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Recherchetexte

Die Wirkung von Heilerde

Seit Urzeiten heilt sie wirksam, völlig natürlich und ohne Nebenwirkung. Dennoch verstaubt sie in Grossmutters Schrank: Die Heilerde verdient ein Comeback.

Für das Schweizer Gesundheitsmagazin Gesundheit Sprechstunde, 2000

Am Anfang war die Erde. Dann kamen die Menschen, bewohnten sie, bepflügten sie - und assen sie. Denn instinktiv wussten sie, dass in der Erde gesunde Substanzen enthalten sind, und dass Mutter Erde ihnen bei Krankheiten zu helfen vermag. Seit jeher nutzten Tiere und Menschen die antibiotische und antiseptische Kraft der Erde. Sie gilt als das wohl älteste Heilmittel der Menschheit, enthält nahezu alle essentiellen Mineralstoffe und Spurenelemente, ist reich an Kieselsäure, Kalzium, Magnesium, Eisen, Aluminium sowie an den Spurenelementen Selen, Zink, Kupfer, Mangan oder Lithium. Beweise für ihre therapeutische Anwendung gibt es seit etwa 4000 Jahren. Die alten Inder, Chinesen, Babylonier, Assyrer und Ägypter wussten schon damals von ihrer Kraft; Hippokrates, Hildegard von Bingen, Paracelsus und auchGandhi nutzten sie; und sogar Jesus soll einen Blinden mit einem Brei aus Erde wieder sehend gemacht haben.

Bis ins 19. und Jahrhundert hinein war Heilerde denn auch in unseren Breitengraden aus keiner Hausapotheke wegzudenken. Dann allerdings begann der Siegeszug synthetischer Medikamente und die heilenden Erden, die aus tiefen Gesteins- und Erdschichten abgebaut und dann sterilisiert wurden, gerieten in Vergessenheit. Diese Entwicklung konnten auch die berühmten deutschen Naturheiler Sebastian Kneipp, Emanuel Felke und Adolf Just nicht mehr stoppen, obwohl sie im ausgehenden 19. und beginnenden 20. Jahrhundert hervorragende Heilerfolge erzielten: Kneipp wandte die Erdtherapie vor allem äusserlich an, überall dort, wo kühlende, ausleitende Umschläge erforderlich waren: bei Wunden, Venenentzündungen, Insektenstichen. Kneipp kam zum Schluss "dass vielerlei Übel durch kein anderes Mittel so schnell und mit solcher Leichtigkeit geheilt werden können, als gerade durch Lehm". Für Just war Heilerde gar "das beste Heilmittel der Natur". Er setzte sie unter anderem gegen Magenbeschwerden, Cholera und Ruhr ein. Und Felke wurde aufgrund seiner Felke-Kur - kalte Lehmbäder gegen Gelenkerkrankungen, Osteoporose oder Arthrosen - zum weitherum berühmten "Lehm"-Pfarrer.

Wie also konnte ein so einfaches, günstiges und wirksames Naturheilmittel wie die Erde in Vergessenheit geraten? Schuld daran waren mitunter einige Quacksalber, welche die Heilerde gar als Wundermittel gegen so ernsthafte Krankheiten wie Syphilis, Herzschwäche und Epilepsie einsetzten - selbstverständlich erfolglos. Das brachte die Heilerde in Misskredit. Zu Unrecht. Denn bei leichten Beschwerden leistet sie durchaus gute Dienste. So empfielt denn auch Malte Bühring, Professor für Naturheilkunde in Berlin, man solle Heilerde "bei leichteren Erkrankungen oder zur Vorbeugung einfach mal probieren - aber bitte immer mit einem kritischen Geist". Verspürt man keine Besserung seiner Leiden oder gar eine Verschlechterung, dann sollte die Erdkur gestoppt werden. Es sei schade, so Bühring, dass die heilenden Erden heutzutage ein Schattendasein führten. Doch im Gegensatz zur erstarkenden Pflanzenheilkunde hat die Heilerde keine Lobby im Hintergrund und wird daher kaum durch wissenschaftliche Untersuchungen unterstützt.

