Recherchetexte
Der Mensch ist ein Tragling
Eltern, die ihre Säuglinge in Tüchern herumtragen sind begeistert davon. Mit gutem Grund: Baby-Tragetücher sind für die Kleinen gesund und ihrer Entwicklung förderlich. Zudem schenken sie den Eltern grösstmögliche Bewegungsfreiheit.
Für ein Kleinkinder-Spezialheft des Gesundheitsmagazines Gesundheit Sprechstunde, 2001
"Schau an, was sind das für Spinner! Die schleppen ihre armen Kinder in viel zu engen Tüchern herum; die Babies bekommen darin doch kaum Luft und bestimmt werden ihre Rücken werden verbogen..." So tönt es auf der Seite der Tragetuch-Skeptiker. Auf der anderen Seite, bei den überzeugten Trägerinnen und Trägern, heisst es beinahe unisono: "Wie bloss schaffen es andere ohne ein Tragetuch? Nähe und Geborgenheit über alles! Ein Kinderwagen? Viel zu unpersönlich!"
Das Tragetuch polarisiert. Umso wichtiger sind Fakten. Das Wichtigste zum voraus: Tragetücher schaden dem Rücken des Kindes nicht. Wie sonst liesse sich erklären, dass zwei Drittel der Weltbevölkerung seit jeher die Kinder in Tüchern trägt und sich die Nachkommen dennoch gut entwickeln? Selbst bei den Hochkulturen der Ägypter und Mayas war das Tragen üblich. "Kinder werden seit Hundertausenden von Jahren ohne Schaden in Tüchern herumgetragen", erklärt Professor Remo Largo, Leiter der Abteilung Wachstum und Entwicklung im Kinderspital Zürich, "Die Angst vor Rückenschäden ist unbegründet. Sie stammt aus jener Zeit als noch viele Kinder aufgrund von Vitamin-D-Mangel an Rachitis erkrankten." Sogar in unseren Breitengraden war das Tragen von Kindern bis vor etwa 150 Jahren üblich.
Erst im Verlaufe der Industrialisierung entwickelte man eine erhebliche Distanz zwischen dem Kleinstkind und seiner Bezugsperson. 1880 schliesslich wurde der Kinderwagen erfunden - ein wohl praktisches Gefährt, das indes der Biologie und den emotionalen Bedürfnissen des Menschen widerspricht. "Die neuzeitliche Erfindung, den Säugling abzulegen oder sogar stundenlang alleine zu lassen, leuchtet nicht ein", so Largo, "Wir müssen uns ernsthaft fragen, ob Kinder wirklich in der Lage sind, in ihren ersten Lebensmonaten ohne ständigen Körperkontakt mit vertrauten Personen auszukommen." Denn der Mensch ist von seinem biologischen Ursprung her ein so genannter "aktiver Tragling", bleibt also nicht wie ein "Nesthocker" im Nest zurück, während die Eltern auf Nahrungssuche gehen, sondern wird in den ersten Monaten von der Mutter herumgetragen, so wie man es heute noch bei den Menschenaffen beobachten kann.
Daher verwundert es nicht, dass das Tragen des Kleinkindes für seine Entwicklung sogar gesund ist: Evelin Kirkilionis, Professorin für Verhaltensbiologie an der Uni Freiburg konnte beweisen, dass die Beinhaltung des Kindes beim Tragen für seine Hüftgelenkentwicklung geradezu ideal ist. Aber auch die psychische und geistige Entwicklung des Babies wird im Tragetuch gefördert: Der enge Körperkontakt mit seiner Bezugsperson und das gesättigte Bedürfnis nach Wärme und Nähe stärke das Sicherheitsgefühl des Kindes, schreiben die Freiburger Sozialpädagoginnen Anja Manns und Anne Christine Schrader in ihrer Diplomarbeit "Ins Leben tragen". Das aufrechte Sitzen stimuliere zudem das Gleichgewichtsorgan und fördere damit die Entwicklung des Gehirns. Generell stellen die Autorinnen fest, dass getragene Kinder bis zu 40 Prozent weniger schreien, ausgeglichener sind und besser schlafen.
