Leseproben und Projektbeschriebe

Wildromantisches Kleinod im Jura

PDF auf Deutsch PDF en français Funkstille! Der Handy-Empfang streikt. Für einmal stört kein Klingeln und Piepsen – stattdessen vernimmt man das Murmeln des Flusses, das Zwitschern der Vögel. Wir sitzen in der Nähe von Saint-Ursanne JU, bei Tariche, am …

Juni 2014  |   5 Minuten

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Funkstille! Der Handy-Empfang streikt. Für einmal stört kein Klingeln und Piepsen – stattdessen vernimmt man das Murmeln des Flusses, das Zwitschern der Vögel. Wir sitzen in der Nähe von Saint-Ursanne JU, bei Tariche, am Ufer des Doubs, der träge an uns vorbei zieht. Kinder entfachen neben ihrem Zelt ein Feuer, braten Würste, kullern lachend über die Wiesen.

Stecken wir das Smartphone also zur Seite. Hier am Rande der Ajoie erhält das „www" eine andere Bedeutung: Statt ins World Wide Web blicken wir in Wälder, Wiesen, Weiten – geniessen das Provinzielle; das Gestrige, das man wahrzunehmen glaubt; die Patina, die viele Gehöfte schmückt sowie die Nähe zu Frankreich: Allein die alten, verblichenen, französischen Beschriftungen von Häusern und Tafeln zeugen an jeder Ecke davon.

„Wollt ihr die Forellen sehen bevor sie in die Pfanne kommen?" fragt Christian Boichot, Wirt des Restaurant de Tariche, und führt uns zum Aquarium. Was hier im Wasser zappelt, liegt wenige Minuten später als Forelle blau und „à la meunière" auf unseren Tellern, daneben duftet ein Kännchen mit brauner Butter.

Wir fachsimpeln genüsslich: Sind die Forellen anders, noch frischer als jene, die wir vor wenigen Stunden weiter unten am Fluss in Soubey gekostet haben? Dort steht das Hotel du Cerf, das weit herum für seine Forellen-Gerichte bekannt ist. Wirtin Marie-Josée Joset hat uns dort mit roh marinierten Forellenfilets überrascht – ein wahrer Gaumengenuss, der an Sushi-Lachs erinnert.

Das Hôtel du Cerf und das Restaurant de Tariche verbindet ein romantischer, Wanderweg durch das Doubs-Tal. Er bietet sich als idealer Einstieg in die Ajoie an: Man wandert dabei fünfzehn Kilometer lang direkt am Ufer des Doubs, vorbei an Tariche bis ins historische Städtchen Saint-Ursanne. Das dauert vier Stunden und steigt nur vierzig Höhenmeter an.

Wandern wie im Märchenland

Beim Wandern wirkt alles ein wenig wie im Märchen, weil kaum Bauten oder andere Zeugen der Moderne auszumachen sind. Kommt man schliesslich in Saint-Ursanne an, laden die Gassen zwischen den Bürgershäusern aus dem 14. – 16. Jahrhundert zum Flanieren ein. Da und dort sitzen Gäste gemütlich in einer Gartenbeiz.

Die Stiftskirche von Saint-Ursanne stammt aus dem 12. – 14. Jahrhundert. Wir hören Stille, atmen Ruhe, spüren den Geist der Geschichte. Eine Katze schleicht durch den Kreuzgang aus dem 14. Jahrhundert, der an die Kirche grenzt. Das Nachmittagslicht zeichnet schön geschwungene Muster durch dessen Bögen. Um noch mehr Baukunst des Mittelalters zu geniessen, fahren wir ins Herz der Ajoie, nach Porrentruy. Dessen Altstadt lässt Ferienstimmung aufkommen, erinnert an Urlaube in Frankreich. Wo immer wir das Gespräch mit Einheimischen aufnehmen, erzählen diese freudig von ihrer Region, nehmen sich Zeit, geben Tipps.

Picknick mit der Saucisse d'Ajoie

So etwa in der Metzgerei „Gatherat", wo wir uns in Porrentruy nach der Saucisse d'Ajoie erkundigen: Da verraten uns zwei ältere Kundinnen, auf welche Weise sie die geräucherte Rohwurst kochen. Die eine Dame beharrt darauf, dass man sie in kaltem Wasser ansetzen muss, die andere rät dezidiert dazu, sie erst ins Wasser zu geben, wenn es kocht; ein Herr schwärmt, die Saucisse sei egal auf welche Weise gekocht, die „beste Wurst weit und breit".

Metzger Joël Tamagne erklärt, mit welchen Zutaten, die Saucisse in seinem Hause zubereitet wird: „Sie wird aus Schweinefleisch, Speck, ein wenig Rindfleisch, Kümmel und Knoblauch hergestellt", sagt er, „und da alle Zutaten aus der Schweiz stammen, ist sie eine „GGA"-Wurst", das heisst: Die Saucisse d'Ajoie ist als „Geschützte Geographische Angabe" eingetragen – einmalig also, und nur in der Ajoie erhältlich.

Beherzt greift Monsieur Tamagne in seine Vitrine: „Wie viele seid ihr zu Hause?", Wurst um Wurst packt er ein, setzt noch dicke Scheiben Speck obendrauf. „Voilà, das ist für euch!", sagt er und weigert sich standhaft für die Delikatessen Geld anzunehmen.

