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Heilkräuter: Natürliche Apotheke

Hilfe aus der Apotheke von Mutter Natur. Sie sind schön, sanft, äussert hilfreich - und erst noch gratis: Heilkräuter sind eines der wertvollsten Geschenke der Natur. Heute gewinnen sie zunehmend an Bedeutung. Denn sie können mehr als bloss heilen.

Für das Schweizer Gesundheitsmagazin Gesundheit Sprechstunde, 1999

Was haben die armen Kerle damals gelitten: brave Mönche wollten sie sein, nichts als ihrem Schöpfer dienen, der Welt und ihren Verlockungen den Rücken kehren, rein und gut. Und doch quälte sie immer wieder die Fleischeslust. Was tun? Gott wusste Rat. Er schuf den Mönchpfeffer und liess den Strauch fortan in seiner Natur-Apotheke gedeihen: Ein lieblich-violettes Wunderkraut gegen üble Triebe: "Wer dieser Blätter undersich in sein Bettstatt legt, dem vertreibt es alle Fleischliche Anfechtung" lehrte 1679 ein Kräuterbuch.

Lang ists her; da lachen wir im Zeitalter von Viagra und Ecstasy. Die Wissenschaft indes nimmts ernst: Denn Mönchspfeffer, so stellen die Forscher neuerdings fest, hilft nicht nur gegen die Lust, es hilft auch gegen den Schmerz: "Heute ist eindeutig nachgewiesen, dass er in der Behandlung von Menstrualbeschwerden und dem Prämenstruellen Syndrom gute Wirkung zeigt", bestätigt Prof. Otto Sticher vom Department Pharmazie der ETH Zürich, das unter anderem die heilenden Wirkstoffe von Gingko, Ginseng, Weissdorn und Johanniskraut untersucht hat.

Ist die Wirkung einer Substanz erstmals wissensschaftlich erwiesen, steht ihrem Siegeszug nicht mehr viel im Weg. So werden jene Pflanzenheilmittel, die neuerdings kassenpflichtig sind, nun auch von den Krankenkassen bezahlt. Das freut die Hersteller von Pflanzenheilmitteln. "Es kommt Bewegung in den Markt", sagt Bea Rieder von Bioforce. Präparate mit Echinazea beispielsweise, die Substanzen zur Steigerung der Immunabwehr enthalten, können nun also hochoffiziell in der Schulmedizin eingesetzt werden.

Zunehmend beweisen die Forscher, was die alten Heiler, Druiden und Hexen längst wussten: Die Kräuter wirken tatsächlich. Kein Wunder, dass die Naturmedizin almählich auch die einst so chemie-gläubigen Schulmediziner zu bekehren vermag: "Dank neuer molekularbiologischer Erkenntnisse wenden sich in letzter Zeit viele Aerzte und Spitäler der Phytotherapie zu", so Prof. Sticher, "denn je klarer die mechanistische Seite einer Heilpflanze wird, desto mehr sind die Aerzte willens, diese auch anzuwenden."

Einen regelrechten Boom erlebt derzeit das Johanniskraut. Vor fünf Jahren den meisten Trübseeligen noch fremd, ist es heute das beliebteste Mittel gegen leichte bis mittlere Depressionen. Dabei hat der Schweizer Arzt und Naturforscher Paracelsus das Kraut schon vor über 400 Jahren gegen Melancholie, Gereiztheit und Verstimmung ermpfohlen. Mittlerweile haben rund dreissig verschiedene klinische Studien die antidepressive Wirkung von Johanniskraut belegt,

Die Kräuterfrau von "Gesundheit Sprechstunde" Edith Porter aus Brig-Glis VS wunderts nicht. Denn die 63jährige ist seit ihrer Kindheit mit der Wirkung von Heilkräutern vertraut: "Grossvater kannte viele Hausmittel", erzählt sie, "waren wir erkältet so mischte er Pfefferminze, Kampfersalbe, Butter oder Schweinefett, rieb uns damit die Brust ein, ein wolliger Lappen darüber, und dann ab ins Bett, das half". Salbei gegen Halsweh, Brennesseln gegen Magenbeschwerden, Johanniskrautöl gegen Verbrennungen... für Edith Porter alles eine Selbstverständlichkeit. Die gelernte Apothekerhelferin erinnert sich aber auch an die Zeit, als das Urwissen um Kräuter von chemischen Präparaten verdrängt wurde: "In den sechziger Jahren wars plötzlich weg. Alle wollten Chemie und man hielt uns mit den Butterwickeln schon fast für blöd." Mittlerweile hat das Pendel wieder umgeschlagen. Die Leute fielen von einem Extrem ins andere, so Porter. Einmal habe sie erlebt, wie ein Kind an Lungenentzündung gestorben sei, bloss weil die Mutter partout keine Antibiotika geben wollte und nur auf Naturheilmedizin schwor.

