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Alle meine Entchen

Indische Laufenten eignen sich als biologische Vertilger von Nacktschnecken. Die Gärtnerin und Hauswirtschaftslehrerin Pia Oechslin aus Lauerz SZ vermietet die drolligen Viecher an naturnahe Gartenbesitzer.

Für die Kochzeitschrift Le Menu, Mai 2014

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Tschipsi hat eine Mission. Sein erstes Dienstjahr als Schneckenjäger hat begonnen. Als indische Laufente hat er die nächsten Monate nur noch eines im Kopf: Fressen, fressen, fressen...! Am liebsten dunkle Nacktschnecken, weil die herrlich bitter schmecken und andere Schädlingsfresser diese Geschmacksvariante nicht zu schätzen wissen. Ebenso verschlingt er Erdschnacken- und Dickmaulrüsslerlarven, Ameisen- und Schneckeneier – en Guäte!

 

Vorerst aber gönnt sich Tschipsi ein Morgenbad. Sein Frauchen – oder nennt man so ein sprechendes Wesen eine „Entenherrin“? – hat ihn für den Fototermin vom Rudel weggeholt. Nun will Pia Oechslin, 56, auch noch das Weibchen Tini aus der Herde locken. Oechslins Entenschar watschelt eilends rund um ihr Schwimmbecken, schnattert aufgeregt ob der Presseleute, die ihr geruhsames Dasein durcheinander bringen und lauter Fotos schiessen. Pia Oechslin bleibt ruhig, kauert hinunter, ruft einschmeichelnd: „Tini, chumm! Ja, chumm. Bisch e Schöni, ja!“ Obschon die Wildenten eigentlich nicht domestiziert werden können, wissen sie: Dieses Wesen, das da spricht, ist gut zu ihnen, gibt ihnen frisches Wasser, Wildvogelkörner und Schutz.

 

Pia Oechslin legt im Stall frisches Stroh und Holzschnipsel aus, zeigt auf ein Entenei. Die anspruchsvolle Zucht der Wildenten gelinge ihr inzwischen gut. Vor 14 Jahren hat sie damit angefangen. Sie wollte beweisen, dass sich indische Laufenten tatsächlich als Schneckenvertilger eignen, so wie sie es in ihren Kursen für naturnahes lehrt „Ich wollte es aber mit eigenen Augen sehen und es auch meinen Kursteilnehmern vorführen können“.

 

Durch stetiges „learning by doing“ entwickelte sich Oechslin so zur Enten-Mamma und gründete ihre Entenvermietungs-Service „Rent- en-ent“. Ihre Kundenliste reicht von Genf bis nach Schaffhausen, von Luzern und Zürich bis ins Glarus.

 

Inzwischen hat Pia Oechslin auch Tini zu sich gelockt, nach kurzem Protest sitzt das Tier reglos in ihren Armen und schaut mit seinen schwarz-glänzenden Kulleraugen ruhig um sich. Derweil schlabbert und spritzt Tschipsi noch immer in seiner kleinen Badewanne. Köpfchen ins Wasser, Schwänzchen in die Höh’... Er plustert sich auf, spreizt die Flügel, zupft und zieht seine Federn zurecht. Zum Schluss ölt er sein Gefieder mit dem Sekret der Bürzeldrüse, um im vollen Glanz seinem Foto-Shooting entgegen zu watscheln.

 

Ein Entenpaar frisst pro Tag dreissig Nacktschnecken

 

Sofern die Enten nicht gerade essen, verbringen sie den grössten Teil des Tages mit der Pflege des Gefieders. Auch ihr Fressverhalten ist eine „saubere Sache“: Die Enten schnappen nach der Schnecke, oft wenden sie sie im Sand oder in der Erde, verschlingen dann den ganzen den Happen, spülen mit Wasser nach. Fertig. Und das pro Ente pro Tag etwa 15 Mal. Ein Entenpaar – sie werden immer nur zu zweit vermietet – frisst pro Tag also rund dreissig Nacktschnecken.

 

Dabei sind die Mietenten genügsam. Es reicht, dass sie ihr kleines Miethäuschen in der Nähe haben – und ganz wichtig: Ein sauberes, grosses Wasserbecken. Fluchtgedanken hegen sie keine, solange ihre Grundbedürfnisse gedeckt sind. Allfällige Katzen können sie nicht gefährden – immerhin haben sie starke Schnäbel. Ausserdem bleiben sie strikt zu zweit beieinander und beschützen sich gegenseitig.

 

Abends müssen die Enten aber  in ihr Häuschen gebracht werden – zum Schutz vor Füchsen, Mardern, Hunden und Nachtgreifvögel. Das sei für manche Mietinteressenten eine Unsicherheit, sagt Oechslin: „Sie sorgen sich, ob sie es schaffen, die Enten in ihr Häuschen zu treiben, aber das ist in der Regel ganz einfach“. Nebst Haus- und Wasser-Service müssen die Entenmieter auch sicherstellen, dass die Watscheltiere guten Boden vorfinden: Sie wollen darin schaben und Sand fressen, am besten also hält man sie auf einer Wiese.

 

Das mit Dung verbrauchte Stroh kommt auf den Kompost. Oechslin bespritzt ihr Stroh mit einer Mischung aus „effektiven Mikroorganismen“ (EM). Das ist eine Kombination ausgewählter, regenerativer Mikroorganismen, die sich für den chemiefreien Gartenbau eignen. Oechslin ist eine EM-Lehrerin und äusserst überzeugt von der Methode, die sie in ihrem eigenen Garten konsequent anwendet.

 

Die Mutter von drei erwachsene Kinder ist ausserdem als Hauswirtschaftslehrerin tätig, kocht als Störköchin auch mal gerne für einige hundert Leute, giesst Schokoformen mit ausgefallenen Osterhasen- und Weihnachtsmänner-Motiven, arbeitet an den Winterwochenenden auch im Wallis als Service-Hilfe in einer Cabane, um so auch oft die Berge und das Skifahren zu geniessen. Auch näht sie kunstvolle Traditions-Schwyzer-Fasnachtskostüme, züchtet Truthähne für den Eigengebrauch und liebt es, ihre Familie ab und an mit einem Fünfgänger zu verwöhnen.

 

Tini und Tschipsi sind nun für den Fototermin herausgeputzt. Pia Oechslin nimmt die Quakies in die Arme, fast glaub man, sie würden ihre Halterin mit den Hälsen auch „umarmen“ wollen. Kein Wunder, dass Donald Duck und Co. Superstars wurden: Enten eignen sich in ihrer drolligen Art auch als wahre Show-Talente und Herzensbrecher. 

 

Text: Gabriela Bonin

Fotos: Flurina Rothenberger