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Geoarchäologie: Provokateur Eberhard Zangger

Es hätte so schön sein können - hätte Eberhard Zangger nicht unser heiles Weltbild zerstört.

Für das "Kreta"-Heft des deutschen Reisemagazines "Merian", 2000

Es hätte so schön sein können - hätte Eberhard Zangger nicht unser heiles Weltbild zerstört. Denn bislang durften wir Europäer davon ausgehen, dass Kreta die Wiege unserer Kultur war. Und zwar jenes Kreta der edlen Minoer, welches in der ägäischen Bronzezeit im 2. Jahrtausend v. Chr. seine Blütezeit genoss, mit allem, wovon wir träumen: Materiellem Reichtum, politischer Weisheit, hochentwickeltem Wissen und erlesener Kultur. Zudem, so die bis anhin geltende Lehrmeinung, lebten die Minoer als friedfertiges Volk offenbar ohne Kriege. Nur eine Naturkatastrophe konnte - nach Ansicht der Archäologen - diese Idylle zerstören. Der Vulkanausbruch des Santorin soll vor 3600 Jahren den Untergang der minoischen Kultur herbeigeführt haben.
 
Alles falsch, behauptet nun aber der deutsche Geoarchäologe Eberhard Zangger. Die gängige Lehrmeinung einer friedliebenden minoischen Kultur beruht auf reinem "Herrenrassendenken". Ganz gewöhnliche Kriege seien verantwortlich für die Einschnitte in die Entwicklung der minoischen Kultur wie auch für deren Verschwinden. Die Lehrbuchansichten seien vollkommen überholt und widersprächen neuesten naturwissenschaftlichen Erkenntnissen. Kein Wunder, dass manche Archäologen ihn nicht so sehr mögen, den Zangger. Dennoch lohnt es sich, ihm mal genauer zuzuhören.
 
Herr Zangger, wie ich sehe, lesen Sie Oscar Wilde, hören Jazz, rauchen Pfeife... Sie scheinen ein kultivierter Geniesser zu sein. Hätten Sie gerne in der Hochkultur der Minoer gelebt?

Nein, stellen Sie sich bloss mal vor, Sie müssten in minoischer Zeit zum Zahnarzt gehen... Dennoch bin ich sehr fasziniert von der Bronzezeit, zum Beispiel von den ingenieurtechnischen Meisterleistungen, von den Hafenanlagen, den Trockenlegungen grosser Seen und den Flussumleitungen. Und natürlich fasziniert mich auch der plötzliche Untergang dieser Kulturen. Nachdem das Maximum der technischen und kulturellen Möglichkeiten erreicht worden war, ging dieses goldene Zeitalter, von dem ja auch Homer spricht, unter.
 
Wie lebten die Minoer vor dem Untergang?

Ursprünglich lebten sie von der Landwirtschaft, die für eine Gesellschaft zwar grosse Stabilität, dafür aber wenig Möglichkeiten des Fortschritts bringt. Schauen Sie sich heute ein entlegenes Dorf auf Kreta an. In den letzten 5000 bis 10'000 Jahren dürfte sich dort nicht viel geändert haben. Die Gebäude sind heute wie damals aus Lehmziegeln, die Menschen leben von Getreideanbau, Schafzucht und Oliven. Einzig die Fernseher sind neu. Entscheidend für den Erfolg der minoischen Kultur war jedoch, dass die dort ansässigen Agrarstaaten von zentralen Palästen verwaltet wurden. Die Paläste dienten als Zentren für Verwaltung, Politik, Handel, Religion und Handwerk. Se trieben miteinander Fernhandel über grosse Distanzen hinweg. Dieser Handel sorgte für Reichtum, der es schliesslich den minoischen Königen ermöglichte, herausragende Künstler, Handwerker und Ingenieure anzuziehen. Eine Gesellschaft, deren Erfolg sich auf Handel stützt, ist jedoch empfindlich für Einflüsse und Störungen von aussen.
 
Die Minoer mussten sich also bedroht fühlen?