Die Kräuterfrau plädiert daher für ein Zusammenspiel von Naturheilkunde und Schulmedizin: "Heilkräuter erweisen den Menschen bei kleineren Gebrechen und Beschwerden grosse Dienste, wer aber ernsthaft krank ist, sollte die Schulmedizin nicht von sich weisen." Diese Meinung teilt auch Prof. Sticher: "Kein Zweifel, man muss einen pragmatischen Weg zwischen den beiden Anwendungsbereichen finden." Man könne pflanzliche Heilmittel indes durchaus in Eigenverantwortung anwenden, sagt Reinhard Saller, Professor für Naturheilkunde an der Universität Zürich, und das Gute daran: "Gezielt verwendet haben sie weder überhängende Effekte noch führen sie in Abhängigkeiten". Kurzum, es gibt keine schlechten Nebenwirkungen, dafür aber positive: "Heilpflanzen fördern die Selbstheilungskräfte der Patienten", so Prof. Sticher.

Doch warum warten bis man überhaupt krank ist? Den schönsten Umgang mit Heilkräutern erlebt man ohnehin solange man gesund ist: Allein das Suchen und Pflücken in freier Natur tut wohl, ebenso das Hegen und Pflegen im eigenen Garten oder Balkonkistli. Eine "zauberhafte Welt" betrete man, wenn man sich mit Heilpflanzen beschäftige, erzählt die 54-jährige Kräuterspezialistin und Gesundheitstrainerin Martha Mächler aus Tannrüti ZH: "Ich bin ganz fasziniert davon. Das Geheimnisvolle rund um die Kräuter, dieses 'Hexige' gefällt mir sehr." Kombiniert mit einer gesunden Ernährungen, so sagt sie, könnten Heilkräuter vielen Beschwerden vorbeugen.

Das Leben mit Kräutern erfordere aber auch einen inneren Prozess, weiss Martha Mächler: "Man beginnt bewusster zu leben". Gar nicht so einfach, wenn man gewohnt war, seine Gebrechen jeweils rasch mit Tabletten runterzuschlucken. Immer wieder beobachtet denn auch die Kräuterfrau in ihren Kursen, wie die Teilnehmerinnen erst ganz begeistert seien - und einige Wochen später alles wieder vergessen hätten: "Die Leute stecken zu sehr in ihren Gewohnheiten, sind zu bequem", sagt Martha Mächler und lacht: "Schade, aber gegen das Phlegma ist noch kein Kraut gewachsen..."

 

Gut zu wissen
So brauen Sie sich Ihren eigenen Heiltee: Kräuter, Beeren und Wurzeln zwischen Frühling und Frühherbst sammeln, Blätter und Blüten vom Hauptzweig abzupfen und in der Sonne trocknen lassen. Wurzeln reinigen, in Stücke schneiden und 10 Tage an warmen Ort (z.B. über dem Ofen) trocknen. Pro Tasse Wasser einen Teelöffel frische oder drei Teelöffel getrocknete Kräuter nehmen und in noch kaltem Wasser aufsetzen. 10 bis 15 Minuten köcheln lassen, dann Tee abseihen. Die Abkochung wird bei härteren Blättern, Stengeln und Wurzeln angewendet. Für Blüten und zarte Blätter reicht ein Aufgruss mit kochendem Wasser. Kräutertees sind Arzneien, trinken Sie daher nicht zu viel und zu lange Zeit nur von einer Sorte!

10 Kräuter für Kids:

- Arnika: Auflagen mit verdünnter Tinktur lindern Schwellungen, Quetschungen und Blutergüsse. Achtung: Kinder mit Heuschnupfen reagieren allergisch auf Arnika

- Baldrian: Gegen Schlafstörungen, Angstzustände, Krämpfe

- Brennesseltee: Gegen Ekzeme, Nasenbluten, kräftigt den Körper generell

- Goldmelissentee: Beruhigt vor dem Schlafengehen, antimikrobiell

- Hagenbutten: zusammen mit Tausengüldenkraut und Zitronenschalen zu einem Tee aufgiessen, nützt bei Appetitlosigkeit

- Johanniskraut: Der Tee beseitigt das Bettnässen, das Oel heilt Verbrennungen und Sonnenbrand

