Ein Dirigent des Gesprächs. Unterwegs in seiner Heimatstadt Rom. (Das Portrait wurde kurz vor Leuteneggers Antritt als Chefredaktor des Schweizer Fernsehens geschrieben)
Von links reden sie auf ihn ein, von rechts ruft einer was, auch von hinten, und die Kamera immer frontal auf ihn gerichtet: Filippo Leutenegger mittendrin, eine Frage hier, eine Antwort da - freundlich, knapp, bestimmt. Ein Dirigent des Gesprächs mit dieser Aura von Redet-Kinder-ich-gebe-euch-gern-Gehör, fast so, wie man ihn von der "Arena" kennt.
Doch die "Arena" war gestern, heute ist Weekend, und Filippo macht mit annabelle auf halbprivat, ist zu Besuch bei seiner Mutter, am Lago die Bracciano nordwestlich von Rom. Hier, wo er seine halbe Kindheit verbracht hat, besichtigt er nun den Garten am Seeufer, schreitet in der Morgensonne wie ein Gutsherr übers Land, pfeift eine kleine Melodie, das Gefolge um sich geschart: Mutter (73) zeigt ihm, wo das Ufer neuerdings überspült ist; Sohn Lorenzo (15) beklagt sich bei ihm, weil man seine Lieblingsbüsche gerodet hat; Sohn Silvan (13) verlangt, dass Filippo sein Velo aufpumpt; Fotografin Pia möchte ihn noch da und dort stehen und gehen sehen; "Blitz", ein Opa von einem Hund, fordert wedelnd seinen Anteil ein: Filippos kräftige Hände, die den Hundekopf kraulen, tätscheln, herzen, "oh Blitz, Blitzooone ...!". Schliesslich auch noch die Journalistin, die ihre Fragen stellen will:
- Filippo, was macht eine schöne Kindheit aus?
- Geborgenheit, Nestwärme, Vertrautheit. Immer wieder an denselben Ort gehen zu dürfen, Kinder sind ja in diesen Dingen die konservativsten Menschen.
- Warst du glücklich hier?
- Ja, hier war ich zu Hause. Hier hängte ich in den Sommern monatelang rum, die ganze Bande spielte hier, badete, tauchte ...
Die "Bande", das waren seine Freunde aus dem nahegelegenen Städtchen Anguillara, der Nachwuchs aus vorwiegend wohl situierten Familien, die hier, eine Autostunde von Rom entfernt, ihre Ferienhäuser bewohnten. Filippo, der "figlio della Svizzera", Sohn eines Thurgauer Uno-Funktionärs, wohnte die ersten dreizehn Jahre seines Lebens in Rom, verbrachte in Anguillara mit seinen drei Schwestern die Ferien. Eine italienische Jugend mit vielen kleinen Festen, Vespas, Gelati, ausgedehnten Abenden auf der Piazza, in der Clique, ein Leben mit süsser Langeweile, manchmal mit einem Hauch aus Moravias Roman "L'estate", sagt Filippo.
- Hast du den Mädchen damals nachgepfiffen?
- Nein, niemals.
- Ist doch normal bei jugendlichen Italienern ...
- ... Ja, aber nicht, wenn man so schweizerisch erzogen wurde wie ich und zugleich in einem Frauenhaushalt gross geworden ist. Da hatten zotige Sprüche keinen Platz. Der italienische Machismo mag ja vordergründig noch lustig sein, aber später, als ich als Korrespondent in Italien gearbeitet habe, habe ich auch seine gesellschaftlichen und politischen Schattenseiten kennen lernen müssen.
Dennoch, ob ers will oder nicht (und er will es nicht), hat auch Filippo den Machismo im Blut: Es ist sein Blick, der ihn verrät, forsch und mit einem Schuss Spott (oder ist es nur Amüsement?); auch seine Stimme, herausfordernd, bestimmt, oft mit einem vermeintlich lauernden Unterton; sein Kinn leicht nach vorne gereckt; die Hände, mit denen er seine verbliebenen Locken cool nach hinten streicht, sich dabei breitbeinig in Pose bringt; sein Gang, der eines Leithammels, dem man sich widerstandslos anschliesst, im Vertrauen, dass er wohl wisse, wos langgeht; sein herzhaftes Hupen am Steuer des Autos, wenn er ungeduldig wird, die Hände gestikulierend in der Luft.
