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Junge Weltverbesserer

Sicherlich, die Wut wäre so gross, dass manch einer am liebsten Feuer legen und Steine werfen würde – so wie es wütende Jugendliche immer wieder mal tun, wenn sie vor lauter Rage keine Worte mehr finden. Aber es geht auch anders.

Für "vivai", das Wohlfühl- und Nachhaltigkeitsmagazin der Migros, November 2011/06

Man kann sich ebenso mit Putzeimern und einem Lächeln bewaffnen, um gegen herrschende Misstände zu protestieren: So hat es diesen Sommer die 27-jährige Napoletanerin Emiliana Mellone mit ihrer konstruktiven Protestaktion „CleaNap“ getan und damit  tausende von Gleichgesinnten mobilisiert. Alle haben sie es satt, in der vermeintlichen „Abfallstadt“ Neapel in all ihrem ungelösten Problemen tatenlos zu versauern

„Basta! Jetzt wird aufgeräumt“ schrieb Emiliana Mellone auf ihrem Blog , rief Freunde und Studienkollegen dazu auf, wichtige Plätze Napolis in Eigenregie zu putzen und frisch zu bepflanzen. Denn „wer, wenn nicht wir, wird es sonst tun...?“  Dabei geht es Mellone um weit mehr als um die Säuberung der Piazze, sondern um die Forderung nach besseren Verhältnissen. „Wir können nicht ändern, was die Verwantwortliche in vielen Jahren nicht geschafft haben, aber wir können ein Zeichen setzen.“

Das zog. Die Ragazzi kamen in Scharen, an mehreren Sonntagen hintereinander. Ihre Botschaft vermehrte sich über Facebook in Windeseile. Mellones Freunde machten gratis professionelle Videos, welche die Protestaktionen auf dem Internet verbreiteten: Da schrubben junge Männer historische Gebäude von Graffitis frei und fegen die Piazze, Teenies sammeln Müll ein, Kinder setzen frische Rosmarinstauden in Pflanzenkübeln ein. Eine Gruppe Jugendlicher erklärt Passanten, wie man auf einfache Weise selbst Kompost herstellen kann. Die Barista der umliegenden Bars spendieren caffé, Blumenhändler verschenken den Putz-Protestlern Topfpflanzen. Auch Neapels Bürgermeister Luigi de Magistris taucht persönlich an einer der Reinigungsaktionen auf, ist voll des Lobes.

Aber Achtung, Mellone und ihre Mitstreiter wollen mehr als blosse Zustimmung. In der Presse wurden sie als „Putzengel“ bezeichnet, aber: „Wir sind keine Engel“, sagt Emiliana, vielmehr sind wir „incazzati neri“ das heisst soviel wie  - pardon! -  „schwer angepisst“. Sie seien so empört wie die Spanier, so frustriert wie die Griechen, so wütend wie ihre Nächsten im Maghreb, sagt sie.

Mellone lebt typischerweise noch bei ihren Eltern, kann es sich nicht erlauben, auf eigenen Füssen zu stehen, hat wie viele ihrer Kollegen einen Universitätsabschluss in der Tasche und findet dennoch keine feste Stelle. Bereits jeder fünfte italienische Jugendliche zwischen 15 und 29 Jahren ist zur Untätigkeit verdammt: findet also keinen Job, macht keine Ausbildung, geht nicht zur Schule.

Kommt hinzu, dass die italienische Wirtschaft stottert und eine lahme, korrupte „Nonnokratie“ (alte Wähler, alte Politiker), der Jugend keinen Platz zugesteht. Wer sein Glück versuchen will, der verlässt Italien und zieht ins Ausland. Über die Hälfte der rund 4 Millionen Auslanditaliener ist jünger als 35.

Emiliana Mellone könnte nach Berlin ziehen. Dort hat man ihr für drei Monate eine Stelle in einer Kunstgalerie in Aussicht gestellt. Sie hat „Organisation und Verwaltung des Kultur- und Umwelterbes studiert“. Nun will sie aber prüfen, ob sie sich ernsthafter für CleaNap engagieren will und die Stelle in Berlin deswegen sausen lässt.
Sie hätte das Zeug zu einer echten Anführerin, hat Charisma, schreibt mitreissende Blogposts und gibt ihre Interviews so souverän, also ob sie das seit Jahren täte – bewaffnet mit einem bezaubernden Lächeln.