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Frischer Wind

Begegnungen mit Walen und Delfinen in Freiheit gehen unter die Haut: Die Schweizerin Katharina Heyer ermöglicht dies in der Strasse von Gibraltar. Auch errichtet sie demnächst ein Delfinsanatorium samt Öko-Ferienresort.

Für das Umweltmagazin EcoLife, Mai 2012


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Curro lebt! Man sieht ihn schon von weitem auf das Boot zuschwimmen: Grindwal Curro und sein treuer Begleiter Edu sind mal wieder auf Streifzug, nähern sich dem Whale-Watching-Boot vor der Küste von Tarifa in Südspanien, nicken Richtung Boot, als ob sie grüssen wollten.

Hier, in der Meerenge von Gibraltar, lebt eine der weltweit grössten Wal- und Delfinpopulationen – zugleich ist sie ist eine der meist befahrenen Wasserstrassen der Welt, die täglich von ca. 300 Handelsschiffen durchfahren wird. Wegen eines ungewöhnlich grossen Nahrungsvorkommens tummeln sich hier jede Menge gewöhnliche und blauweisse Delfine, grosse Tümmler, Grind- und Pottwale, Orcas und sogar Finnwale, die nach dem Blauwal zweitgrössten Tiere der Welt.

Katharina Hayer kennt sie beinahe alle. Einigen hat sie Namen gegeben, weil sie ihr schon so vertraut sind. Zusammen mit Meeresbiologen, Volontären und interessierten Laien hat vor zwölf Jahren damit begonnen, die Meeressäuger in minutiöser Datenerfassung wissenschaftlich zu identifizieren, eine Flut von meeresbiologischen Grundlagendaten zusammen zu tragen und über 115’000 Meeresfreunde auf Whale-Watching-Ausfahrten den Meeressäugern näher zu bringen.

Jetzt jauchzt sie vor Wiedersehensfreude, hoch oben auf ihrem Aussichtsposten, glücklich darüber, dass Curro noch lebt, obschon ihn seit über einem Jahr eine klaffende Wunde an seiner Rückenfinne quält, so tief, dass die Finne abzufallen droht. Dann geschieht etwas Eigenartiges, die Beobachter auf dem Boot halten den Atem an: Curro macht vor ihren Augen eine Tauchbewegung, die Edu dazu auffordert, Curros Rückenfinne zu säubern. Die Meeresfreunde werden Zeuge davon, wie sich Wale gegenseitig helfen.

An einem anderen Tag kommt Pottwalweibchen Mondrino auf Besuch zum Boot. Seit zwei Jahren schon hat sie ein Kalb, nun aber entdeckt Katharina noch ein zweites, kleineres Junges neben Mondrino. „Schaut her, sie will uns ihr Baby zeigen!“ ruft Katharina. Man ist geneigt, Mutterstolz in Mondrinos Augen leuchten zu sehen. Eine Welle der Empathie und Tierliebe schwappt über das Boot. Wen werden wir sonst noch antreffen, fragt sich Katharina Heyer auf ihrem erhöhten „flydeck“: Tobellera vielleicht, die sich inzwischen hoffentlich von einem gefährlichen Nylonnetz um ihre Fluke hat befreien können?

Zwischen April und Oktober fährt Katharina Heyer mit dem Whale-Watching-Boot ihrer Stiftung zur Erforschung von Meeressäugern („firmm“) drei bis vier mal täglich in die Strasse von Gibraltar hinaus. Feriengäste können auf dem firmm-Boot während zwei- bis dreistündigen Ausfahrten mit 99 Prozent Sicherheit, Meeressäuger in der freien Natur beobachten. Interessierte Laien unterstützen in ein- oder zweiwöchigen Intensiv-Walbeobachtungskursen die Meeresbiologen in ihrer Arbeit, profitieren von deren Fachwissen. „Danach sind sie andere Menschen“, lacht Katharina Heyer. Weil sie nachhaltige Einsichten in das Leben der Meeressäuger gewinnen. Hier draussen auf dem Meer erleben sie Natur pur – weit entfernt vom Kitsch und Kommerz, der rund um die Tiere in Gefangenheit veranstaltet wird.

Denn die echten Flippers und Moby Dicks springen weder durch Hula-Hopp-Reifen noch führen sie putzige Wassertänze auf, bloss weil sie vor lauter Hunger von ihrem Trainer einige Fische ergattern wollen – nein, die Delfine und Wale da draussen im Meer erzählen vom Leben in der freien Wildbahn. Von Instinkten, Lebensdrang und Todesgefahren. Ihr Spektakel geschieht freiwillig: Sie zeigen Luftsprünge, Pirouetten, Saltos, glanzvolle Abtaucher samt dem berühmten Schwung der mächtigen Walfluken. Sie zeugen aber auch von Verletzungen und Stress durch die stetig zunehmenden Anzahl grosser Frachter, rücksichtsloser Hochseefischer oder kommerzieller Whale-Whatcher, die auch mal mitten durch die Herden breschen, bloss um näher an die Tiere heran zu kommen.

Der Kapitän des „firmm“-Bootes nähert sich den Tieren daher mit grösst möglicher Rücksicht. Mit dabei sind jeweils rund fünfzig Meeresfreunde, Erwachsene und auch Kinder. Allein im vergangenen Jahr unternahm firmm mit 23'000 Touristen und Spaniern Ausfahrten vor Tarifa. Insgesamt hat die Stiftung bislang über 115‘000 Gäste informiert, rund 28’000 spanische Schüler über die Gefährdung der Meeressäuger aufgeklärt und seit 1998 rund 2‘500 Kursteilnehmer geschult.

Als Katharina Hayer vor zwölf Jahren Ihren Managerjob als Modedesignerin an den Nagel hängte, hätte sie gemütlich in Pension gehen können, suchte aber nach einer neuen, Sinn stiftenden Aufgabe. Nun, kurz vor ihrem siebzigsten Geburtstag ist Delfin-Managerin dem Altersheim ferner denn je, arbeitet während der Saison 18 Stunden im Tag. „Ich bin nicht der Typ, der untätig herum sitzt“, sagt sie und lacht: „Wenn ich oben auf meinem flydeck stehe, denke ich manchmal ‚hey, was hast du dir doch für einen wunderbaren Arbeitsplatz geschaffen...!

Ihr Tätigkeitsgebiet wird sich nun bald auf Marokko ausweiten: Dort, auf der gegenüberliegenden Seite der Strasse von Gibraltar, hat Katharina Hayer nämlich eine Bucht samt Hafengebäude geleast: Im „Ras Laflouka Dolphin Sanctuary“  will sie baldmöglichst ein Auffangstation für verletzte und gestrandete Delfine errichten sowie ein Ferien- und Forschungszentrum für Meeresfreunde aufbauen. Die lädierte Finne von Grindwal Curro würde in der Station rasch geheilt werden können. Auch dürften Delfine aus ehemaliger Gefangenschaft dort ein neues Zuhause finden. Free Willy lässt grüssen.

Links:

•    “firmm”-Whale Watching in Tarifa, Südspanien
•    “Dolphin Sanctuary Ras Laflouka” in Marokko