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Keiner zu klein, hilfreich zu sein

Auf vielen Bauernhöfen übernehmen die Kinder wichtige Ämtli. Das entlastet die Eltern und dient dem Nachwuchs als Lebensschulung und Taschengeld-Quelle – ohne Murren geht’s dennoch nicht immer.

Für die Kochzeitschrift Le Menu der Schweizer Milchproduzenten SMP, Februar 2015

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Es ist 6.30 Uhr in der Früh, an einem Morgen in den Schulferien. Auf dem Bauernhof der Familie Stocker in Winon/Beromünster LU ist längst schon Tagwacht – auch für die grossen Kinder. Während andere Teenager noch in den Federn liegen, machen sich der 15-jährige Reto und seine 14-jährige Schwester Eliane bereit für ihren Sondereinsatz: Mit Hilfe ihres Vaters Toni, 45, verladen sie die Milchkuh Daria in einen Anhänger. Frisch herausgeputzt soll sie zur Missen-Wahl an einer Landwirtschaftsmesse antreten.
Reto wird den Traktor mit der rund 750 Kilo schweren Holsteinkuh im Anhänger erstmals und selbständig nach Malters LU fahren. Eliane begleitet ihren Bruder für den Fall, dass er Hilfe brauchen sollte. 30 Kilometer Weg, über eine Stunde anspruchsvolle Traktorfahrt: Schafft er das? Kommt der 2.Sek-Schüler mit der schweren, wertvollen Last gut um alle Kurven? Die Eltern fassen sich ans Herz, sie wissen, dass auf Reto und Eliane Verlass ist. Mutter Uschi Stocker, 44, ist überzeugt: „Man muss ihnen auch Grosses zumuten. Wenn sie es dann geschafft haben, sind sie stolz darauf.“
Auf dem mittelgrossen Bauernhof der Stockers gehört es selbstverständlich dazu, dass die vier Kinder mit anpacken. In der Regel erledigen sie kleinere Ämtli, versorgen die Hühner, helfen beim Melken oder Mosten, gehen der Mutter zur Hand im Haushalt, aber wenn es nötig ist – so wie heute – dann bekommt die Jungmannschaft auch mal eine grosse Aufgabe aufgetragen.
Etwas später sind auch die beiden jüngeren Geschwister Manuela, 10, und Fabio, 8 auf den Beinen: Sie „hirten“ ihre 12 Hasen, füttern sie, geben ihnen frisches Wasser und Heu. Das tun sie abwechslungsweise jeden Morgen und Abend, selbstverständlich auch dann, wenn sie Schule haben.
 
Mit der Hasenzucht das Taschengeld aufbessern
 
Das Betreuen einer eigenen kleinen Hasenzucht ist für die beiden die Erfüllung eines lang gehegten Herzenswunsches: Vor einem Jahr bekamen Fabio und Manuela ihre ersten Hasen geschenkt. Endlich konnten auch sie wie ihr grosser Bruder Reto für ihre ganz „eigenen“ Tiere sorgen und sich mit dem Verkauf von Hasen immer wieder ein Taschengeld verdienen.
Es ist denn auch ein Kommen und Gehen von Tieren auf diesem Bauernhof mit seinen 40 Milchkühen, 30 Kälbern, 200 Mastschweinen, 2 Ziegen, 4 Hühnern, insgesamt 20 Hasen und dem altersschwachen, liebevollen Labrador Blacky. Der Kreislauf von Leben und Sterben ist stets präsent: Wenn in der Nacht eine Kuh gekalbert hat, wollen die Kinder am Morgen als erstes alle Neuigkeiten dazu erzählt bekommen, schliesslich kennen sie jede Kuh beim Namen und wissen um deren Charakter. Für Reto, der mit seinen zwei eigenen Ziegen eine Mini-Zucht betreibt, ist das „Gitzle“ jeweils ein Höhepunkt: Er steht der Mutterziege beim Ablammen jeweils selbständig zur Seite, schliesslich war er schon als kleiner Junge oft genug zur Stelle, wenn sein Vater oder Grossvater eine Kuh beim Kalbern unterstützt haben.
Wenn die Hasen geworfen haben, dann ist das auch der Hit für die Freunde von Fabio und Manuela: Noch so gerne kommen diese dann zu Besuch, um die kuschelweichen Häschen zu herzen. Ebenso dürfen die Kälber gestreichelt werden. An Hasen- und Kalbsbraten mag dann keiner denken, obschon alle Kinder wissen, dass die Tiere dereinst im Kochtopf landen. Die Tatsache, dass Nutztiere geschlachtet werden, ertragen die Kinder gut, sagt Uschi Stocker, zumal sie auf dem Hof ein tiergerechtes Leben hatten, aber wenn ein Tier wegen einer Krankheit sterbe oder weil etwa in einem grossen Wurf Hasen nicht alle Kleinen überleben, dann seien die kleineren Kinder schon auch mal sehr traurig. „Aber so ist das Leben“, sagt die Mutter, „darüber lernen die Kinder viel auf dem Hof“.

