Reportagen
Die Spassfabrik
Zypern/Ayia Napa - Die britische Partyszene betreibt in Zypern eine Sommerfiliale: Welcome to Ayia Napa, der einzigen Stadt, die bloss aus Clubs besteht. Rundgang durch eine Spassfabrik.
Für die NZZ am Sonntag, Herbst 2002
Linos thront hinter einem „Manager“-Schild an seinem Pult, trinkt Whisky on the rocks und raucht Marlboro. Seine Schaltzentrale ist ein kleiner Raum über der Tanzfläche des „Club Ice“, wo sich soeben die „grösste Schaumparty Europas“ ergiesst. Fünfhundert Körper patschen im Takt, glitschen und flutschen aneinander. Ein Flyer hat „vier Tonnen schaumigen Spass“ angekündigt. Während unten ein sommertrunkener Hexenkessel tobt, nimmt Linos laufend Anrufe entgegen, lässt per Türöffnungsknopf Sicherheitsleute in sein Refugium ein, verfolgt vom Chefsessel aus das Treiben in seinen verschiedenen Clubs und Pubs: Vier Monitore hängen über ihm, übertragen live die hopsenden Knäuel auf den Tanzflächen, die Menschenschlangen vor den Eingängen.
Von den 450 000 Touristen, die jährlich nach Ayia Napa strömen, sind 50 000 sogenannte „Clubbers“, Leute also, die ihre Ferien damit verbringen, jede Nacht durch Clubs zu ziehen. Auf sie warten hier rund 30 Discos und 200 Pubs, die von der britischen Party-Szene geprägt sind. Sie hat sich dieses einstige Fischerdorf für die Sommerferien quasi als Aussenfiliale gepachtet hat und zum Ort der Superlative erklärt: es sei das beste Partytown auf Erden, biete den hippsten Sound, die ultimativste Stimmung, sagen die Clubber. Man wagt sogar zu behaupten, Ayia Napa sei das neue, das bessere Ibiza (siehe Box). Kurz: „Hier geht’s einfach völlig ab“, weiss Patrick, ein professioneller Nightlife-Animator des Schweizer Reiseunternehmers Escolette.
Patricks Clubtour startet jede Nacht in der ZicZar Bar. Sie ist – so informiert ein Flyer – „di einzig Schwiizer Bar uf de Insle“ und spielt „dä ultimativ geilschti Sound“. Hier trifft Patrick seine Klientel, junge Schweizer und Schweizerinnen, die sich von ihm durchs Nachtleben führen lassen, entweder weil sie zu wenig Englisch sprechen, um die Tour allein zu wagen, weil sie gerne in einer Gruppe ausgehen oder weil sie wissen, dass Patrick immer Vergünstigungen für sie aushandelt und sie ohne Schlangestehen durch die VIP-Eingänge schleust. „Dä Patrick isch eifach mega, der sorgt für uns.“, sagt eine seiner Anhängerinnen. Zu Spitzenzeiten führt er wie ein bunt gewandeter Hirte an die 150 Schäfchen durchs wilde Nachtleben. Bevor sie losziehen, sorgt der Schweizer DJ Fourside im ZicZac für ihr Warm-up. Dann touren sie durch den „einzigen Ort auf der Welt, der ausschliesslich aus Clubs besteht“, wie DJ Fourside sagt. Tatsächlich: Im Stadtkern reiht sich ein Lokal ans andere. Nur zwanzig Schritte vom ZicZac entfernt, liegt das „Castle Club“, die bekannteste Disco von Ayia Napa. Sie präsentiert sich im Decor einer mittelalterlichen Burg, steht neben Lokalen mit künstlichen Gletscher-, Flintstones- und Planetenfassaden. In diesem Disneyland für Erwachsene muss man sich keine Strassennamen merken – wer etwas sucht, der orientiert sich an den grossen Discos, am MacDonald’s oder am „Square“, dem Hauptplatz.