So haben wir ein perfektes Picknick in der Tasche. Wo wollen wir es verzehren?  Gleich um die Ecke in einem der ältesten botanischen Gärten der Schweiz? Oder bei dessen Eingang auf einer Sitzbank neben dem Foucault'schen Pendel, das uns im ewigen Kreisen die Drehung der Welt darstellt? Ein Stück weiter hinten bei den Apfelbäumen? Dort neben dem „Musée jurassien des sciences naturelles" stehen die alten lokalen Apfel- und Birnbäum-Sorten in Reih und Glied. Unter ihnen finden wir auch die Apfelsorte „Rose d'Ajoie".

Der Fotografin fällt ein, welche Ecke in Porrentruy sich als lauschiger Picknick-Platz anbietet: Der Gartensitzplatz unserer Pension, zu Fusse des Schlosses, direkt am „Creugenat"-Bach. Dass wir in diesem Gästehaus gebucht hatten, war ein Glücksfall. Im Internet steht geschrieben, das Haus sei eine „Mischung aus Mittelalter, Märchen und modernem Design". Unsere Erwartungen waren daher hoch, wurden aber durch die aufmerksame Art der Gastgeberin Fabienne Rossi noch übertroffen. Die 56-jährige aus dem Tessin stammende Baslerin führt das Gästehaus mit nur drei Zimmern seit vier Jahren, verleiht ihm als gelernte Textildesignerin und stilsichere Brocante-Händlerin einen eigenwilligen Charme.

Ziegenkäse als Wanderproviant

Fabienne Rossi macht uns auf neue Wander-Routen in der Ajoie aufmerksam: Die „Chemins du bio" sind Wanderwege, die von Bio-Hof zu Bio-Hof führen. Dabei melden sich die Wanderer für eine Route an, schlafen auf dem einen Bauernhof, bekommen nach einem Bauern-Frühstück ein Znüni mit auf dem Weg, wandern zum nächsten Hof, essen dort zu Mittag, danach geht's weiter zum nächsten Hof…

Das wollen wir sehen! Wir fahren zum Dorf Roche d'Or, vorbei an sattgrünen Weiden, blicken in die hügelige Weite nach Frankreich, biegen ein in ein bewaldetes Tal. Bald erreichen wir wohl das Ende der Welt, könnte man meinen…

Nein, da erblicken wir die Dächer der Ferme la Vaux der Familie Schöni, werden als erstes von neugierigen Ziegen empfangen. Hier machen die Wanderer auf den „Chemins du bio" also Zwischenhalt und gewinnen Einblick in den Arbeitsalltag der Bauersfamilie: Diese produziert unter andrem in der hofeigenen Sennerei Käse aus Kuh- und Ziegenmilch.

Am Samstagmorgen, auf dem Wochenmarkt von Porrentruy ist der Verkaufsstand der Bäuerin Eva Schöni dicht umdrängt: Ihr Ziegenfrischkäse sind begehrt. Zuweilen bietet sie auch Fleisch an. Wenn sie jeweils frisch geschlachtet habe, dann seien die vakuumierten Fleisch-Pakete jeweils im Nu ausverkauft, berichtet sie. Beim Stichwort Fleisch beginnt sie vom beliebtesten Fest der Ajoie zu schwärmen (siehe Box), dem Sankt-Martins-Tag, zu dem tausende von Festfreudigen zusammenströmen. „Dann isst man traditionell Schweinefleisch,, sagt Schöni, „Wir stellen alle zehn Gänge selbst her." Eine Bäuerin vom Stand nebenan hört, dass wir von Fleischgerichten sprechen. Sie empfiehlt uns, das in der Ajoie weit herum bekannte Tatar des Restaurant du Lion d'Or in Cornol zu kosten.

Kurz darauf verwöhnt uns dort der Wirt Yves Rondez erst mit einer Karpfen-Friture nach „geheimem Familienrezept". Anschliessend bereitet seine Frau Hèlene Rondez direkt am Tisch ein Rinds-Tartar nach allen Regeln der Kunst zu. Satt und erfüllt treten wir den Heimweg an. Doch seltsam: Warum ist es im Auto so still? Kein Smartphone-Gepiepse? Wir haben es irgendwo liegen gelassen. Sinnigerweise.

Text: Gabriela Bonin

Fotos: Flurina Rothenberger

Box: Schweizer Zipfel in Frankreich

Die Ajoie liegt nur fünf Autostunden von Paris entfernt, eine von Basel, zwei von Zürich – und fern ab von jeglichem Dichtestress. Sie ist als kleiner „Pruntruter Zipfel" des Juras halbseitig von Frankreich umrundet. Die Landschaft der Ajoie, mit ihren fruchtbaren Böden und Weinbergen ist besonders bei Wanderern und Radfahrern beliebt. Das touristische Highlight der Gegend ist das Sankt-Martins-Fest, ein Markt-und Saumetzgete-Fest, das jeweils an jenem Sonntag gefeiert wird, der dem Martinstag, dem 11. November, am nächsten liegt. Im Mittelpunkt des Volksbrauchs steht ein üppiges Festmahl mit verschiedenen Gerichten vom Schwein.

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