twitter.comlinkedin 

Reportagen

Der schönste Strand

Italien/Stromboli - Kaum ein Strand in Italien dürfte wohl eine so sinnliche Leidenschaft hervorrufen wie gerade dieser Lavastrand der Liparischen Inseln.

Für das deutsche Reisemagazin Abenteuer und Reisen, Frühling 2001

Welche ist die Schönste im Land? Italien hat zweifellos prächtigere Strandschönheiten zu bieten als die Forgia Vecchia in Stromboli - spiaggie, die sich wie südländische Frauen herausgeputzt, sexy und mondän präsentieren. Das vermag die Forgia Vecchia nicht, dafür ist sie in ihrem schmucklosen, grauschwarzen Strandkleid zu bescheiden. Dennoch dürfte wohl kaum ein Strand im Land so eine sinnliche Leidenschaft hervorrufen wie gerade dieser Lavastrand der Liparischen Inseln. Schliesslich entfacht sich das Feuer der Begierde nicht allein durch Schönheit und Pracht sondern vielmehr durch das schmachtende Verlangen eines langen, gewagten Vorspieles.

Der Reiz der Forgia Vecchia liegt im Weg nicht im Ziel. Wer sie erobern will, hat eine Nacht voll Abenteuer und Gefahr vor sich. Eine Nacht, die mit dem schweisstreibenden Aufstieg auf den Stromboli beginnt und mit einem erfrischenden Morgenbad im Schoss der Forgia Veccia endet. Der Vulkankrater des Strombolis liegt zwar nur 900 Meter über Meer, doch die schmalen Geröllpfade, die zu ihm hochführen sind rutschig und daher anstrengend. Oben angekommen wird man wohl seinen Schlafsack ausbreiten, dennoch ist an Schlaf nicht zu denken - zu aufregend ist dieses Himmelbett, von dem aus im nächtlichen Schwarz die bis zu vierzig Meter hohen, rot-orangen Lava-Ergüsse und die silbernen Bahnen der Sternschnuppen zu sehen sind. Hier regiert Mutter Erdes Wut und Glut.

Wer sie am nächsten Morgen hinter sich lässt und auf der Rückseite des Strombolis den Abstieg antritt, ist dreckig, verschwitzt, müde und zugleich ergriffen. Wie ein schwarz eingefärbter, jungfräulicher Skihang erlaubt der Abhang eine kühne Rutschpartie Richtung Meer. Man kullert und purzelt hinab, kraxelt zwischendurch über kleine Felspartien oder sucht sich den Weg durchs Schilfdickicht.

Dann liegt sie vor einem, die Forgia Vecchia: ein einsamer Strand aus schwarzen Lava-Kieseln, gesäumt von Gingster- und Kapernsträuchern - und einem glasklaren Meer. Kühl. Sanft. Jungfräulich. Weit und breit kein Haus, kein Boot, kein Mensch. Man reisst sich die Kleider vom Leib - alle - und gleitet hinein. Vergessen die Müdigkeit, der Staub, die schmerzenden Glieder! Abtauchen, sich treiben lassen, auf dem Rücken liegend tief durchatmen, die Arme ausbreiten, dem Vulkan zuzwinkern und Freiheit kosten... Nie hat man ein Bad so sehr begehrt und so genossen. Hat man zudem
das Glück, mit Zazà, dem erfahrensten Bergführer von Stromboli unterwegs zu sein, folgt sogleich der nächste Genuss: Unbemerkt sind Zazàs Mitarbeiter mit einem Boot angekommen und empfangen die Bergsteiger mit frischem
Cappuccino und gefüllten Croissants. Was für ein süsses Nachspiel! (inkl. Bergbesteigung zu buchen bei Zazà alias Mario Zaia, Tel. 090/98 63 15 oder 0368/67 55 73 (Vorwahl 0039), e-mail zazarevi@tin.it).