So hat sich denn Malte Bühring bei seinen Versuchen auf die jahrhunderte alten Erfahrungen vergangener Naturheiler verlassen und damit durchaus viele Patienten heilen können: "Innerlich angewendet, habe ich mit Heilerde zum Beispiel bei Magen-Darm-Erkrankungen gute Erfolge erzielt". Sein Kollege, der deutsche Rheumaspezialist und Naturheilpraktiker Professor Hans-Dieter Hentschel, berichtet von "der ausgezeichneten, entzündungsdämpfenden, abschwellenden, schmerzlindernden Wirkung von Heilerdeauflagen bei chronischer Polyarthritis". Und das Gute an den Erdtherapien, so Hentschel: "Man kann dabei fast nichts falsch machen." Nützts nichts, so schadets nichts.

Wie aber konkret zeigt sich der Nutzen? Ein wichtiges Prinzip der Heilerde ist ihre reflektorische Wirkung auf die inneren Organe: Kalte Lehmbäder oder Lehmwickel regen die Durchblutung der Haut an; die Haut trocknet mit ihrer Wärme den Lehm und entwickelt dadurch eine "Heilwärme", die auch tiefer gelegene Schichten, also Muskeln und Gelenke erreicht. Eine weitere, wichtige therapeutische Eigenschaft der Heilerde ist ihre Fähigkeit, mit anderen Stoffen in Wechselwirkung zu treten und Flüssigkeiten zu binden: Sie "sammelt" sozusagen Bakterien, Gift- und Fettstoffe, Wundsekrete und Schweiss. Dank ihrer kristallähnlichen Struktur kann sie im Inneren des Körpers Wasser, Moleküle, Ione, Säuren und Gase aufsaugen und auf natürlichem Weg ausscheiden. Deshalb lindert sie Sodbrennen, Magen-/Darmerkrankungen und Durchfall. Zudem bewirken ihre Sandpartikel eine leichte Reibung in den Därmen, die in gewissen Fällen, z.B. bei Verstopfung, durchaus wünschenswert sind. Professor Bühring warnt indes vor der Anwendung bei ernsthaften Magengeschwüren, dort könnte die Reizung zu stark wirken.
Wichtig ist zudem, dass die Erde immer mit sehr viel Flüssigkeit eingenommen wird.

Da nach der Einnahme von Heilerde bisher keine negativen Nebenwirkungen festgestellt wurden, können selbst Schwangere, Kinder und alte Menschen bedenkenlos ein bis zwei Teelöffel pro Tag einnehmen. Doch Achtung: Sofern man andere Medikamente einnimmt, sollte die Einnahme von Erde erst ein bis zwei Stunden später erfolgen, ansonsten saugt sie möglicherweise selbst die heilenden Wirkstoffe des Medikaments auf. Ganz schön stark, dieses sanfte Heilmittel.


Box: Angebot und Nachfrage

Drogerien, Reformhäusern und Apotheken bieten für die unterschiedlichen Bedürfnisse die entsprechenden Erden: Für innerliche und kosmetische Zwecke werden feingemahlene Löss-Gemische angeboten, für Wickel und Bäder etwas gröbere, eher lehmige Erden. Wer den sandigen Nachgeschmack im Mund vermeiden will, kann Heilerde auch in Form von Kapseln einnehmen. Noch bedienen sich vorwiegend ältere Leute oder bewusste Natur-Freaks ihrer Wirkung. "Wer sie kennt ist meist sehr zufrieden damit und verwendet sie immer wieder", berichtet Silvia Abderhalden, von der Heilerde-Gesellschaft Luvos.
Die Vertreiber wollen nun auch vermehrt junge Leute und neue Kunden ansprechen: "Nächstes Jahr erweitern wir unsere Palette", so Anton Meier vom Emma-Kunz-Zentrum, das mit seinem "Würenloser Heilgestein AION A" immerhin einen jährlichen Verkaufszuwachs von 20 Prozent erzielt. "Seit wir eine fixfertige Heilerde-Gesichtsmaske im Sortiment haben, erreichen wir damit auch ein jüngeres Publikum", berichtet auch Abderhalden. Denn: "Immer mehr Leute wollen eine so natürlich wie mögliche Behandlung - aber bitte ohne viel Aufwand." Man sei eben oft nicht bereit, Zeit in eine Behandlung zu investieren oder gar die Lebensgewohnheiten zu ändern, bestätigt Felix Hug von der Delibon AG, die den "Anliker-Lehm" vertreibt. Dennoch beobachtet auch er ein leicht steigendes Interesse an seinem Nischenprodukt. Und Verena Gazetta von der Dr. C. Marbot AG, die die Vulkanerde "Naturgen" vertreibt, beobachtet, dass in neuester Zeit mehr Hausärzte und sogar Tierärzte die Erde bestellen, schliesslich wirkt die Heilkraft auch bei Tieren.