Zu Spitzenzeiten pilgern jede Nacht 10 000 Clubbers am Square vorbei – von den 3000 Einwohnern Ayia Napas ist dann kaum noch jemand auszumachen. Die vereinzelten schwarz gewandeten, zypriotische Mütterchen, die dann noch down town auf einem Bänklein sitzen, wirken als ob sie vom Fremdenverkehrsamt als Dekoration verteilt worden seien. Wie von einem anderen Stern ziehen tausende Mädchen an ihnen vorbei, in sehr knappen Minis, rückenfreien Tops, hochhakigen Sandaletten. „Im Durchschnitt brauchst du zwanzig Minuten bis du sie im Bett hast“, weiss DJ Fourside. Bei so viel Fleischeslust kann es durchaus mal vorkommen, dass die Ordnungshüter kopulierende Paare von der Tanzfläche entfernen müssen.
Aller Frivolität zum Trotz sind in Ayia Napa keine illegalen Drogen auszumachen. Sicherheitspersonal und Polizisten stehen an jeder Ecke, zivile Fahnder mischen sich unter die Menge und setzen ein striktes Drogenverbot durch. Leute, die trinken, sind hier ohne Zweifel besser aufgehoben. Ayia Napas Triebstoff ist der Alkohol. Wenn um 19 Uhr die Pubs ihre Lautsprecher aufdrehen, trifft man sich zur Happy-Hour, bestellt „Sex on the beach“, erhält dazu gratis zwei Tequilla-Shots. So meistert selbst ein Party-Muffel die Aufwärmrunde und ab Mitternacht tanzen auch die bravsten Mädchen auf den Tresen.
Doch Schlag 1.30 Uhr verstummen alle Pubs. Man reibt sich die Augen. War da nicht eben noch eine Party, ein Rausch? Eine halbe Stunde bleibt noch, um die Drinks zu bezahlen, dann stellen die Barmänner die Stühle auf die Tresen und beginnen, den Boden zu wischen. Wo eben noch Menschentrauben vor den Pubs wogten, liegen nun bloss noch zerbrochene Bierflaschen und Alkoholleichen herum. Die Clubbers haben ihre Party flugs in die Diskotheken verlegt. Diese öffnen um zwei Uhr – und schliessen um vier schon wieder, weil dann auch die After-Hour-Clubs ihr Geschäft machen wollen. Punkt sieben ist ganz Schluss. Wer jetzt noch feiern will, hat Pech gehabt.
Die Sperrzeiten sind in Ayia Napa heilig, doch scheint das niemanden zu stören. Das ist eigenartig, da die Grenzenlosigkeit in jedem andere Party-Eldorado als Markenzeichen gilt: Man feiert ohne Ende, man liebt Ausschweifungen und will naturgemäss keinem Polizisten begegnen. Man ist in Ferien und unterwirft sich keinem Zeitrahmen. Bis anhin konnten nur Orte zu Partytowns avancieren, wenn sie nebst starken Kulissen und hervorragendem Sound das Gefühl der Unbegrenztheit bieten konnten. Keiner, der bisherigen Kultorte hat je ein derart geordnetes Massenvergnügen wie jenes in Ayia Napa durchsetzen können: An den Parties von Goa, Kho Phangan und Ibiza tanzen die Clubbers so lange wie sie Lust haben. Und sie konsumieren in aller Selbstverständlichkeit jene Drogen, nach denen es sie gelüstet. In Ayia Napa hingegen geht man dann nach Hause, wenn die Veranstalter den Sound abstellen und die Barmänner die Kasse schliessen.