Davon bin ich überzeugt. Aber Arthur Evans, der vor über hundert Jahren die ersten, bedeutenden Ausgrabungen auf Kreta führte, entwickelte das noch heute verbreitete Konzept von einer minoischen Kultur, die in einem inneren Gleichgewicht und ohne Kriege lebte. Dieses Konzept führte zu einer gewissen Betriebsblindheit: Hinweise auf Waffen, Befestigungen und Überfälle wurden einfach heruntergespielt, um die Lehrbuchmeinungen nicht in Frage stellen zu müssen.
 
Sie hingegen behaupten, ein umfassender Krieg hätte den Untergang herbeigeführt.

Der Fall des minoischen Reiches vollzog sich in zwei Schritten: Um 1450 v. Chr. wurden alle Siedlungen ausser Knossos zerstört. Erst danach entfaltete Knossos seine grösste Blüte. Um 1375 v. Chr. wurde dann auch Knossos zerstört. Anschliessend stand Kreta weitgehend unter dem Einfluss des griechischen Festlandes. Meines Erachtens sind die Zerstörungen in beiden Fällen von Menschenhand verursacht worden. Die Städte und Paläste wurden vorsätzlich durch Brandstiftung vernichtet. An manchen Orten wurden noch hastig Schätze verscharrt und Verteidigungsanlagen errichtet. Zum Teil wurden die Residenzen der Anführer oder die Kultstätten selektiv zerstört - all dies spricht gegen Naturkatastrophen als Auslöser. Arthur Evans sah in Erdbeben die Ursache der Zerstörung. Doch es gibt kaum Hinweise auf Erschütterung. Spyridon Marinatos schrieb die Zerstörung einer Flutwelle zu - auch dafür gibt es keine Hinweise. Alle Zerstörungen sind durch Feuer herbeigeführt worden.
 
Dennoch gilt es als eine Tatsache, dass der Santorin vor rund 3600 Jahren mit grosser Wucht ausgebrochen ist...

Der Zeitpunkt des Ausbruchs ist heftig umstritten. Ich bin der Meinung, dass Santorin zwischen 1530 und 1500 v. Chr. ausbrach, und dass es sich dabei um ein Ereignis ohne überregionale Bedeutung handelte - ein Naturschauspiel, mehr nicht. Im 17. und 16. Jahrhundert v. Chr. ereigneten sich rund 10'000 Vulkanausbrüche von teilweise grösserem, teilweise kleinerem Ausmass.
 
Wer also waren die wahren Zerstörer?

Da Zerstörer nun einmal keine Visitenkarten hinterlassen, können wir uns nur ansehen, wer vom Untergang profitierte - so stossen wir vielleicht auf Kandidaten mit einem möglichen Motiv. Die mykenischen Königreiche, also das heutige Griechenland, erlangten erst nach 1450 v. Chr. überregionale Bedeutung. Ebenso gewannen die Könige von Arzawa in Westkleinasien, der heutigen Westtürkei, an Einfluss. Warum? Vielleicht weil Kreta gerade an Bedeutung eingebüsst hatte? Vielleicht weil man dafür gesorgt hatte, dass Kreta an Bedeutung einbüssen würde? Ein Motiv für Querelen hätte die Kontrolle der Fernhandelswege sein können. Ich könnte mir vorstellen, dass die Mykener allenfalls mit Arzawa oder Kleinstaaten an der türkischen Ägäisküste gemeinsam den Angriff wagten - unter Umständen sogar anfänglich mit Unterstützung von Knossos...
 
Sie zerstören mit dieser These den Traum vom perfekten Arkadien.

Dieses Paradies, in dem die Menschen angeblich in Frieden und Einklang mit der Natur gelebt haben, gab es ohnehin nicht. Vor 5000 Jahren wurde die Landschaft nachhaltiger zerstört als durch die heutige Industriegesellschaft. Auch die Vorstellung, das minoische Kreta sei die Wiege der europäischen Kultur, ist barer Humbug. Die Minoer sprachen nicht Griechisch und sie hatten eine urtümliche vorchristliche Religion. Arthur Evans beschrieb die Minoer einfach so, wie er selbst sie gerne gesehen hätte. Das Bild der ägäischen Frühgeschichte beruht auf dem Wunschdenken des Bildungsbürgertums im 19. und frühen 20. Jahrhundert. Unter dem Etikett "Wissenschaft" wurde der Bevölkerung ein ideologisch-begründetes Zerrbild präsentiert. Die prähistorischen Kulturen auf europäischem Boden, also die Minoer und Mykener, wurden idealisiert, überbewertet und letztlich auch über-untersucht. Die asiatischen, also solche in Kleinasien und Syrien, wurden abgewertet und vernachlässigt.
 
