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Meeresschildkröten: Eigenbrötler auf Touren
Meeresschildkröten geben sich liebestoll und gastfreundlich. Letztlich aber wollen sie bloss eines: einsam ihrem Ziel entgegen navigieren. Wie sie über tausende von Kilometern dort hin finden, weiss keiner genau.
Für das deutsche Magazin der Meere "mare"
Noch heute erinnert sich Flegra Bentivegna wie Walkiria, eine Unechte Karrettschilkröte es zum Medienstar brachte: "Sie hat uns mit ihrer exzellenten Navigation völlig verblüfft", erzählt die führende italienische Expertin für Meeresschildkröten. Bentivegna hatte Walkiria Anfang der 1990er Jahre auf ihre Auswilderung vorbereitet. Gut zwanzig Jahre zuvor hatte ein deutscher Urlauber das Ei, in dem Walkiria sich entwickelte, auf der griechischen Halbinsel Peloponnes gefunden. Was er da aufgelesen hatte, wusste er allerdings nicht.
Vier Wochen lang polterte das ihm unbekannte runde Ding im Kofferraum seines Autos herum. Dann plötzlich entschlüpfte ihm in Berlin ein vier Zentimeter grosser, gepanzerter Winzling. "Schildkröte kroch aus Tennisball - nach vier Wochen Liegezeit im Urlauber-Auto", titelte damals ein Berliner Boulevardblatt. Diesem ersten Grossereignis in Walkirias Leben folgte eine zweite Sensation: 1994 wurde die nun erwachsene Schilkröte mit einem Satellitensender versehen am Strand der süditalienischen Insel Stromboli von Bentivegna freigelassen: Deutsche und italienische Fernsehteams lassen sich das Spektakel nicht entgehen.
Walkiria soll den Wissenschaftlern dabei helfen, einem der grössten Mysterien der Tierwelt auf die Spur zu kommen: dem ausserordentlichem Orientierungssinn der Meereschildkröten während ihrer jahrelangen Wanderungen durch die Ozeane. Denn jedes Weibchen im geschlechtsreifen Altern von etwa 25 Jahren kehrt für die Eiablage genau an jenen Strand zurück, wo es einst geschlüpft ist - selbst wenn es dafür tausende von Kilometern zurücklegen muss. Wie aber, so rätselt die Wissenschaft, finden die Tiere trotz starker Meeresströmungen an die Strände zurück, woran orientieren sie sich bei hohem Wellengang, wie navigieren sie? Und in diesem Fall: Wohin würde die in Berlin geschlüpfte Walkiria schwimmen?
Als man Walkiria aus ihrer Holzkiste hievt, flattern ihre Flossen wie die Flügel eines fetten Käfers. Im Sand abgesetzt, guckt sie erst mal um sich, robbt dann mühselig vor, wird von den ersten Wellen empfangen und paddelt los, mit Kurs auf Griechenland. Ganz in der Nähe läge Lampedusa, wo all ihre italienischen Artgenossinnen nisten. Walkiria aber ignoriert die nahe Brutstätte - und schwimmt nach Hause. Inzwischen hat Flegra Bentivegna acht weitere Schildkröten mit Satelliten versehen und auf Wanderschaft geschickt. "Wissenschaftler vermuten, dass sich die Schildkröten anhand erdmagnetischer Felder orientieren. Aber der Beweis dafür steht bis heute noch immer aus."
Auch Dieter, eine weitere Unechte Karrettschildkröte, die nach knapp 40 Jahren im Aquarium von Stuttgart durch Bentivegna ausgewildert wurde, schwamm ohne Zögern los und schaffte in nur drei Monaten eine Stecke von über 5500 Kilometern. Meereschildkröten wandern alleine. In Küstennähe halten sie sich indes auch in Gruppen auf und scheinen untereinander Beziehungen zu entwickeln. "Wir kennen einige Schildkröten, die seit Jahren nahe beieinander leben - so, als ob sie Freunde wären", berichtet die kanadische Expertin Ursula Keuper-Bennett, die in Hawai seit über 10 Jahren Meeresschildkröten beobachtet und davon überzeugt ist, dass sich die Tiere untereinander kennen und zu den langjährigen, menschlischen Beobachtern Vertrauen haben.