Kein Wunder, dass auch immer mehr Geburts- und Kinderabteilungen in den Krankenhäusern das Tragetuch einsetzen. Soweit die Fakten. Sie sprechen für das Tragtuch. Welche subjektiven Empfindungen von erfahrenen Müttern kommen hinzu? Brigitte Eigenmann, 38, Mutter von fünf Kindern, erinnert sich: "Anfangs hatte ich meine erste Tochter im Stubenwagen, aber da schrie sie oft. Ich versuchte es auch mit dem Kinderwagen - darin schrie sie auch. Schliesslich legte ich mir ein Tragetuch zu." Darin verbrachten alle fünf Eigenmann-Kinder ihre Anfangsjahre, "ich trug sie beinahe Tag und Nacht. Sie schrien kaum, waren zufriedener und schliefen besser", erzählt die Mutter, "zudem konnte ich mit dem Baby im Tuch bestens die anderen Geschwister versorgen, meine Hausarbeiten erledigen, einkaufen gehen, ja sogar während des Tragens stillen." Mittlerweile ist die älteste Tochter ein Teenager, das Kleinste drei Jahre alt. Alle Geschwister zeichnen sich durch grosse Selbstständigkeit und ein gutes Sebstbewusstsein aus. Sie wirken in keiner Weise verwöhnt. Die oft geäusserte Sorge, das viele Tragen sei ein Verhätscheln der Kinder findet die Mutter abwegig: "Wenn die Nähe und Wärme der Mutter als ‚Verwöhnen' gewertet werden, dann stimmt wohl etwas nicht mehr..."
Im selben Geist hat auch Susi Milz ihre drei Kinder herumgetragen. "Ein Kind braucht eine starke Bindung, damit es sich später gut daraus lösen kann", ist sie überzeugt, "ich sage daher immer: ein erfülltes Bedürfnis ist ein abgelegtes Bedürfnis.". Susi Milz vertreibt in der Schweiz die "Lana"-Tücher, die hierzulande nebst den Tüchern von "Dydimos" und "Pola" den Markt dominieren und in einer Prüfung der Zeitschrit "Öko-Test" 1998 mit den beiden Konkurrenten als "empfehlenswert" abgeschlossen haben. Ebenso gibt Susi Milz Kurse für Eltern, die die verschiedenen Tragetuchtechniken korrekt lernen wollen. Denn um ein Kind gesund und bequem zu tragen, muss man das Tuch richtig binden. Ist es zu locker, "hängt" das Kind darin, sackt in sich zusammen, was ungesund ist. Zudem ist es so viel schwerer, was wiederum dem Rücken der Trägerin schadet. Ist das Baby indes eng an den Körper der Trägerin gebunden, fühlt es sich so geborgen wie einst in der Gebärmutter und sein Rücken wird überall optimal gestützt.
Das Kind im Tragetuch "arbeitet" mit, das heisst, es gleicht die Bewegungen der Trägerin oder des Trägers aus und ist in seiner Muskulatur daher aktiv. "Es kann dadurch Spannungen abbauen", weiss Susanna Fischer, Mutter von zwei Kindern und Sozialpädagogin, die regelmässig Tragetuchkurse leitet. Sie stellt fest, dass viele Mütter und Väter anfangs sehr skeptisch in ihre Kurse kommen, "aber wenn sie das Kind erst mal richtig im Tuch drin haben, machts meistens ‚klick'". Gerade auch Väter, die sich oft aus der innigen Mutter-Kind-Symbiose ausgeschlossen fühlen, können durch das Tragen ihre eigene Nähe zum Baby entwickeln. Das Gute daran: Man ist dem Kind sehr nahe und hat doch sehr viel Freiheit. Verreist man zum Beispiel in die Ferien, so hat das Baby sein vertrautestes, geschützestes Schlafplätzchen stets dabei. Ist das Kind älter, kann es aus gesicherter Warte jede Bewegung um sich herum beobachten. "War meine Tochter abends knatschig, so trug ich sie während des Kochens auf dem Rücken", erzählt Sonja Hoffmann, Mutter von zwei Kindern und Verteiberin der "Didymos"-Tücher, "selbst wenn sie krank war und nicht ins Bett wollte, trug ich sie und konnte derweil gut am Computer arbeiten". Durchwegs positve Erfahrungen also.
