Leseproben und Projektbeschriebe

Familienporträts für ein Buch

Für das Buch "Kunststück Familie" haben die Gabriela Bonin und Beat Grossrieder je sechs Familien interviewt und porträtiert. Nachfolgend finden Sie die sechs Texte von Gabriela Bonin:

Büro für Gleichstellung von Mann und Frau, Zürich  |  März 2010  |   19 Minuten

Dzevadin Ajupi, 37, und seine Frau liessen ihre Kinder bis anhin von den Grosseltern betreuen. Für sie als AlbanerInnen ist es selbstverständlich, dass sich die Familie gegenseitig hilft. Dzevadins Eltern kümmern sich auch um das Baby seines Bruders.Meine Frau Lumnije ist die Chefin in unserer Familie. Sie steht um sechs Uhr auf, legt den Kindern ihre Kleider hin, macht Frühstück für uns und bereitet mir das Zmittag zum mitnehmen vor. Das ist doch schön, ich freue mich immer, dass sie alles für uns parat macht. Ich gehe um 6.30 Uhr als erster aus dem Haus. Die Kinder müssen um 8 Uhr zur Schule. Dora ist zwölf Jahre und Harbin acht Jahre alt. Sie sind gute Schüler, einzig im Deutsch sind sie schwach. Ich möchte, dass Dora einmal Ärztin wird, aber sie kann kein Blut sehen und will unbedingt Krankenschwester werden. Und Harbin interessiert sich vorerst nur für Fussball.Ich kam vor 15 Jahren in die Schweiz und arbeite seither in einer Grossgärtnerei. Anfangs war ich Hilfsarbeiter, aber dann sagte mein Chef, du bist ein guter Arbeiter, und machte mich zum Lageristen und Chauffeur. Sefidin, mein Vater, war in dieser Gärtnerei über dreissig Jahre angestellt. Inzwischen ist er pensioniert. Bis vor wenigen Monaten arbeitete auch meine Frau dort. Sie hat dann aber vor vier Monaten gekündigt, weil sie sich mit ihrer neuen Gruppenchefin nicht verstand und darum immer weinen musste. So ist es besser wenn sie nicht mehr dort arbeitet, denn nur für Geld machen wir doch nicht unser Leben kaputt. Ich bin Hauswart und seit Lumnije arbeitslos ist, hilft sie mir verstärkt in diesem Amt: Sie leert die Container, putzt das Treppenhaus und die Fenster. Lumnije spricht kein deutsch. Als die Kinder noch klein waren, hatte sie keine Zeit, um die Sprache zu lernen. Später arbeitete sie in der Gärtnerei, und das ging auch ohne Deutschkenntnisse. Wenn ich nun für sie bei Arbeitsstellen anrufe, heisst es immer, dass sie keine Chance hat, wenn sie nicht deutsch spricht. Lumnija hat sich jetzt für einen Sprachkurs angemeldet. Sie will arbeiten, sonst geht die Zeit ja nicht vorbei, denn die Kinder sind den ganzen Tag in der Schule. Wir sind auch finanziell auf ein zweites Einkommen angewiesen.

Früher lag die Gärtnerei gleich um die Ecke. Da auch meine Eltern im Nachbarhaus wohnen, war das ideal. Lumnije und ich hatten nur eine halbe Stunde Mittagspause, aber das reichte uns, weil wir bei Zenije, meiner Mutter, Mittagessen konnten. Anschliessend kamen auch die Kinder von der Schule und assen mit. Sie gehen bei meinen Eltern jeden Tag ein und aus. Ob sie in unserer Wohnung oder bei den Grosseltern sind, ist egal. Mein Bruder und seine Frau sind auch oft bei unseren Eltern zu Besuch und lassen ihr sechsmonatiges Mädchen fast immer bei ihnen, weil sie beide arbeiten müssen. In unserer Familie hilft jeder dem anderen. Dieses Gemeinschaftsgefühl kenne ich von klein auf. In meinem Heimatdorf im Kosovo lebten etwa 70 Familien und alle haben zueinander geschaut. Wenn wir in unserer Familie unterschiedliche Meinungen haben, dann diskutieren wir alle miteinander. Es ist nicht so, dass einfach der Mann bestimmt. Wir entscheiden danach, wer die beste Idee hat.

Vor einem Jahr ist die Gärtnerei in den Aargau umgezogen. Ich kann nun über Mittag nicht mehr nach Hause kommen und habe fast eine Stunde Arbeitsweg. So komme ich erst gegen 17.30 Uhr nach Hause. Dora spielt dann meistens mit ihren Freundinnen. Im Sommer gehen wir nach Feierabend manchmal in die Badi. Die Kinder essen dort Pommes Frites und ich gönne mir ein Bier. Ich habe Kinder sehr gern und finde es schön, wenn Dora und Harbin viele Freunde nach Hause bringen, egal aus welcher Nation sie stammen. In Doras Klasse sind 13 Nationen vertreten. Wir sind Moslems, aber nicht streng gläubige und daher finde ich es auch gut, wenn Dora in der Schule vom Sinn der Weihnachten erfährt oder wenn sie mit Buben zusammen in den Schwimmunterricht geht. Meine Kinder sollen so aufwachsen wie alle Kinder in der Schweiz und sie sollen tun, was die anderen auch tun – bloss nicht Drogen nehmen oder Zigaretten rauchen.