Und da ist aber auch die charmante Seite des Machismo: Filippos Charisma, das ihm selbst die grössten Kritiker zugestehen; seine Höflichkeit, die ihm nie erlauben würde, einer Frau nicht die Türe offen zu halten; dieser heisere Ton, wenn er einer Begleiterin mit "bella" schmeichelt. Kurzum: Ein Mann, angesichts dessen sich andere Männer rasch zu Konkurrenzgebalz provoziert fühlen und sich wohl viele Frauen flugs als Ladys erleben, sofern sie nach seinem Urteil nicht zu der Sorte Politikerin gehören, die er als "wahnsinnig fundamentalistisch und verbittert" erlebt. Ihnen gegenüber wird sein Ton auch mal schärfer. So wie gegenüber jenen Politikern, "die nicht Farbe bekennen wollen": Die treibt er in seiner "Arena" in die Enge, unerbittlich, doch immer mit einem charmanten Lächeln. Grundsätzlich aber, so erzählt er nun auf der Fahrt von Anguillara nach Rom, empfinde er viel Zuneigung für sein Publikum.
- Filippo, woher nimmst du die Geduld, den Rednern in der "Arena" zuzuhören?
- Ich platze manchmal fast vor Ungeduld, mein Gott, bin ich ungeduldig! Aber was hilft, ist die Liebe zu Menschen.
- Na komm jetzt ...
- Ich habe im Job eine Art professionelle Liebe entwickelt. Die Leute, die zu uns kommen, mag ich grundsätzlich gut. Sie haben ein Anliegen, und das sollen sie vorbringen dürfen. - Selbst dann, wenn sie totalen Stuss erzählen?
- Ja sicher, es ist nicht an mir, über sie zu urteilen. Zugegeben, oft rege ich mich über sie auf, aber ich respektiere ihre Anliegen, habe einen guten Zugang zu ihnen. Und ich übe mich bewusst darin, sie ernst zu nehmen. Als Moderator muss ich ihnen ja ihre wirkliche Botschaft entlocken.
Während er den Wagen zügig Richtung Rom lenkt, schwärmt er von der direkten Demokratie und der republikanischen Haltung der Schweiz, deren "stolze Bescheidenheit" die Politiker präge. Das Zusammenspiel der Kräfte, dieses Ringen um gegensätzliche Interessen fasziniere ihn. Immer schon habe er politisch gedacht. "Das sind ganz intime Dinge, die ich mit den Leuten in der "Arena" erlebe, und da ich von den meisten weiss, was sie ängstigt, antreibt und auszeichnet, ahne ich oft im Voraus, wie das Spiel läuft."
Alles weiss er über sie - nur über sich selbst lässt er sie nichts wissen. Aus Prinzip. Dem Filippo entlockt man keine politischen Statements. Agil wirkt er, immer freundlich, aber nie wirklich greifbar. Stets entwische er ihr, klagt die Fotografin, obwohl er sich ihrer Kamera in Rom doch den ganzen Tag willig hergibt. Filippo, der Showman, der fragend, beobachtend, schweigend die Fäden zieht, für den sich die Parlamentarier "arenatauglich" trimmen, den sie brauchen, um Gehör zu finden. Die er wiederum braucht, um seine "Adrenalinsucht nach Auseinandersetzung" zu befriedigen.
- Bald bist du Chef über 400 TV-Journalisten. Hast du einen Coach, der dich auf diese schwierige Führungsaufgabe vorbereitet?
- Mhh, ja, aber muss ich dir das sagen ...?
- Du bist der advocatus diaboli der Parlamentarier, bald führst du den grössten Schweizer Journalistenpool. Wo setzt du deiner Macht Grenzen?
- Findest du, ich habe Macht?
- Aber sicher, ich bitte dich ...
