Reportagen
Mediterrane Verführerin
Schweiz/Zürich - Südeuropa beginnt in Zürich. Zumindest im Sommer. Dann präsentiert sich die Stadt als mediterrane Verführerin, so lebensfroh, wie man es ihr gar nicht zutrauen würde. Die schönsten Orte.
Für die deutsche Frauenzeitschrift Amica, 2003
Die Zürcher haben ein schönes Wort für „Badeanstalt“. Sie sagen liebenvoll Badi, und mit einer „Anstalt“ hat das gar nichts zu tun. Vielmehr mit einer Passion, die weit über das Schwimmen hinaus geht. Denn die Zürcher trinken, essen und tanzen auch in ihren Badis. Sie besuchen Modeschauen, Vernissagen, Konzerte und Kinoaufführungen – alles open-air. Die Badis liegen an den schönsten Uferstellen des Zürichsees und der Limmat, umgeben von Grün und doch mitten in der Stadt. Abends wandeln sie sich zu Lounges, Bars und Restaurants. Dann spiegelt sich Kerzenlicht in den Gewässern, Ambiente-Bässe vibrieren, Gläser klirren, die Leute lassen ihre nackten Füsse ins Wasser baumeln, lachen, flirten und schauen sich die Sterne an.
Wer hätte gedacht, dass die Zürcher je so lebensfroh würden. Vor 15 Jahren wuselten sie noch als Workaholics durch eine biedere Bankenstadt. Heute rühmen sie Zürich einen Paradiesvogel und flattern nach Arbeitschluss direkt an die zahlreichen After-work-Parties. Die Community gibt sich allerdings exklusiv. Fremde werden nicht sogleich aufgenommen, denn das Lifestyle-Völklein ist zu sehr mit seiner Nabelschau beschäftigt, als dass es das Fremde sofort wahrnehmen könnte. Das dauert eine Weile, aber wenn der Zürcher sich dann mal entschliesst, jemanden zu mögen, dann ist das von Beständigkeit und äussert sich in mediterran anmutender Intensität: Man ruft sich täglich fünf mal an, verschickt unentwegt SMS, küsst sich bei der Begrüssung mindestens drei mal, auch die Männer liegen sich in den Armen – ganz wie man es sich von den Italienern gewohnt ist.
Die italienischen Immigranten haben Zürich geprägt. In den 50er, 60er Jahren schufteten sie hier im Bauwesen. Heute sorgt ihre „seconda generazione“ für den Lifestyle der Stadt. Lokale mit italienischen Konzepten machen das Rennen – selbst wenn die Betreiber Schweizer sind, wie etwa im neuen In-Restaurant „Cinque“. Es quillt über vor italienischen Devotionalien, Fussballer-T-shirts und kitschigen Nippes, gibt sich südländischer als Palermo. Die Zürcher lieben das. Italianità öffnet ihre Herzen, ein authentischer „caffé“ stimmt sie froh. Cafés wie das schicke Infinito sind denn auch immer voll besetzt. Und an Sommerabenden pilgern die Italo-Nostalgiker ins lauschige „Strandbad Rimini“ (eine Bar in der Männerbadi, die abends auch Frauen offen steht). Bei soviel Sympathie für das südliche Nachbarland versteht es sich von selbst, dass die Trend-Boutiquen der Stadt mit italienischen Namen locken. Sie heissen Roma, La Bella Estate, Laredo oder Bufalini.
Shopping ist denn auch eine weitere Lieblingsbeschäftigung der Zürcher. Samstags gibt es vor den Luxusläden der Bahnhofstrasse kaum ein Durchkommen. Ebenso laufen in der Altstadt Niederdorf die Boutiquen auf Hochtouren. Durch dieses Viertel fliesst die Limmat, gesäumt von den Strassencafés des Limmatquais. Sehen und gesehen werden ist hier das Motto. Nach zähem, langjährigem Abstimmungskampf soll das Limmatquai nun bald autofrei werden – der grösste Catwalk des Landes entsteht. Ein ebenso langwieriger Abstimmungskampf war nötig, bis die Ladenöffnungszeiten in der Stadt verlängert wurden. Mittlerweile sind die Kaufhäuser der Innenstadt bis 20 Uhr geöffnet (Samstags bis 17 Uhr).