Multitalent Heilerde: Anwendungen und Wirkungen

Innerlich als Pulver eingenommen bei:

- Blähungen, Sodbrennen, Übersäuerung: Luft und Säure werden gebunden.
- Fettsucht, Fettleibigkeit: Nahrungsfette werden gebunden und Diäten durch Mineralisierung unterstützt.
- Vergiftungen, Lebensmittelvergiftungen: Gifte (fremde und körpereigene, die durch Stoffwechselprobleme entstehen) werden gesammelt und ausgeschieden.
- Darmerkrankungen: Entzündungen, Gärungs- und Fäulniszustände, Störungen der Darmflora, Verstopfung und Durchfall werden wirksam bekämpft.
- Entschlackung: werden durch Heilerde unterstützt.
- Erschöpfung, Schwangerschaft: Mineralisierend, regenerierend. Stärkt das Immunsystem.
- Gallenrückfluss: Gallensäure wird gebunden.
- Krampfadern, Venenentzündungen: kalte Wickel sind heilend und schmerzlindernd.
- Mundgeruch: wird beseitig, da Heilerde stark geruchsbindend wirkt.
- Haarausfall, Nagelerkrankungen: können durch die Zufuhr von Kieselerde (Silizium) vermindert werden.
- Magenentzündungen: Bei Schleimhautentzündungen legt sich die Heilerde als schützende Schicht auf die Schleimhaut und vermindert weiterer Reizungen.

Äusserlich angewendet als Kosmetik und Hautpflege bei:

- Akne, unreiner Haut: Masken bewirken Tiefenreinigung, bessere Durchblutung, sanftes Peeling und geben Mineralien und Spurenelemente an die Haut ab. Straffend, verjüngend. Nach der Maske die Haut mit Feuchtigkeitscreme eincremen.
- Abszessen, Ausschlägen, Ekzemen, Furunkeln, wunden Baby-Popos: kalte Auflagen, Umschläge, Wickel, oder Einpudern helfen wirksam.
- Fettiges Haar, Schuppen: Mit Wasser verdünnte Heilerde anstelle von Shampoo oder Seife anwenden. Oder Erdbrei eine halbe Stunde im Haar einwirken lassen.
- Sonnenbrand, leichte Verbrennungen, Insektenstichen: Puder, kalte Wickel. Kühlend, entzündungshemmend.
- Zahnpflege, Zahnschmerzen, Parodontose: Dicker Brei an schmerzende Zahnstelle pappen. Mit Erdwasser gurgeln. Entzündungshemmend. Gelegentlich mit einer Mischung von Heilerde und Meersalz die Zähne putzen. Macht die Zähne weisser.

Äusserlich angewendet bei folgenden inneren Krankheiten:

- Angina, Mandelentzündung: Halswickel und Gurgeln mit Heilwasser. Entzündungshemmend.
- Durchblutungsstörungen: Lehmbäder und grossflächige Wickel kurbeln den Kreislauf an. Stoffwechselfördernd.
- Fieber: warme Rumpf- und Wadenwickel. Fiebersenkend.
- Gelenkerkrankungen, Rheuma, Arthrose, Muskelzerrungen, Knochenbrüche: kalte Lehmbäder oder feuchtkalte Wickel fördern innere Heilwärme.
- Hexenschuss: Warme Wickel, warmes Vollbad. Schmerzlindernd, entspannend.
- Nerven- und Kopfschmerzen: Kalte Wickel und Masken sind kühlend und schmerzlindernd.
- Wunden: Puder oder Wickel wirken desinfizierend, antibakteriell, absorbierend.

Die gesundheitsfördernden Eigenschaften der Heilerde auf einen Blick:

Hautreinigend, mineralisierend, entgiftend, katalysierend, sorbierend, damregulierend, energiespendend, immunisierend, stoffwechselfördernd, ausgleichend, bakterientötend, blutreinigend, aktivierend, desodorisierend, wundheilend, entzündungshemmend.


Websites über Heilerde: www.naturkost.de

Literatur:
- "Natürlich behandeln mit Heilerde" von Margot Hellmiss und Falk Scheithauer, Südwest Verlag, ISBN 3-517-07801-8.
- "Gesund und schön durch Heilerde" von G.A. Ulmer, Günter Albert Ulmer Verlag, ISBN 3-924191-51-4

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