Dennoch kommen die Nachtschwärmer hier auf ihre Rechnung. Schliesslich, so sagt DJ Fourside kämen die Leute „bloss aus zwei Gründen nach Ayia Napa: Zum Tanzen und zum Bumsen“. Beides ist im Überfluss vorhanden. Für den Sex sorgen die Clubbers untereinander. Für den guten Sound sorgen die Veranstalter, indem sie die international besten DJs engagieren. Zum Beispiel den R&B-Topstar Trevor Nelson, der alle 14 Tage für eine Nacht von London einfliegt und Ayia Napa für „den weltbesten Ort des R&B“ hält. Was ihm hier sonst noch gefällt? „Die traumhaften Strände und die Frauen. Ich liebe sie.“
Fast möchte man glauben, in Ayia Napa regiere die pure Leichtigkeit – dabei basiert die Geschichte dieses Vergnügungszentrums auf einem Flüchtlingsdrama: 1974 besetzten türkische Truppen den Norden Zyperns, unter anderem auch die touristische Hochburg Famagusta. Die griechischen Zyprioten, die dort das Tourismusgeschäft dominiert hatten, wurden ausgewiesen und mussten flüchten. Seither verfallen die Hotelkomplexe in Famagusta, die Türken halten die Stellung, das Land ist in einen türkischen und einen griechisch-zypriotischen Teil gespalten. Doch hinter der neuen Grenze nur 15 Autominuten von Famagusta entfernt – in Ayia Napa - bauten die griechisch-zypriotischen Flüchtlinge ihre Hotels wieder neu auf. Ein touristisches Boomtown schoss aus dem Boden, die Vertriebenen schufen sich rasch neuen Wohlstand.
Die Narben in den Seelen der Vertriebenen sind indes bis heute nicht verheilt. Kaum einer in dieser Stadt verfällt nicht in Melancholie, sobald vom verlorenen Land die Rede ist. Linos murmelt: „Der Verlust ist bitter. Ich denke jeden Tag an den Ort meiner Kindheit. Vergessen kann man das nie“. Dann schüttelt der wohl mächtigste Vergüngungsverantstalter des Städtchens den Kopf, leert Whiskey nach und sagt: „Lassen wir das. Reden wir über die schönen Dinge im Leben“.
Auf seinen Bildschirmen seifen sich die Menschen gegenseitig ein, Girls und Boys bespritzen sich mit Schaum wie Kinder in der Badewanne. Einer der Türsteher liefert Linos die Ticketblöcke ab. Linos zählt nach, schreibt Zahlen in sein Buch und lächelt: „Die Leute wollen Spass – wir geben ihnen Spass“.
Box: Die besten Feriendestinationen für Party Animals
Mit den Hippies fing alles an. In den Siebziger Jahren begannen sie, im indischen Goa zu überwintern, Rockmusik und LSD einzuführen und die Nächte durchzutanzen. Dasselbe geschah des Sommers auf der spanischen Insel Ibiza. 1973 eröffnete es mit dem „Pacha“ seinen ersten grossen Kult-Club. Bis heute gelten Goa und Ibiza als die Hochburgen heisser Feriennächte. Ibiza hat sich mittlerweile zu einer teuren Topdestination für House-Fans entwickelt, kann das Clubangebot auf hohem Qualitätsniveau halten und hat den Ruf, ein Paradies für Exstasy-Konsumenten zu sein. Goa schaffte mit Techno Anfang neunziger Jahre ein Comeback, etablierte sogar seine eigene Musikstilrichtung, den Goa-Trance.
Anfang der neunziger Jahre formierten sich weitere Party-Destinationen: Die philippinische Insel Boracay verzauberte die Dance-Gemeinde für einige Jahre, verlor sich dann aber im Massentourismus. Hingegen kann die thailändische Insel Koh Phangan seit zehn Jahren bestehen: Kult ist die dortige „Fullmoon“-Party, die jeden Monat am Haad-Rin-Strand mit gegen 10 000 Jugendlichen stattfindet. Südamerika hat in Mexiko ein Tanzparadies zu bieten, zieht aber in erster Linie Amerikaner an: Cancún wird jeden Frühling von rund 80 000 Jugendlichen überrannt: Studenten, die in ihren „Spring Breaks“ nur eines wollen: Sonne, Sex und Suff. Auch die Gay-Szene hat ihre In-Ferienorte: Seit rund zehn Jahren berauscht sie sich im Sommer in den Clubs der griechischen Insel Mykonos. Und im Herbst herrscht schwule High Season in Miami Beach.
In Europa formieren sich derweil neue Clubbing-Orte. In der Technoszene lobt man derzeit die neuen Mega-Raves in den osteuropäischen Staaten. Top-DJs wie Carl Cox schwärmen von Gigs im Amphitheater des kroatischen Pula, und Insider behaupten, bald schon würde die kroatische Insel Hvar die neuen Trends setzen.