Die Zürcher entscheiden langsam, aber gründlich. Eine ihrer besten Ideen war, ihre Businessstadt zur beliebtesten europäischen Kultur- und Freizeitmetropole zu erheben. Es fing damit an, dass sie 1998 ein restriktives Gastgewerbegesetz über Bord warfen und daraufhin an jeder Ecke neue Bars und Restaurants aus dem Boden schossen. Zur selben Zeit holten sie dank einer neuen Drogenpolitik die Fixer von der Strasse weg. Stolperte man früher am Dealer-Mekka, dem Lettensteg, bloss über Schmutz und Spritzen, stürzt man sich nun ins Getümmel der trendigenLetten-Badi mit Beachvolleyball-Feldern, Bars, Restaurant und sexy Jugend. Zudem setzten die Stadtveranwortlichen auf die Streetparade. Vor elf Jahren bestand sie noch aus einem mageren Grüppchen bunter Freaks – heute ist sie jeden August mit rund einer Million Ravern ein dreitägiger Mega-Event. Europas House- und Technofans schwören auf die Zürcher Clubs. Auf der anderen Seite der Kulturskala schaffte es sogar das einst verstaubte Opernhaus in die weltweite Topliga. Und das Schauspielhaus im Schiffsbau wurde 2001 in einer Umfrage deutschsprachiger Kritiker zum Theater des Jahres gewählt.
Der Schiffsbau mit dem Schauspielhaus, dem Edel-Restaurant „Lasalle“ und dem Jazzclub „Moods“ liegt in Zürich-West, dem Boom-Quartier der Stadt. Hier zeugt das ganze Viertel von der Zürcher Vorwärtsbewegung. Denn die Stadtplaner haben das einst graue Industriequartier im letzten Jahrzehnt mit modernen Wohnlofts und Kulturinstituten aufgewertet. Topgalerien und Kunstmuseen wie jene im Löwenbräu-Areal, Kinokomplexe wie das Cinémax und Clubs wie das edle „Indochine“ reihen sich hier dicht aneinander, fast ein wenig wie in New York, sagen die Zürcher stolz.
Mittlerweile ist Zürich also das, was es schon immer sein wollte: eine Weltstadt. Und seit diesem März darf es sich sogar damit brüsten, die Stadt mit der weltweit besten Lebensqualität zu sein. Das hat eine Studie der Londoner Personalberatungsfirma William Mercer ergeben: Von 215 Grosstädten landete Zürich auf Platz eins, gefolgt von Wien und Vancouver.
Das war ja irgendwann zu erwarten – schliesslich ist Zürich eine der reichsten Städte der Welt. Vielmehr überrascht, dass die Zürcher ihren Snobismus überwinden konnten. Eine freie Ecke in der Lounge der Badi Enge, eine Bratwurst und ein Bier reichen neuerdings aus, um sie glücklich zu sehen.
Text: Gabriela Bonin
Service & Tipps (Vorwahl aus Deutschland direkt nach Zürich 00411)
Für Anfänger
Essen:
Restaurant Lasalle, Schiffbaustrasse 4, Tel. 258 70 71: Chick dinieren im Glaskubus. Zürichs Schickeria sehen und gesehen werden.
Restaurant Alpenrose, Fabrikstrasse 12, Tel. 271 39 19: Urschweizerische Gerichte in angenehmer, moderner Atmosphäre
Tanzen:
Kaufleuten, Pelikanstrasse 18, Tel. 225 33 22. Der bekannteste Club Zürichs. Absolutes must.
Toni Molkerei, Förrlibuckstrasse 109, Tel. 439 90 74: neuester In-Club mit eigenwilligem Elektro-Sound und dem besten Vegi-Food der Stadt.
Shopping:
Schweizer Heimatwerk, Rudolf Brun-Brücke, Tel. 217 83 17: Schweizer Kunsthandwerk, vom Fondue-Geschirr bis zum Metallschmuck.
