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Heimspiel für den Storch

Noch nie hatten werdende Mütter eine so grosse Auswahl an Orten, wo sie gut betreut gebären können: Im Spital, Geburtshaus oder zu Hause. Gabriela Bonin berichtet, warum sie sich für eine Hausgeburt entschieden hat.

Für das Magazin Gesundheit Sprechstunde, 2000

Bei den Delfinen ist die Geburt Frauensache. Während sich die Mutter den Wehen hingibt, stützen sie ihre Schwestern und Tanten, helfen ihr an die Wasseroberfläche zu kommen und Luft zu holen. Bei den Menschen ist die Geburt Arztsache. Oft auch Techniksache. Atem- und Herztonmessgeräte, Saugglocken und Infusionströpfe – ebenso der Operationssaal - stehen bereit. Gut so, denn nicht zuletzt dank dem Fachwissen der Gynäkologen und dem hohen medizinischen Standard kann sich die Schweiz weltweit einer der tiefsten Geburts- und Müttersterblichkeitsraten rühmen. Treten bei der Geburt Komplikationen auf, so wird hierzulande mit gynäkologischem Knowhow und medizinischem Hightech meist erfolgreich geholfen.
 
Nötig ist dies allerdings selten, denn die meisten Geburten verlaufen völlig normal, schliesslich sind sie ein natürlicher Vorgang, den Frauen seit jeher instinktiv richtig vollziehen. Bloss wir heutigen Frauen vertrauen nicht mehr darauf. Oder wir wollen auf Nummer Sicher gehen.
 
Das will ich auch, keine Frage. Mein Kind soll gesund in dieser Welt ankommen und ich hoffentlich gesund hier bleiben. Aber ich will noch mehr: die Geburt als intimen Akt mit meinem Partner erleben; mit einer Hebamme arbeiten, die ich kenne und gut mag; in meiner gemütlichen Wohnung rumlümmeln und eine nervige Autofahrt ins Spital vermeiden; in einer geschützten Umgebung den heiligen Moment neuen Lebens zelebrieren und mein Kind in einem sinnlichen Umfeld begrüssen. Ich möchte aktiv gebären und nicht entbunden werden – wohlmöglich gar mittels unnötigen medizinischen Eingriffen.
 
Eine Nationalfondstudie* zeigt nämlich, dass Hausgeburten nicht riskanter als Spitalgeburten sind, dass aber im Krankenhaus mehr medizinische Eingriffe erfolgen als zu Hause. So wurden bei über drei Viertel der Frauen im Spital ein Dammschnitt gemacht, bei den Hausgeburten bloss bei einem Viertel. Dort wurden auch drei mal weniger Geburten eingeleitet und nur bei gut der Hälfte schmerz- und krampflösende Mittel eingesetzt (Spitalgeburten: 83 Prozent). Medizinische Eingriffe mögen segensreich sein, aber sie haben auch ihre Nachteile: Wehenmittel verschärfen den Wehenschmerz, Schmerzmittel wiederum können den Geburtsablauf negativ beeinflussen. Kein Wunder kommt Thomas Voegeli, Initiant der NF-Studie zum Schluss, dass „eine Hausgeburt auch manche Komplikation verhindern kann“. Oder anders gesagt: „Einige Komplikationen und ihre Folgen entstehen erst im Spital“, so der Zürcher Hausarzt, der bisher rund 300 Hausgeburten begleitet hat.
 
Gegen die Spitalgeburten polemisieren will Voegeli indes nicht: „Die Gynäkologen in den Krankenhäuser sind bei schwierigen Geburten erfahren und gut. Im Notfall sind wir froh um ihre Fachkenntnisse.“ Er als Hausarzt habe stattdessen mehr Erfahrung mit Geburten, die normal und natürlich verlaufen: „Solche Hausgeburten sind persönlich bereichernd, ein besonderer Akt, an dem ich als Begleiter ehrfürchtig teilnehmen darf.“
 
Einer der beide Seiten kennt, ist Hansruedi Suter aus Zug, einer der seltenen Schweizer Gynäkologen, der nebst häufigen Spitalgeburten auch gelegentlich Hausgeburten begleitet: „Ich bin vom Skeptiker zum überzeugten Anhänger geworden“ sagt er nach rund 200 Hausgeburten. Die Frage, wo eine Frau gebären wolle, so Suter, beruhe auf ihrer Lebenseinstellung und Ethik: Sieht sie in der Geburt einen medizinischen Vorgang oder erkennt sie darin noch andere Dimensionen? Denkt sie im Leben mehr an dessen Gefahren oder an dessen Chancen? Für Suter ist klar: „In der heimischen Umgebung verläuft eine Geburt einfacher und sanfter. Und so unbequem es für mich als Arzt sein mag, bei schlechten Lichtverhältnissen spätnachts am Boden kniend eine Dammnaht zu nähen – ich möchte diese Erlebnisse nicht missen.“
 
