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Reportagen

Geheimtipp für Naturfreunde

Philippinen/Coron - Tauchparadies, Perlenfarmen und ein Wild Life Sanctuary...

Für die Schweizer "Sonntags-Zeitung", 1999

Was ist denn das? Hier muss der Schöpfer mit Rubens einen Pakt geschlossen haben: von Ferne erkennen wir hunderte geschwungener Hügel, sanft ineinander verschlungen, als ob sich üppige Weiber in den Lagunen räkelten. Kurven, Rundungen, Wölbungen. Mit einem zarten Grün überwachsen, und weit und breit kein Haus, keine Strasse. Unsere Banca, ein traditionelles philippinisches Auslegerboot, tuckert diesen Meerbusen entgegen, schiebt sich langsam in die erste Bucht von Busuanga Island, und weiter, zu immer noch mehr Auen und Hügeln. Die Wölbungen wachsen an, zeigen Konturen, heben sich dunkelgrün vom tiefblauen Horizont ab. Auf jedem Grat eine Kolonne buckeliger Ironwood-Bäume, die gleich einer schwer beladenen Karawane dem Feierabend entgegenstrebt.

Es soll in dieser Gegend im äussersten Nordwesten der Philippinen Städte, Flughäfen und Touristenressorts haben. Bloss, wo? Kaum vorstellbar, dass in dieser verschlafenen Einsamkeit Menschen angesiedelt sind. Aber oben in den Hügeln leben noch die Ureinwohner, die negroiden Tagbanua, Seenomaden, die sich zeitweise an Land niederlassen, um an den steilaufragenden Kalksteinfelsen Schwalbennester für die berühmte chinesische "Birdsnest-Soup" zu sammeln.

Die Zivilisation ist noch eine Stunde von uns entfernt: Sie beginnt hinter einer Flussfahrt, die uns entlang von Mangrovenwäldern, Nipapalmen, und vereinzelten Pfahlbauhütten zu einem Holzsteg führt, dessen wackelige, schmalen Planken sich irgendwo im Grün verlieren. Wohin der Weg? Frauen mit Kindern, Körben und Hühnern hocken da, grundlos, wie es scheint. Männer lehnen am Geländer und rauchen. Geredet wird kaum. Träger schleppen unser Gepäck, wir staksen ihnen hinterher, über die Bretter hinein ins Dickicht. Unter uns blubbernder Schlick, Krabben, Schlammbeisser. Um uns Vogelrufe, Geraschel, Gesumme.

Nach einem kurzen Fussmarsch stossen wir auf eine Lichtung mit Schotterstrasse und einem wartenden Jeepney, dem populärsten Gefährt in den Philippinen: Eine Mischung aus Bus und Jeep, nachgebaut nach den amerikanischen Militärjeeps, die die einstige Besatzungsmacht hier während des zweiten Weltkrieges eingeführt hat. Vom Dach aus hat man die beste Aussicht: Der Jeepney ruckelt durch saftiggrüne Ebenen, vorbei an haushohen Bambussträuchern, Bananenbäumen, kleinen Bächen und Wasserfällen. Berge umschliessen weitläufige Plateaus, darauf verteilt weidende Rinderherden. Reiten und Campieren muss hier fantastisch sein.

Ein kleiner Abstecher zum Flughafen von Coron liefert uns den Beweis: Hier landen tatsächlich Flugzeuge. Manila lässt grüssen, drei mal täglich. Coron, auf der Südseite von Busuanga Island erwartet uns in bester Postkartenlaune, präsentiert seine Bucht erst in goldenem Meditationslicht, später in rot-violetter und dunkelblauer Abendruhe. Dann spiegeln sich im reglosen Wasser die Lichter, der auf Pfählen stehenden Veranden und Holzhäuser. Stille, unterbrochen nur von gelegentlichem fernen Gebell und Motorentuckern und vom Plantschen hochschnellender Fische bei deren Abendmahl. "Das Beste, was Coron zu bieten hat, ist seine unberührte Natur", erklärt uns später der Kanadier Raymond, "das ist für uns Chance und Herausforderung zugleich. Ob wir es wohl schaffen, einen gehobenen Öko-Tourismus zu etablieren?" Raymond war einer der ersten Ausländer, der hier ein Ressort aufbaute, sein "Seahorse Inn" ist eine abgelegene Versammlung von vier kleinen Bungalows, einem weissen Strand, einiger Pferde und dem Nichts. Raymond hat zusammen mit den Ressorts der Region, den Tauchshops und Tourismusagenturen - es sind rund dreissig - einen ehrgeizigen Verein gegründet: mit geeinten Kräften wollen sich die Mitglieder von CATE (Calamian Association of Tourist Establishments) einem umweltschonend Tourismus verpflichten und sich einer Entwicklung mit "hoher Qualität und tiefer Quantität" verschreiben. Klingt gut, und selbst in der Stadtverwaltung versichert man, dass man dies für eine wichtige Sache hält.

