Leseproben und Projektbeschriebe

Der Banker und die Bettelkinder

Der ehemalige Zürcher Bankdirektor Daniel Elber verhilft Bettelkindern auf Bali zu einer besseren Zukunft. Das nützt nicht nur ihnen – auch er ist seither glücklicher.

Zeitlupe  |  Februar 2012  |   3 Minuten

Original-PDF (im Magazin für Menschen mit Lebenserfahrung "Zeitlupe")

Er schleppt einen Rucksack voller Wasserflaschen, schwitzt, ringt nach Atem, weil es viel zu erzählen gibt und der Pfad steil und staubig ist. Daniel Elber aber beteuert: „Es tut mir enorm gut, ein, zwei Mal die Woche über den Berg zu trecken". Das sieht man ihm an: Er ist sechzig, in Topform und sichtbar glücklich. Denn seine Entwicklungsarbeit, die er hier in den Bergen von Nordbali leiste, sei für ihn innerlich „unglaublich erfüllend".

Acht Jahre zuvor verbrachte er seine Arbeitstage noch als Bankdirektor in Zürich, fragte sich, was wohl passieren würde, wenn man das Hamsterrad stoppen und aus der Arbeit aussteigen würde? Man hält inne, erschrickt ein wenig vor dem eigenen Mut – und alles kommt anders, als man es erwartet hätte. Als er damals mit seiner Zukunft zu spielen begann, hätte Daniel Elber niemals gedacht, dass er dereinst Touristen zum Schauplatz seines selbst initiierten Hilfswerkes führen würde.

Nun blinzelt er gut gelaunt in die Morgensonne. Die Schweizer Trekker, die er heute begleitet, machen Rast auf dem Rand eines riesigen Vulkankraters, in dessen Zentrum Mount Batur liegt. Man seufzt beim Anblick von so viel unberührter, stiller Natur, lässt sich von Daniel Elber frisches Wasser reichen. Der Ex-Banker erzählt, wie es dazu kam, dass er in Nordbali ein Hilfswerk gegründet hat und nun Touristen mittels Trekking zu den Ärmsten der Insel führt – auf dass eine Brücke zwischen Arm und Reich entstehe.

Es begann mit einer Sinnkrise, in der sich der damals 48-jährige Zürcher Banker befand: Ein halbes Leben lang hatte er in einer grossen Schweizer Bank verschiedene Führungsaufgaben wahrgenommen. Er war erfolgreich, verheiratet, Vater dreier halbwüchsiger Kinder. „Ich spürte aber, dass ich innerlich unzufrieden war, wollte den dritten Drittel meines Lebens interessanter gestalten", erzählt er, „Ich fragte mich: Was habe ich eigentlich noch für eine Lebensperspektive? Wie gebe ich meinem Dasein mehr Farbe?" Über Jahre hinweg gärten diese Fragen in ihm. Als 52-jähriger, inzwischen geschieden, beschloss er schliesslich, sich eine einjährige Auszeit auf Bali zu gönnen, hoffte, dies würde ihm endlich Antworten bringen. So harrte darauf, was da kommen möge…

Es kamen Bettelkinder. Sie hockten mit ihren verlumpten Müttern auf dem heissen Asphalt im Städtchen Ubud, kreuzten ständig Daniel Elbers Weg. Er hätte wegschauen können. Die Kinder aber berührten sein Herz. Und so schaute er genauer hin: Als Manager, der es gewohnt war, Probleme zu analysieren und effizient zu lösen, fragte er sich: Warum müssen sie betteln, obschon Bali fruchtbar und touristisch reichhaltig ist? Und in einer einzigen Nacht, die sein ganzes Dasein ändern sollte, schlichen sich diese Fragen hinzu: Was haben die Bettler mit mir zu tun? Bin ich etwa derjenige, der sie aus der Misere führen soll?!

Freilich, das war er. „Ich beschloss noch in der derselben Nacht, meinem Leben in der Schweiz endgültig den Rücken zu kehren und diesen Frauen und Kindern Hand zu bieten." Dabei war ihm klar, dass er von Entwicklungshilfe keine Ahnung hatte. Als guter Manager wusste er indes, wie man die besten Leute für eine Sache gewinnt und die nötigen finanziellen Mittel beschafft: Elber beauftragte die renommierteste Entwicklungshilfeorganisation von Indonesien „Yayasan Dian Desa", die Misere zu analysieren und in enger Zusammenarbeit mit den Betroffenen Lösungen zu entwickeln, um ihren Lebensstandart zu verbessern.

Zugleich begab er sich auf Spendensuche bei Schweizer Unternehmen, Rotary Clubs und Privatpersonen, berichtete ihnen von aufwändigen Studien, die er hatte machen lassen: Dass die Bettlerinnen aus Muntigunung in Nordbali stammen, einer Provinz, die im Gegensatz zum Rest der fruchtbaren Insel äussert trocken ist. Wassermangel war der Hauptgrund für die Armut. Es herrschte hohe Arbeitslosigkeit und Kindersterblichkeit. Die Einheimischen waren mangelernährt.

Das aber änderte sich, als Elber  den Schweizer Verein „Zukunft für Kinder" gründete und sich zusammen mit den Profis von „Yayasan Dian Desa" den Problemen von Muntigunung annahm. Seither haben die Entwicklungshelfer in 11 Dörfern den Bau von Wasserzisternen unterstützt und mit Arbeitsbeschaffungsprojekten in vier Dörfern bereits Vollbeschäftigung erreicht.

Dabei geht Daniel Elber – ganz der Schweizer Manager – mit Gründlichkeit, Pragmatismus und Effizienz vor, bringt aber auch Qualitäten ein, die eher unschweizerisch sind: Die Lust am Unkonventionellen, die Bereitschaft, seine Werteskala in der Zusammenarbeit mit den Einheimischen immer wieder neu in Frage zu stellen, den Glauben, dass „wirklich alles" machbar ist und den Mut, ohne Einkommen, Krankenkasse und Altersvorsorge auszukommen. „Ich lebe einfach von meiner Pensionskasse", sagt er sorglos. Sein Lohn seien die glücklichen Gesichter der ehemaligen Bettelkinder.
Dank der Hilfe zur Selbsthilfe soll Muntigunung dereinst ein eigenständiges, prosperierendes Dasein führen können.

Was wird Daniel Elber dann tun? „Es kam mir schon öfter der Gedanke, mich im Alter in ein Kloster in die Berge zurück zu ziehen…" Daniel Elber lächelt schalkhaft über sich selbst: ", „…und so wie ich den Dani kenne, setzt der irgendwann seine sonderbaren Ideen in Taten um".

 

Nachtrag: Im Herbst 2011 wurde dem Trekking-Projekt von der weltweit grössten, touristischen Organisation SKAL, die begehrte Auszeichnung für „nachhaltigen Tourismus" verliehen. Informationen über das Trekking und die Stiftung „Zukunft für Kinder".

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