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Genfood: Ein Gespenst geht um

Der Widerwille der Schweizer gegen genmanipulierte Lebensmittel ist gross. Deshalb werden sie hierzulande auch nicht verkauft. Vorsicht ist dennoch geboten.

Für ein Ernährungs-Spezial des Schweizer Gesundheitsmagazines Gesundheit Sprechstunde, 2001

Seien Sie gestrost! Im Grunde genommen ist in der Schweiz alles in bester Ordnung. Faktisch zumindest. Die Zartbesaiteten seien indes gewarnt: Ein Gespenst geht um, spukt allerorts und ist doch nicht existent: Das Gespenst der gentechnisch veränderten Organismen, kurz „GOV“ genannt. Es birgt in sich das Risiko, dass wir nach dem Essen an Allergien leiden. Es schürt die Angst vor einem landwirtschaftlichen Gen-GAU und lässt Kritiker erschaudern vor der Gefahr eines menschlichen Pfuschs an Mutter Natur.

Dementsprechend gross ist seine Gegnerschaft: Drei Viertel der Schweizer Stimmbürger sind gegen den Anbau von gentechnisch veränderten Pflanzen, ebenso  viele Menschen wollen keine Gen-Tierhaltung in der Schweiz. Das ergab eine repräsentative Umfrage des WWF Schweiz im Jahr 2000. Und schon gar nicht wollen die Schweizerinnen und Schweizer genetisch veränderte Lebensmittel auf ihren Tellern; 71 Prozent der Befragten lehnten dies in einer repräsentativen Umfrage der „Weltwoche“ vor zwei Jahren ab.

Gründe zur Zurückhaltung sind gegeben: Denn die Forschung weiss noch zu wenig über die potenziellen Gesundheitsrisiken  genmanipulierter Nahrung sowie über die Auswirkungen der Gentechnolgie in der Tierhaltung und Landwirtschaft. Schadensfreiheit kann niemand garantieren. Zudem ist in Amerika – dem Mekka der Genfood-Produzenten – bereits das geschehen, wovor Kritiker seit Jahren warnen: Konsumenten sind nach dem Verzehr manipulierter Nahrung an Allergien erkrankt. So mussten im vergangen Jahr beispielsweise mehr als 300 US-Produkte vom Markt zurückgezogen werden, weil darin Rückstände der transgenen Maissorte StarLink gefunden wurden – ein Mais, der in Amerika eigentlich nur als Futtermittel zugelassen war, sich aber mit normalem Mais vermischt hat und mit grosser Wahrscheinlichkeit für einige schwere Allergie-Attacken verantwortlich war.

Müssen wir uns demnach auch im Migros und Coop vor solchen versteckten,  nicht-deklarierten Gen-Geistern in Acht nehmen? Lauern sie wohlmöglich in der Würstlibar um die Ecke oder gar im Edelrestaurant? „Jein“, meint Bernadett Oehen, Projektleiterin Genschutz des WWF Schweiz. „Grundsätzlich gibt es in der Schweiz keine Gefahr“, erklärt sie, fügt indes an, dass dieser Zustand nicht stabil sei. Auch Bruno Heinzer, Koordinator der Gentechkampagne von Greenpeace Schweiz versichert, dass die Konsumenten hierzulande keine Angst haben müssen: „Unsere Nahrungsmittel sind GOV-frei“, erklärt er. Weil der Widerstand der Konsumenten so gross ist, wird Gen-Food hierzulande weder in den Läden, noch in den Restaurants angeboten. Dasselbe in der Landwirtschaft: „Derzeit wächst und kriecht kein genmanipulierter Organismus in der Schweiz“, ist Bruno Heinzer überzeugt.