Die Voraussetzungen dafür wären gegeben: In den vergangenen Jahren wurde Coron drei mal hintereinander zur "saubersten und grünsten Stadt" der Philippinen gewählt, ebenso hat der nahegelegene "Kayangan Lake" den Preis des "saubersten Süsswassersees" des Landes schon drei mal gewonnen - Errungenschaften, die die 30'000 Einwohner Corons auch in Zukunft verteidigen wollen. Weitere Unterstützung kommt von den Perlfarmen der Gegend: Sie beschäftigen rund um die Uhr bewaffnete Wächter, die den Umweltsündern an den Kragen gehen: Dank ihnen haben sich die illegalen Dynamit- und Cyanidfischer von hier verzogen. Zudem garantieren die Perlfarmen vielen Einheimischen sichere Einkommen und der Stadtkasse saftige Steuereinnahmen. Und bekanntlich ist Wohlstand noch immer die beste Waffe gegen Umweltzerstörung.

Noch bedeutender als die Perlfarmen ist der Tourismus. Der verkauft sich hier vorwiegend über eine unberührte Natur in der es sich klettern, trecken, kayaken, surfen und baden lässt sowie über die 12 japanischen Wracks, einstige Versorgungsschiffe, die im zweiten Weltkrieg in der Coron Bay von den Amerikanern versenkt wurden. Heute empfangen sie weitgehend intakt und in idealer Tiefe (10 bis 40 Meter) die Taucher der zehn ansässigen Tauchshops und der zunehmend anreisenden Tauchschiffe. Um die Wracks leben Papageienfische, Barsche, Barrakudas, kleine Haie, Stein- und Weichkorallen und tausende von handgrossen Muscheln. Kein Wunder, entwickelt sich Coron zu einem neuen Taucheldorado.

Seit diesem Saison kämen erstmals auch grössere 'Liveaboards' angefahren, berichten die Bündner Heinz und Vera von "abc dive", die hier seit acht Jahren Tauchtrips anbieten. Damals, als sie anfingen, gab es beinahe keine touristische Infrastruktur. "Wir haben in den vergangen Jahren grosse Schritte gemacht...", erzählt Vera, sinniert über den hiesigen Lebensrytmus und fügt dann lächelnd hinzu: "...aber es geschah alles step by step, Schritt für Schritt." Insider verstehen: ohne Geduld läuft in diesem Land gar nichts.

Einer dieser Schritte war die Strand-Säuberungsaktion, die alle Tauchshops zusammen mit der ansässigen Fischerei-Schule und den Behörden initiierten: Ganze Lastwagen voll Müll zog man aus dem Meer und von den Stränden - eine Aktion, die mittlerweile regelmässig wiederholt wird. Wahrlich, Coron hat einen Putzfimmel: Alle 50 Meter stösst man auf einen Abfalleimer aus ausgedienten Lastwagenreifen, überall hängen Plakate, die an Sauberkeit gemahnen und Schulmädchen in blütenweissen Blusen wischen in den Pausen geflissentlich den Schulhof.

Proper auch die Gesinnung der Einheimischen: An einem gewöhnlichen Sonntag sind alle 300 Sitze der St. Augustin-Kirche von morgens bis abends besetzt, draussen ermahnt ein Schild, "mit Gott high zu werden und nicht mit Drogen" und Christopher Lim, Stadtrat sowie Sohn des Bürgermeisters lobt Coron als "friedfertiges" Städtchen: "Sie können sich hier selbst nachts ohne Angst auf den Strassen bewegen", verspricht er. Stolz verweist Christopher auf die weitere Entwicklung seiner Stadt: Bis Ende 2000 will man die Landepisten des Flughafen betoniert und in der Stadt ein richtiges Touristen-Informationszenter errichtet haben, schliesslich hatte man 1998 bereits 5000 ausländische Gäste, die Zahlen für 99 stehen noch aus, sollen aber zwei- bis dreimal so hoch sein. Und - nun leuchten Christophers Augen: "Wir haben sogar Internetzugang", sagt er, wohlwissend, dass selbst grössere Städte im Land diesen Service noch längst nicht bieten können.

