Leseproben und Projektbeschriebe

Stevia: Freipass zur süssesten Verführung

Angenommen es gäbe die Lust für einmal ohne die Sühne, dann hiesse sie Stevia Rebaudiana: Dieses südamerikanische Kraut bescherte uns dann nämlich das grenzenlose Geschlemme im grossen Land der Süssigkeiten: Bonbons und Ka …

März 2010  |   5 Minuten

Angenommen es gäbe die Lust für einmal ohne die Sühne, dann hiesse sie Stevia Rebaudiana: Dieses südamerikanische Kraut bescherte uns dann nämlich das grenzenlose Geschlemme im grossen Land der Süssigkeiten: Bonbons und Kaugummis, Limonaden und Kuchen – mit Stevia gesüsst, schmecken sie mindestens so gut wie mit Zucker und sind erst noch unserer Gesundheit zuträglich. Denn Stevia süsst etwa 300 mal so stark wie Zucker, hat aber keine Kalorien. Es verhindert Zahnbelag, verhütet daher Karies, hat keinen negativen Einfluss auf die Insulinausschüttung und ist somit auch für Diabetiker unbedenklich. Zudem enthält es zahlreiche Vital- und Nährstoffe sowie Spurenelemente und wirkt positiv auf das Säure-Basen-Gleichgewicht, den Stoffwechsel, die Verdauung und das vegetative Nervensystem.

Bahn frei also für den lustvollen, gesunden Eintritt ins Schlaraffenland? Woher auch – irgendeinen Haken hat ja jede Sinnesfreude. In diesem Fall bremst uns das Bundesamt für Gesundheit. Die Herren Beamten wollen Stevia hierzulande nicht als Lebensmittelzusatz zulassen, genauso wie es die Europäische Union und Weltgesundheitsorganisation WHO ablehnt. Denn es reicht nicht, dass eine Substanz wie Stevia seit Jahrhunderten in anderen Ländern (Paraguay, Brasilien) verwendet wird und seit Jahrzehnten wissenschaftlich untersucht wird (in Japan) und keine Schädigung auf den menschlichen Organismus nachgewiesen wurde – Stevia müsste, um hierzulande anerkannt zu werden, nach unseren eigenen nationalen Kriterien untersucht werden: Es müsste explizit erforscht werden, dass sämtliche toxikologische Gefahren auszuschliessen sind. Und dies, so der Zürcher Professor für Naturheilkunde Reinhard Saller „gelänge heutzutage wohl nicht mal mehr der Kartoffel“, lauern doch in ihrer Schale auch toxische Elemente. „Wäre Stevia vor zwanzig, dreissig Jahren populär geworden, als es noch nicht so scharfe Regelungen gab, wäre es heute wohl zugelassen“, vermutet Reinhard Saller.

Doch die fehlende Zulassung bedeutet noch längst kein Verbot. Wer im Stevia-Land naschen will, muss dies einfach auf eigene Verantwortung tun. „Ich würde es als unbedenklich einstufen“, meint Professor Saller, „aber Beweise dafür habe ich nicht“. Immerhin, so der Naturheilforscher, könne es den Konsumenten beruhigen, dass in Japan seit Jahrzehnten Stevia in grossen Mengen konsumiert wird ohne dass bisher Menschen zu Schaden gekommen sind (siehe Box). Weit mehr Erfahrung damit haben die Guarani- und Mato-Grosso-Indianer in Paraguay und Brasilien. Sie nutzen das Süsskraut seit über 1000 Jahren. Richtig „entdeckt“ wurde es vom Schweizer Botaniker Moisés Bertoni, der es 1926 in Paraguay untersuchte und begeistert notierte: „Als Süssmittel so kraftvoll wie Sacharin und ohne seine Nachteile, hat es keine andere Wirkung als dass es leicht tonisch wirkt. Stevia kann in täglichen Dosen konsumiert werden, die viel höher liegen, als sie je benötigt würden.“

Das süsse Geheimnis der Stevia-Pflanze liegt in einem komplexen Molekül mit dem Namen Steviosid. Es handelt sich dabei um ein Glukosid aus Glukose, Sophorose und Steviol, welches noch nicht vollständig erforscht ist: „Bei Steviol besteht der Verdacht, dass es mutagen wirkt“, erklärt Josef Schlatter, Leiter der Fachstelle Toxikologie vom Bundesamt für Gesundheit BAG. Dies könnte bedeuten, dass die Einnahme von Steviol, das Risiko genetischer Veränderungen in sich birgt, bewiesen ist dies allerdings nicht. Was indes in Rattenversuchen nachgewiesen werden konnte, ist dass Steviosid empfängnisverhütend wirken kann.

Bleibt also das Abwägen der mangelnden Sicherheit von Stevia gegenüber den Nachteilen von Zucker oder künstlichen Süssstoffen – und hier wendet sich das Blatt zugunsten von Stevia: Denn raffinierter Zucker vermag keinerlei gesundheitliche Vorteile vorzubringen – er schadet bloss: „Weisser Zucker macht dick, raubt dem Körper Mineralstoffe und Vitamin B, forciert Nervenentzündungen, schädigt die Zähne und macht aggressiv.“, so Paul Stark, einer der in der Schweiz führenden Naturheilpraktiker in Winterthur. Und die künstlichen Süssmittel haben den Nachteil, dass sie dem Körper vorgaukeln, er bekäme Zucker zugeführt. Daher löst er fälschlicherweise eine Insulinausschüttung aus – und diese wiederum regt den Heisshunger nach Kohlenhydraten an. „Stevia hingegen“, so Stark, „bewirkt keine Insulinausschüttung. Deshalb eignet es sich gut als Ersatzsüssstoff, selbst für Diabetiker.“

Dennoch beschränkt sich die Nachfrage nach Stevia in der Schweiz auf  einen kleinen Kreis gesundheitsbewusster Naturheilmittelfreunde. Sie finden Stevia hierzulande meist in Form von Teeblättern oder Pulver, das allerdings einen leicht lakritzartigen Nebengeschmack hat. Am neutralsten und süssesten schmecken flüssige Konzentrate, die man in den meisten Apotheken, Drogerien, Reformhäusern oder im Internet erhält. Bei den Grossverteilern sucht man das Kraut vergeblich.

