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Familienpolitik in Italien - die Nonnokratie

Der italienische Staat bietet Familien wenig. Nicht Kinder, sondern Rentner erhalten das grösste Stück des Sozialkuchens – «Nonnokratie» anstelle von Familienpolitik.

Für das Schweizer Familienmagazin "Wir Eltern", 2009

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Eine Traube von Müttern und Grossmüttern drängt sich um den Ausgang des Schulhauses. Die Frauen schwatzen, gestikulieren, zelebrieren ihr tägliches Lamento. Pünktlich um fünf vor eins öffnet sich die Türe, tropfenweise lassen die Lehrerinnen ein Kind nach dem anderen nach draussen. In Italien darf kein Schulkind unter zehn Jahren ohne Begleitung autorisierter Erwachsener den Schulweg antreten. Buben in schwarzen Kitteln und Mädchen in weissen Schürzen stürzen ihren Müttern entgegen, lachen, hopsen, lärmen.


Fünf Stunden haben sie nun still sitzen müssen, ohne nennenswerte Pause, ohne Austoben auf dem Schulhof (zu gefährlich!) und dabei ganz ernsthaft gepaukt - jetzt müssen sie erst mal Luft ablassen. Mit sechs Jahren treten die Kinder in die Grundschule ein und absolvieren fortan ein Wochenpensum von 30 Schulstunden. Zwei Schultage in der Woche dauern 9,5 Stunden mit Mensa-Betrieb über Mittag, die anderen enden nach fünf Stunden am Mittag, denn nur jedes fünfte Kind in Italien besucht eine Ganztagsschule.

«Nonna!» ruft die 8-jährige Azzurra und wirft sich ihrer Grossmutter in die Arme. Rosa Rossi drückt die Kleine an sich, zupft dann den gestärkten, blendend weissen Spitzenkragen des Schürzchen zurecht, lässt den Blick prüfend über das Kind streifen: Nirgends ein Fleck? Schuhe sauber? Es gilt und das gilt es in diesem Land absolut «bella figura» zu machen, «gute Figur», einen guten Eindruck.

Azzurras Grossmutter tut alles, damit ihre Familie dieser Maxime gerecht wird: Sie gibt sich immer gepflegt, zeigt sich jeden Sonntag in der Kirche und würde nie in der Öffentlichkeit über familieninterne Schwierigkeiten sprechen. Es liegt ihr viel daran, dass sich ihre Tochter Simona, der Schwiegersohn Luigi und ihre Enkelin Azzurra modisch und schick präsentieren. Auch Azzurras dreijähriger Bruder Enrico trägt, wie die ganze Familie, ausschliesslich Markenklamotten, so wie die meisten Kinder hier im norditalienischen Städtchen Levanto.

Bloss: wie können die Familien sich das alles leisten? Die Neuwagen, die prestigeträchtigen Strandkabinen (2500 Franken/1600 Euro pro Saison), die neuestens Handys, In-Lines-Skates, Fahrräder. Allein die simplen Schürzen, die quasi als Schuluniformen dienen, kosten knapp fünfzig Franken. Es gäbe sie zwar auch ohne Label für zwanzig Franken, aber damit wäre Azzurra höchst unglücklich, schliesslich untersucht sie jeden Morgen mit ihren Freundinnen, wer denn die besseren Outfits, Gagdets und Accessoires zu bieten hat. Also kauft man glitzer-glänzendes Walt-Disney-Schulmaterial in der Papeterie, besorgt von allem nur das Beste. Die Kosten für die Schulbücher werden in den ersten fünf Jahren Primarschule von der Gemeinde übernommen, später in der «Secondaria» belasten sie das Familienbudget pro Kind mit etwa 450 Franken pro Schuljahr - das ist ein Viertel eines durchschnittlichen Monatslohnes. Der Unterricht in den staatlichen Schulen ist für alle Kinder kostenlos.

Die italienische Gesellschaft basiert auf Familiensolidarität, nur dank der gegenseitigen Hilfe kann man die Kinderbetreuung regeln und finanziell bestehen. So leben die drei Generationen Rossi auch gerne unter einem Dach, die Nonni bewohnen eine Zwei-Zimmer-Wohnung im Erdgeschoss, die Kinder und Enkel leben in der darüber liegenden Drei-Zimmer-Wohnung wie drei Viertel aller Italiener besitzen sie ihre Wohnungen. Nonna Rosa kocht und wäscht für alle Rossis, das ist selbstverständlich für sie. Italien ist das westliche Land mit der höchsten Quote von erwachsenen Kindern, die noch bei den Eltern leben. Simona Rossi ist Kassiererin im Supermarkt. Sie arbeitet 100 Prozent, denn Teilzeitjobs sind rar gesät. So verdient sie netto rund 1400 Franken pro Monat. Ihr Mann Luigi arbeitet im Sommer in den Strandbädern, im Winter übernimmt er Gelegenheitsjobs, kleidet fürs Bestattungsamt die Leichen ein, arbeitet schwarz im Bau-Betrieb des Bruders. Gemäss offiziellen Schätzung ist rund ein Viertel aller italienischen Arbeitnehmer in der Schattenwirtschaft tätig.

Im Sommer ziehen die Nonni jeweils für drei Monate zu Simonas Familie, es wird dann eng, aber auf diese Weise können sie ihre Zwei-Zimmer-Wohnung für 950 Franken pro Woche an Touristen vermieten, das ist ein wichtiger finanzieller Zustupf, den sie gerne an Simona und Luigi weitergeben. So erzielen Simona und ihr Mann gemeinsam ein Netto-Jahreseinkommen von 53 000 Franken. Trotz mehrerer Jobs, harter Arbeit und ein bisschen Steuerhinterziehung kommen die Rossis damit auf keinen grünen Zweig. Sie leben zunehmend auf Pump, zahlen Kühlschrank, Fernseher und Auto auf Raten ab und verzichten auf Ferien.