Zum Glück wohnen wir im Kreis 3 in einer guten Gegend. Der Migros und die Schule sind in der Nähe, es gibt wenig Verkehr und sehr schöne Spielplätze. Aber im Kreis 4 oder 5 würde ich nicht mal gratis wohnen. Dort gibt es keine Orte zum spielen, es ist hektisch und hat zu viele Dealer. Ich weiss, dass Albaner in Zürich wegen des Dealens einen schlechten Ruf haben, aber wir albanischen Familien finden die Dealer auch schlecht. Da stellt eine kleine Gruppe aus unserem Land viel Unrecht an. Nur wegen Geld machen sie das Leben von vielen Kindern kaputt. Das tut mir im Herzen weh. Aber jede Nation hat ihren schlechten Leute. Dealer sollten lebenslang ins Gefängnis.

Ich lebe gerne in der Schweiz. Alles ist tiptop und die Leute sind hilfsbereit. Das politische System in meiner Heimat gefielt mir nicht. Ich finde, dass Schweizer System ist das beste. Und meine Kindern lernen viel in den Schweizer Schulen. Der einzige Nachteil ist wohl der, dass sie hier weniger frei sind als in meiner Heimat. Sie müssen mehr Regeln einhalten. Als Dora kürzlich mit ihren Freunden nach 20 Uhr noch im Hof spielte, schimpfte sie die Nachbarin eine Dreck-Ausländerin.

Unsere Kinder gehen zwischen 21 und 22 Uhr ins Bett. Bald schon gehe auch ich schlafen – ausser es gibt ein gutes Fussballspiel am Fernsehen. Dann bleibe ich auch mal bis Mitternacht auf.

 

Patrizia Caputo, 48, ist Ärztin und Mutter von vier Töchtern. Die Homöopathin und ihr Mann nutzten für die Betreuung ihrer Kinder Haushaltshilfen, Krippen und ein grosses Beziehungsnetz. Sie fühlen sich in jeder Hinsicht privilegiert.Die frühen Stunden sind die ruhigsten. Ich stehe als erste um sechs Uhr auf. Bis Piera und Paola das Badezimmer in Beschlag nehmen, bin ich längst aus dem Haus. Wenn zwei jugendliche Frauen sich schminken und zwanzig mal umziehen müssen, dann haben wir Eltern im Bad nichts mehr zu wollen. Es wohnen bloss noch die beiden jüngeren Töchter bei uns, Paola und Piera. Sie gehen noch zur Schule, sind 14 und 18 Jahre alt. Luigia, die älteste Tochter, ist 24, lernt Metallbauschlosserin und hat eine eigene Wohnung. Francesca, die zweitälteste, ist 21, wohnt in einer WG, jobbt in einem Szenenlokal und macht die Erwachsenenmatur.Ein fixes, gemeinsames Familienfrühstück gabs bei uns nie. Unsere vier Töchter verliessen morgens jeweils zu unterschiedlichen Zeiten das Haus, hatten meist keine Zeit zum frühstücken. Ich ging immer als erste aus dem Haus – wenn ich jetzt so zurückdenke, muss ich lachen: Ob mein frühes Weggehen wohl eine Flucht war? Es war immer mein Mann, der darauf achtete, dass unsere Töchter rechtzeitig aufstehen und in die Schule gehen.

Ab sieben bin ich in meiner Praxis. Da trinke ich erst mal einen Kaffee. Das ist in der Homöopathie verpönt, dennoch trinke ich Kaffee, weil ich ihn einfach mag. Meine Praxis liegt in der Nähe vom Bellevue. Manchmal treffe ich meinen Mann kurz im Odeon oder irgendwo im Niederdorf zum Mittagessen. Fernando ist Süditaliener. Er war Verkaufsingenieur, wurde mit 52 frühpensioniert; das war vor sieben Jahren. Seither bezeichnet er sich als ‚Zeitmillionär' und Baumpflanzer. Fernando hat Musse. Er liest sehr viel Zeitungen und Bücher. Er hat diese Fähigkeit, die wohl nur Männern aus dem Süden eigen ist: einfach da zu sein, präsent zu sein, ohne Aktivität. So ist er oft zu Hause und somit auch eine solide Basis für unsere Töchter. Alle zwei Monate fährt er für drei Wochen in seine Heimat nach Apulien. Dort widmet er sich einem Aufforstungsprojekt.

Keine Frage, wir sind in jeder Hinsicht privilegiert. Andere Eltern müssen sich viel mehr abstrampeln, um ihre Familien über die Runden zu bringen. Selbst die Kleinkinderphase habe ich nicht als anstrengend in Erinnerung. Unsere drei ersten Töchter kamen während meines Medizinstudiums zu Welt. Rund um die Geburten machte ich Urlaubssemester. Das Lernen fiel mir einfach. Ich studierte gerne und mochte die Kulturwechsel zwischen Uni und Familie. Wir wohnen im Parterre einer Genossenschaft. Der Hof ist quasi eine Wohnungserweiterung. Es gibt daher viel Spielraum. Ich hatte mit sechs, sieben Müttern aus der Nachbarschaft guten Kontakt. So teilten wir uns die Aufsicht der Kinder, wenn sie im Hof spielten. Bei Luigia, der ersten Tochter, halfen auch Freundinnen und meine Mutter in der Betreuung mit. Luigia ging zudem schon als Einjährige in die Kikri. Das ist die Kinderkrippe der ETH. Anfangs besuchte sie die Kikri zwei Nachmittage die Woche, später immer öfter. Die Kikri war eine sehr kreative Krippe mit guter Stimmung, sie wurde von zwei Powerfrauen aus der 68er-Bewegung heraus gegründet. Unsere Töchter haben alle die Kikri besucht und viel davon profitiert. Sie liegt nur wenige Fussminuten von unserer Wohnung und der Universität entfernt, auch das war ideal.