Comme les Millionaires, Niederdorfstrasse 22, Tel. 252 60 75 : Wenn schon Zürich, dann shoppen wie ein Millionär. Erschwinglicher Schmuck mit opulenten Formen und raffinierten Details.
*Flohmarkt (jeden Samstag) auf dem Bürkliplatz: Die besten Schnäppchen gehen frühmorgens weg. Hier kommen Unbekannte sofort ins Gespräch.
Hotel: Hotel Limmat, Limmatstrasse 118, Tel. 448 15 95: Zentral, bei Jungeb beliebt, ab 100 Euro. Restaurant, Bar und der grosse Club X-tra sind dem Hotel angeschlossen.
Wohin:
*Badi Tiefenbrunnen, Bellerivestrasse 200, Tel. 422 32 00. Grossflächiges Seebad mit gemischtem Publikum. Postkartensicht auf die Berge.
*Gratisfahrräder: Wenige Meter vom Hauptbahnhof, hinter dem Einkaufszentrum Globus kann man kostenlso Fahrräder ausleihen. Fragen Sie nach dem „Veloverleih“.
Der lauschige Lindenhof am Ende des Rennwegs bietet eine Top-Aussicht auf die Altstadt.
Trinken:
Jules Verne Bar, Uraniastrasse 9 (Eingang Brasserie Lipp), Tel. 211 11 55. Hoch oben in der ehemaligen Sternwarte. Super Rundblick auf das nächtliche Zürich.
Plaza Bar, Badenerstr. 109, Tel. 01/298 30 90: Schlichte, schöne Bar im 60er-Jahre-Stil. Guter Ausgangsort um die berühmte Langstrasse mitsamt Redlight-Destrict kennenzulernen.
Für Schicke
Essen: Restaurant Kunststuben, Seestr. 160, 8700 Küsnacht/Zürich, Tel. 910 07 15. Liegt an der reichen Goldküste Zürichs. Wurde 2002 vom wichtigsten Restaurantführer Amerikas zur "Number 1 of Europe" gewählt. Topküche.
Restaurant Kronenhalle, Rämistrasse 4, Tel. 251 66 69: Der Klassiker schlechthin. Edel und teuer.
Restaurant Seerose, Seestrasse 493, Tel. 481 63 83: Traumhaft am See gelegen, Treffpunkt der Werberszene.
Tanzen: Club Indochine, Limmatstrasse 275, Tel. 448 11 11. Hartherzige Türsteher, traumhaftes Interieur, Zürichs teuerste Lounge.
Shopping: Grieder les Boutiques, Bahnhofstr. 30, Tel. 224 36 36. Toplabels für Herren und Damen
BALLY, Bahnhofstrasse 66, Tel. 224 39 39: Schuhe, die eine Sünde wert sind.
Hotel: Widder Hotel, Tel. 01/224 25 26: Lifestyle-Design-Hotel ab 393 Euro. Mitten in der Altstadt, jedes Zimmer ist individuell gestaltet.
Wohin:
*Badi Utoquai, Zürich-Riesbach, Utoquai, Tel. 251 61 51: Schicki-Micki-Badi in über 100-jähriger Holzkonstruktion.
Trinken:
*Seebad Enge, Mythenquai/Arboretum. Lounging direkt über dem Wasser. Gute Stimmung, Lieblingsort der Kreativszene.
Bohemia, Klosbachstrasse 2, Tel. 383 70 60: kubanisches Ambiente, schöne Zigarrenlounge.
Widderbar, Widdergasse 6, Tel. 01 224 24 11: Jazz vom Besten, Live-Konzerte und Pianobar.
Für Freundinnen
Essen: Cinque, Langstrasse 215, Tel. 272 46 30: Essen wie Mitten in Neapel, aber ohne Anmache.
Tanzen: Kanzlei, Kanzleistrasse 56, Tel. 241 53 11. Jeden 1. Sonntag Disco nur für Frauen. An den Wochenenden für jedermann. Jung, unkompliziert, günstig.
