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Lange Schlange vor Garten Eden

Bislang von Rentnern und Immigranten bevölkert, neuerdings auch von Familien und jungen Städtern begehrt: Der Schrebergarten wird hip. Doch das Angebot sinkt und die Wartelisten werden immer länger.

Ein eigener Mikrokosmos ist das, die Schrebergartenwelt: Da wetteifern dr Ätti, s’Nani und il Nonno um die schönsten Kletterrosen; da buddeln Deutsche, Spanier und Ungaren in Helvetias Erdreich; es werkeln Christen, Muslime und Ungläubige einträchtig nebeneinander her. Unter den Flaggen aller Herrenländer riecht es nach gegrillten Bratwürsten, Merguez und ?evap?i?i.   

Die Schrebergartenszene im Umbruch Bislang dominierte in den Schrebergärten die Nachkriegsgeneration, die noch wusste, dass man dank eigenen Kartoffeln den Hunger bekämpfen und das Portemonnaie schonen kann. Hinzu kamen viele Emmigraten, in den sechziger Jahren vor allem die Italiener, die aus der Heimat Samen und Setzlinge brachten, damit ihre Esskultur hier echte Wurzeln schlagen würde. Liebevoll hätschelten sie ihre Feigenbäumchen, Peperoni und Artischocken. Sorgfältig zogen sie Ackerbohnen, auf dass die Nonna die minestra di fava originalgetreu köcheln würde.

Noch bis vor kurzem war es indes so, dass die Familiengartenvereine für freie Parzellen kaum neue Pächter fanden. Zu altbacken und kleinkariert war das Image der Schrebergärtner. Wer aus dem Kreis der jungen, hippen Städter wollte sich freiwillig zu jenen vermeintlichen Bünzli gesellen und sich an eine sture Drei-Drittel-Regel halten (Ein Drittel Gemüse, ein Drittel Blumen, ein Drittel „Freizeit“, also Sitz- und Spielflächen)?

Das alles hat sich geändert. „Noch vor vier, fünf Jahren hatten wir extrem Mühe, freie Parzellen loszuwerden“, erinnert sich Rose-Marie Nietlisbach Präsidentin des Familiengartenvereins Zürich-Wipkingen, „Inzwischen haben wir lange Wartelisten“. Dasselbe gilt für die ganze Schweiz: „Die Nachfrage in allen Regionen wird immer grösser“, sagt Walter Schaffner, Präsident des Schweizer Familiengärtner-Verbandes.

Die Gründe für diesen Gesinnungswandel: Biotrend, Rückbesinnung zur Natur und Wirtschaftskrise. Heutzutage wollen viele Eltern ihrem Nachwuchs zeigen, wie Wildbienen hausen und eine Karotte wächst. Auch steigen zahlreiche Familien aufgrund enger gewordenen Budgets auf eine teilweise Selbstversorgung um. Zudem leben immer mehr Menschen in grauen Siedlungen und sehnen sich nach ihrem eigenen Erholungs- und Grünraum. Ausserdem half ein bewusster Image-Wandel der Familiengartenvereine, vermehrt auch jüngere Menschen zu begeistern.

Michelle Obama zeigt, wie trendy gärtnern ist. „City Gardening“ nennt sich dieser Trend neudeutsch: Michelle Obama macht es vor. Kaum war sie im weissen Haus eingezogen, griff sie vor dem Regierungsgebäude medienwirksam zur Schaufel und hob neue Beete aus. Ihre Töchter Malia und Sasha sollen hautnah erfahren, wie Gurken und Tomaten wachsen, selbstverständlich bio. Ähnlich wie die First Lady denken viele LOHAS-Anhänger. Der Familiengartenverein war clever genug, sich diesen neuen Ansprüchen zu stellen. Dementsprechend hat er seine Regelungen gelockert: Mehr Lifestyle und Freiheit, gezielte Förderung des naturnahen und biologischen Gärtnerns, weniger Regeln, die Drei-Drittel-Verordnung ist passé.

Heutzutage wird in Schrebergärten mehr genossen und weniger geackert. „Eltern stellen vermehrt auch Planschbecken und Sandkasten auf und machen es sich gemütlich“; sagt Rose-Marie Nietlisbach. „Im Garten trifft man sich nach getaner Arbeit öfter mit Freunden, es wird mehr gefeiert als früher, und das Gärtnern wird relaxter betrieben“, sagt Nietlisbach. Was indes gleich blieb: Die Integrationsförderung der Ausländer, die tolerante Nachbarschaft, die gesundheitsfördernde, sinnvolle und ökologische Freizeitzeitbeschäftigung. Besonders aktuell im diesem laufenden internationalen Jahr der Biodiversität: eine deutsche Studie belegt, dass Familiengärten zur Pflanzen- und Artenvielfalt positiv beitragen.

Gift statt Bio, Neubauten statt Gärten. Doch just in einer Zeit, in der das Interesse am Schrebergarten steigt, sinkt das Angebot. Neue Untersuchungen zeigen, dass zahlreiche Schrebergärten auf alten Deponien oder Industrieflächen angesiedelt wurden, deren Böden mit gefährlichen Stoffen belastet sind – so sehr, dass sie zum Teil geschlossen werden mussten oder grosse Sanierungen nötig sind. In Luzern beispielsweise sollen 870 stark verseuchte Parzellen aufgelöst und für 3,5 Millionen Franken saniert werden. Danach sollen nur noch 600 Parzellen frei gegeben werden.

Ausserdem dienen den Gemeinden viele Areale als Reserve-Bauland. Steigt deren Bedarf an Bauland, müssen die Schrebergärtner ihre Parzellen abgeben. So sind in Zürich rund 300 Schrebergärten gefährdet, in Basel etwa 1’200, in Bern etwa 150. „Das geht ans Lebendige“, sagt Walter Schaffner. Doch der Familiengärtner-Verband gibt sich kämpferisch, lanciert politische Initiativen wo immer nötig und verweist konsequent auf den zeitlosen sozialen und ökologischen Wert dieser grünen Mikrokosmen im Stadtgrau.