Als ich mit der dritten Tochter schwanger war, stand ich kurz vor dem Staatsexamen. Ich lernte sehr konsequent. Wir hatten damals schon die Maria, eine Spanierin, die zwei mal die Woche bei uns putzte. Ebenso engagierten wir seit einigen Jahren regelmässig Au-Pairs oder Haushaltpraktikantinnen. Es war also immer eine junge Frau bei uns im Haushalt. Und wenn Maria da war, warf auch sie ein Auge auf die Kinder. Wir hatten ein optimales Netzwerk.

Jede Bezugsperson, mit der das Kind eine Beziehung aufbaut, kann für das Kind ein Gewinn sein. Und falls es kein Gewinn ist, so ist es zumindest eine gute Herausforderung. Natürlich kann man sich als Eltern eine solche Haltung nur leisten, wenn man den Kindern eine gewisse Stabilität bieten kann, eine feste Basis, von der aus sie ausserfamiliäre Beziehungen knüpfen können. Ebenso geht es nur, wenn man seinen Kindern und der Fremdbetreuung Vertrauen schenkt. Für Fernando und mich war dies ein Grundsatzentscheid: Wir liessen den Dingen vertrauensvoll ihren Lauf.

Jede unserer Töchter verbrachte ihre ersten Schuljahre in der Steiner-Schule. Uns gefiel der pädagogische Ansatz der Schule. Zudem waren uns die Blockzeiten willkommen. Während einer gewissen Phase bezahlten wir für Krippe, Schule und Haushaltshilfe rund 4000 Franken pro Monat. Das war viel Geld, aber wir kamen immer recht gut über die Runden. Ich habe nie mehr als 70 Prozent gearbeitet, meistens waren es 50 Prozent. Dennoch hatte ich auch sehr anstrengende Phasen, vor allem als mein Mann mit 12-Stunden-Tagen beruflich noch stark unter Druck stand. Wenn ich sehr erschöpft war, ging ich jeweils zu meinem Homöopathen. Er konnte mich immer wieder aufrichten.

Bis vor kurzem ging ich über Mittag heim. Inzwischen kommen Piera und Paola aber immer seltener zum Mittagessen. Unsere Töchter sind nun bald alle erwachsen, vieles ist im Umbruch. Wir Eltern haben plötzlich viel mehr Zeit zur Verfügung. Deshalb habe ich ein neues Studium angefangen. Zur Zeit studiere ich Jus und bin fasziniert davon.

Normalerweise komme ich um 16 Uhr nach Hause. Fernando kocht gerne, am liebsten für grosse Gruppen. Das Abendessen verbringen wir als Familie, zusammen mit Piera und Paola. Anschliessend schauen Paola und ich gerne Fernsehen oder wir gehen zusammen ins Kino. Wir mögen Actionfilme. So gegen zehn Uhr gehe ich ins Bett. Die anderen bleiben meist noch länger auf.

 

Elvira Ghiani, 41, hat einen italienischen Ehemann und vier Söhne. Ihr Mann ist ein verantwortungsbewusster Familienvater, sie eine überzeugte Mutter und Hausfrau – obschon sie sich dabei öfters belächelt fühlt.Früher dachte ich, die berufstätigen Mütter seien diskriminiert – heute habe ich oft den Eindruck, wir Hausfrauen würden benachteiligt. Wir sind mittlerweile in der Minderheit und werden nicht ernst genommen. Wenn ich an einem Elternabend teilnehme, treffe ich dort höchstens zwei, drei Mütter oder Väter an. Die anderen arbeiten oder interessieren sich wahrscheinlich nicht. Die Anliegen von uns Vollzeitmüttern werden oft als „überbesorgt" belächelt.Als meine Zwillingsbuben Diego und Dario zur Welt kamen, trat Alessandro, unser Ältester, in die erste Klasse ein. Ein Siebenjähriger und ein Duopack an Babies sind sehr anstrengend. Ich legte Wert darauf, alle Kinder lange zu stillen. War das eine Prozedur mit den Zwillingen! Als sie sieben Monate alt waren, musste ich sie abstillen, ich fühlte mich wie ein ausgesaugter Schwamm. Unterstützung bei der Kinderbetreuung bekam ich kaum. Mein Mann ist als technischer Hauswart voll berufstätig, meine Schwiegermutter lebt in Sardinien, meine Mutter arbeitet noch. Wenn nötig ist sie in einem begrenzten Zeitrahmen für ihre Enkel da – allerdings nur, wenn ich sie darum bitte. Mein Vater half mir jeweils sehr, indem er vor allem mit Alessandro in der Natur etwas unternahm. Er starb vor sechs Jahren, damals waren die Zwillinge zweieinhalb Jahre alt. Ich habe in jener Zeit kaum je eine Freundin oder Nachbarin um Babysitterdienste gebeten.

