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Recherchetexte

Die Briefklammer: Verklemmt bis in alle Ewigkeit

Sie ist die stets fügsame Dienerin aller Bürokraten, schlicht-elegant, trotz ihrer 95 Jahre noch so biegsam und kurvenreich wie in ihrer Jugend - und dennoch zum totalen Verklemmtsein verurteilt: die Briefklammer.

Für das Lifestyle-Ressort der Schweizer Wirtschaftszeitung CASH, 1993

Ihren äussersten Bügel biege man leicht nach aussen, drücke ihn fest zwischen Daumen und Zeigefinger: zwei-, dreimal vor und zurück - zack! Nach bloss drei Sekunden ist auch diese Büroklammer dahin. Geben Sie's gelassen zu: Auch Sie haben dieses aggressive Spielchen schon x-mal durchgemurkst - aus Langeweile etwa, als Ersatzmördlein anstelle des Chefs oder in unbewusster Auflehnung an den einst elterlichen Aufschrei, den Fliegen doch um Himmels willen nicht mehr die Beinchen auszureissen.


Die Briefklammer dient weltweit als Blitzableiter gereizter Bürogenossen und verzweifelter Atelierkolleginnen. Gemäss einer österreichischen Untersuchung werden von 10'000 Briefklammern allein 1400 beim Telefonieren verbogen und zerstört - eine Mordrate von 14 Prozent. Weitere 1600 Klammern müssen zur Reinigung von Schreibmaschinen hinhalten, 550 pulen sich als Zahnstocher durchs kurze Leben, 530 graben als Pfeifenreiniger und 320 enden als Schraubenzieher. 110 tummeln sich als Si cher heitsnadeln an Frauenstrümpfen und 1950 lassen sich träge als Spielgeld bei Kartenspielen verschieben. 1300 werden von Kindern zu Spielzeugen vergewaltigt - oder gar verschluckt. Nur 2000, also jede fünfte Briefklammer, erfüllt ihre Bestimmung: Duldsam klammert sie sich an fast alles, was man ihr unterschiebt.


Kein Wunder, dass die Experten des US-Magazins "Psychology Today" die kleine Drahtwindung in Anbetracht ihrer Vielseitigkeit als "einen der besten Freunde des Menschen" bezeichneten. Glücklich sollten wir Schweizerinnen und Schweizer sein, denn wir dürfen jährlich auf über 250 Millionen dieser kleinen Freunde und Helfer zählen - 40 stählerne Heinzel-Klämmerchen für jeden einzelnen.


Zu verdanken haben wir dies einem ordentlichen Menschen des letzten Jahrhunderts. Der Nor weger Johan Vaaler bog als erster einen Eisendraht zur Klammer und patentierte ihn 1899 beim Kaiser lichen Patentamt in Deutschland. Anfang der fünfziger Jahre konterte ein Deutscher gegen die hohe Festigkeit der Stahlklammern mit bunten Farben und doppeltem Flossenklemmsystem: Der Tüftler Kurt Lorber erfand den Plastik-Klip. Die flatterhaften Polysterol-Dinger haben seither wohl als Werbeträger Erfolg, vermögen indes die alte, solide Klammer nicht zu verdrängen. Inzwischen ist sie 95 Jahre alt und kann auf eine stolze Karriere zurückblicken. Sie hat Muslime wie Christen, Kommunisten wie Konservative von sich überzeugt und frühere Büroerfindungen wie etwa das Kohlepapier (1806) oder die Schreibmaschine (1867) souverän überlebt. Selbst dem papierlosen Büro hält sie stand - diese Low-Tech-Überlebende im High-Tech-Zeitalter.


Während des zweiten Weltkriegs spielte sie sogar eine politische Rolle: Als Symbol des Widerstandes gegen die Deutschen hefteten sich die Norweger Büroklammern an ihre Revers. Und wenige Jahre später lieh sich die US-Army ihren Namen: Unter dem Geheimcode "Operation Paperclip" liessen die Amerikaner zwischen 1945 und 1955 nahezu 1000 deutsche und österreichische Wissenschafter in die Vereinigten Staaten schaffen, um deren militärtechnisches Wissen auszubeuten.


Noch heute weiss jedes norwegische Schulkind, dass es ein Landsmann war, welcher der Menschheit diese kurvigen Helferchen bescherte. So erhielt die Briefklammer 1989 von den Norwegern ihr erstes Denkmal: 7 Meter hoch, 600 Kilo schwer ist die weltweit grösste Büroklammer, die in Sandvika, westlich von Oslo, ihren Standort hat.
Den Güterekord hält die Schweizer Drahtwindung, die sich zur bestqualifizierten Bürohelferin hochgearbeitet hat. Sie ist schöner, stärker, spannkräftiger und rostfreier als die europäischen Klammern oder gar als die Billig-Klips aus Asien. Dem Image unseres Landes macht sie alle Ehre: Stählern hält sie an ihrem Alleingang fest und will sich partout nicht den europä ischen Standardgrössen anpassen. Während die ausländischen "Paper Clips", "Agrafes" und "Grafettes" sich mit 26 Millimetern auf einen Zoll (25,4 mm) beziehen, reckt sich die Schweizer "Bürochlammere" zu trotzigen 28 Millimetern.


Und behäbig ist sie auch, die Schweizer Klammer, denn ihr Draht ist mit 1,05 Millimeter Stärke 25 Prozent dicker als der europäische Durchschnitt. Dass sie edler ist, versteht sich von selbst. Der Stahl ihrer ausländischen Kolleginnen ist manchmal bloss poliert und, wenn's gut kommt, verzinkt oder vernickelt. Schweizer Draht aber wird nach dem Schneiden stundenlang in Sägemehl geschürt, damit sich die scharfen Schnittstellen abwetzen.
Solide ja, aber wieso nicht ein wenig modebewusster? Weshalb gibt's keine trendigere Klammer im Ökolook oder zumindest neue Kurven für das kleine Ding? Vernickelungsanlagen sind umweltschädigend, dicker Qualitätsstahl ist teuer, neue Formen wären lustig: Die Produzenten würden gerne andere, insbesondere einfachere Klammern fertigen. Doch selbst die Schweizer Marktleaderin Omega konnte die Schweizer nicht von der guten alten Büroklammer weglocken. "Wir haben alles versucht", klagt Verkaufsleiter Erich Wick, "aber die Schweizer lassen eben keine andere Klammer zu."

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