könnten manchem Hobby-Fahrer in Bedrängnis bringen.

So gilt es, Lobby- und Aufklärungsarbeit zu leisten, die Stefan insbesondere in der Ostschweiz vornimmt. Ausserdem widmet er sich engagiert der Nachwuchsförderung. In diesen Sommerferien werden Stefan und sein Vater Köbi auf dem Flugplatz mit Ferienkindern Heissluftballone aus Seidenpapier basteln. So wie einst Klein Stefan angefangen hat, so sollen auch heute die Buben und Mädchen lernen, den Drachen zu bändigen und ihre Träume gen Himmel steigen zu lassen.