Nach Alessandro hatte ich ein Kind, das einen Tag nach der Geburt starb. Enrico. Die Trauer um ihn gab meinem Leben eine Wende. Ich bin eigentlich eine extrovertierte Frau, zog mich dann aber mit meinem Schmerz zurück. Allerdings wäre ich froh gewesen, wenn Freunde und Verwandte auch zu mir als trauernde Mutter den Kontakt aufrecht erhalten hätten. Heute frage ich mich, wie ich es mit den Zwillingbabies und Alessandro allein geschafft habe – ich habe in dieser Zeit nur noch funktioniert. Dennoch hätte ich mir bisher nichts Schöneres vorstellen können, als für meine Familie da zu sein. Ich glaube, ich investiere viel in die Betreuung meiner Kinder – und das mit ganzem Herzen.

Mittlerweile ist Alessandro 15 Jahre alt und schon recht selbstständig. Er muss morgens als erster zur Schule und isst deshalb schon um 7 Uhr sein Frühstück. Er kann es sich natürlich selbst zubereiten, oft aber stelle ich es ihm doch noch bereit, weil ich grossen Wert darauf lege, dass er recht isst. Um 7.15 Uhr mache ich das Zmorge für die Zwillinge. Sie sind nun acht Jahre alt. Wenn die Grossen aus dem Haus sind, frühstücke ich um 8.30 Uhr mit Riccardo, dem Kleinsten. Er ist zweieinhalb.

Bei uns ist immer Betrieb. Erst waren die Zwillinge noch in derselben Klasse, nun wurde einer in eine andere Schule versetzt. Als Schulprobleme mit den Zwillingen auftauchten, haben die Lehrer und Behörden nicht das Gespräch mit mir gesucht, sondern einfach über meinen Kopf hinweg entschieden. Ich bin enttäuscht vom Vorgehen der staatlichen Schule. Die Zwillinge haben nun unterschiedliche Schulzeiten, Alessandro hat ebenfalls einen anderen Stundenplan, also muss ich zwischen all diesen Zeitplänen hin- und herzirkeln. Das ist eine Erschwerung in unserer Familienstruktur und schränkt mich persönlich ein.

Den Morgen verbringe ich meist mit putzen, waschen und aufräumen. Solange ich nur ein Kind hatte, war mein Haushalt immer picobello, da konnte ich noch die ganze Show bieten. Als dann aber die Zwillinge da waren, kam ich mir vor, wie eine Hochleistungssportlerin. Ich putzte abends, wenn alle schliefen. Das musste ich mir bald abgewöhnen, sonst wäre ich zusammengeklappt.

Gegen halb zwölf bereite ich das Zmittag vor, dann esse ich mit allen vier Kindern. Um 13.20 Uhr müssen die Grossen wieder in die Schule gehen. Nachmittags gehe ich mit Riccardo ins Freie. Die Zwillinge kommen an ihren schulfreien Nachmittagen auch mit. Pino, mein Mann, ist ein zuverlässiger Familienvater. Wenn er Frühdienst hat, kommt er bereits um 16 Uhr nach Hause. Diese frühen Abende und die Wochenenden verbringt er immer mit uns. Ich wünschte mir allerdings, dass er diese Zeit noch intensiver mit seinen Söhnen nutzen würde, indem er nicht nur präsent ist, sondern sich ihnen bewusst zuwendet. Meist ergreife ich die Initiative für Familienaktivitäten. Wir machen gerne Ausflüge, gehen oft in den Zoo oder in unseren Schrebergarten.

Die vergangenen 16 Jahre gab es für mich in erster Linie die Familie, ich fühlte mich von der Aussenwelt quasi ausgeschlossen, vermisste aber nichts. In letzter Zeit denke ich indes daran, wieder einmal Teilzeit arbeiten zu gehen. Das kommt allerdings nicht in Frage bevor Riccardo im Kindergarten ist. Was ich mir auch wünschte wäre mal ein Wochenende mit meinem Mann alleine oder regelmässig einen Abend nur für uns zwei. Früher gingen wir gerne tanzen, heute bleiben wir abends immer zu Hause. Wohl habe ich eine gute Freundin, die, wenn nötig, einige Stunden auf die drei Jüngeren aufpasst, aber wem könnte man schon vier Kinder für längere Zeit zur Betreuung zumuten, damit Pino und ich mal alleine wären? So bleibt halt immer etwas auf der Strecke: Meine persönlichen Bedürfnisse, ein gewisser Zauber in der Partnerschaft. Aber es lohnt sich: Meine Kinder gedeihen gut, sie schätzen es, dass ich immer für sie Zeit habe. Im Alter werde ich von all den schönen Erlebnissen unserer Familienzeit zehren.

Da mein Mann gerne kocht, entlastet er mich manchmal mit der Zubereitung des Abendessens. Zwischen neun und zehn, wenn die Kleineren im Bett sind, reden wir Eltern über familiäre Dinge. Manchmal nehme ich abends ein Vollbad und geniesse es, einfach dazuliegen und zu träumen. Ich schaue jeden Abend „10 vor 10", weil ich über das Tagesgeschehen informiert sein will. Anschliessend gönne ich mir gerne einen Fernseh-Krimi oder lese ein Buch. Zum Glück komme ich meist mit wenig Schlaf aus.

