Leseproben und Projektbeschriebe

Genau – Amica – Genua für Erstbesucher

Fotos: Gee Ly Fotos: Gee Ly Beim ersten mal fallen sie alle darauf rein: Bestellen ein simples Bier oder einen Prosecco – und dann serviert der Kellner ein Tablett voller Schälchen und Gläser, als ob man aller Art von Antipast …

März 2010  |   7 Minuten

Fotos: Gee Ly

Fotos: Gee Ly

Beim ersten mal fallen sie alle darauf rein: Bestellen ein simples Bier oder einen Prosecco – und dann serviert der Kellner ein Tablett voller Schälchen und Gläser, als ob man aller Art von Antipasti angefordert hätte: Salami, Kapernäpfel, Oliven, Foccacia und andere lokale Spezialitäten türmen sich vor den Genua-Einsteigern . Die Neulinge winken dann erschreckt ab: haben wir doch gar nicht bestellt. „Alles inbegriffen“ erklärt der Kellner mit Gönnermiene und denkt mitleidig, wie mickerig es doch sein muss, dass seine Gäste in ihren Heimatländern die Aperitifs so ohne nix serviert bekommen. Dabei geht’s am Feierabend doch ums genießen – und hier in Genua weiß man das zu zelebrieren. Tagsüber arbeiten die Genuesen hart, danach aber frönen sie ihrem liebsten Alltagsritual: dem „Aperitivo“.

Bars und Cafés gibt’s daher an jeder Ecke. Das schicke Café Doge auf der Piazza Matteotti ist einer der beliebtesten Treffpunkte für Aperitifs: Da sitzen wir unter weißen Sonnenschirmen, genießen den Ausblick auf den autofreien Platz, der so großzügig und weitläufig ist wie eine echte italienische Piazza sein soll, umgeben von Prachtbauten aus den letzten vier Jahrhunderten, modernen Boutiquen und eleganten Cafés. Von hier aus gehen die Altstadtgassen Genuas in alle Himmelsrichtungen ab, verlieren sich in einem hügeligen Labyrinth aus Gassen, Hinterhöfen, Arkadenplätzen und Esplanaden. Mit einer Fläche von über 113 Hektar – das entspricht rund 150 Fußballfeldern – ist Genuas Centro Storico die größte zusammenhängende Altstadt Europas.
 
