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Pétanque spielen lernen an der Riviera

Das schönste Pétanque-Feld der Riviera liegt ihr zu Füssen. Gabriela Bonins lang ersehnter Einstieg ins französische Nationalspiel könnte so gut sein. Dann aber verfällt die freie Journalistin einer ganz anderen Leidenschaft.

Für die Lifestyle-Beilage "Look" der Schweizer SonntagsZeitung, 2003

Die Jungs auf ihren Vespas, wie sie auf den Hinterrädern über die Promenade des Englais lavierten, und wir, wie wir uns oben ohne am Strand lümmelten, keine Grenzen kennen wollten ... Erinnerungen an Nizza, an Palmenalleen, an unser Studentenheim. Wir wohnten in Mini-Zimmern, wie berauschte Hühner in der Batterie. Ich war 17, als ich mich das erste Mal in Südfrankreich herumtrieb. Damals sollte ich Französisch lernen.

Mittlerweile bin ich Mutter und fahre an die Côte d’Azur, um Pétanque zu lernen – was sonst will ich heute mit den Franzosen anfangen?

Wir kurven auf der Küstenstrasse über Monaco, vor uns erhebt sich ein mittelalterliches Dörfchen. 400 Meter über dem Meer klebt es auf einer Bergspitze und überblickt das Cap Ferrat. Eze-Village ist eine Ansammlung trutziger Steinhäuser, die hinter ihren urtümlichen Tarnfassaden Lifestyle vom Feinsten verbergen: das Hotel Château de la Chèvre d’Or mit seinen Luxus-Klausen. Gemacht für eine Schickeria, die dem Treiben der Küste entflieht; für Stars, die ihre Ruhe wollen. Schon Charly Chaplin liebte das Château de la Chèvre d’Or.

Auf dem Glastisch im Salon steht eisgekühlter Rosé bereit, ein Côte de Provence, wofür die Reben ausschliesslich bei Vollmond gepflückt werden. Hinter der Glasfront zum Balkon leuchtet «le grand bleu»: blauer Himmel, blaues Meer, tiefblaues Südfrankreich. Als ob unsere Terrasse zwischen Himmel und Ozean schwebte.

Wir wohnen über steil abfallenden Blumengärten, sehen von Monaco bis nach Nizza. Und keiner, wirklich keiner sieht uns hier. Zwischen den Blumenterrassen liegt das Pétanque-Feld des Hotels. Eine weisse, unberührte Kieselfläche – mit derselben Aussicht, dieser Endlosigkeit des Meeres. Kein Haus, kein Hügel versperrt die Sicht, keine Strasse lärmt. Hier will ich morgen spielen.

Im Restaurant Gastronomique, hoch über der Riviera, lassen wir uns spätabends das «Menu Gourmand» auftragen. Erst haben wir noch den Sonnenuntergang und unser privates Jacuzzi genossen. Nun das Dinner à Deux zwischen Sternenmeer und Küstenlichtern. Erster Gang: Les Crudités des Maraichers de Provence. Es ist Vollmond, was für ein netter Zufall. Zweiter Gang: La Langoustine Royale, auf Pampelmuse-Saft, mit Minzen-Erbsenrisotto. Unzählige Geschmacksknospen blühen auf. Ich stelle mir vor, wie die Winzer im Silberlicht an diesen Hängen die Trauben pflückten. Dritter Gang: La Cabillaud de Ligne. Nur eine Glasscheibe trennt uns vom Steilhang. Hier zu sterben, muss ein schöner Tod sein. Steilküsten erinnern mich immer an Selbstmörder. Weit unten, im Hafen von St. Jean-Cap Ferrat flackern die Positionslichter der Jachten. Dort haben wir vor Jahren mal eine Nacht verbracht, mein Segler und ich. Ich suche seine Augen.

Vierter Gang: L’Agneau des Alpes de Haute Provence. Ich liebe das Leben, jetzt gerade ganz besonders. Weisst du, sage ich zu Pete, dass Jean Améry im Selbstmord die einzige wirkliche Freiheit des Menschen sah. Schwerer Rotwein kreist in unseren Adern. Wir lachen. Améry hatte Unrecht. Aber lassen wir das. Sechster Gang: Fromages frais et affinés. Man hat nie genug gegessen, sondern nur genug von einer bestimmten Speise. Kürzlich las ich, dass Wissenschaftler dieses Phänomen die «spezifische Sattheit»nennen. Im Kampf gegen das Völlegefühl sei der Wechsel von salzig auf süss die wirksamste Waffe. Siebter Gang: Spéculos en Crème tiède aux Suprêmes, Sorbet au Fromage blanc. Chefkoch Philippe Labbe gewinnt im Château de la Chèvre d’Or immer wieder neue Michelin-Auszeichnungen. Die Rechnung? Nein, die wollen wir lieber nicht sehen. Schreiben Sies auf unser Zimmer, danke. Und gute Nacht!