 

Die Spanierin Maria Hernandez, 32, hat Zwillingstöchter und vier Tageskinder. Sie sagt, die Liebe zu diesen Kindern und zu ihrem Mann seien ihr grosses Glück. Das hat sie auch verdient, denn ihre Jugend war hart.Wenn du klein bist und ein schlechtes Leben hast, dann willst du, wenn du mal gross bist, deinen eigenen Kindern das Beste geben. Das tue ich mit meinem ganzen Herzen. Ich habe mir immer Kinder gewünscht. Juan hat mir gleich zwei aufs Mal geschenkt. Juan ist ein guter Mann, ein ganz lieber, Gott sei Dank. Er bringt mir oft Blumen. Wir streiten fast nie. Wenn wir Probleme haben, reden wir darüber und suchen nach der besten Lösung. Mein Vater war anders. Er schlug uns Kinder. Er machte Schulden. Meine Eltern sind geschieden. Ich habe kein gutes Verhältnis zu meiner Familie. Als ich mich in Juan verliebte, warf mich meine Mutter aus dem Haus. Damals war ich 18 Jahre alt. Ich ging ins Frauenhaus.Heute wohnen wir in einer hübschen, ruhigen Wohnung mit Garten. Ich stehe morgens um 5.30 Uhr auf. Um 5.45 kommen die Tageskinder zu uns: Sabrina ist zwei Jahre alt, Diana und Tamara sind fünf, und Patrizia ist drei. Sie ist mongoloid und darum noch hilflos wie ein Baby. Kaum sind die Kinder da, legen sie sich alle bei uns in der Stube zum schlafen. Oft lege ich mich auch nochmals hin, Patrizia kuschelt sich dann gerne zu mir ins Bett. Um 7.30 stehe ich erneut auf und frühstücke mit meinen Töchtern Christina und Elena. Sie sind 11 Jahre alt, gehen in die 4. Klasse. Vor ihrer Geburt arbeitete ich als Verkäuferin bei der Migros. Ich hatte die Aussicht, stellvertretende Abteilungsleiterin zu werden, das war dann aber mit den Babies wegen der Arbeitszeiten nicht mehr möglich. Vier Monate nach der Geburt brachte ich die Zwillinge in eine Krippe und arbeitete wieder als Verkäuferin.

Das war eine harte Zeit. Mein Mann musste oft schon um 5 Uhr das Haus verlassen, je nachdem, wo er gerade zu arbeiten hatte. Er ist Tunnelbauer. Ich stand um 5.30 Uhr auf, stillte die Babies. Zum Glück hatte ich viel Milch, ich fand es sehr schön, die Kinder so üppig zu stillen, und es half uns, Kosten zu sparen. Um 7 brachte ich die Zwillinge jeweils in die Krippe, hetzte dann ans andere Ende der Stadt, damit ich dort um 8 meine Arbeit beginnen konnte. Um 17 Uhr hatte ich Feierabend, eine Stunde später holte ich die Kinder von der Krippe ab. Abends kochte ich, brachte die Kleinen ins Bett und ging dann auswärts putzen. Ich hatte also zwei Jobs, dennoch mussten wir aus Plastiktellern essen, besassen kaum rechte Möbel. Ich war zu jener Zeit sehr verschuldet, weil mich mein Bruder mit einem Kredit übers Ohr gehauen hatte.

Zwei Jahre lang arbeitete ich auf diese Weise, dann war ich völlig erledigt. Es tat mir im Herzen ja so weh, die Kinder immer in die Krippe zu geben, aber das Leben ist oft nicht so, wie man es will. Ich wollte nicht, dass meine Mädchen dasselbe Schicksal wie ich erleiden. Ich wuchs bei meiner Grossmutter in Spanien auf. Meine Eltern lebten mit den zwei grösseren Geschwistern bereits in der Schweiz. Ach, wie ich mein Grosi liebte, sie war für mich die Mutter. Aber als ich 13 war, holten mich meine Eltern in die Schweiz. Das war eine Katastrophe. Ich werde es ihnen nie verzeihen. Es brach meiner Grossmutter das Herz. Ich ging in die Oberschule, machte das Werkjahr, wurde Verkäuferin und schliesslich mit 22 Jahren Mutter. Zwei Jahre später sass ich also da, völlig abgekämpft. Mir wurde klar, dass ich meine Kinder nicht länger von mir trennen wollte.

Ich besprach alles mit Juan. Wir nahmen die Kinder aus der Krippe, ich arbeitete bloss noch Teilzeit und die Zwillinge blieben während diesen Stunden bei einer Freundin. Eine andere Freundin hatte vier Tageskinder und plante, nach Spanien zurückzukehren. Sie bot mir an, ihre Tageskinder zu übernehmen. So wurde ich Tagesmutter und konnte endlich mit den auswärtigen Arbeiten aufhören und mit meinen Kindern zusammen sein. Ich erhalte für jedes der vier Tageskinder 700 Franken im Monat. 2800 Franken Monatslohn sind nicht viel, aber ich liebe meine Arbeit und bin dankbar, dass ich dadurch zu Hause bleiben kann.