So sind sich denn die Stevia-Befürworter einig: Einem Boom von Stevia stehe eine starke Zucker- und Süssstoffindustrie im Wege, die um ihren Milliardenmarkt bange und deshalb die Zulassung zu verhindern versuche. Den Vertreibern von Naturheilmitteln hingegen – meist kleine Betriebe – ist es finanziell unmöglich, die nötigen wissenschaftlichen Studien zu erbringen, sie setzen allein auf die Mündigkeit des Konsumenten. Und dieser weiss: Der Weg zum Schlaraffenland liegt irgendwo im Geheimnisvollen und war leider noch nie frei von allfälligen Risiken.

Zucker aus dem eigenen Garten

Stevia können Sie auch hierzulande im Garten oder Balkonkistli anpflanzen und dann laufend direkt ab Strauch als Tee geniessen oder die getrockneten, gemahlenen Blätter als Süssmittel verwenden. Aussaat ist zwischen April und Juni: Säen Sie in Schalen oder Töpfen an und behalten Sie diese den ersten Monat noch im Haus. Danach im Freien in Beete verteilen und darauf achten, dass die Staude genügend Wärme und Feuchtigkeit erhält – schliesslich ist sie ein subtropisches Gewächs. Stevia mag sandig-lehmige Böden mit viel organischem Material bzw. Kompost. Unbedingt Frost vermeiden! Ein Wintergarten oder kleines Gewächshaus ist von Vorteil. Der Stevia-Strauch ähnelt im Aussehen dem Basilikum und kann 50 bis 90 Zentimeter gross werden. Ein Brieflein mit ca. 10 Samen kostet Fr. 5.90. Zu beziehen bei Blumen Wyss, www.wyss-blumen.ch. Ebenso erhältlich sind die Stevia-Samen bei den Samen Mauser in Zürich (Shopville und Marktgasse) oder bei Landesprodukte Schmid, Webernstr. 3, 8610 Uster ZH, Tel. 01 940 55 63. Dort können Sie im Frühjahr sogar Stevia-Stöckli kaufen.

Japan

Stevia wird zwar seit über 1000 Jahren von den Einheimischen Paraguays verwendet, findet heute aber seinen grössten Absatz in Japan, wo auch die meisten wissenschaftlichen Studien über die Unbedenklichkeit von Stevia erstellt wurden. Dort hat das Süsskraut bereits über die Hälfte des Süssmittelmarktes erobert. Die Japaner waren die Ersten, denen die Aufbereitung von Stevia-Extrakten zu anderen süss schmeckenden Glykosiden ausser dem gängigen Steviosid gelang. Lebensmitteltechniker haben auch viele Informationen für die Verwendung von Stevia in der Lebensmittelverarbeitung aufgedeckt. So zeigt eine ihrer Studien, dass Stevia bis zu 200 Grad hitzebeständig ist, im Koch- oder Backprozess eine sehr niedrige Zerfallsrate aufweist, nicht gärt, fermentiert oder karamellisiert. Ein weitere Vorteil ist, dass Stevia in sauren Lösungen nicht ausfällt, was es zu einem passenden Süssstoff für kohlensäurehaltige, nichtalkoholische Getränke macht. So findet sich in Japan Stevia in Süssigkeiten, Kaugummis, Backwaren, Müslis, Joghurt, Glace, Mosten, Tees, Süssgetränken wie etwa Cola Light und sogar in Zahnpasten und Mundwässern. Ebenso wird es direkt in den Haushalten verwendet und ist in Restaurants oft neben der Zuckerschale platziert. Die meiste Verwendung findet Stevia in Japan überraschenderweise bei gesalzenen Nahrungsmitteln, weil es die Schärfe des Natriumchlorid mildert. Diese Kombination findet sich in Japan häufig in Lebensmitteln wie eingelegten Gemüsen, getrockneten Meeresfrüchten, Sojasaucen und Misoprodukten. Steviosid wurde auch in Südkorea als Lebensmittelzusatz zugelassen und ist in China, Taiwan und Malaysia ebenso erhältlich. In Paraguay und Brasilien wird Stevia als Heilmittel bei Diabetes verwendet.

Literatur und Infos:

  • „Stevia, sündhaft süss und urgesund“ von Barbara Simonsohn, Windpferd Verlag, Aitrang, ISBN 3-89385-310-3
  • „Stevia rebaudiana, das süsse Geheimnis der Natur“ von David Richard, Verlag Tenum Management AG, Liestal, ISBN 3-9521 466-0-9
  • Informationen im Internet unter www.stevia.ch oder www.medherbs.de oder www.gesundheit-center.de

Share

Gabriela Bonin | Copyright 2018 | Impressum | DatenschutzAGB | Sitemap