Internet in Coron ist allerdings gleichbedeutend mit Roilland R. Pascual, dem cleveren Flugzeugingenieur, der in seiner Videothek auch Satelitentelefon und Internet-Access anbietet. Wohl kaum ein Einheimischer versteht hier mehr von EDV und Telefonen als Roilland, fast alle Geschäftsleute und viele Touristen der Stadt mailen über ihn - und wenn Roilland für einige Tage nach Manila verreist, ist selbst der Bürgermeister vom World Wide Web ausgeschlossen. Aber ohne Zweifel: Coron ist im Aufwärtstrend

Bei aller Zukunftsfreude und Schönheit stossen wir dennoch auf Schattenseiten: Auf dem Markt entdecken wir die blutigen, abgehackten Flossen einer ganzen Mantaschule, die zu Billigstpreisen verhökert werden und jedem Taucher das Herz zusammenziehen; bei Ebbe erhalten wir eine Ahnung wie heftig der Gestank von Aas, Tang und Kot werden kann, wenn die Stadt nicht bald ein Abwassersystem für die Pfahlbauhütten einführt; und schon am ersten Tag in Coron hörten wir vom grössten Skandal der vergangenen Jahre: Von den Muruami-Booten, die Kinder wie Sklaven gehalten und zu zerstörerischen, illegalen Fischereimethoden gezwungen hatten. Viele starben dabei, vor zwei Jahren fanden ausländische Journalisten die Kindergräber und lösten nationales Entsetzen aus. Mittlerweile sind die Muruami-Boote aus der Gegend verschwunden. Farbenfrohe Fischerbancas und einige Touristenboote prägen heute das Bild bei Pier.

Wir mieten dort eine Banca und fahren zum Süsswassersee auf Coron Island, dreissig Grad warm, und traumhaft zwischen senkrecht abfallenden Felsen eingebettet. Jeden Fisch, jedes Holzstück sieht man hier im glasklaren Wasser, und beim Dahertreiben auf dem See hört man bloss das Schreien der Schwalben und sonst nichts. Nach uns erklimmen zwei Taucher in voller Ausrüstung den Kletterweg über die Felsen und gleiten hinab zum Grund. In 40 Metern Tiefe ist der Vulkansee über 40 Grad heiss. Die Crew auf unserer Banca bringt uns weiter, zu den heissen Schwefelquellen von "Maquinit Health Spring", in denen wir es vor lauter Hitze kaum zwei Minuten aushalten. Tags darauf lassen wir erneut die Buchten und Inselchen an uns vorbeigleiten - diese Weite, und Einsamkeit, nur durch einige Perlfarmen unterbrochen, die uns zum malerischen Städtchen Culion führt. Einst war hier die grösste Lepra-Station des Landes, heute gibt es höchstens noch einige (inzwischen gesunde) Vorzeige-Leprakranke anzuschauen. Eindrücklicher dagegen ist das spanischen Fort von 1740 mit seiner weitläufigen Aussicht, und lustig der verspielte Ernst der einheimischen Männer und Buben bei ihrer vereinfachten Variante des Poolspiels.

Im Video des Bürgermeisters sehen wir schliesslich, was wir leider während dieses Besuches leider verpasst haben: Das nahegelegenen Calauit Island Wildlife Sanctuary mit seinen einheimischen und afrikanischen Wildtieren und die Wasserfälle mit Naturpool bei Salvacion, zu denen man mit gemieteten Motorrädern fahren kann. Man sollte hierher zurückkommen, denken wir - just in dem Moment, wo sich Stadtrat Lim mit einer Bitte an uns wendet: "Ich hätte da noch eine Insel zu verkaufen: 100 Hektaren, ein Kilometer weisser Strand, mit Quellwasser, drei Bootstunden von Coron entfernt, aber man könnte gut eine Landepiste errichten. Schreiben Sie das bitte für Ihre Leser", sagt Lim, "für eine Million Dollar ist die Insel zu haben."

Geografie: Coron gehört zur Calamian Inselgruppe im Norden der philippinischen Provinz Palawan. Etwas verwirrend sind die identischen Namen: Die Stadt Coron liegt auf der Insel Busuanga, südlich davon befindet sich die Insel Coron, die wiederum an die Coron Bay anschliesst. Das philippinische Archipel besteht aus über 7100 Inseln und ist eine Präsidialrepublik. Bis 1946 stand es unter der Herrschaft der USA und früher unter spanischer Kolonialmacht. Das Land ist vorwiegend katholisch und anerkennt neben der offiziellen Landessprache Filipino auch Englisch als Geschäftssprache.

Visum: Für Aufenthalte bis zu 21 Tagen ist kein Visum nötig. Der Pass muss noch mindestens 6 Monate gültig sein.

Währung: Philippinischer Peso, 1 Franken = ca. 25 Peso

Beste Reisezeit: Dezember bis April. Tropisches Klima, 25 bis 30

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