 
Eltern und Kinder verbringen viel gemeinsame Zeit

 
Auf einem Bauernhof bekämen die Kinder viel mit von der Arbeit der Eltern, erklärt die Mutter: „Wir haben zwar wenig Freizeit, aber wir verbringen im Alltag viel gemeinsame Zeit mit unseren Kindern“. Auf Höfen mit vielen Angestellten oder grossem Maschinenpark ist die Mithilfe von Kindern weniger möglich oder gar zu gefährlich. Hier aber bei den Stockers, wo der Grossvater und Vater, die Mutter und ein Lehrling auch oft noch von Hand anpacken und es saisonbedingt zwischendurch wirklich jede Hilfe brauche, da kämen auch die Kinder zum Einsatz, zumal die Mutter während eineinhalb Tagen die Woche auswärts als Akkordeonlehrerin arbeitet. „Dann muss es einfach sein, dass sie mit anpacken“, sagt die Mutter, ob nun gemurrt wird oder nicht.
Denn es herrsche auf dem Hof auch nicht immer heile Welt, sagt sie, zuweilen sträubten sich die  Kinder dagegen, ihre Ämtli auszuführen. „Aber man tut ihnen keinen Dienst, wenn man sie nicht mit einbezieht“ ist Uschi Stocker überzeugt, weil sie sieht, wie viel Selbstbewusstsein und gegenseitige Wertschätzung sie daraus entwickeln. Es sei wichtig, die Kinder dabei gut zu begleiten und sich dafür Zeit zu nehmen: „Am Anfang ist man wegen ihrer Mithilfe weniger effizient, aber irgendwann können sie es und werden zu einer echten Hilfe“.
 
Freude über die eigenen Leistungen
 
Die vier Kinder der Stockers strahlen denn auch grosse Zufriedenheit und Kompetenz aus. Sie wissen, wie man die Kühe von der Weide holt oder die Schweine zum Verladen treibt. Fabio kann ein verletztes Huhn verarzten, Reto zimmert seinen Hasenstall selbst, Eliane kann die Kühe selbst von der Weide holen und Manuela weiss alles über den Nestbau der Hasen.
Blöd hingegen findet sie es, wenn sie staubsaugen oder bei der Wäsche helfen muss. Lieber, so sagt Manuela, sei sie bei den Tieren im Einsatz: „Draussen zu arbeiten ist nicht ein Müssen, das ist ein Dürfen“, erklärt sie mit einem grossen Strahlen. Reto will sowieso nur eines: Möglichst bald seine Lehre als Landwirt beginnen, für ihn ist die Arbeit auf dem Hof seit jeher eine Leidenschaft. Eliane, die Gymnasiastin, packt lieber drinnen im Haushalt als draussen bei den Tieren an, am liebsten aber taucht die Leseratte in ihre Welt der Bücher ein. Als ihre beiden kleinen Geschwister erzählen, wie Eliane die beste Schwarzwäldertorte zubereitet und super „Gschnätzlets mit Röschti“ kochen kann, da sieht man Elianes Lächeln an, dass auch sie auf ihr Können stolz sein darf.  
Ebenso kann sich Reto auf die Schulter klopfen. Er hat die Kuh Daria unversehrt abgeliefert und den Traktor wieder nach Hause gelenkt. Während andere Kids ihre Energie in virtuelle Spiele wie Grand Theft Auto oder Farmville stecken, hat er eine echte, herausfordernde „mission completed“.
Text: Gabriela Bonin
Fotos: Flurina Rothenberger
 

„Es ist ein Privileg, sein Wissen weiter zu geben.“
 
Echte Förderung oder bloss Knochenarbeit? Wo liegt die Grenze bei der Mithilfe von Kindern auf dem Bauernhof? Le Menü sprach darüber mit Urs Schneider, dem stellvertretenden Direktoren des Schweizer Bauernverbandes SBV.
 
Le Menü: Vielen Kindern stinkt es, ihre Ämtli zu erledigen. Warum sollen die Eltern sie dennoch dazu anhalten?
Urs Schneider: Weil die Kindern so lernen, Verantwortung zu übernehmen. Sie gewinnen neue Kompetenzen, entwickeln daraus ein gesundes Selbstbewusstsein. Sie spüren, sie werden gebraucht.
LM: Seit jeher helfen Bauernkinder auf dem Hof mit. Was hat sich im Laufe der Zeiten dabei geändert?
Schneider: Früher leisteten viele Bauernkinder pure Arbeit, heute erledigen sie eher klassische Ämtli. Da man inzwischen mehr Maschinen einsetzt, ist Handarbeit weniger gefragt. Es gibt aber auch heute noch Spitzenzeiten, etwa bei der Apfelernte, in denen manuelle Hilfe nötig ist. Da ist die Mithilfe von Kindern nicht nur eine nette Geste sondern wirklich nötig.
LM: Wo ist die Grenze zu ziehen zwischen zumutbarer Mithilfe und unfairer Überbeanspruchung?
Schneider: Es ist wichtig, dass die Kinder nebst ihren Ämtli ausreichend Zeit für ihre Hausaufgaben haben. Auch sollen ihnen genügend ausserschulische Entfaltungsmöglichkeiten gewährt werden, zum Beispiel im Sport- und Musikunterricht oder bei Vereinsaktivitäten. Ausserdem brauchen sie auch pure Freizeit. Für sich selbst und ihre Kollegen.
LM: Manchen Vätern und Müttern fehlt die Geduld, die Kinder in ihre Aufgaben einzuführen.
Scheider: Ja, man muss sich Zeit nehmen, die Kinder gut begleiten, ihre Mithilfe überwachen. Das erfordert einen gewissen Aufwand. Es ist aber auch ein grosses Privileg für Eltern, wenn sie ihr Wissen an ihre Kinder weiter geben und Zeit mit Ihnen verbringen können.
LM: Das Leben auf dem Bauernhof wird heute von vielen Lifestyle-Medien romantisch verklärt. Ist der Beruf Bauer trendy geworden?
Schneider: Wir bilden heute vermehrt auch Jugendliche zu Landwirten aus, die nicht aus der Landwirtschaft stammen. Da die körperlichen Herausforderungen dank der Mechanisierung nicht mehr so gross sind wie früher, ergreifen auch zunehmend mehr Bauerntöchter und andere junge Frauen einen der vielen Berufe in der Landwirtschaft.