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Reportagen

Manolis ist wieder da

Griechenland/Kreta - Kreta, die nackte, griechische Schönheit, wurde binnen zwei Jahrzehnten in ein touristisches Strandkleid gesteckt. Doch manche Regionen der Insel trotzen der Zeit und entblössen einen Rest an Ursprünglichkeit.

Für das Lifestyle-Ressort der Schweizer Wirtschaftszeiung CASH (1993)

Manolis ist wieder da. Zurück aus der Ferne. Monate, Jahre hat er in der Schweiz verbracht; nun ist er wieder in Iearapetra. "Ella, ella - komm her! Lass uns trinken, tanzen!" Breites Lachen unter seinen Freunden, Manolis' goldene Stockzähne funkeln. Immer wieder neue Umarmungen, Begrüssungen: Hände greifen den Heimkehrer am Nacken, so wie die Löwin ihr Kleines packt. Sie schütteln ihn, ziehen ihn an ihre Schultern. Männer unter sich. Griechen unter sich.
Bloss eine Frau ist in der Gruppe. Still beobachtet sie den Heimkehrer: Tränen steigen dir in die Augen, Manolis, ehrfürchtig blickst du zur Sängerin hoch, denn heute singt sie nur für dich, wiegt sich vor dir in ihrem knappem Glitzerkleid. Wehmütig erzählt sie vom Drama der Liebe, dem ewigen Thema eurer Lieder. Altbekannt sind die Melodien und Texte, begleitet von der Busuki-Laute mit ihrem orientalischen Klang. Disco-Lichter flimmern, die Bühne ist mit Plastik-Eiszapfen dekoriert, doch sobald du den Busuki tanzt, schlüpfst du in die Bewegungen deiner Vorväter: Im Zeitlupentempo die Schritte, Biegungen und Drehungen, die Arme erhoben, schnippende Finger, dein Gesicht in verzückter Konzentration. Um dich knien deine Freunde, klatschen im Takt.
Agios Nikolaos quillt über vor rotverbrannten Urlaubern
Heute betest du die Sängerin an. Morgen lächelst du müde über das Flittchen. Denn eine Frau gehört ins Haus. Geduldig wartet sie auf dich, braut dir morgens dicken, griechischen Kaffee. Schon nach wenigen Stunden Schlaf stehst du wieder auf, kümmerst dich um deine Geschäfte. Niemand braucht darüber genau Bescheid zu wissen. Schon gar nicht deine Frau. Eine kleine Pension gehört dir, aber du hast noch weitere Ideen für den Tourismus, wie fast jeder Kreter, hier in Iearapetra, der südlichsten Stadt Europas.
Lange habt ihr in dieser Gegend von der Landwirtschaft gelebt. Gut sogar, denn Treibhäuser kennt ihr schon seit den sechziger Jahren und das kretische Frühgemüse ist in der ganzen EG gefragt. Nun habt ihr an der Nordküste das grosse Geld gerochen. Heraklion, Hersonisso, Agios Nikolaos quellen im Sommer über vor lauter rotverbrannten Urlaubern.
Die Kellner sprechen Deutsch, Motorräder und Mietautos rasen um die Wette, Benetton ist überall, und in den Pubs füllen die Papagallos ihre Engländerinnen ab. Eigentlich gefällt dir das nicht, eigentlich liebst du Kreta[100], so wie es ist: wild und unberechenbar in den Bergen, karg und gemächlich an der Küste. Doch du hebst schicksalsergeben deine Hände: "That's business." Und daran teilhaben willst auch du.
Eine archaische Welt - abseits der Touristenströme
Die Alten wollen vom Trubel nichts wissen. Sie leben in den Bergen, in Dörfern, wo es abgesehen von einigen Fernsehantennen und rostigen Transportautos noch aussieht, wie vor Jahrhunderten: Auf jedem Hügel eine Kapelle, ärmlicheHäuschen und schmale, steile Strassen, durch die die Bauern mit ihren Eseln reiten.
In den Küstenstädten verziehen sich die alten Frauen hinter die Häuser, auf ihre Terrassen. Dort sitzen die Grossmütterchen mit ihren Kopftüchern und schwarzen Röcken. Runzelig und zufrieden sticken sie Blume um Blume auf ihre Zierdeckchen, lauschen dem Getriller der Kanarienvögel und warten auf das Nichts. Die Männer dagegen treffen sich im Kaffeehaus, spielen Karten und das Tafli-Brettspiel, ereifern sich über das letzte Fussballspiel und die Politik "jener Spinner in Athen".
Erzählen könnt ihr Griechen! Einfache Geschichten spannend in die Länge gezogen, mit funkelnden Augen, dramatischer Stimmlage. Selbst die Ausländerin weiss, wenn von einer schönen Frau die Rede ist - bei diesen Handbewegungen! Und wenn ihr erst eure Anogia-Witze erzählt, das Pendant unserer Ostfriesen-Witze: Dann wird es laut in der Runde, das Lachen bloss noch unterbrochen, um ein weiteres Raki-Gläschen zu kippen. Kaum einer unter euch Männern, der nicht ständig mit dem Kleingeld in der Hosentasche klimpert oder mit den Komboloï spielt, dem "Sorgenkettchen", das einem kurzen Rosenkranz ähnelt. Doch von Sorgen lasst ihr euch nicht unterkriegen. Spätestens am Abend werden sie weggespült, denn morgenist auch noch Zeit, um ein Problem zu lösen.
Auf Chryssi scheint die Zeit still zu stehen
Das Wochenende aber gehört der Familie. Zärtlich seid ihr untereinander, liebevoll. Der halberwachsene Sohn lehnt sich gern an Vaters Schulter. Denn die Ohrfeigen von gestern sind schnell vergessen, und Mutters Geschrei war wie üblich nicht wirklich bös gemeint.
Wenn dann die Sonne den scharfen kretischen Wind erwärmt, im April oder Mai, richten Mutter und die Töchter das Picknick: Oliven, fritierte Käseküchlein, wilde Artischocken, Süssgebäck und Wein. Dann fährt die ganze Familie auf Chryssi. Nur eine Stunde von Iearapetra entfernt liegt diese kleine Insel, umgeben vom türkisblauen Glanz des libyschen Meeres. Dort, an den weissen Stränden bratet ihr am Feuer eure Fische verwöhnt eure Gäste.
Die Insel ist unbewohnt. Nur im Juli und August wird sie von Touristen bevölkert. Manche bleiben mehrere Nächte auf Chryssi, stellen ihre Zelte auf oder schlafen unterm Sternenhimmel. Dann herrscht in den zwei Tavernen Trubel, und die Verliebten müssen einen langen Fussmarsch bewältigen, um ein ungestörtes Wonneplätzchen zu finden.
Im Frühling und Spätsommer aber ist Chryssi ein Paradies der Ruhe. Zu hören sind bloss das Rauschen des Meeres und das Summen der Insekten. Dann scheint die Zeit stillzustehen und dann findet Manolis, der Heimkehrer, wieder zu seinem inneren Zuhause.

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