Gibt es denn keine Tücken oder Gefahren? "Nein, man kann ein gesundes Kind nicht krank tragen." erklärt Professor Remo Largo, "Wichtig ist, dass das Kind überall gut abgestützt ist, "aus diesem Grund empfehle ich, Traghilfen wie etwa den Baby-Björn oder andere Gestelle erst ab dem sechsten Monat einzusetzen", so Largo, "das Tragetuch hingegen kann man ab dem ersten Tag gebrauchen." Dies ist auch für den Träger oder die Trägerin von Vorteil: Tragen sie ihr Kind von seiner Geburt an, so bauen sie mit seinem Wachstum kontinuierlich ihre Muskulatur auf. Dadurch können sie Rückenschmerzen und ein rasches Ermüden gut vermeiden - so dass die liebe Last über lange Zeit sehr einfach zu ertragen ist.
Richtig tragen - das muss man beachten
- Gute Tragetücher sind so gewoben, dass sie diagonal elastisch sind. Sie sind mit giftfreien Farben gefärbt und wurden nicht in Kinderarbeit gefertigt. Achten Sie beim Kauf eines Tuches auf diese Kriterien!
- Tragetücher unter 4,5 Metern Länge sind für gewisse Bindetechniken zu kurz. Informieren Sie sich vor dem Kauf über die verschiedenen Tragweisen.
- Besuchen Sie mit ihrem Partner zusammen einen Kurs - es lohnt sich! - Lassen Sie auch andere Betreuungspersonen (Tagesmutter, Grosseltern, Gotte) das Tragetuch verwenden. Ihr Kind fühlt sich bei ihnen dann gleich geborgener.
Bezugsquellen von Tragetüchern, Informationsmaterial und Kursangebote für die ganze Schweiz: - "Didymos"-Tragetücher, Sonja Hoffmann, Grundbachstr. 435, 3665 Wattenwil, Tel. 033 356 40 42, Fax 033 356 40 43, http://www.didymos.ch, e-mail info@didymos.ch - "Lana"-Tragetücher, Susi Milz, Sonnenbergstr. 19, 9036 Grub, Tel./Fax 071 890 05 08, http://www.tragetuch.ch/ oder e-mail: info@tragetuch.ch. Dort kann auch das Buch "Ins Leben tragen" für Fr. 27.10 bezogen werden. - "Pola"-Tragetücher, Claire Pola, Oberdorfweg 4, 8704 Herrliberg, Tel. 01/991 71 17, Fax 01 991 71 18
- Tragetuch-Kurs von Susanna Fischer, Sozialpädagogin und Erwachsenenbildnerin in Zürich, Auskunft und Anmeldung Tel.01 261 83 66, Fax 01 252 27 67 Empfehlenswerte Bücher: - "Ein Baby will getragen sein", Evelin Kirkilionis, Kösel-Verlag - "Babyjahre", Remo H. Largo, Piper Verlag - "Ins Leben tragen", Anja Manns, Anne Christine Schrader, VWB Verlag für Wissenschaft und Bildung - Auf der Suche nach dem verlorenen Glück - Gegen die Zerstörung unserer Glücksfähigkeit in der frühen Kindheit", Jean Liedloff, C.H.Beck Verlag, München, 1980





