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In die materna mit knapp drei

In Italien besuchen Kinder ab drei Jahren den öffentlichen Ganztages-Kindergarten. Die Schweizer Journalistin Gabriela Bonin hat mit ihren drei Töchtern in Norditalien gelebt und fand ein umspannendes Betreuungsangebot vor.

Für die Fachzeitschrift "spielgruppe.ch", April 2013

Kaum hat der Schulbus um punkt 15.15 Uhr Aileen vor ihrem Zuhause ausgespuckt, stürzt die Fünfjährige zur Wohnung herein, ruft „Maaami, hoiii! Hey, so lässig, weisst du, dass es hier eine ur-ur-alte Mauer gibt? Die haben wir heute gesehen. Nonno Giuliano hat sie uns gezeigt. Die ist im Fall aus dem Halbalter...!“ „Meinst du die einstige Stadtmauer aus dem Mittelalter?“ Ja, davon ist die Rede und so erfährt man, dass die „blauen“ Kindergärtner heute mit einem freiwilligen Helfer die Altstadt erkundigt haben, samt historischem Glockenturm überm Olivenhain und Einführung in die Geschichte Italiens.

Gefragter Kindergarten 

Die „Blauen“ sind die fünfjährigen Kindergärtner, die stolzen Anführer der vierjährigen „Gelben“ und der dreijährigen „Roten“. Dabei wird die rossi-Fraktionimmer jünger, denn seit drei Jahren erlaubt die staatliche scuola materna bereits den Eintritt von zweieinhalbjährigen Kindern – ein Tribut an immer mehr Mütter in Italien, die ausser Haus arbeiten müssen. 51,5 Prozent der Italienerinnen gehen einer Erwerbsarbeit nach (in der Schweiz sind es 60,6 Prozent der Frauen); Achtzig bis neunzig Prozent aller Kleinkinder besuchen den freiwilligen staatlichen Kindergarten, als kleine rossi oft nur halbtags, mit zunehmenden Alter auch ganztags, ganz nach Bedarf der Eltern.

Im Norden des Landes arbeiten mehr Mütter ausser Haus und das Angebot an ausserfamiliärer Betreuung ist grösser als im Süden, wo es zum Teil noch stark an Kinderkrippen mangelt. Im ganzen Land ist die Erziehung von Kindern traditionell in den Händen von Grossmüttern, Tanten, katholischen, privaten und staatlichen Institutionen. Müttern fällt es in der Regel nicht schwer, ihre Kinder zeitweise anderen Erziehern zu überlassen. Das Wort Rabenmutter ist im Italienischen nicht zu finden. Alte Menschen, egal, ob sie Enkel haben oder nicht, verwandt sind oder unbekannt, werden von Kindern in der Regel liebevoll mit nonna oder nonno angesprochen, Grossmami oder Grosspapi.

Seemann und Piraten voraus!

So einer wie nonno Giuliano ist typisch für Italien. Der pensionierte Admiral hat sich im Kindergarten freiwillig als Geschichtenerzähler angeboten, schart einmal die Woche eine Gruppe Kinder um sich und liest ihnen mit tiefer Seemannsstimme Märchen vor. Einmal pro Monat zieht er mit den Blauen auch durchs Städtchen, mal wird dann die Ölmühle besucht, ein ander Mal carnevale gefeiert oder mit wehender Piratenfahne der Strand unsicher gemacht. Unvergesslich auch die aufwändige Aktion, in der nonno Giuliano mit Hilfe des „Vereins Leute des Meeres“ die Blauen in straff organisierten Viergruppen auf kleine Segelboote packte und so in einer aufgeregten Schar von Schwimmwestenträgern den Traum vom Segeln weckte.