Wir stellen Kerzen auf die Terrasse. Die leuchten gegen den Golfkrieg. Ich denke an die irakischen Kinder. Weil die verhungern müssen. Auf der ganzen Welt stecken die Leute in dieser Stunde Kerzen an – eine Aktion der Internetcommunity. Unsere Tochter Anaïs schläft schon seit Stunden. Mehr Frieden als der Anblick eines schlafenden Kindes kenne ich nicht. Es geht uns unerträglich gut.

Am nächsten Morgen erwarte ich Alain Delon. Oder zumindest so einen wie Belmondo. Das hatte ich mir so ausgemalt für meine erste Pétanque-Lektion: ich und ein braungebrannter Instrukteur mit kleinen Lachfalten. Doch Jean-Pierre ist bleich und steckt in einer dunklen Hoteluniform. Ist ein netter, sehr korrekter Mann mit Halbglatze, ein Familienvater. Auf dem Terrain beim Blumengarten will er mich nicht spielen lassen. Wir könnten dabei die Steilküste hinunterstürzen. Das Feld sei erst nach Ostern gesichert und spielbereit.

In den kommenden fünfzig Minuten werde ich mich auf einem schattigen, windigen Hinterhof-Terrain erkälten. Ich werde alles geben und doch verlieren: 12 zu 13. Werde mich von Jean-Pierre trösten lassen. Dass ich mich tapfer gehalten hätte und dass ich nicht zögern und gleich nach Saint Paul de Vence fahren solle – zur Hochburg der südfranzösischen Pétanque-Spieler. Dort, wo Yves Montant am liebsten gespielt hat. Wo noch heute jede Partie einem inszenierten Schauspiel gleicht und die Spieler trotz Dauerpublikum so natürlich spielen, als wären sie allein in Grossvaters Garten.

Auf dem Terrain vor dem Café de la Place sind fünf Teams ins Spiel vertieft. Gute Spieler. Sehr gute. Mon dieu, fährt es mir durch den Kopf: Jean-Pierre, dieses Schlitzohr hat mich hochgenommen. Niemals werde ich es als Anfängerin wagen, auf diesem Elite-Terrain eine Kugel anzurühren. Als Frau schon gar nicht. Kann bloss über mich selbst lachen. Das hier ist Männerwelt pur. Störe ich, frage ich ein Team, als ich etwas zu nahe ans Spiel herantrete. Aber nein, Mademoiselle, sagt einer – Sie stören nicht im Geringsten. Es sind lediglich Ihre wunderbaren Augen, die uns durcheinander bringen...

Was will ich mich in solch stimmiger Ambience noch länger mit Kugeln abmühen? Wir setzen uns auf die Veranda des Café de la Place, sehen zu, wie die Männer ihre Augen zusammenkneifen und zielen, wie die Boules immer längere Schatten in den Sand werfen.

Zum ersten Mal im Leben trinke ich Pastis, den einzigen wahren Aperitif im Zusammenhang mit Pétanque. Mann, schmeckt der gut. Süss, wild, herb – Südfrankreich in Flüssigform. Unerklärlich, warum ich dem nicht schon mit 17 verfallen bin.

 

Hotelinfo

 

Hotel: 4 Sterne, 33 individuell designte Zimmer und Juniorsuiten, 4 Restaurants, 1 Bar

Fitness-Angebot: Beheizter Outdoor-Pool, Tennis, Pétanque, Mini-Fitnesscenter – mit einer Maxi-Aussicht auf die Riviera.

Spa-Angebot: Jacuzzi, Sauna, Hotel-externe Angebote.

Besonderheit: Der Ort Eze ist eher Teil des Hotels als umgekehrt. Die Suiten sind im ganzen Dorf verteilt. Persönliche, diskrete Wohn-Atmosphäre.

Kosten: DZ ab 390 Franken, spezielle Frühlingsofferten

Kontakt: Le Château de la Chèvre d'Or, Relais & Châteaux, Moyenne corniche, rue du Barri, F-06360 Eze-Village, Tel. +33 (0) 492 106 666, Fax +33 (0) 493 410 672, www.chevredor.com, chevredor@relaischateaux.fr