- Katzenminze: Bei Kindern besonders geeignet gegen Durchfall

- Lindenblütentee: schweisstreibendes Mittel gegen Erkältung und Fieber

- Löwenzahn: Salat zum Selberpflücken, enhält viele Aufbaustoffe und Mineralien

- Spitzwegerich: als Tee bei Erkältungen, als Tinktur gegen Juckreiz und schlecht heilende Wunden

10 Kräuter für Omis und Opis:

- Augentrost: Bei allen Augenbeschwerden hilfreich, äusserlich als Kompresse, innerlich als Tee

- Beinwell: Gegen Krampfadern

- Brennesseln: Hilft beim Wasserlösen, gegen Gicht und Rheuma

- Falsches Einkorn: Nützt als Wurzelaufguss den Frauen bei Wechseljahr- und Uterusbeschwerden, kräftigt auch die Geschlechtsorgane der Männer

- Gingko: Das beste Mittel gegen Gedächnisschwäche

- Ginsengpulver: Mobilisiert als Tee die Abwehrkräfte, verbessert die Vitalität und Leistungsfähigkeit

- Mistel: Gegen Alterskrankheiten wie Arterienverkalkung, Blutdruckbeschwerden, Schwindel oder Konzentrationsschwäche

- Wanzenkraut: Schmerzmittel gegen Rheuma, Osteroarthritis und Muskelschmerzen

- Weissdorn: Der Beerenaufguss ist ein hervorragendes Tonikum für Herz und Kreislauf, gut gegen Herzjagen und Herzklopfen

- Zinnkraut: als Tee hilfreich bei Prostataproblemen und gegen Inkontinenz

Fit durch den Tag

Man muss nicht krank sein, um den Wert von Heilkräutern zu nutzen. Sie
tun auch den Gesunden gut. Von Morgens bis Abends. Ein Tagesbericht mit
Tipps für jede Stunde.

7.00 Uhr: Schrill der Wecker, das Bett so kuschelig wie nie - muss man
wirklich aufstehen? Ja, und das Suchtteufelchen schreit nach Kaffee. Wir
aber trinken zum Aufwachen lieber Hagenbuttentee, den Vitamin-C-Spender
par excellence.

8.00 Uhr: Geduscht, gefrühstückt, die Zeitung griffbereit: ab ins stille
Örtchen. Zuvor aber noch ein Löffelchen Leinsamen, dass fördert und
reguliert die Verdauung.

9.00 Uhr: Geben wirs doch zu: So fit und fröhlich wie einst sind wir
längst nicht mehr. So viel zu tun, so viele Sorgen, wie nur packen wir
diesen Tag? Mit Johanisskraut. Das stimmt heiter, weckt Tatendrang und
macht im Leben alles etwas einfacher. Wem der Tee zu bitter ist, der schluckt das Kraut in Tablettenform.

10.00 Uhr: Jogging ist mal wieder angesagt. Mit Weissdorntee kurbeln wir
zuvor die Durchblutung an.

11.00 Uhr: Zeit fürs Kochen. Heute mit Dill und Kümmel, beides weckt den
Appetit und verhindert Blähungen.

12.00 Uhr: Bitter aber nötig: Kurz vor dem Mittagessen trinken wir
einige Schluck Tausengüldenkrautee. Das regt die Leber- und
Gallentätigkeit und die Funktion der Bauchspeicheldrüse an.

13.00 Uhr: Siesta muss sein, Stress hin oder her. Vor dem Mittagschlaf
ist Kava Kava angesagt, damit man so richtig friedlich wegdösen kann. Das Wurzelextrakt nimmt man am besten als Kapsel zu sich, es hilft bei Unruhe und Spannungszuständen.

14.00 Uhr: Jetzt aber Action. Her mit den Ginseng-Tropfen! Er ist
kozentrationssteigernd, hilft Stresssituationen zu meistern und stärkt
die Nerven. Ideal, um ganz gelassen an die Arbeit zu gehen.

15.00 Uhr: Lust auf Zigarette und Kaffee? Das gehört vergessen, ein
Uebel aus den Zeiten unbewussten Sündenlebens. Heute suckeln wir an
einem Stück Süssholz: Es macht gelöst und schützt vor Magengeschwüren.

16.00 Uhr: Wieder mal zu viel in den Bildschirm gestarrt: Die Augen
brennen, alles flimmert, verflucht sei die Computerarbeit. Augentrost -
der Name sagts - hilft uns weiter. Eine kleine Kompresse und die Sicht
ist wieder ungetrübt.

17.00 Uhr: Warum nur immer so viel telefonieren und sich die Kehle
trocken reden? Die Luft ist zudem schlecht und eine kleine Erkältung
meldet sich an. Heiser hauchen wir eine Entschuldigung hervor und gönnen
uns ein Viertelstündchen mit Salbei-Tee, das ist Gold für die Kehle.