Da Azzurra von allem nur das Beste bekommen sollte, hatten Simona und Luigi eigentlich kein zweites Kind geplant, bloss hat Luigi wohl beim Coitus interruptus mal nicht gut aufgepasst und so kam halt doch noch der kleine Enrico. 70 bis 80 Prozent der verheirateten Italiener verhüten mit natürlichen Methoden der Vatikan lässt grüssen. Knapp zwei Drittel der Italienerinnen möchten gerne zwei Kinder und mehr, weil sie sich das aber nicht leisten können, bleibt es meist bei einem Kind. Italien hat mit 1,33 Kinder pro Frau eine der weltweit tiefsten Geburtenraten, zugleich aber die älteste Bevölkerung in ganz Europa und die jüngsten Pensionäre europaweit. Grund für den «Gebärstreik»: Beruf und Familie lassen sich für Frauen nur schlecht vereinbaren, zumal der Staat die berufstätigen Mütter bestraft: Familienbeihilfen und Steuervergünstigungen sinken mit dem zusätzlichen Einkommen der Ehefrau.

Der italienische Staat stützt ein Ehemodell, das auf Nichterwerbstätigkeit der Frau basiert. Die Regierung hat es jahrzehntelang verpasst, junge Familien zu unterstützen. Diverse vergleichende Studien belegen: Kaum ein Land in Europa tut so wenig für seine Familien wie Italien. Es unterhält (zusammen mit Spanien) die geringste staatliche Familienförderung in der Europäischen Union. Denn steuerlich werden Familien und Kinderlose weitgehend gleich behandelt; die Kinderzulagen sind einkommensabhängig und liegen am untersten Ende der europäischen Skala. Kindergeld erhalten erst Familien mit drei Kindern und mehr.

Dabei läge Italien mit seinen Sozialausgaben durchaus im europäischen Mittel, bloss werden 60 Prozent der Leistungen an Alters- und Invalidenrenten verwendet und nur 2,3 Prozent für Familienbeihilfen und 1,2 Prozent für Familiendienstleistungen eingesetzt. Erst in den letzten Jahren unter den Regierungen Prodi und Berlusconi wurde Familienpolitik zum Wahlkampfthema, man versprach viel und hat bisher wenig eingelöst. Derzeit bemüht man sich vor allem auf kommunaler Ebene, Kinderkrippen in den Gemeinden und auch an den Arbeitsplätzen zu fördern.

Immerhin muss man zugute halten, dass die Italienerinnen einen starken Mutterschaftsschutz geniessen: Simona konnte zwei Monate vor der Geburt den obligatorischen fünf Monate langen Mutterschaftsurlaub antreten und weitere drei Monate nach der Geburt zu Hause bleiben. Während dieser Zeit erhielt sie achtzig Prozent ihres Gehaltes. Als sie danach wieder arbeitete, musste sie dank «Stillstunden» während eines Jahres bei vollem Gehalt statt acht nur sechs Stunden arbeiten. Ausserdem freute sich Familie Rossi über die 1000 Euro einmaligen Baby-Bonus, den Regierungschef Berlusconi 2005 für jedes Kind ab dem zweiten eingeführt hat. Ebenso konnten die Rossis von einer erweiterten «Elternzeit» profitieren: Bis zum 8. Altersjahr eines Kindes können Vater oder Mutter gemeinsam oder gesplittet bis zu sechs Monate «congedo parentale» beziehen, dies zu dreissig Prozent ihres Gehaltes.

Nach dieser Auszeit vom Beruf hätte Simona ihren Sohn gerne in die Kinderkrippe gebracht, bloss konnte sie keinen Platz für ihn finden. In Norditalien bekommen nur etwa 15 bis 30 Prozent der 0- bis 3-jährigen Kinder einen Platz, im Süden ein bis zwei 2 Prozent. Darum sind Azzurra und Enrico in der Obhut der - so wie die Hälfte der italienischen Kleinkinder von den Grosseltern betreut werden. Die südländische Familie sei, so wettert Politwissenschaftler Maurizio Ferrera der «Kompensations-Ort sozialstaatlichen Versagens». Immerhin ist die «scuola materna» in Italien überdurchschnittlich gut ausgebaut. Der Ganztageskindergarten ist zwar freiwillig, aber 80 bis 90 Prozent der 3- bis 5-jährigen Kinder besuchen ihn: Enrico konnte schon als knapp Dreijähriger eintreten - damit begann die grösste Entlastung für seine berufstätige Mutter und natürlich auch für die Grossmutter. Der Kindergarten ist gratis, einzig für die Mensa bezahlen die Rossis pro Monat 120 Franken. Wer unter 20 000 Franken pro Jahr verdient, bekommt dafür stufenweise Reduktion von der Gemeinde.

Nonna Rosa bringt Azzurra nach der Schule nach Hause, kocht, isst mir ihr, hilft ihr eine satte Stunde bei den Hausaufgaben, lässt sie ein wenig Fernsehen schauen und geht dann mit ihr um halb vier zum Kindergarten. Dort stürzt Enrico zur Türe raus, ruft «Nonna!» und wirft sich ihr in die Arme. Die Kindergartenmädchen tragen rosa Schürzen, die Buben hellblaue. Süss sieht er aus, der kleine Enrico im gebügelten Hellblau und in den «Armani Junior Jeans».