Begegnen die Schildkröten unterwegs einem Artgenossen beriechen sie sich mittels nickenden Kopfbewegungen, denn hre Riech- und Sehorgane sind am besten entwickelt. Zähne haben sie keine, ihre Nahrung zermalmen sie zwischen ihren starken Kiefern: Krebse, Quallen, Schnecken, Algen und gelegentlich Fische. Auf ihren Panzern tragen sie oft eine Schar mariner Lebewesen mit sich. Krebse, Muscheln, Egel, Röhrenwürmer, Polypen und Tange begleiten die Meeresschildkröten rund um die Welt. Beobachtungen zeigen, dass die Topschwimmer im Tag etwa 11 bis 35 Kilometer zurücklegen, also eine Durchschnittsgeschwindigung von rund einem Stundenkilometer haben. Bei einer markierte Bastardschildkröte beobachtete man, dass sie für ihre Reise von 1900 Kilometern nur 23 Tage benötigte - täglich also 82 Kilometern zurückgelegt hat. Selbst Jungtiere bewältigen Strecken von über 10'000 Kilometern.
Der amerikanische Forscher Wallace Nichols konnte kürzlich beweisen, dass eine von ihm markierte Unechte Karrettschildkröte von Japan bis nach Mexiko geschwommen ist. Das sind immerhin 12000 Kilometer. Wie Walkiria ist auch sie in einem Aquarium aufgewachsen. Der Instinkt dieser Urtiere scheint ungebrochen. Hundertzehn Millionen Jahre hat die Art bereits überlebt. Im Schnitt erreicht nur ein Tier aus tausend Eiern das geschlechtsreife Alter. Während die meisten anderen Reptilien im Laufe der Evolution das Wasser zugunsten des Landlebens verliessen, passten sich die Meeresschildkröten umgekehrt perfekt den Erfordernissen der Ozeane an und gehören heute zu den ältesten Tierarten der Welt. Zunehmend werden ihnen indes Wilderer, Umweltverschmutzung und Tourismus zum Verhängnis - alle sieben Spezies der Meeresschildkröten sind vom Aussterben bedroht.
Zwar unterstehen sie seit 1976 dem Washingtoner Artenschutzabkommen CITES, doch "die Situation wird immer kritischer", sagt Elizabeth Kempf von WWF International. So war die "Königin der Meeresschildkröten", die bis zu zwei Metern lange Lederschildkröte, bislang noch als "gefährdet" eingestuft, gilt aber seit Herbst 2000 als "sehr gefährdet". Ihren royalen Titel trägt sie, weil sie ihre Artgenossen als längste, schwerste und hochseetauglichste Schildkröte überragt und eine der grössten Reptilien überhaupt ist. Gründe für die Gefährdung der Meeresschildkröten sind "zu viele Touristen an den Niststränden, die Kollision mit Schiffsschrauben oder Treibnetzen, Giftstoffe und Wilderer", erklärt Kempf, "doch ohne das Artenschutzabkommen wären sie noch schlechter dran". Bestandeszahlen oder Schätzungen gibt es keine, für alle Umweltschützer ist indes klar: Die Bestände verringern sich markant.
