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Porträts

Kinderbuch "Flengel": Ein Engel wird Kult

Die Zürcher Illustratorin Brigitta Garcia López hat mit Plastilin-Figuren ein neuartiges Bilderbuch geschaffen. „Flieg Flengel, flieg!“ vermag mit seinem witzigen Charme Kinder wie auch Erwachsene zu faszinieren.

Für das Magazin Schweizer Familie, 2002

So rührig, so schokoladengierig und pummelig kann kein normaler Engel sein - so kann nur ein Flengel durch die Welt fliegen. Flengel ist eben besonders. Er lehrt einem das Traumfliegen, badet in Tante Sofies Frühstückstasse und präsentiert sich im neuen Bilderband „Flieg Flengel flieg!“ als sympathisches Plastilinmännchen im Rennfahrerlook.

Andere Figuren aus Knetmasse wie etwa Pingu oder Wallace & Gromit wurden explizit für Trickfilme geschaffen und fanden erst später den Weg in die Buchwelt. Anders bei Flengel: Der Engel und seine Freunde wurden in aufwändiger, liebevoller Detailarbeit ausschliesslich für das neue Bilderbuch zum Leben erweckt. Dennoch hat man den Eindruck, Flengel fliege trickfilmartig durch die Geschichte und surre einem mit seinen Stummelflügelchen tatsächlich um die Ohren.

Flengels Erfinderin ist die Illustratorin Brigitta Garcia López. Die 35-jährige Zürcherin hat für ihr Buch über ein Jahr vollzeitliche Arbeit aufgewendet – mit einem Aufwand, der sich finanziell nicht auszahlen wird. Das aber sei ihr nicht das wichtigste, denn sie habe das Buch aus aus Freude an ihren Figuren erschaffen und „aus einer grossen Liebe für Kinder – für die grossen und die kleinen“.

 
 López entwickelte nicht bloss die Plastilinfiguren des Buches, sie schrieb auch die Geschichte dazu. Von Engeln ist López seit jeher fasziniert. Über Jahre hinweg hat sie diverse Engelsujets auf Postkarten produziert - viele davon sind längst vergriffen, weil sie Kultstatus geniessen. „Ich will neue, zeitgemässe Engel schaffen“, sagt López, denn „das klassische Engelbild hat sich tot gelaufen“. Früher verkörperte der Engel einen Bote des Himmels, heute nehme er vielmehr die Funktion eines treuen Begleiters ein, erklärt sie.

In ihrem Buch wird der bis anhin unsichtbare Flengel plötzlich sichtbar und wächst dem kleinen Max als heimlicher Freund ans Herzen. „Hast Du denn nicht gewusst, dass jedes Kind seinen eigenen Flengel hat?“ fragt er Max zu Beginn der Geschichte, „Wir begleiten euch Tag und Nacht. Ein hartes Stück Arbeit. Das kann ich Dir sagen“, mosert er, isst dem Max fortan ständig seine Schokolade weg und bringt ihm schliesslich das Fliegen bei. Nicht alles was Unsichtbar sei, sei auch nicht existent, erklärt López - um diese Botschaft, sei es ihr unter anderem in ihrem Buch gegangen.

Um nicht bloss die Überlegungen einer Erwachsenen einfliessen zu lassen, bezog Brigitta Garcia López die Meinung vieler Kinder in ihre Arbeit mit ein. Sie ging mit ihrem 7-jährigen Göttibub in den Zürcher Kinderbuchladen und liess sich die Bücher zeigen, die ihm zusagten. Ferner besuchte sie mehrere Kinderheime und befragte die Kinder über ihr Engelsbild. „Ihre Phantasie schien grenzenlos.“ Sie habe viel von diesen Kindern gelernt, sagt López, und die Tatsache, dass diese nicht mit ihren Vätern und Müttern lebten, führte die Autorin zum Entscheid, den Protagonisten ihrer Geschichte bei einer Tante wohnen zu lassen. Zudem wirkten Situationen, in denen die Eltern abwesend sind, für viele Kinder sehr abenteuerlich. Das sei wohl einer der Gründe, warum so berühmte Kinderhelden wie Pipi Langstrumpf, die Rote Zora oder Harry Potter nicht bei ihren Eltern lebten, erklärt López. 

Als Model für Flengels Freund Max diente schliesslich López’  9-jähriger Neffe Michiel, der während der ganzen Entstehungsphase zudem ihr wichtigster Kritiker war: „Ich mailte ihm immer die neueste Entwürfe zu. Und er sagte, was er daran cool fand oder nicht.“ Ebenso gingen Nachbarskinder in López’ Atelier ein und aus und brachten ihre Ideen ein.

All diese kindlichen Stimmen sind in der Flengel-Geschichte spürbar - und in der Kombination mit López’ leidenschaftlicher, detailgetreuer Arbeit machen sie das Buch so einzigartig. Die Absolventin der Hochschule für Gestaltung und Kunst Luzern hat jeden Gegenstand auf den Bildern selbst gestaltet und danach vom bekannten Schweizer Sachfotografen Felix Streuli fotografieren lassen. Ihre beinahe lebensecht wirkenden Figuren schuf sie aus Plastilin und Gips. Die Einrichtungsgegenstände entstanden aus Kleister, Karton, Zeitungen, Strohhalmen und Zahnstochern. Ja, selbst das Brot, das zum Anbeissen echt aussieht, besteht aus einem Autoputzschwamm und Papaschubimehl. „Die ganze Arbeit war ein grosses Tüfteln und Pröbeln“, sagt López „das hat sehr viel Spass gemacht“ – auch das wird im Buch spürbar.
 
Obschon der Bildband erst seit wenigen Tagen im Handel ist, ist bereits absehbar, dass Flengel das Potential zur Kultfigur hat. Die Zürcher Buchhandlung Paranoia City jedenfalls setzt darauf. Sie lädt am 17. September zu einer Lesung an der hauseigenen „Flengel-Bar“.

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