Knapp bei Kasse

Ohne die Hilfe von Freiwilligen stünde in Italien vieles still. Da, wo der Staat derzeit je länger je mehr versagt, wird die bereits traditionell starke Freiwilligenarbeit und Solidarität in der Familie immer unerlässlicher. Weil das Budget für Bastelmaterial und selbst für Toilettenpapier stets zu knapp ist, sehen sich die Eltern der Kindergärtner und Primarschüler dazu gezwungen, regelmässig  Haushaltspapier, Malbögen und Trinkbecher zu „spenden“. Da Stellenbudgets fortlaufend gekürzt und Klassen vergrössert werden, sind Kindergärtnerinnen und Lehrerinnen trotz allem guten Willen überfordert und gestresst. Da werden die Kindergärtner zur Not auch einfach mal für eine Stunde vor dem Fernseher geparkt. 28 Kinder pro Klasse mit einer Lehrerin gelten als die Regel. Vorteile hat, wer ein behindertes Kind in seiner Klasse betreut. Denn diese Klasse darf nur maximal 22 Kinder umfassen. Ausserdem wird dem gesamten Kindergarten eine Extra-Lehrerin zugestanden, falls behinderte Kinder eingeschrieben sind.

Lautes, fröhliches Gewusel

In der scuola materna ist es vor lauter Platzmangel für Schweizer Begriffe übervoll und unerträglich laut. An Schallschutzmassnahmen denkt hier keiner. Morgens um acht strömen über hundert Kinder in den Kindergarten, vereinen sich erst zum freien Spiel in ihren vier altersdurchmischten Klassen, teilen sich später auf in die Gruppen der Gleichaltrigen: Die kleinen rossi spielen, singen und malen in der Regel. Mit den grösseren gialli und blu proben die Pädagoginnen auch mal ein aufwändiges Theaterstück ein, das im Sommer jeweils mit grossem Brimborium auf der Piazza aufgeführt wird. Sie üben erste Schreibversuche, basteln, studieren einen Tanz ein, stimulieren die Kids mit logischen Denkspielen. Wo es an Materiellem und Pädagogischen mangelt, werden die Mängel oft durch Heiterkeit wettgemacht.

Veraltete Ausbildungskonzepte 

So weit so gut: Die meisten bimbi besuchen ihre scuola materna daher liebend gerne. Allerdings werden sowohl Krippenleiterinnen, Kinder- wie auch die Primarlehrerinnen noch immer in einer verstaubten Pädagogik der Nachkriegsjahre geschult. Es fehlt an Weiterbildungsangeboten. Wie in allen anderen Arbeitssektoren Italiens ist auch in der pädagogischen Ausbildung die Anpassung an heutige Erkenntnisse verpasst worden.

Das zeigt sich auch in der erstens privaten Kinderkrippe unseres einstigen Wohnortes Levanto, die 2002 gegründet wurde: Für etwa 170 Euro (je nach Stundezahl pro Monat und Einkommen der Eltern) kann man da seine Kinder verhältnismässig günstig betreuen und mittags verpflegen lassen (in urbaneren Gebieten kostet die Krippenbetreuung zwischen 300 und 600 Euro im Monat; das Durchschnittseinkommen in Italien liegt bei rund 1200 Euro). Die „Billigkrippe“, von der Gemeinde Subventionen erhält, weist indes markante Mängel auf: Oft ist die Leiterin nicht vor Ort, die Kinder werden von unqualifizierten Helferinnen betreut. In beinahe fensterlosen Räumen zwischen lauter Plastikspielzeug herrscht eine Peitschenschlag- und Zuckerbrot-Erziehung. Die Kleinstkinder werden dazu angehalten, stundenlang stille zu sitzen und zu malen. Es mangelt an Licht, Inspiration, Sinnlichkeit und Möglichkeit zum Spiel an der frischen Luft. Allen Mängeln zum Trotz führt die Krippe eine lange Warteliste.

Pause ohne Freilauf

Vergleichbar unsinnlich erlebte auch unsere älteste Tochter Anaïs die Primarschule, die sie während fünf Jahren in Levanto besuchte. Hier sind die Klassen dazu angehalten von 8.00 bis 12.45 Uhr auf ihrer Schulbank zu kleben. In nur einer Pause während des fünfstündigen Morgens, die nicht nach fixem Klingelsignal sondern nach Willkür der Lehrerin eingesetzt wird, ist es untersagt, ins Freie auf den Schulhof zu gehen. Die Lehrerinnen, die für jede Verletzung verantwortlich gemacht würden, erachten die Spiel auf dem Schulhof als zu gefährlich: Man könnte stürzen oder sich erkälten.

