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Ostern im Klosterladen

Brigitte Keller leitet den Klosterladen der Kartause Ittingen. Nebenbei wirkt sie auch als Drehscheibe, Auskunftsstelle und gute Zuhörerin. An Ostern geht die Saison wieder richtig los. Brigitte Keller freuts, dass der Thurgauer Kraftort auch dann seine Ruhe bewahrt.

Für die Kochzeitschrift "Le Menu" der Schweizer Milchproduzenten SMP, April 2004

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Frühling liegt in der Luft. Brigitte Keller, 52, wird es dieses Frühjahr zum sechsten Mal erleben, wie an ihrem Arbeitsort in der Kartause Ittingen TG wieder alles spriesst: Der Rosengarten regt sich, das Thymianlabyrinth innerhalb der ehemaligen Klosteranlage zieht ein grünes Kleid über. Frösche quaken erneut in den Teichen und pechschwarze Lämmer springen über die Weiden.
Seit über fünf Jahren arbeitet Brigitte Keller als Leiterin des Klosterladens in der Kartause Ittingen in Warth  bei Frauenfeld. Noch immer berührt es sie jeden Morgen, wenn sie jeweils vom Dorf aus zu Fuss durch den Weinberg zur Arbeit geht. „Wenn ich das Eingangstor durchschreite, betrete ich eine andere Welt“, sagt sie mit einem feinen Lächeln.

Mit den ersten Frühlingstagen wandelt sich auch ihr Klosterladen für eine Weile zu einem „Oster-Laden“: Nebst dem üblichen Grundsortiment an Käse, Wein und Holzofenbrot sitzen in den Auslagen dann auch glasierte Hasen-Biskuits neben Butterschafen. Es warten Osterzöpfe, Bärlauch-Rebchäsli und -Bratwürste auf die Gäste. Alle der über 130 Produkte im Klosterladen sind hausgemacht, wurden verfeinert aus den Rohstoffen des zur Kartause Ittingen gehörenden Landwirtschafsbetriebes.

Einer der grössten Gutsbetriebe setzt auf Nachhaltigkeit
Mit rund 66 Hektaren Kulturland und 32 Hektaren Wald gehört der Gutsbetrieb der Kartause Ittingen zu den grössten im Kanton Thurgau. Das konsequente Bekenntnis zu regionalen, authentischen, rücksichtsvoll produzierten Lebensmitteln führt eine treue Stammkundschaft zum Klosterladen. Dort werden auch nonfood-Produkte angeboten: Brigitte Keller stellt im Frühling etwa frische Kräutertöpfli aus der eigenen Gärtnerei zum Verkauf aus, rückt Deko-Hasen aus der Töpferei ins rechte Licht – alles ist parat für die Besucher.
Diese suchen Ruhe, kulturelle Inspiration, spüren dem Geist der Kartäuser-Mönche nach, die hier einst in strengem Schweigen gebetet und gearbeitet haben. Heute gehört die Kartause zu den bedeutendsten Kulturdenkmälern der Bodenseeregion. Sie ist eine privatrechtliche Stiftung, eigenwirtschaftlich und unabhängig.
Ab Ostern werden wieder vermehrt Tagesausflügler, Hochzeitsgesellschaften und Pilger zur Kartause Ittingen ausschwärmen: Brigitte Keller freut sich auf die Besucher und Veranstaltungen. Dabei weiss sie über das gesamte Angebot Bescheid, schliesslich wird sie von den Gästen auch oft um Auskunft gebeten. Die Anlage umfasst ein Seminarzentrum mit Hotel und Restaurant, einen Gutsbetrieb samt Weinbau, eigener Käserei und Metzgerei, ein Heim für geistig und psychisch beeinträchtige Menschen und einen Werkbetrieb. Auch gehören das Kunstmuseum Thurgau und das Ittinger Museum sowie das „tecum“, ein Zentrum für Spiritualität und Bildung der evangelischen Landeskirche als Partner, zur Anlage.
So finden hier rund 150 Mitarbeiter eine Beschäftigung, vertreten dabei etwa fünfzig verschiedene Berufsbilder. Es sei faszinierend, mit dieser grossen Vielfalt unterschiedlicher Berufsleute in Kontakt zu kommen, erzählt Brigitte Keller: An den internen Produzentensitzungen bespricht sie sich mit den Vertretern der zugehörigen Betriebe über Angebot und Nachfrage. „Es ist toll, dass wir alles von A - Z selbst produzieren können“, sagt Brigitte Keller.
Da sie an der Verkaufsfront steht, kennt sie die Kundenbedürfnisse im Klosterladen und bringt diese in den Produzentensitzungen vor. Ihr Laden ist wie eine Drehscheibe im Betrieb. Schliesslich kommen hier nicht nur die Gäste des Kultur- und Seminarzentrums vorbei. Auch die Mitarbeiter kaufen gerne bei Brigitte Keller und ihren drei Mitverkäuferinnen ein. Die betreuten Heimbewohner zieht’s ebenso zu ihr: Wenn immer möglich nimmt sie sich Zeit für ihre Anliegen, hat ein offenes Ohr für allfällige Sorgen.
Wenn sie selbst mal eine Pause braucht, dann setzt sie sich gerne in das Gärtchen einer ehemaligen Mönchsklause und gibt sich ganz der Idylle hin. So hat sich für Brigitte Keller durch ihre Arbeit in der Kartause eine neue Lebensqualität eingestellt. Bevor sie die Verantwortung für den Klosterladen übernahm, war sie Leiterin einer Volg-Filiale in einer wohlhabenden Zürcher Gemeinde. Kellers Berufsstolz war es, den Kunden möglichst alles zu bieten, immer auch neue Produkte ins Sortiment aufzunehmen. Daher hat es ihr zu Beginn in der Kartause auch Mühe bereitet, wenn sie Kundenwünsche nicht erfüllen konnte, weil Produkte aufgebraucht waren. „Wir kaufen hier fast keine Rohprodukte hinzu“, erklärt sie: „Es hätt so langs hätt“.

Klösterliche Werte und Umsatzdenken
Es gelte selbstverständlich auch in dieser Arbeit, Gewinn zu erzielen, da die Kartause eigenwirtschaftlich ist, erklärt Brigitte Keller, „aber neben dem marktwirtschaftlichen Denken gelten noch andere, klösterliche Werte“: Kultur, Spiritualität, Bildung, Fürsorge, Gastfreundschaft und Selbstversorgung werden hier hoch gehalten. Ein Erfolgsrezept: Die Kartause Ittingen hat mit ihrer Geisteshaltung immerhin schon 900 Jahre überdauert.
Die Produkte des Klosterladens können auch online bestellt werden: www.kartause.ch
Text: Gabriela Bonin
Fotos: Anne Gabriel-Jürgens