Freilich: Mann kann die Forgia Vecchia auch per Boot in fünf Minuten von der Stadt Stromboli aus erreichen oder man geht von dort aus etwa zwanzig Minuten zu Fuss. Das aber ist nix. Was man auf diese Weise vorfindet, ist bloss ein hübscher Strand wie hundert andere, eine Durchschnittsschönheit. Das wahre Juwel bleibt einem verborgen. Denn "man geht nicht mit den Beinen auf den Stromboli", weiss Zazà, "man erobert ihn mit dem Geist" - nur deshalb ist man am Ende der Bezwingung, beim Erreichen der Forgia Vecchia, derart von Glück durchflutet. Zurück im Städtchen von Stromboli wendet man sich am besten gleich zur "La Locanda del Barbablu", der wohl schönsten Herberge der Insel: Sechs stilvolle, individuell mit lokalen Antiquitäten eingerichtete Zimmer bieten einen luxuriösen Kontrast zum Schlafsack-Lager, das man die Nacht zuvor genossen hat. (via V. Emanuele 17-19, Tel. 090/98 61 18, Fax 090/986323, DZ DM 320.-.).

Hier allerdings darf das Abenteuer nicht enden: Wer auf Stromboli war, sollte sich unbedingt noch weitere Schätze der sieben äolischen Inseln anschauen. Einer davon ist die Insel Salina, wo der bekannte Liebesfilm "Il Postino" gedreht wurde - ein grünes, blühendes Naturschutztheater aus Meer, Kapernfeldern, schroffen Felsen und alten Fischertraditionen: Hier ist alles noch echt italienisch, man spricht kein Deutsch, wird nicht von Touristenschleppern belästigt, sondern erlebt ein sinnliches Sizilien mit allerorts freundlichen Menschen und mediterranen Genüssen, die sich zum Beispiel in der Küche des Hotels "Mamma Santina" offenbaren: Hier isst und schläft man traumhaft. Tipp: Das oberste Zimmer mit eigenener Terrassse verlangen (Mario Gullo, Via Sanità, 40, S. Marina Salina, Tel. 090/984 30 54, Fax 090/984 30 51, e-mail mammasantina@ctonline.it, www.mammasantina.it).

Und dann gibt es noch eine weitere Gelegenheit zu einem traumhaften Bad: die Thermen von San Calogero in Lipari empfangen einem mit 60 Grad heissem Heilwasser, das direkt aus dem Felsgestein rinnt. Die Reise dahin geht
zurück ins 17. Jahrhundert vor Christus, als diese Thermen erbaut wurden. Auch sie wollen bezwungen werden, denn erst steht man vor verriegelten Toren, das Bad ist vorderhand geschlossen. Zur Grotte kann man dennoch
vorstossen - schliesslich muss nicht jedes Gebot beachtet werden. Das bringt auch den Vorteil, dass man dort meist alleine ist und unstört seine Füsse und Arme in die kleinen Wasserbecken eintauchen kann. Tipp: Kerzen mitnehmen
und die Zeit vergessen!


Liparische Inseln generell:

Anreise: Per Auto bis nach Neapel. Von dort Nachtautofähre nach Lipari. Per Flugzeug oder Bahn bis nach Neapel. Von dort diverse Schnellfähren zu allen Liparischen Inseln. Diverse weitere Anreisemöglichkeiten, z.B. über Reggio die Calabria, Sizilien, beim Fremdenverkehrsamt erfragen.

Fremdenverkehrsamt der Liparischen Inseln (sprechen deutsch)
Corso Vittorio Emanuele 202, 98055 Lipari ME
Tel. 0039 90 988 00 95
Fax 0039 90 981 11 90Klima/Reisezeit: Frühjahr 13 - 19 Grad, Sommer 22 - 29 Grad, Herbst 19 - 24 Grad, Winter 10 - 16 Grad. Ab Mitte Mai läd das Meer zum Baden ein, die Wasssertemperaturen nehmen im Herbst nur langsam ab. Zum Wandern eignen sich am besten der Frühling und der Herrbst. Im August ist es sehr heiss, die Preise sind am höchsten und alle Hotels ausgebucht.

Verkehrsverbindungen auf den Inseln: Die Liparischen Inseln erkundigt man am besten mit Vespas, die man überall für ca. DM 40.- pro Tag mieten kann. Ebenso kann man Mietautos leihen. Auf den Inseln Lipari, Vulcano und Salina verkehren regelmässig Busse. Alle Inseln sind mit häufigen Fähr- und
Tragflügelbooten verbunden. Die schnellen Tragflügelboote, die von Insel zu Insel ca. 20 bis 90 Minuten benötigen kosten zwischen DM 15 und 50. In den Häfen der Inseln bieten private Bootsunternehmen Tagestrips zu den schönsten
Badeplätzen und Grotten an.

WeitersagenWeitersagen