Verkehrschaos, Menschenmassen, Lärm, man versteht kaum sein eigenes Wort: Wir spazieren ums Colosseo mit seiner imposanten Arena. Arena - das erinnert an blutige Schaukämpfe zur Volksbelustigung. "Nicht unbedingt", ruft Filippo und schüttelt angewidert den Kopf angesichts eines Touristen-Cäsars mit Lorbeerkranz. "Arenen waren auch einfach Theater und Spiel, aber ja, auch Kampf." So wie seine TV-Arena? "Ja, schliesslich ist Politik ein Kampf um gesellschaftliche Inhalte."
- Wo also setzt du dir Grenzen in der Machtausübung?
- Indem ich zwischen meiner Person und meiner Funktion unterscheide. Wer das glaubt, was die Medien über die eigene Person schreiben, lebt gefährlich. Der hebt irgendwann ab oder stürzt ab.
- Was machst du dagegen?
- Man sagt ja, Journalisten seien verhinderte Politiker, aber wer Politik und Journalismus vermischt, bekommt Probleme. Ich habe mich für meine Funktion entschieden. - Fürs Fernsehen DRS wirst du deinen Einfluss doch sicher einsetzen ...
- Sicher, ich werde lobbyieren, schliesslich hat die SRG eine staatspolitische Aufgabe, der ich mich verpflichtet fühle. Es mag kitschig tönen, aber ich liebe die Schweiz, und ich finde, sie braucht eine Institution, die sie auch in demokratisch schwierigen Zeiten begleitet.
Filippo lenkt nun den Wagen durch Roms stockenden Verkehr, immer wieder auch durch seine Kindheitserinnerungen: "Hier fuhr ich jeden Tag mit dem Schulbus zur Schule (neben dem Colosseo) ...; das hier war meine liebste Burg (Castel Sant'Angelo), die hat mir als Bub immer riesig Eindruck gemacht, vor allem die kleinen Rüstungen darin. Erst als ich die gesehen hatte, habe ich begriffen, dass die alten Römer nicht wie Ben Hur aussahen, sondern nur 1,50 Meter gross waren, ha, ha, ha, ...; hier wurde ich getauft (Santa Maria Maggiore); und hier, die bocca della verità. Sagt man vor ihr die Wahrheit, kann man seine Hand unversehrt in den Mund der Steinfigur legen, lügt man, dann wird sie abgehackt - uh, diese Vorstellung fand ich als kleiner Bub ganz verrückt." Also Filippo, bitte ein Symbolfoto! Wieder streichen Hände durchs Haar, wird posiert. Filippo gibt sich willig und guter Laune.
Wieder draussen, blinzelt er in die Sonne, atmet tief durch, schweift mit dem Blick über die Altstadt, "ah, das ist Rom! Hier kannst du tun, was du willst, pfeifen und singen ... Hier schaut dich keiner blöd an - Rom, das ist das Gefühl von frei sein."
- Filippo, vorhin, in der Kirche, hast du dich nicht bekreuzigt ...
- Nein.
- Also, kein gutes Verhältnis zur Religion? Hat deine Zeit in der Klosterschule schlechte Spuren hinterlassen?
- Im Gegenteil, doch darf man kirchliche Rituale nicht mit Religiosität oder Spiritualität gleichsetzen. Aber zugegeben, ich habe schon in der Schule lieber den "Spiegel" als die Bibel gelesen.
Und als obs der Teufel gewollt hätte, bekommen wir nun schlagartig Filippos ganzes Temperament und ein herzhaftes Arsenal an Fluchwörtern zu hören. Er ist der Erste, der die eingeschlagene Scheibe an unserem Auto entdeckt, hinrennt, den Kofferraum aufreisst: "Alles geklaut!", ruft er entsetzt, schlägt die flache Hand aufs Auto, stöhnt, das Gesicht verzerrt gen Himmel. Filippo unkontrolliert: "Scheisse, das ist mir im ganzen Leben noch nie passiert!" Dann weiter auf Italienisch, mit dem erstbesten Römer, der hier am Clivo dei Pubblici ebenso sein Auto parkiert hat, ein gemeinsames, emotionales Sich-einig-sein-über-diese-Diebe-und-Halunken ...