Das Paarungsverhalten der Meeresschilkröten macht es Feinden leicht, sie zu töten: Die Tiere kopulieren bis zu sechs Stunden und scheinen dabei alles um sich herum zu vergessen. Erreichen die paarungswilligen Weibchen das küstennahe Flachwasser, werden sie dort sogleich von wartenden Männchen begattet, meist am helllichten Tag. Das kleinere Männchen reitet dabei auf dem Weibchen, bereitet es mit Bissen vor und krallt sich dann mit Haken an dessen Panzer fest. Sein erigierter Penis ist fast so lang wie sein Körper, weil es den schwierigen Balanceakt sonst gar nicht vornehmen könnte. Gelegentlich lassen sich die kopulierenden Paare mit den Meeresströmungen treiben - Fischer können sie dann einfach orten und fangen. Noch gefährlicher wirds, wenn sich das Weibchen zur Eiablage an den Strand schleppt. Es gräbt dafür mit den hinteren Extremitäten eine Grube von 30 bis 70 Zentimetern Tiefe und legt rund 90 bis 150 Eier pro Nest. Dabei ächzt es, ist sichtlich angestrengt und weint dicke Tränen - Tränen des Schmerzes und der Trauer um ihre Eier, so die Legende.
Doch sind es nicht mütterliche Emotionen, die das Tier zu Tränen rühren, sondern biologische Vorgänge: Seeschildkröten "weinen", weil sie damit überschüssiges Salz aus ihrem Körper entfernen. Denn ihre Nieren sind nicht in der Lage, das im Blut gelöste überschüssige Salz zu entfernen, so wie es bei etwa bei marinen Säugetieren erfolgt. Während der Eiablage gerät die Schildkröte in eine Art Trance, in der sie sich durch nichts stören lässt, auch nicht durch Wildtiere oder Wilderer, die ihr die Brut oft schon während des Legens rauben. Erschöpft robbt sie schliesslich zurück ins Wasser, wo sie sich ausruht, um dann nach einigen Tagen erneut, meist drei bis vier mal pro Nistsaison, ein weiteres Gelege zu legen, "ein enormer körperlicher Aufwand", so die deutsche Meereszoologin Sandra Storch, die Echte Karettschildkröten (Eretmochelys imbricata) in Puerto Rico untersucht hat.
Ob die Nachkommenschaft dann weiblich oder männlich wird, hängt von der Temperatur ab: wie bei vielen anderen Reptilien auch bestimmt diese während der Embryonalentwicklung das Geschlecht. Bei Temperaturen über 32 Grad erfolgt eine Ausbildung weiblicher Geschlechter, bei kühleren Temperaturen entwickeln sich Männchen. Nach rund sechzig Tagen Brutzeit folgt die so oft im Fernsehen ausgestrahlte Szene: Die Jungtiere schlüpfen, graben sie sich aus dem Nest und eilen ins schützende Wasser - ein Wettrennen um Leben und Tod, denn auf ihrem Weg ins Wasser werden sie von Krabben, wilden Hunden oder Raubvögeln gejagt, und im Wasser von Raubfischen attackiert. Die wenigen Überlebenden machen sich nach einigen ersten Jahren in Küstennähe dann auf Wanderungen zu neuen Futterplätzen, die tausende von Kilometern von ihrer Heimat wegführen. Sie bevorzugen dabei tropische und warme Meere.
Einzig die Lederschildkröte dringt bis weit in nördliche Gewässer vor. Aller Freiheitsliebe zum Trotz werden Meeresschildkröten in Gefangenschaft rasch futterzahm. Sie passen sich gut an, lernen schnell und zuverlässig. Hinsichtlich ihrer intellekturellen Fähigkeiten stehen sie anderen Reptilien nicht nach. Verhaltensexperimente zeigten, dass die Tiere bei Futterbelohnung Bewegungsabläufe kopieren oder auf bestimmte Handzeichen reagieren können. "Zudem sind sie sehr neugierig", weiss Ursula Keuper-Bennett, die mit ihrem Mann beim Fotografieren unter Wasser immer wieder erlebt, wie die ihnen bereits vertrauten Tiere ihre Kameras anstupsen oder gar anknabbern wollen. "Sie beobachten uns gerne, starren uns dabei mit weit geöffneten Augen an, verrenken richtiggehend ihre Hälse, um besser sehen zu können - wachsam und interessiert."