18.00 Uhr: Alle nerven: Der Chef, die Kunden, die Kinder - wer auch
immer. Irgendeiner nervt ja meist noch kurz vor Feierabend. Nun heissts
Ruhe bewahren. Eisenkrauttee ist es, was wir jetzt brauchen. Der
beruhigt und schmeckt erst noch gut.

19.00 Uhr: Apéro-Time! Einen Wermut bitte. Natürlich nicht den Schnaps.
Viel gesünder und appetitanregender ist das Wermutkraut.

20.00 Uhr: Schlemmen, geniessen, trinken - alles mal wieder masslos.
Keine Zeit für Reue, höchstens noch für Schadensbegrenzung: Nach dem
Abendessen einen Pfefferminzetee, der regt die Lebertätigkeit an, löst
Krämpfe, ist antimikrobiell und verdauungsfördernd.

21.00 Uhr: Hätten wir bloss den schweren Harass nicht so schwungvoll
hochgehoben. Zack, war der Hexenschuss da. Nun hilft bloss noch eines:
Ein Bad mit Heublumen und danach sich von lieben Händen mit
Johanniskrautöl massieren lassen.

22.00 Uhr: "10 vor 10" gesehen: All die Kriege, all der Irrsinn! Wir
schlürfen Eisenkrauttee, das beruhigt und verscheucht die bösen Bilder.
Zum Glück haben wir schon morgens Johanniskraut geschluckt, sonst
überfielen uns spätestens jetzt die Depressionen.

23.00 Uhr: Guter alter Baldrian, nun bist du dran, treuer Begleiter in
die Nacht, Schützer gegen böse Geister. Glückseelig taumeln wir mit dir
ins Land der Träume.


Medizin in Ihrer Küche

Die Küche als Apotheke: 12 Heilpflanzen, die Sie gleich neben Ihren Kochtöpfen finden.


- Anis: Aufguss der Samen wikt gegen Blähungen und Darmkolliken, auch gegen Bronchitis und Reizhusten.

- Dill: Samen kauen gegen Mundgeruch. Aufguss regt bei stillenden Müttern den Milchfluss an.

- Gewürznelke: Mildes Schmerzmittel gegen Zahnschmerz: Knospe an Zahn halten oder kauen.

- Hafer: Als Flockenbrei eines der wirksamsten Heilmittel für das Nervensystem. Aufbauend bei Erschöpfung.

- Knoblauch: Hervorragendes Abwehrmittel gegen Bakterien, Viren und Parasiten. Senkt Blutdruck und Cholesterinspiegel.

- Kümmel: Aufguss der Samen lindert Menstruationsschmerzen und Blähungen

- Majoran: Tee ist appetitanregend, blähungswidrig, verdauungsfördernd und gut gegen Husten..

- Petersilie: reich an Vitamin C, entwässernd und menstruationsfördernd.

- Rosmarinblätter: Aufguss ist durchblutungsfördernd, nervenstärkend. Als Bad gegen Rheuma.

- Salbeiblätter: Spülungen bei Mund- und Rachenentzündungen, schweisshemmend.

- Thymian: ein starkes Antiseptikum, hilft als Tinktur bei infizierten Wunden, als Aufguss bei Infektionen der Atemwege.

- Zimt: appetitanregend, verdauungsfördernd, gegen Durchfall und Erbrechen.

Websites:

Ausführliche Informationen über Heilkräuter und deren Anwendung sowie ein Kräuterlexikon finden Sie im Internet unter

- www.kraeuter.ch
- www.heilkraeuter.de

Buchtipps:

- "Appenzeller Kräuterapotheke" von Alfred Sigrist, Appenzeller Verlag, ISBN 3-85882-202-7: Die siebzig wichtigsten Heilpflanzen der Schweiz, ihre Wirkung und Anwendung. Bildband, Fr. 58.-

- "Die grosse Pflanzenapotheke" von David Hoffmann, Mosaik Verlag, ISBN 3-576-10727-4: Ueber 200 Heilkräuter und deren Wirkung, grosser, schöner Bildband, Fr. 54.-

- "Gottes Segen in der Natur" von Bruno Vonarburg, Christiana-Verlag, ISBN 3-7171-0674-0: Einführung in die Gesundheitslehre und Kräuter-Ernährungs-, Erd-, Wasser- und Lichttherapie, Fr. 25.-

- "Heilpflanzen" von Dieter Podlech, Gräfe und Unzer Verlag, ISBN 3-7742-4060-4: Handbuch mit 315 Naturfarbfotos zum Bestimmen und Sammeln von Heilpflanzen, Fr. 27.50

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