Recherchetexte
Enzyklpädie des Alltags: Henna
Henna hat der Menschheit eigentlich schon genug Zeit gestohlen. Da selbst Mohammed und Madonna diesem Grünzeug verfielen, kann man es den heutigen Ravern freilich auch nicht verübeln.
Für "Enzyklpädie des Alltags" in "Das Magazin", 1999
Henna, igitt! Was wurden mit dem grünen Brei schmierige, ökoriechende WG-Nachmittage vertrödelt. Unaufhaltsam hatte das Kraut die vereinten Blumenkinder des Westens erobert; zu jener Zeit, als man sich noch mit Aarafattüchern kleidete, bewegte Männer Hoden badeten und Frauen, rotbemähnt zu Ina Deters Wunschkonzert tanzten: "Ob blond, ob braun, ob HEEENNA - Weihnachten gibts neue MÄÄÄNNER..."
Ihre Traummänner bekamen sie nicht, dem Henna aber blieben sie treu, schreienden Karrottenköpfen zum Trotz. Immer wieder musste die Färbepaste aus den getrockneten Blättern des Cypernstrauches aufs Hippy-Haupt gepappt werden, dazu ein Joint (um die Zeit totzuschlagen und weil man dann besser darüber fachsimpeln konnte, ob das Haschisch nicht doch mit Henna gepantscht war). Das Haar schimmerte hieran seidenweich, denn Henna oder Lawsonia inermis enthält die Gerbsäure Tanin, das die Schuppenoberfläche des Haares zusammenzieht, sie dadurch glättet und festigt. Betrachtet man ein Haar unter dem Mikroskop so wirkt seine rauhe Hornhaut im schlechtesten Fall wie ein ausgetrockneter, alter Tannenzapfen; Henna hingegen hüllt das Haar in einen Seidenmantel - es wird wieder biegsam und glänzend, vergleichbar mit einem jungen, schimmrig-saftigen Tannzapfen. Wer bloss pflegen, nicht aber färben will, verwendet "Henna neutral", das aus den Blätter der noch jungen Pflanze gewonnen wird. Das Kraut der älteren Blätter erzeugt je nach Originalfarbe des eigenen Haares ein leuchtendes Rot oder Kastanienbraun, wenns schlimm kommt auch mal Orange, Violett oder Grün.
Das wussten die Ägypterinnen schon vor rund 3500 Jahren, so behaupten es jedenfalls Wissenschaftler, die Hennaüberreste im Haar einer Prinzessinnen-Mumie fanden. Sogar die Pharaonen färbten ihre Bärte mit Hennotannic-Säure ein - um magische Kräfte abzuwehren und mit dem Rot Macht und Energie zu symbolisieren. Nach saudi-arabischen Überlieferungen soll damit auch Prophet Mohammed seine Haarfarbe aufgebessert und um 600 v. Chr. die Hennatradition im Mittleren Osten ausgelöst haben. Seit Jahrhunderten wird Henna in Indien, Nordafrika, Persien und Ägypten verwendet: Äusserlich, um das Haar zu pflegen, die Haut vor Sonnenbrand zu schützen, Schweiss zu stoppen, Ekzeme, Verbrennungen oder gar Windpocken zu heilen, aber auch innerlich als Wurzeltee gegen Fieber, Menstruationsbeschwerden oder Potenzprobleme. In der traditionellen, indischen Ayurveda-Tradition helfen Massagen mit dem Öl der Henna-Blüten gegen Energieblockaden. Die moderne Medizin hat die heilenden Eigenschaften inzwischen bestätigt und den Wirkstoff Naphthochinonderivat sowie andere adstringiernde (zusammenziehende) Inhaltstoffe nachgewiesen.
Das Kraut wirkt aber auch in der Liebe und gegen böse Geister: Indische Bräute lassen sich vor der Hochzeit in stundenlangen Zeremonien mit Mehndi-Malereien aus der Hennapaste verzieren - denn je länger die Bilder auf der Haut bleiben, je länger soll die Liebe halten. Mehndis haben im Orient und ein einigen Teilen Afrikas eine jahrtausendalte Tradition, dort glaubt man, dass die Muster magische Kräfte besitzen.
Und was machen die Jungen heute? Kopieren, was Popstars wie Madonna oder Prince vormachen, färben ihre Haare zur Abwechslung hellblau, zwängen sich in bunte Jesus-T-shirts und bestellen via www.bioch.ox.ac.uk/~jr/henna <http://www.bioch.ox.ac.uk/~jr/henna> ein "Henna-Tattoo-Starterset". Dann vermalen sie ganze Nachmittage mit regligiösen Motiven, die keiner mehr versteht. Dazu ein Ecstasy, weil man so die Zeit an den Raves besser totschlagen kann. Fast wie damals.