Sie wollen deshalb mehr Fakten und sind ein Befürworter interdisziplinärer Teams, in denen vermehrt Naturwissenschaftler mitarbeiten.

Ja, denn die klassische Archäologie stagniert und die Erforschung der ägäischen Frühgeschichte ist in den letzten Jahren fast zum Erliegen gekommen. Falls es noch einmal zu einem Aufschwung kommt, wird dieser massiv interdisziplinär sein müssen. Dabei werden kunstgeschichtliche Aspekte nur noch eine untergeordnete Rolle spielen. Geologen, Zoologen, Botaniker, Physiker, Chemiker, Werkstoffkundler und Fernerkungsspezialisten liefern schon heute die spannendsten Ergebnisse archäologischer Forschung.
 
Woher nehmen Sie eigentlich Ihre Selbstsicherheit?

Anfänglich aus einer ungewöhnlich gründlichen Ausbildung - in letzter Zeit aus der Tatsache, dass meine Rekonstruktionen grössere Bestätigung erhalten, als die Lehrbuchmeinungen...
 
... und deshalb wollen Sie es besser wissen als alle anderen...

Ich will gar nichts besser wissen - ich habe nur Zweifel, stelle Fragen und präsentiere alternative Szenarien. Solche, die ich plausibler finde als die zur Zeit gebräuchlichen. Viele Wissenschaftler in der Archäologie haben
ähnliche Zweifel und stellen die gleichen Fragen - allerdings nicht öffentlich. Ich bin viel mehr Sprachrohr dieser Disziplin, als es den Anschein hat.
 
Vor zwei Jahren sorgten Sie mit Ihrem Buch "Die Zukunft der Vergangenheit für Aufregung. Danach wurde es still um Sie. Was hecken Sie Neues aus?

Es ist vor allem still um die ägäische Frühgeschichte geworden. Neue grosse Geländeprojekte fehlen ebenso wie Ideen. Ich persönlich sehe keine Notwendigkeit weitere Bücher zu schreiben, so lange die vorhandenen nicht gelesen und verstanden wurden. Jetzt brauchen wir erst einmal Zeit, neue Funde, neue Ideen und vor allem auch neue Gesichter. Wenn es wieder günstigere Umstände für die Erforschung der ägäischen Frühgeschichte gibt, werde ich mich sicher auch wieder engagieren. In der Zwischenzeit beschäftige ich mich mit Dingen, die zur Zeit spannender sind - nämlich mit strategischer Unternehmensberatung in der New Economy. Die Auseinandersetzung mit den bronzezeitlichen Wirtschaftsstrukturen liefert mir dafür eine hervorragende Basis.
 
 
 
Bio: Eberhard Zangger, 42, hat sich an den Universitäten von Kiel, Stanford und Cambridge auf Geoarchäologie spezialisiert. In dieser Disziplin werden geowissenschaftlichen Methoden eingesetzt, um archäologische Fragestellungen zu beantworten. Mit Hilfe modernster Forschungsmethoden wie Satellitenbildauswertung, grossflächiger Geländebegehung und geophysikalischen Verfahren werden prähistorische Landschaften als Ganzes rekonstruiert. Über siebzig Veröffentlichungen zum Teil in internationalen Fachzeitschriften sowie vier populärwissenschaftliche Bücher verliehen Zangger den Ruf eines genialen Querdenkers und "Einstein der Archäologie" ("Der Spiegel"). 1992 sorgte er mit seiner These "Atlantis = Troja" erstmals für Furore. Zangger forschte bis vor kurzem als gefragter Koordinator von interdisziplinären Feldprojekten im ganzen Mittelmeerraum. Heute lebt und arbeitet er in Zürich als Consultant in einer namhaften Unternehmensberatung. Sein letztes Buch "Die Zukunft der Vergangenheit" erschien 1998 im Schneekluth Verlag.