Die Tageskinder, die ich derzeit betreue, kommen schon seit zwei Jahren zu uns. Jedes Mal, wenn ein Kind von uns weg muss, weil es in den Kindergarten kommt oder weil seine Eltern zurück in ihre Heimatländer ziehen, weine ich für eine Woche. Es ist schrecklich, wenn eines fehlt. Ich liebe den Trubel, den die Kinder veranstalten, gehe gerne mit ihnen spazieren. Wir basteln auch viel. Manchmal besuchen wir den Zoo und essen dort eine Bratwurst. Oder ich nehme alle zusammen mit in den Mc Donalds. Wenn wir zu Hause bleiben, dann koche ich um 11.30 Uhr das Mittagessen. Meine Töchter müssen um 13.45 wieder in die Schule. Die Tageskinder sind dann müde und würden gerne einen Mittagsschlaf machen, aber das lassen ihre Eltern leider nicht zu. Die wollen, dass die Kinder abends so müde sind, dass sie sie nach dem Essen gleich ins Bett stecken können. Die Eltern haben keine Zeit für ihre Kinder, ich frage mich, warum sie überhaupt Kinder machen.

Die Tageskinder werden spätestens um 18 Uhr abgeholt. Dann kommt mein Mann heim und ich koche ein währschaftes Mahl. Nach dem Essen räume ich auf. Christina und Elena gehen um 20 Uhr ins Bett. Wir Eltern schauen dann die spanische Tagesschau oder einen Fernsehfilm. Manchmal spielen wir auch Karten oder machen das, was Liebende eben so tun. Wenn wir abends mal ausgehen, dann dürfen Elena und Christina bei der Nachbarin schlafen. Maria ist Italienerin. Wir haben seit Jahren ein innige Freundschaft zu ihr, ihre Tochter wohnt auch im Haus und ist für mich wie eine Schwester. Manchmal gehen wir auch alle zusammen aus und sind dann eine grosse Familie.

 

Andreas Dietrich, 39, Journalist, hat unterschiedliche Vaterrollen durchlaufen: vom alleinerziehenden Vollzeitpapi bis zum absorbierten Karrieremann. Heute halten sich Arbeit und Familienleben dank einer Teilzeitstelle die Balance.Jo war drei Monate alt, als bei Maria Krebs diagnostiziert wurde. Von da an stand ihr Überlebenskampf im Zentrum unseres Lebens. Jo konnte nicht mehr, wie andere Babies, der ausschliessliche Mittelpunkt der Familie sein. Doch es schien, als würde auch er seinen Beitrag leisten – er war ein einfaches Kleinkind. Eine zeitlang arbeitete ich nicht mehr, um Maria zu unterstützen und um für unser Kind da zu sein. Dann tauschte ich die Redaktoren- gegen eine Produzentenstelle, bei der ich innerhalb von zwei Tagen ein 60-Prozent-Pensum arbeiten konnte. An diesen Tagen besuchte Jo die Krippe. Die restliche Zeit kümmerten wir uns gemeinsam um ihn, wobei wir stark von unserem Umfeld unterstützt wurden. Freunde, Freundinnen und die Grossmütter halfen uns sehr.Als Maria starb, war Jo ein Jahr und vier Monate alt. Es galt nun, irgendwie zu funktionieren, uns in einem neuen Leben zurecht zu finden. Fünf Tage die Woche war ich Vollzeitpapi, zwei Tage arbeitete ich. Ohne diesen Schicksalsschlag wäre mir ein berufliches Kürzertreten wohl als Opfer vorgekommen, als Zumutung für meinen beruflichen Ehrgeiz. Doch in dieser Situation war es einfach sonnenklar, dass es im Leben Wichtigeres gibt und ich mich um Jo kümmern würde. So schlimm die Umstände waren, empfinde ich es rückblickend als ein Privileg, dass ich mit Jo von ganz früh auf eine innige Beziehung aufbauen konnte; er ist heute sechs Jahre alt.

Einige Monate nach Marias Tod habe ich mich in Carmen verliebt. Eineinhalb Jahre später kam unsere Tochter Cameron zur Welt, und wir zogen alle zusammen in eine schöne Genossenschaftswohnung mit sechseinhalb Zimmern. Unser Haus hat einen grossen Innenhof, wo immer viele Kinder spielen. Ein guter Kinderhort gehört auch zum Quartier, und mit vielen Nachbarn haben wir freundschaftlichen Kontakt. Das Umfeld ist also ideal. Wir geniessen Dorfatmosphäre mitten in der Stadt.

Morgens um 7 Uhr läutet bei uns der Wecker. Dann duschen wir, legen den Kindern die Kleider bereit, machen warme Schoggi und Kaffee. Um 8.30 Uhr bringen wir Jo in den Kindergarten und Cameron in die Krippe, beide am selben Ort. Ich habe vor Jahren mitgeholfen, die RasselChischte zu gründen und bin noch immer im Vorstand tätig. Die Kinder spielen dort mit andern Kindern, haben Freundinnen und Freunde gefunden, erhalten viele Anregungen und führen dort auch ein Stück weit ihr eigenes Leben. Sie haben zudem engen Kontakt zu andern erwachsenen Bezugspersonen, was ich sehr wertvoll finde.