"Auch das ist Italien", wird er später auf dem Polizeiposten sagen, dabei lächeln und ungeduldig auf dem Stuhl herumrutschen. Finger um Finger tippt der Beamte den Rapport. Name? "Leutenegger." Beruf? Er zögert. Was ist er eigentlich, TV-Star, Chefredaktor, Polit-Fritz ...? "Journalist", sagt er schliesslich. Was wurde gestohlen? "Alles Gepäck, Dokumente, vertrauliche Akten ..." Aber als Filippo eine halbe Stunde später die Questura di Roma verlässt, hat er sich wieder im Griff. "Was nun?" Kaffee trinken, Zeitung kaufen und zum Coiffeur mit ihm. Va bene, andiamo.
In Trastevere - wen wunderts noch - steigt die Kamera der Fotografin aus, und Filippo mag wieder herzhaft lachen. "Warum nehmen Sie nicht meinen Fotoapparat", meint ein Aargauer Tourist, der soeben den "Arena"-Star erkannt hat, "Sie sind doch der Herr Leutenegger ..." Und so ziehen wir mit der neuen Kamera weiter, ohne dass der Besitzer auch nur nach unserer Adresse gefragt hätte.
- Filippo, hättest du dieselbe Funktion hier in Italien, dann wärst du ein Megastar, ständig umlagert von Schaulustigen. Gefällt dir die Zurückhaltung der Schweizer?
- Ja, so finde ich es gut. Die Leute kommen einfach, sagen Grüezi, plaudern ein wenig, und wenn es sein muss, kann ich mich auch wieder verabschieden. Ich fühle mich nie belästigt. Man darf das alles nicht zu ernst nehmen, ich bin kein Prominenter, nur ein "Prömeli".
Er fühle sich in der ganzen Schweiz zu Hause, das sei alles wie ein Dorf, sehr vertraut. Die Schweiz kennt ihn, vor allem über die Medien. In einem Zeitungsartikel ist er zitiert als einer, der keine Selbstzweifel kenne ... "Falsch, völlig falsch", meint er ganz entsetzt.
- Du kennst also Selbstzweifel?
- Oh, ja, klar habe ich sie. Im Beruf, aber auch bei der Kindererziehung: Mein Gott, was hat man für Freuden und Sorgen mit den Kindern! Da habe ich aus Verzweiflung auch mal geweint.
- Bist du ein Mann, der Tränen zulassen kann?
- Ja, damit habe ich kein Problem.
Er ist geschieden, seine beiden Söhne leben bei ihm. Er habe "wie eine zweite Gehirnhälfte für die Kinder und ihre Termine", an die Jungen denke er ständig, selbst im grössten Stress, kurz vor Sendebeginn. Auch an diesem Tag ruft er sie immer wieder mal per Handy an. Endlich, nach langem Suchen, es ist bereits Abend, finden wir an der Via Fonteiana einen Coiffeur. Filippo lässt sich in den Sessel fallen, wirkt erledigt, geradezu schicksalsergeben. Luciano, der Barbiere, schnipselt zittrig an Filippos Locken.
- Gabriela, was macht er, wie sieht es aus?
- Ziemlich gut ...
- Ja gell, "s'chunnt scho gueät", das ist doch die Durchhalteparole.
Perfekt muss der Schnitt nicht sein, Hauptsache, er stammt von einem echten Barbiere.
Biografie: Filippo Leutenegger ist 1952 in Rom geboren, wo sein Vater bei der Uno arbeitete. Mit 13 schickten ihn seine Ostschweizer Eltern in die Klosterschulen Disentis und Altdorf. In Zürich studierte er Ökonomie, engagierte sich als Jugendlicher in der Öko-Szene. Als Wirtschaftsredaktor ging er zu SF DRS, arbeitete beim "Kassensturz", als Tessiner Korrespondent, Leiter von "Netto" und schliesslich als Leiter und Moderator der Politsendung "Arena". Am 1. November dieses Jahres tritt er sein Amt als Chefredaktor des SF DRS an. Er lebt mit der TV-Journalistin Michele Sauvain, der gemeinsamen Tochter und seinen zwei Söhnen in Zürich.