Man braucht Tage, um diese Altstadt zu erfassen. An jeder Ecke überrascht sie uns mit einer neuen Entdeckung: eben zwängten wir uns an dreirädrigen Ape-Transportern vorbei durch enge, schattige Gassen mit lauter kleinen Ladenlokalen, schon findet wir uns auf einer Piazza vor einer mittelalterliche Kirche im gleißenden Sonnenlicht wieder. Alle paar Meter duckt man sicher unter Baugerüsten, passiert Halbruinen und historische Bauten und staunt dann wieder über die vielen prächtig neu renovierten Palazzi. Noch dichter könnten Häuser kaum aneinander gebaut und verschachtelt werden. Sechs, sieben Stockwerke hoch, stehen sie an einigen Stellen so eng beisammen, dass man sich von Fenster zu Fenster die Hand reichen könnte. Über uns baumeln Wäschestücke an den Leinen, auf den Gehsteigen verkaufen fliegende Händler Fische, Slips, Wassermelonen, gefälschte Designer-Label.
Wir flirrend und aufregend ist dieses Nebeneinander aus norditalienischem Chic und süditalienisch anmutendem Chaos! Es riecht nach Hafen, frisch gebackener Pizza, Gemüseabfällen, süßen Pfirsichen. Italiener, Afrikaner, Chinesen und Südamerikaner wuseln vorbei, rufen sich zu, verhandeln, pfeifen, betreten da eine Werkstatt, eine Galerie, eine Boutique, dort eine Kolonialwarenhandlung, eine moslemische Metzgerei, eine Farinata-Imbissbude mit ihren knusprigen Kichererbsenfladen. Seit Jahrhunderten ist Genua ein Einfallstor zwischen Nord und Süd, ein Anziehungspunkt für Einwanderer aus aller Welt.
Auch Piero Millefiores Familie ist eingewandert – aus Süditalien. Er ist Künstler und Architekt und arbeitet seit Jahrzehnten im Centro Storico. „Noch vor zehn, fünfzehn Jahren lungerten in diesen Gassen an jeder Ecke Drogenhändler, illegale Immigranten und Prostituierte herum“, erzählt er „viele Häuser waren dem Verfall nahe, die Gassen waren abends düster und verlassen.“ Die Genueser mieden ihre Altstadt. Inzwischen habe sich das sehr verändert, so schön und lebendig wie jetzt habe er das Centro Storico noch nie erlebt, sagt Piero. Sein Vater war nach dem Zweiten Weltkrieg als armer Sizilianer ins vermeintlich wohlhabende Norditalien gezogen. Jahrelang verkaufte Papa Millefiore Plastikblumen auf der Straße, mehr als eine lotterige Absteige in Genuas anrüchigem Hafenviertel konnten sich die Millefiores in jener Zeit nicht leisten. „Es war damals eine Schande, in der Altstadt zu wohnen“, erzählt Millefiore. Wie erstarrt lag die Hafenmetropole nach dem Krieg über 
Jahrzehnte hinweg in einer wirtschaftlichen Krise.
Heute ziehen In-People, Kreative und Intellektuelle in Scharen in Genuas Herzstück  – eine neue Stadt innerhalb der alten Stadt ist entstanden. Das Centro Storico ist hip geworden – bloß haben das 
bislang erst die 700 000 Genuesen gemerkt. Der Rest der Welt tut so, als sei Genua noch immer die heruntergekommene Hafenstadt von gestern. Dabei  verbarg die Stadt, unter dem Lumpenkleid ihrer schlampigen Altstadt seit jeher mediterrane Eleganz und ein adeliges Herz – der neu renovierte Rokokobau Palazzo Spinola oder die in der Renaissance entstandene Prachtstraße Via Garibaldi, in der einst die Genuesische Elite residierte, zeugen davon. Man muss sich die Stadt bloß mal von oben betrachten, von einem ihrer Hügel aus, und zuschauen wie die großen Frachter aus aller Welt im Hafen einlaufen, wie sich die Küste mit den zahlreichen Villen endlos in die Länge zieht und die pächtigen Kirchtürme im Abendrot leuchten – dann spürt man die Grandezza dieser Stadt. Zu Zeiten Kolumbus’ war Genua eine der reichsten, weltoffensten und schillerndsten Städte der damaligen Welt.
Genuas Comeback begann vor rund 15 Jahren, als die Stadtväter die Architekturabteilung der Universität in die Altstadt versetzten und auf den Ruinen eines zerfallenen Klosters ein neues Fakultätsgebäude errichten ließen. Fortan eroberten sich die Studenten die vernachlässigten Gassen. Seither schießen ständig neue Bars, Restaurants, kleine, moderne Ladenlokale aus dem Boden. Zwischen 1987 und 1991 wurde das im Zweiten Weltkrieg zerbombte Opernhaus Carlo Felice wieder aufgebaut. Dann ging es Schlag auf Schlag: 1992 leistet sich Genua für seine Kolumbus-Feiern und die Expo ein komplettes Facelifting des alten Hafens durch den weltbekannten Architekten Renzo Piano. 1993 eröffnete auf dem Hafengelände das größte Aquarium Europas, das jährlich über 1,5 
Millionen Besucher anlockt. 2001 wurden für den G8-Gipfel schließlich zahlreiche Kirchen und historische Palazzi der Altstadt rausgeputzt und renoviert. Ganze Straßenzüge sowie die prächtige Piazza de Ferrari wurden verkehrsberuhigt, und immer mehr kreative Jungunternehmer hielten in der Altstadt Einzug.
Alles, so glaubten die Genuesen, würde nun gut werden. Doch dann schienen die blutigen Krawalle am G8 vorerst alle Bemühungen zunichte gemacht zu haben. „Die Stadt hat mit dem G8 eine große 
Chance verspielt“, sagt Paolo Musso, einer der jungen Pioniere Genuas, der vor vier Jahren im Palazzo Ducale das Online-Stadtmagazin Mentelocale gegründet hat – eine Internet-Redaktion, die nebenbei ein sehr beliebtes Café und ein Edelrestaurant betreibt. Mentelocale hat sich in kürzester Zeit zu Genuas trendiger Drehscheibe für Kultur und Konsum etabliert. Surft man sich durch die Mentelocale-Site, ergeht es einem wie beim Spaziergang durch die Altstadt: Man spürt die Aufbruchstimmung der Stadt, entdeckt ständig neue Lokale und stellt dabei befriedigt fest, dass all die Neuerungen nicht zu hohlen Hypes verkommen, sondern sich mit Genuas Traditionen und Geschichte spannungsvoll verknüpften. So glaubt denn Musso trotz des G8-Dramas an seine Stadt: „Genua hat seine Krise überwunden, und 2004 erhalten wir eine zweite Chance, um dies dem Ausland zu beweisen“ – dann nämlich wird Genua Europas Kulturhauptstadt. Drei große Ausstellungen werden dabei im Mittelpunkt stehen: eine über Rubens, eine über Transatlantikfahrten und eine über den Zusammenhang von Kunst und Architektur. Neue Museen wie das Meer- und Schifffahrtsmuseum werden ihre Tore öffnen. Und die seit Jahren geschlossene Galleria d’Arte Moderna wird im schicken Genueser Vorort Nervi eröffnen.
Fieberhaft laufen die Vorbereitungen für „Genova 2004“: Noch mehr Renovierungen, noch mehr Straßenzüge, die im neuen Glanz  – Genuas Dornröschenschlaf ist endgültig zu Ende. Die norditalienische Schönheit ist nicht mehr zu übersehen. Fast bedauern wir es ein wenig, dass inzwischen immer mehr Touristengruppen auftauchen, sich am Porto Antico durch das Aquarium drängeln oder über die gotisch-romanischen Kathedrale San Lorenzo herfallen – würde man der Stadt ihre neuen Verehrer nicht so gönnen, würde man Genua am liebsten weiterhin verschweigen. Wir trösten uns damit, dass sich die Stadt längst nicht jedem Schnelltouristen an den Hals wirft. Genua, die Stolze, offenbart sich nur zurückhaltend, will langsam entdeckt werden.
Wer sich die Stadt erobern will, muss als erstes ihr Initiationsritual bestehen: die ihr entsprechende Einnahme des Aperitivo – ganz genüsslich und gemächlich. Kein Besucher kommt an dieser Einführung vorbei. Die muss man bestehen, sonst hat man von Genua nichts verstanden.
 
