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Migros Magazin Glosse Putzen

Wahrer Luxus: Auf Hochglanz polierte Wohnungen sind schön anzusehen. Aber ....

Glosse für das Migros Magazin, 2007

... solange der Besuch der Schwiegermutter nicht bevorsteht, kann sich Journalistin Gabriela Bonin Angenehmeres vorstellen, als mit dem Staubwedel durchs Haus zu rasen.

Es schneit! Mitten im Sommer. Unsere Kleinste hat den Babypuder erwischt und zaubert damit die kühnsten Schneelandschaften aufs Sofa. Die Grosse gründet im Putzkessel ein Ferienheim für Schnecken. Socken ertrinken im Blumenwasser, die Spiegel sind vor lauter Patsche-Händchen blickdicht, mein Pult ist von bunten Spitzabfällen übersät. Hilfe! Tut denn keiner etwas gegen dieses Chaos?

Kürzlich war meine Mutter zu Besuch, hat heimlich unseren Kühlschrank enteist und sich den Kalk in der Geschirrspülmaschine vorgeknöpft. Das war mir dann doch eher peinlich. Nachsichtig meinte sie anschliessend, als Berufsfrau käme ich wohl nicht dazu, solche Hausarbeiten zu erledigen. Ja, ich muss gestehen: Extra-Einsätze leiste ich höchstens vor dem Besuch der Schwiegermutter, da bügle ich ausnahmsweise auch mal ein Tischtuch.

Zum Glück lassen sich alle Abgründe mit einem Kindheitstrauma entschuldigen. Meine seelische Erschütterung in Sachen Hochglanzstyling traf mich mit neun Jahren. Ahnungslos betrat ich erstmals die Wohnung einer neuen Freundin: Kein Klecks, kein Krümel. Nur Chrom, Marmor und Design. Dieser Anblick verstörte mich zutiefst. Bis anhin hatte ich nur normale Haushalte gesehen: wo Kinderzimmer unter Lego-Trümmern begraben liegen, wo sich im Bad die Schmutzwäsche türmt und man in der Küche über Gummienten stolpert. Was mir bei meiner Freundin entgegen strahlte, liess mein Wertsystem zusammenbrechen. Eine nie geahnte Sehnsucht nach Stil nahm von mir Besitz. Ausserdem himmelte ich den Vater meiner Freundin an. Er war Manager, trug Anzüge und glänzende Schuhe. Ich fand ihn sehr galant. Mein Vater hatte als Werkstattchef einen blauen Kittel an und scheuerte sich abends mit Sandseife die ölgeschwärzten Fingerkuppen.

Natürlich fühlten sich meine Eltern gekränkt, als ich ihnen vom neu entdeckten Hochglanz-Styling vorschwärmte und unsere Zustände beanstandete. Entschieden verkündete ich, dass mein eigener Haushalt mal ein Hort der Reinheit würde.

Wochen später verziehen sie mir. Ich erzählte ihnen, was ich inzwischen wusste: dass der Vater meiner Freundin fremd ging, dass die Mutter an Depressionen litt, der Bruder sich mit der Jugendanwaltschaft herum schlug und meine Freundin mit Aufputschmitten experimentierte. Da war es für immer aus mit meiner Schwärmerei für repräsentative Anblicke.

Ein bisschen mehr Ordnung zu Hause fände ich heute zwar ganz nett, die Zeit dafür könnte ich mir durchaus nehmen. Auch mein Mann wäre imstande, mehr auf Meister Proper zu machen. Bloss baut er mit den Kindern lieber Lego-Türme oder streift mit ihnen durch den Wald. Oder er lädt mich zum Aperitif ein. Und ich ziehe nun mal ein gutes Buch einem Staubwedel vor.

Da kommt es mir gelegen, dass die Trendgurus in den Lifestyle-Magazinen erklären, wahrer Luxus liege heute nicht mehr im Materiellen, sondern in der Work-Life-Balance. Fragt sich bloss, wie standhaft ich meine Balance verteidigen werde, wenn meine Töchter sich erst mal von einem „Schöner-Wohnen“-Bluff den Kopf verdrehen lassen.