Dennoch bleibt der Spuk bestehen. Denn weltweit werden immer mehr gentechnisch veränderte Pflanzen angebaut. Bereits sind 43 Prozent aller Sojafelder mit genveränderten Arten bepflanzt – das meiste Soja wächst in den USA, Argentinien und Brasilien und wird als Tierfutter in die ganze Welt exportiert. Durch die internationalen Warenflüsse und Transportwege geraten Rückstände von GOV-Getreide in normales Getreide. Zudem können Gentech-Pollen GOV-freie Pflanzen „verunreinigen“ – so dass selbst in Bio-Feldern manipulierte Organismen auftreten. Wollten die Schweizer Gesetzesgeber auf 100-Prozent-freie Substanzen beharren, könnte kein Landwirt oder Detaillist mehr eine „GOV-frei“-Garantie abgeben. So gilt denn in der Schweiz der Kompromiss, dass Verunreinigungen unter einem Prozent in den Lebensmitteln und unter drei Prozent bei Futtermitteln nicht deklariert werden müssen. Alles was darüber liegt, müsste – sofern es überhaupt in den Handel käme - auf der Verpackung oder Speisekarte als „GVO-Erzeugnis“ gekennzeichnet werden.

Nebst diesem Freiraum für den GOV-Geist gibt es noch ein weiteres Terrain, auf dem er spukt: Den breiten Weg der Produktionsprozesse – denn nach heutigem Gesetz müssen gentechnisch veränderte Bestandteile nur dann deklariert werden, wenn sie im Endprodukt noch nachweisbar sind. Dies ist beispielsweise bei Ölen aus Soja, Raps oder Mais nicht der Fall. Auch nicht bei gewissen Enzymen, Aromastoffen und Vitaminen (z.B. beim B2- und B12-Vitamin), die aus gentechnisch veränderten Bakterien hergestellt werden. Ebenso nicht bei Fleisch- oder Milchprodukten von Tieren, die mit GVO-haltigen Futtermitteln ernährt wurden.

Noch ist nicht  bekannt, ob der Verzehr dieser Produkte für den Menschen ein Gesundheitsrisiko darstellt. Wollen Sie als Konsument indes auf Nummer Sicher gehen, so steigen Sie auf Bio um! Denn in Bio-Saatgut sind die GOV-Verunreinigungen nachweislich am geringsten, und Bio-Tiere werden nicht mit genmanipuliertem Tierfutter gefüttert. Kaufen Sie zudem Schweizer Produkte. Denn die Schweizer Landwirtschaft hat sich selbst ein Moratorium auferlegt und verzichet für die nächsten zehn Jahre auf den Anbau genmanipulierter Organismen. Und bestehen Sie auf eine lückenlose Deklaration. Denn nur wer offen informiert wird, kann bei der Wahl seiner Produkte frei entscheiden.

Deshalb fordern Konsumentenschützer und Umweltverbände für die Zukunft eine vollständige Deklarationspflicht für alle Lebensmittel. Das heisst: Die erwähnten Produktionsprozesse sollen für den Konsumenten erkennbar werden - eine Aufgabe, die sich nur in internationaler Zusammenarbeit lösen lässt. Die Konsumentinnen und Konsumenten der Schweiz und der EU-Länder sind dieszüglich am kritischten – in Amerika und Südamerika hingegen bleibt dem GOV-Gespenst noch viel Freiraum für eine Lebensmittelproduktion ohne Limiten oder Deklarationspflichten.

Haben Sie wohlmöglich bis hier her gelesen ohne überhaupt an Gespenster zu glauben? Alles Humbug, so meinen Sie, und freuen sich bereits auf die Erfüllung eines der grossen Versprechen der GOV-Produzenten: Der baldigen Lancierung von Gen-Food mit sogenanntem „Zusatznutzen“ wie etwa besserem Geschmack, längerer Haltbarkeit, neuen oder gar gesünderen Gemüse- und Obstkreationen. Dann vergessen Sie den ganzen Spuk und kaufen Sie schon heute „Gene an die Gabel“, das kürzlich erschienene, erste Genfood-Kochbuch der Welt. Wohl bekomm’s!