Zum selben Schluss kommt auch die NF-Studie: Frauen, die zu Hause gebären, erleben die Geburt positiver und werten den Akt eher als stolze Eigenleistung. Dennoch entscheidet sich in der Schweiz bloss rund ein Prozent der Frauen für diesen Weg. Ebenso sind es nur sehr wenige, die sich für ein Geburtshaus oder eine ambulante Spitalgeburt begeistern können. Die grosse Mehrzahl zieht einen mehrtägigen Klinikaufenthalt vor. Warum? „Die heutigen Frauen trauen sich das Gebären nicht mehr zu“, sagt Marie-José Meister, Verantwortliche für die Geburtsstatistiken der Fachgruppe freier Hebammen aus Andelfingen ZH, „denn die moderne Medizin gibt den Schwangeren oft das Gefühl, sie seien nicht fähig, ein gesundes Kind ohne Unterstützung zu gebären. Zudem seien es viele Frauen nicht mehr gewohnt, sich durchzubeissen: „Sie verlangen schon zum vornherein die schmerzstillende Periduralanästhesie oder einen Kaiserschnitt, selbst wenn das nicht nötig wäre.“
 
Ehrlich gesagt, solche Dinge hatte ich mir früher auch überlegt: Warum denn noch unter Schmerzen gebären, wenn doch moderne Hilfsmittel zur Verfügung stehen? Warum zu Hause wie unsere Grossmütter im Blutgeschmier niederkommen, wo es doch so saubere Kliniken gibt? Dann aber entschied sich meine Freundin für eine Hausgeburt und ihr Kommentar danach brachte mein Konzept erstmals ins Wanken: „Geil, so geil“ sei es gewesen meinte sie und war somit die erste all meiner Bekannten, die mir ihre Geburt positiv schilderte. Zu oft hatte ich nur Horrorgeschichten gehört. Dies aber liess aufhorchen.
 
Ich wurde selbst schwanger, begann Fachbücher zu lesen, recherchierte bei Geburtshelfern, stiess auf Cristina Marinello, eine freischaffende Zürcher Hebamme, die Hausgeburten betreut: „Wir machen das nicht als Hobby“ stellte sie gleich im ersten Telefongespräch klar, „wir sind Profis“. Das klang überzeugend. Zudem sagte sie, hätte sie kein Interesse etwas durchzustieren: „Sobald ich Anzeichen einer echten Gefahr sehen sollte, gehen wir ins Krankenhaus“. Das klang beruhigend.
 
Die vage Idee wuchs zum Entschluss. Seither besucht mich Cristina regelmässig, macht die ganzen Schwangerschaftskontrollen und wird mir und meinem Mann immer vertrauter. Sie nimmt sich Zeit, weiss für jedes Wehwehchen einen guten Rat. Mit ihr wird meine Geburt wohl zur Frauensache. Und mein Hausarzt, den ich für die letzte halbe Stunde gerne dabei haben möchte, sieht sich in jener Rolle, die Delfinmännchen im Geburtsprozess einnehmen: Während die Weibchen einander helfen, kreisen die Männchen um die Gruppe, und wehren allfällige Störenfriede ab.
 
*Nationalfondstudie „Hausgeburt versus Spitalgeburt“, 1993, zu bestellen beim Schweizerischen Hebammenverband, Flurstr. 26, 3000 Bern 22, Tel. 031 332 63 40. Ebenso erhältlich sind dort Adressen von freischaffenden Hebammen, die Hausgeburten begleiten.
 
Bücher: Hervorragend ist das Buch „Hausgeburt“ von Sheila Kitzinger, das leider vergriffen ist,  aber in Bibliotheken (z.B. Pestalozzi-Bibliothek Zürich) noch erhältlich ist. Ebenso zu empfehlen: „Natürliche Geburt“ von Sheila Kitzinger, Kösel-Verlag München

Vorraussetzungen für eine Hausgeburt
 
Soll eine Hausgeburt sicher sein, so muss sie sorgfältig mit einer Hebamme geplant und vorbereitet werden. Ebenso müssen folgende Kriterien erfüllt sein:
  • Die werdende Mutter muss gesund sein (kein Asthma, Diabetes, Aids, etc.)
  • Keine Komplikationen während der Schwangerschaft (keine Blutungen, erhöhter Blutdruck etc.)
  • Ein Krankenhaus muss im Notfall innert 15 bis 20 Minuten erreichbar sein.
  • Das Kind muss richtig liegen (keine Steisslage)
  • Keine Zwillingsgeburten
  • Bloss Geburten, die zwischen der 37. und 42. Schwangerschaftswoche stattfinden.
  • Hygienische Wohnverhältnisse.