 
TIPPS FÜR GENUA
 
FÜR ERSTBESUCHER
Hotel: Astoria, Piazza Brignole 4, +39 010 87 33 16, www.hotelastoria-ge.com: üppig neoklassisch, auf sympathische Weise leicht heruntergekommen.
Sightseeing: Alter Hafen (Porto Antico) mit Aquarium: Mediterrane Vergnügungsmeile
Einkaufen: Mainstream-Mode in den Boutiquen an der Via XX Settembre. Dort (Ecke Piazza Colombo) befindet sich auch der prächtige Mercato Orientale, Genuas grösste Markthalle seit 1899.
Kunst: Kunstausstellungen im Palazzo Ducale, Piazza Matteotti. Der beste Kultureinstieg in Genua.
Restaurant: Pansön, Piazza delle Erbe 5r, +39 010 246 89 03. Serviert seit 1790 genovesische Spezialitäten.
Café: Doge-Bar, Piazza Mateotti 5: Schöner lässt es sich nicht Capuccino trinken.
Eisdiele: La Cremeria delle Erbe, Vico delle Erbe 15, 010 246 92 54: Das beste, hausgemachte Eis in ganz Genua.

Bar: Bar Berto, Piazza delle Erbe 6r: Liberty-Bar inmitten zahlreicher anderer Bars an der beliebten, kleinen Vergnügungs-Piazza delle Erbe.
Club: Fitzcarraldo (neuer Name: Café del Mar), Piazza Cavour 35r: Dauerangesagter Schuppen beim Hafen, gute Lage, junges Publikum, lauter Sound.
Internet: www.mentelocale.it: Alle Infos über Genuas Kultur-, Gastro-, Sport- und Nachtleben.