Shopping:
Erica Matile, Kreuzstrasse 42, Tel. 251 91 23. Weibliche, sinnliche Kleider. Erica Matile ist die meistausgezeichnete Schweizer Modemacherin,
Schuh-Café, Badenerstrasse 89, Tel. 241 07 17. Schöne Schuhe anschauen ohne Kaufzwang. Dazu gibt’s Gratis-Espresso.
Clit Care, Frauenerotik Shop, Klingenstrasse 36, Tel. 273 33 10. Erster und einizger Frauenerotik-Laden der Stadt. Hell und freundlich
Hotel: Lady's first. Mainaustrasse 24, Tel. 01/380 80 10: eklusiv für Frauen. Sehr schön gestaltetes Hotel mit Wellnessbereich. Ab187 Euro.
Wohin:
*Frauenbadi, Stadthausquai, Tel. 211 95 92. Liebevoll geführtes, 1888 erbautes Holzbad, in der Limmat. Ein Stadtoase zum relaxen.
Trinken:
*Strandbad Rimini in der Männerbadi, Schanzengraben, Badweg 10, Tel. 211 95 94. Tagsüber ist die Badi nur für Männer. Abends lockt die Rimini-Bar auch Frauen an.
Sphères, Hardturmstrasse 66, Tel. 440 66 22: Bar, Theaterbühne und Buchhandlung in einem. Trotz kommunikativem Publikum angenehm ruhig.
Für Verliebte
Essen:
*Restaurant Primitivo, Oberer Letten, Lettensteg, Tel. 076 383 05 50. Szenentreff. Restaurant mit Kuschelsofa direkt am Fluss, Urlaubsstimmung pur.
Restaurant Bürgli, Kilchbergstr. 15, Tel. 482 81 00: Elegant, netter Service, im Sommer Gartenrestaurant mit Blick auf den See.
Tanzen: Adagio, Gotthardstrasse 5, Tel. 01 206 36 66: Kerzenschein und Ambiente à la Rondo Veneziano.
Shopping: "Confiserie Sprüngli" Bahnhofstr. 21, Tel 224 47 11: Die berühmteste Confiserie Zürichs. Süsseste Versuchungen. Einst DER Rendevous-Ort für Verliebte.
Erotic Book Store, Klingenstrasse 33, Tel. 272 83 13: Grosse Auswahl an erotischen Büchern, vom Comics und Pornoheft der 70erJahre bis hin zum Kunstband.
*Rosenhofmarkt auf dem Rosenhof im Niederdorf: Jeden Samstag Kuriositäten und Kunsthandwerk. Verträumte Atmosphäre.
Hotel: Hotel Zürichberg, Orellistrasse 21, Tel. 268 35 35: Etwas abgelegenes Liebesnest am schicken Zürichberg. Traumhafte Aussicht auf Zürich und den See. Kein Alkoholausschank.
Hotel Florhof, Florhofgasse 4, Tel. 01 261 44 70, Fax 01 261 46 11. Ab 233 Euro. Sehr zentral gelegenes Romantikhotel. Ruhig, mit Garten und Terrasse und sehr schönem Restaurant auf die Terrasse.
Wohin:
*Badi Werdinseli, Werdinsel Zürich-Höngg, Tel. 341 71 93: Kleine Insel zwischen Limmat und Kanal. Am naturbelassenen Ende der Insel ist FKK erlaubt.
Museum Rietberg, Gablerstr. 15, 202 45 28. Drei Villen in einem traumhaften Park, einzigartige Sammlung aussereuroäischer Kunst. Ab Dezember 02 Ausstellung über „Liebeslust und Liebesleid in der Weltkunst“.
Hamam Fitnesspark, Blaufahnenstrasse 3, Tel. 259 81 81. Verwöhnprogramm im Haman-Dampfbad. Orientalisch relaxen.
Trinken:
*Barfussbar in der Frauenbadi, Stadthausquai, Tel. 261 75 68.Tagsüber eine Badeanstalt für Frauen, nachts eine stimmungsvolle Bar für jedermann.
Labor-Bar: Schiffbaustrasse 3, 8005 Zürich, Tel. 01 272 44 02: Sehr hip, sehr teuer, mit bequemen Knutsch-Ecken.