Ein gegenseitiges Interesse, denn sowohl Forscher und Hobbytaucher berichten immer wieder von fasznierenden Begegnungen mit diesen Tieren. Selbst die frischgeschlüpften Jungtiere strahlten schon eine Aura von Weisheit aus, so Sandra Storch. "Und wenn man die Muttertiere weinen sieht, ist das entgegen der Vernunft emotional sehr beeindruckend." So erstaunt nicht, dass man bereits in vorantiken Kulturen in der Schildkröte ein Sinnbild der Klugheit sah; in der griechisch-römischen Antike war sie Begleittier mancher Gottheit; in verschiedenen asiatischen Religionen wird sie als heiliges Tier verehrt und in vielen südamerikanischen Märchen als intelligentes, hilfsbereites Wesen dargestellt. Bis im 16. Jahrhundert hatten die Meeresschildkröten von den Menschen wenig zu fürchten.
Der Verzehr von Schildkrötenfleisch und -eiern durch die Naturvölker konnte die Gattung in den vergangenen Jahrtausenden nicht ernsthaft gefährden. Gefährlich wurde es für sie erst, als die Segelschiffe der europäischen Nationen im 16. Jahrhundert die tropischen Meere kreuzten: Die Segler nahmen die Tiere gerne als billigen, lebenden Proviant an Bord und führten sie schliesslich im 18. und 19. Jahrhundert als exotische Delikatesse in Westeuropa ein. Ebenso förderte der internationale Handel von Schildpatt den Untergang der Tiere. Einer, der als erster ihrer Ausrottung entgegen zu wirken begann, war der amerikanische Zoologe Archie F. Carr, der sich in den dreissiger Jahren den Ruf als Retter der Meeresschildkröten erwarb. Sein Archie Carr National Wildlife Refuge in Florida gilt heute als produktivste Nistgegend der westlichen Hemisphäre. (www.cccturtle.com).
Ebenso ist der WWF im Schutz der Meeresschildkröten auf der ganzen Welt sehr aktiv und kooperiert mit vielen lokalen Partnern während sich Greenpeace stärker auf Kampagnen und Einzelprojekte konzentriert. Im griechischen Zakynthos beispielsweise, das weltweit eines der grössten Aufkommen an nistenden Unechten Karettschildkröten aufweist, ist durch den WWF eine Schutzzone entstanden, die seit 1986 als grosse Touristenattraktion gilt und viele Schulprojekte einschliesst. Seit 1979 haben auch die philippinischen Turtle Islands mit Hilfe von WWF ein Schutzgebiet mit kontrollierten Nistplätzen errichtet und eine limitierte, nur gegen Lizenz geduldete Eiersammlung für Einheimische eingeführt.
Aber auch viele kleine Umweltschutzorganisationen wie etwa die indonesische "Animal Conservation for Life KSBK" engagieren sich gegen den noch immer verbreiteten illegalen Handel und das rituale Schlachten von Meeresschildkröten. Das Spektrum der Aktionen reicht dabei von Demonstrationen über pädagogische Arbeit bis zu Untersuchungen über die Wege des Tierhandels. Und mit Satelliten bepackte Schildkröten wie Walkiria haben heute weltweit immer mehr Schicksalsgenossinnen, die für die Forscher die Weltmeere abschwimmen. Walkiria konnte zwar einige Hinweise liefern, die Übertragung von ihrem Satelittengerät endete allerdings nach einem Jahr, ihr weiterer Verbleib ist ungewiss. Heutige "Forscher"-Schildkröten sind bereits besser ausgerüstet. Inzwischen wurden Geräte entwickelt, die auch Auskunft über Tauchtiefe und Körptertemperatur geben. Und die modernen Schildkröten wie zum Beispiel "Miss Tomasa" (www.cccturtle.org) können samt Satellit adoptiert und ständig über das Internet in ihrer Navigation verfolgt werden - auf dass die Forscher dem Geheimnis ihrer Navigation doch noch auf die Spur kommen.