Gegen 9 Uhr sind wir an unseren Arbeitsplätzen. Carmen ist selbstständige Grafikerin, ich bin Redaktor bei einem Monatsmagazin. Wir arbeiten beide zu 80 Prozent und beschäftigen drei Stunden pro Woche ein Putzfrau. Unsere Kinder sind Dienstag, Mittwoch und Donnerstag den ganzen Tag in Krippe und Kindergarten. Den Montag verbringen sie mit Carmen, den Freitag mit mir, die Wochenenden sind wir alle zusammen. Samstag ist mein liebster Tag, weil ich ausschlafen kann; am Sonntag dann hat Carmen ihren freien Morgen. Nicht zu vergessen sind die drei Grossmütter, die uns sehr unterstützen; ohne sie wäre es für uns viel schwieriger, Familien- und Berufsleben unter einen Hut zu bringen.

Kinder zu haben ist grossartig und aufregend. Aber ich will es nicht verherrlichen, es ist auch enorm anstrengend, nervenaufreibend: Diese ewige Organisiererei, die Kleiderberge, hundermal dasselbe sagen… So gesehen kann das Berufsleben geradezu entspannend sein oder zumindest eine andere, wohltuende Art von Anstrengung. Ausser man übertreibt es. Das habe ich vor zwei Jahren getan, als ich mich in einen herausfordernden Kaderjob bei einer Wochenzeitung stürzte. Carmen und ich waren uns bewusst, dass ich intensiv arbeiten würde, allerdings haben wir Ausmass und Dramatik meines Einsatzes unterschätzt. Ich arbeitete oft bis sehr spät abends und auch an den Wochenenden, gedanklich war ich so absorbiert, dass ich den Bezug zur Familie verlor. Carmen musste sich neben ihrem Beruf nun auch allein um Haushalt, Kinder und den ganzen Alltagskram kümmern, was natürlich auch unsere Beziehung belastete. Jo und Cameron wandten sich beleidigt von mir ab. Es geht einem schon an die Nieren, wenn man niemand mehr ist für die Kinder und sie sich bloss noch auf ihr Mami beziehen. Man muss wohl recht abgestumpft sein, wenn einem so etwas nichts ausmacht. Eines Tages rief mich Jo an und sagte: Hallo Papi, hier ist dein Chef, du musst heute nicht arbeiten kommen… Spätestens da wurde mir klar, dass sich etwas ändern musste.

Bei Marias Krankheit gab es nichts zu entscheiden – damals bestimmte das Schicksal. Aber bei diesem beruflichen Projekt war es an der Zeit, dass ich Bilanz zog. Ich hatte einen Traumjob, tolle Kolleginnen und Kollegen, eine spannende Zeitung. Aber lohnte sich das alles? Ich wusste, wenn ich so weitermache, setzte ich meine Familie aufs Spiel. Also entschied ich mich vor einem Jahr zum Wechsel in eine Teilzeitstelle auf einer etwas ruhigeren Redaktion. Habe ich damit meine beruflichen Chancen beeinträchtigt? Vielleicht, vielleicht nicht. Jedenfalls fühle ich mich besser. Der Ausstausch mit den Kindern ist zurückgekehrt, und die Partnerschaft ist wieder ausgeglichener und aufregender.

Heute kann ich gegen 18 Uhr das Büro verlassen und die Kinder von der Krippe und dem Kindergarten abholen. Ich koche gerne und liebe es, mit allen zusammen an unserem langen Tisch bei Kerzenlicht zu essen. Danach folgt jeweils das übliche Tohuwabohu mit Abräumen und Spielen. Nach 20 Uhr gehen die Kinder ins Bett. Dann plaudern Carmen und ich, schauen fern, lesen, haben Besuch, oder jemand von uns geht aus. Alle in der Familie haben schliesslich auch ihr Eigenleben.

Sarah Zehnder, 23, und der Vater ihres Sohnes trennten sich vor einem Jahr. Seither hat sie mehr Einkommen und Freiheiten. So gesehen, ist sie glücklich. Allerdings wünschte sie sich, sie hätte diesen Zustand auch ohne Trennung erreichen können.Wenn Tim bei mir übernachtet, schlafen wir im selben Bett. Bis 7.30 Uhr kann ich ihn einigermassen ruhig halten, dann stupst er mich und sagt ‚Mamma, aufstehen!'. Tim ist nun drei Jahre alt und ein totaler Schnüggel. Mittlerweile schläft er recht gut und wacht nachts nur noch ein, zwei Mal auf. In den ersten zwei Jahren weckte er mich jede Stunde. Und das in jeder Nacht. Es war wie Folter. Marcus und ich waren überfordert und völlig am Anschlag. An eine Partnerschaft war nicht mehr zu denken, an Erotik schon gar nicht. Ich versuchte, den Schlaf tagsüber während Tims Mittagschlaf nachzuholen. In diesen zwei Jahren gings mir hundsmiserabel: Tag und Nacht immer nur dieser Goof… ohne irgendeinen Ausgleich. Ich war zwanzig, als Tim zur Welt kam, alle meine Freundinnen hatten keine Kinder, und obschon ich sogar Inserate machte, meldete sich keine so junge Mutter wie ich, mit der ich eine Freundschaft hätte aufbauen können.Marcus war damals noch in der Ausbildung zum Multimedia-Designer. Ich selbst habe keine Ausbildung, weil ich meine Krankenschwesterlehre nach dem ersten Jahr abgebrochen habe. Vor einem Jahr bestand ich zwar die Aufnahmeprüfung für die Schauspielschule, sagte dann aber ab, weil ich einsehen musste, dass ich die Schule nebst Tim nicht schaffen würde. Früher war ich ständig unterwegs, lebte quasi aus dem Rucksack und finanzierte mich mit Gelegenheitsjobs. Nach Tims Geburt mussten wir mit 2600 Franken pro Monat auskommen. Das waren die Kleinkinderbetreuungsbeträge, die wir erhielten. Mir schien, die ganze Verantwortung für Tim laste auf meinen Schultern. Sehr wahrscheinlich war Marcus viel präsenter als ich glaubte, aber das nahm ich damals nicht wahr. Ich fühlte mich eingeengt und isoliert, weil wir in einer hässlichen, kleinen Wohnung wohnten, in einem Haus, wo nur Alte lebten [oder wohnt sarah immernoch dort?Ja Sie wohnt noch immer dort, aber es klingt verständlicher, wenn wir es in Vergangenheitsform schreiben. Zudem ist sie heute weniger eingeengt, weil Marcus nicht mehr dort wohnt]. Als ich mich vor einem Jahr von Marcus trennte, diagnostizierte mein Arzt eine Erschöpfungsdepression.