Pauken ab sechs

Sind die drei Jahre im Kindergarten noch von Spiel und Spass geprägt, so zwingt der Schuleintritt die Primarschüler zu einem radikalen Wandel: Vom ersten Schultag an wird gepaukt. Die goldene Regel ist, dass die Kinder, die im September in die Schule eintreten, bis Weihnachten lesen und schreiben können. Die Primarschule setzt ihren ganzen Augenmerk auf die intellektuelle Bildung der Schüler: Mathematik, Italienisch, Geschichte, „Wissenschaft“ und Geografie werden im klassischen Frontalunterricht gelehrt – mindestens eine Stunde Hausaufgaben für den Nachmittag sind die Regel.

Keine Schule ist perfekt

Sport, musische Fächer, sinnlich erfahrbares Lernen wird wenn, dann nur in homöopathischen Dosen verabreicht. Das „Abfüllen der Köpfe“ erlaubt den Italienern zwar gute Resultate bei den PISA-Tests, schürt indes dauerhaften Schulfrust und führt zu einem theoretischen Wissen, das viele Schüler nur schlecht mit ihrem echten Leben in Verbindung zu wissen bringen.

Nachdem Anaïs die Primarschule durchgestanden hatte und der Eintritt in die noch striktere, pädagogisch rückständigere Mittelstufe anstand, beschlossen wir, Italien zu verlassen, um unseren Kindern den Besuch des Schweizer Schulsystems zu ermöglichen: Es ist im Vergleich zu seinem Nachbarland moderner, kindergerechter und dank seiner starken finanziellen Basis weitaus komfortabler. Aus der Sicht unserer Kinder ist es indes auch leiser, farbloser und „langweiliger“.

Sehnsucht nach Italianità

Obschon sie nun in pädagogisch nahezu perfekten Institutionen betreut und geschult werden, denken unsere Töchter wehmütig an ihre Institute in Italien zurück: Myrah, die mittlerweile vierjährige, die wir in Italien ab ihrem zweiten Altersjahr in eine zweite neu eröffnete private Kinderkrippe Levantos geschickt hatten, erinnert sich an heitere Stunden voller Inspiration: Sie wurde dort für rund 300 Euro im Monat (fast doppelt so teuer wie in der mangelhaften Konkurrenz-Krippe und) jeden Morgen in einer Schar von zehn Kindern von zwei Betreuerinnen betreut – nach bester Montessori-Manier und mit aller Liebe der Welt. Anaïs, die mittlerweile das Gymnasium besucht, erinnert sich gerne an ihre geliebte Primarlehrerin, die ihr schon im zarten Alter die Faszination für die Antike geweckt hat.

Aileen studiert zuweilen verzückt einen Abschiedsbrief von nonno Giuliano, worin er sich auf weltmännischem Admiralsbriefpapier von ihr verabschiedet: Ein von Hand geschriebener, zweiseitiger „Liebesbrief“ voller Lebensweisheit. Unterzeichnet mit „Dein Freund Giuliano“.

 

*Gabriela Bonin, 45, lebt seit Sommer 2012 mit ihrem Ehemann und ihren drei Töchtern Anaïs (12), Aileen (7) und Myrah (4) in Beromünster LU. Zuvor wohnte die Familie während neun Jahren im ligurischen Levanto in Norditalien. Gabriela Bonin ist überzeugt, dass sie nicht Mut und Kraft gehabt hätte, drei Kinder auf die Welt zu stellen, wenn sie in Levanto nicht ideale Bedingungen vorgefunden hätte: Ein kinderliebendes Volk, viel Natur zum herumtollen, Kinderkrippen für die Kleinsten, Ganztagesbetreuung mit leckerer Mensa und Schulbusangebot für Kindergärtner ab drei und Primarschüler ab sechs Jahren, ein praktisches Schulbussystem – darüber hinaus eine Babysitterin, die über Jahre für das erschwingliche Honorar von zehn Franken die Stunde wertvolle Dienste leistete und deutsche Au-Pairs, die jeweils in den dreimonatigen Sommerferien die Kinder im bester Ferienlaune zum Strand begleiteten.