Leseproben und Projektbeschriebe

Facebook aus dem Stall

In der Facebook-Aktion «Mein Bauer. Meine Bäuerin» berichten Schweizer Bauernfamilien über ihr Hofleben. Dabei erreicht die Milchbäuerin Isabelle Menoud in Romanens FR Spitzenwerte.

Kochzeitschrift Le Menü, Juni 2014  |  Juni 2014  |   3 Minuten

Ein neues Fenster zur Welt hat sich geöffnet. Es ist ein virtuelles Facebook-Fenster auf dem Bauernhof der Familie Menoud in Romanens, FR, im Greyerzerland. Seit Generationen war man sich hier in diesem 279-Seelen-Ort gewohnt, für sich allein zu leben – fern von Städten, Menschenmassen und modernem Tand. Der Hof der Familie liegt am Hang, 900 Meter über Meer, am Ende einer knorrigen Allee. Er erlaubt Weitsicht über das Gfeyerzerland bis in die Freiburger Voralpen. Nur vereinzelt sind andere Höfe auszumachen.

Trotz dieser vermeintlichen Abgeschiedenheit schauen hier neuerdings regelmässig weit über tausend Menschen vorbei. Es sind so genannten „Fans", die sich auf der facebook-Fanseite der Familie Menoud online über die Neuigkeiten auf dem Hof informieren. Isabelle Menoud, 35, öffnet ihnen beinahe täglich ihr virtuelles Fenster, zeigt Fotos vom Hof- und Landleben, berichtet etwa, wie ihr Mann Christian an Vieh-Wettbewerben Preise absahnt.

Europameister mit Hochleistungskühen

Christian Menoud, 41, ist in Züchterkreisen bekannt, hat unter anderem 2004 an der europäischen Red Holstein Meisterschaft mit der Kuh Plattery Rubens Galante den 1. Rang geholt. Isabelle Menoud berichtet auf facebook aber auch von ihren Kindern, zeigt den 10-jährigen Lukas am Fussballturnier, den 9-jährige Guillame, wie er die Kälber spazieren führt und die 5-jährige Océane beim Kuchenbacken.

Die Fans sehen auch, wie die Familie ein„Fondue moitié-moitié" geniesst und erfahren, dass Isabelle Menoud neue Birnenrezepte ausprobiert hat. „Hm! Délicieux!" heisst es dann in vielen Fan-Kommentaren. Und schon werden Rezepte online ausgetauscht. Auch Trauriges dringt durch das Fenster nach draussen: Als Isabelle Menoud erzählt, dass die Scheune eines Nachbarhofes abgebrannt und drei Tiere nicht aus den Flammen gerettet werden konnten, zeigen die Fans grosse Anteilnahme. Man sieht anhand der Kommentare, dass auch Nichtbauern und Städter zuschauen, interessiert Fragen stellen und Neues lernen wollen.

Genau das ist das Ziel dieser Imagekampagne des Schweizer Bauernverbands (SBV), an der Isabelle Menoud und 26 weitere Schweizer Bauernfamilien seit Januar 2014 teilnehmen: Im Rahmen des Projektes „Mein Bauer. Meine Bäuerin" führen sie in jedem Kanton während eines Jahres auf eigenen facebook-Fanseiten ein virtuelles Tagebuch, wollen so zeigen, was die Schweizer Bauern alles drauf haben.

Mit Erfolg: Die Fanzahlen auf den einzelnen Profilen wachsen; zwischen den Fans und Bauern wird gefachsimpelt und sogar gegenseitig beraten. „Es entstehen neue Dialoge", freut sich die SBV-Kommunikationsleiterin Sandra Helfenstein, „das ist ein überraschend grosser Erfolg."

Die Fanseite der Menouds ist ein Quotenrenner

Isabelle Menoud ist mit ihrer Fanpage derzeit die Spitzenreiterin unter den teilnehmenden Bauern, erreicht die höchsten Fan-Zahlen. Vor Beginn hatte sie Bedenken, ob sie bei der SBV-Aktion überhaupt mitmachen und wildfremden Menschen Einblick in Ihr Leben gewähren sollte.

Da Isabelle Menoud längst schon ein iPhone nutzt und sich privat schon länger auf facebook mit Freunden austauscht, entschied sie, mitzumachen: „Ich will damit mehr Verständnis für das Landleben wecken", sagt sie. So liegen ihr Smartphone und Tablet meist einsatzbereit auf der schwarzen Granitplatte, die mitten in Isabelle Menouds Küche eine einladende Arbeitsfläche bietet. Das sieht trendy aus und wirkt so alles andere wie eine Bauernstube aus Albert-Anker-Zeiten.

Isabelle Menoud bestreicht nun einen Kuchenteig mit selbst gemachter Quitten-Konfitüre, füllt die Form mit einer Haselnussmasse auf, schiebt sie in den Ofen und rüstet das Mittagessen. Bald schon sitzen ihr Mann, Schwiegervater Armand, 67, und die Kinder um den Tisch. Sie essen Hackfleischbällchen, Bratkartoffeln, Gemüse und Salat, geniessen anschliessend die Nuss-Tarte. Océane spielt während des Desserts zusammen mit ihrem Vater „click-click" auf ihrem rosa Spielzeug-Handy – was Mami längst tut, das kann die Kleine schliesslich auch!

Lukas und Guillame versorgen noch kurz ihre Hasen, dann müssen sie rasch wieder zur Schule. Isabelle Menoud verrichtet anschliessend die Stallarbeiten bei den siebzig Milchkühen, deren Milch zu Vacherin- und Greyerzer-Käse verarbeitet wird. Derweil saust Océane über den Hof, hüpft mal hier bei der Mutter vorbei, mal dort beim Vater. Dann wiederum braut sie imaginäre Parfums in Pet-Flaschen oder zieht im perfekten Girlie-Look los und spielt „shopping".

Lässt die Mutter indes ihr iPad mal unbeaufsichtigt herum liegen – wupps, dann ist es um die selbst geschaffene Phantasiewelt der Kleinen geschehen. Magisch angezogen von dem Flimmerding, schnappt sich Océane das Tablet, tippt emsig auf den Bildschirm herum, spielt ein rasantes Online-Spiel vor New-York-artiger Kulisse. „Das ist verrückt", stöhnt Isabelle Menoud, „ständig muss ich den Zugangs-Code wechseln, damit die Kinder nicht unkontrollierten Zugriff zum Internet haben!" Denn in der einstigen Abgeschiedenheit öffnet das Internet auch jene neuen Fenster, die sie lieber geschlossen liesse.

 

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