FÜR VERLIEBTE
Hotel: Romantikhotel Villa Pagoda, Via Capolungo 15, 16167 Genua-Nervi, Tel. +39 010 372 61 61, www.villapagoda.it: Prachtbau aus der Jahrhundertwende in Nervi, dem Villen-Vorort von Genua.
Restaurant: Le Colonne di San Bernardo, Via San Bernardo 59r, Tel. +39 101 246 12 52: schickes, neues Lokal mit romantischer Terrasse mitten in der Altstadt.
Café: Caffé degli Specchi, Salita Pollaivoli 43r: Jugendstilcafé mit hübschem Gewölbe voller Kacheln und Spiegeln.
Bar: Delfin-Bar, Sottoripa 35r, Ecke Ponte Reale: Beliebter Treffpunkt beim Hafen, bekannt für seine leckeren Cocktails, sehr schön während des Sonnenuntergangs.
Konditorei: Pietro Romanengo fu Stefano, Via Soziglia 74r: In der Traditions-Confiserie von 1814 gibt’s kanditierte Veilchenblüten und andere Zuckerträume für Verliebte. Gleich nebenan (Nr. 35) befindet sich das dazugehörende Café.
Wellness: Hamman, Via Bartolomeo Bosco 33, Genova, 010 595 41 33. Körperkult im iranischen Stil
Ausflug: Eine Nacht auf der autofreien Halbinsel Punta Chiappa im romantischen Hotel Stella Maris, www.stellamaris.meyerhoff.net, Tel. 0185 770 285: der Geheimtipp für Romantiker, die Abgeschiedenheit suchen.
Club: La Madeleine, Via della Maddalena 103r, sympathischer, leicht alternativer Weinkeller mit Live-Konzerten, Theater, Cabaret.

FÜR FREUNDINNEN
Hotel: Hotel C. Colombo, Via di Porta Soprana 27, Tel./Fax +39 010 251 36 43, www.hotelcolombo.it: Klein, fein, mit schöner Dachterasse.
Einkaufen: in den bunten, günstigen Läden und bei den fliegenden Händlern in der quirligen Hafenstrasse Via del Campo.
Restaurant: Trattoria da Franca, Vico della Lepre 4/8/10r. Tel. +39 010 247 44 73: hübsches, traditionelles Fischlokal mit leckerem Cappun Magru (Ligurische Fischterrine) und guten Weinen.
Café: Antica Pasticceria Klainguti, Piazza Soziglio 98r: Traditions-Konditorei mit traumhaften Torten und Kuchen. Seit 1828 unverändert.
Bar: La Lepre, Piazza Lepre 5r: Trendbar mit einem Schuss Alternativgeist
Snack: Dal Romano, Via di Porta Soprana 61r: Herausragende Pizza-Take-away und genovesische Spezialitäten.
Friseur: Bottega di Barbiere, Vicolo Caprettari, 14 rosso: Winziger Salon im Art-deco-Stil, seit 1922 unverändert. Auf Wunsch werden auch Frauen bedient.
Club: Le Corbusier, Via S. Donato 36-38r: Coctail-Bar mit DJs, Photo- und Gemäldeaustellungen.
Spaziergang: Friedhof Staglieno, Piazzale Resasco: Faszinierender Friedhof auf 17 000 Quadratmetern. Zahlreiche prunkige Familienkappellen, zum Teil charmant verlottert.

FÜR SCHICKE
Hotel: Palazzo Cicala, Piazza San Lorenzo, 16, 16123 Genova, +39 010 251 88 24, +39 010 246 74 14, www.palazzocicala.it: Coole Verbindung von Tradition und italienischem Design. Das trendigste Hotel in Genua.
Kunst: Klassische Gemäldegalerien im Palazzo Rosso und im Palazzo Bianco. An der prunkvollen Via Garibaldi (Nr. 11 und 18), in der sich die noblen Adelsfamilien um 1550 prächtige Häuser bauen liessen.
Einkaufen: Italienische Designer-Mode an der Via Roma. Dort befindet sich auch Genuas traditioneller Edelschneider Finollo (Nr. 38r).
Spaziergang: Wunderschöne Uferpromenade mit Parkanlagen im schicken Vorort Nervi.
Oper: Teatro Carlo Felice, Piazza de Ferrari.
Restaurant: Da Rina, Mura delle Grazie 3r, Tel. 010 246 64 75: Bekanntestes Fischrestaurant von Genua, in dem Signora Rina seit 1946 zahlreiche Promis und Politiker beglückt.
Café: „M“-Bar (Mentelocale) im Palazzo Ducale. 
Bar: Zeneise, Via della Maddalena 69r: Kleine, intime, moderne Bar.

Club: Cantina Embriaci, Salita Torre Embriaci

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