Jetzt geht es mir besser. Viel besser. Seit wir getrennt sind, habe ich wieder Raum für mich. Tim geht nun zwei Tage die Woche in die Krippe, wohnt an diesen Abenden und an jedem zweiten Wochenende bei Marcus. Ich habe nun also zwei freie Wochenenden pro Monat, kann mich wieder mit Freunden verabreden und ausgehen und kann erst noch zwei Tage pro Woche in einem Café arbeiten. Dort beginne ich jeweils morgens um 6.30 Uhr, habe dafür ab 14.30 Uhr frei. Endlich verdiene ich wieder mein eigenes Geld, stehe wieder auf meinen eigenen Beinen. Nebst meinem Lohn erhalte ich Sozialhilfe und einen Kinderbeitrag von Marcus. Insgesamt sind das 3300 Franken im Monat. So viel Geld hatte ich noch nie im Leben, das ist eine enorme Erleichterung. Marcus ist mittlerweile mit der Ausbildung fertig und hat nun ein richtiges Einkommen. Ich finde es super, dass er nur hundert Meter von uns entfernt wohnt.

Gegen 8 Uhr esse ich mit Tim das Frühstück. Dann spielen wir miteinander, gehen einkaufen oder erledigen Dinge auf der Post oder Bank. Nach dem Mittagessen machen wir ein, zwei Stunden Mittagsschläfchen und danach gehen wir immer ins Freie. Jetzt kann ich Tim endlich geniessen. Und an jenen Tagen, an denen er bei Marcus wohnt, fehlt er mir so richtig. Es kam auch schon vor, dass ich zu Marcus auf Besuch ging, weil ich Tim so vermisste.

Wir haben als Paar wohl viele Fehler begangen, aber eines haben wir richtig cool gemacht: unsere Trennung. Wir haben es geschafft, uns ohne Hickhack zu trennen. Zum Glück gingen wir auseinander bevor die gegenseitigen Verletzungen so gross waren, dass man sich gar nicht mehr ertragen hätte. Marcus ist heute noch immer ein guter Freund, eigentlich ist er mein bester Freund. Wir sehen uns beinahe jeden zweiten Tag. Mittlerweile ist er ein superstolzer Vater. Endlich spüre ich, dass er Tim wirklich will und liebt. In den ersten zwei Jahren habe ich oft daran gezweifelt. Als ich schwanger wurde, waren wir beide geschockt. Marcus wollte, dass ich abtreibe. Mir war bewusst, dass ich keine Ausbildung und kein Geld hatte – aber das rechtfertigt es nicht, ein Leben abzubrechen. Ich entschied mich für das Kind, selbst auf die Gefahr hin, dass ich es alleine erziehen müsste. Heute lieben wir Tim total und würden ihn nie mehr hergeben wollen.

Wenn man uns zu dritt sieht, könnte man meinen, wir seien eine glückliche Familie. Das sagten uns die Leute auch immer, als wir mit Tim vier Monate durch Zentralamerika reisten. Er war damals knapp zwei Jahre alt. Wir waren immer draussen, ständig unterwegs per Autostopp, mit Camions und Bussen – Tim hat alles problemlos mitgemacht. Es war eine harmonische Zeit. Als wir dann aber wieder in Zürich waren, zurück im alten Trott, dachte ich gopf, nein, das halte ich nicht nochmals aus. Nachdem ich mich von Marcus getrennt hatte, lebte ich einige Monate exzessiv, ging nächtelang tanzen und wollte so viele neue Männer wie möglich kennen lernen. Das hat sich nun gelegt. Heute frage ich mich, ob Marcus und ich es wohl miteinander geschafft hätten, wenn die Umstände nicht so schwierig gewesen wären.

Gegen halb zehn Uhr geht Tim schlafen. Ich lese sehr viele Bücher, habe bewusst keinen Fernseher. Wenn Tim bei Marcus übernachtet, kommt es mittlerweile vor, dass ich freiwillig zu Hause bleibe, ein Glas Rotwein trinke und bis morgens um zwei lese. Warum nur war es nicht möglich, die Freiheiten, die wir uns heute lassen, uns innerhalb der Beziehung zu gewähren? Ja, ich vermisse Marcus. Rosarot ist das Leben nicht, aber es ist gut so.

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