Sie war erfolgreiche Designerin, verdiente viel, jettete durch die Welt - bloß war das der Sinn ihres Lebens? Nein, beschloss Katharina Heyer mit 50 Jahren. Heute rettet sie Delfine.
Salz auf ihrer Haut, Wind in den Haaren, das Glitzern von Sonne und See in den Augen: wie ein junges Mädchen balanciert Katharina Heyer behände auf der Reling, reckt den Hals, lacht, hält sich bloß mit einer Hand an der Kajüte des Kapitäns: "Da! Seht ihr die Tümmler?" und hinter ihr schießen zehn Köpfe in die Höhe, Vorfreude in ihren Gesichtern, Abenteuerlust. Über ihnen ein kraftvoller Sommerhimmel, um sie herum ein Meer, das alles zu versprechen scheint... Stellt man sich so eine Tierschützerin mit ihren Helfern vor? Keine Spur von Öko-Mief. Hier im südspanischen Tarifa, auf dem Forschungsboot der Stiftung zur Erforschung von Meeressäugern "firmm" (foundation for information and research on marine mammals), regiert das Leben, die Lust am Dasein. Denn hier waltet die 58-jährige Schweizerin Katharina Heyer, "firmm"-Gründerin, Ex-Designerin, nicht zu bremsende Großmutter.
Wie jeden Tag - sofern es das Wetter erlaubt - ist das kleine Motorboot der "firmm" heute in See gestochen, will da erneut seine Mission vorantreiben. Es gilt, Delfine und Wale wissenschaftlich zu beobachten, denn je genauer, man über deren Lebensbedingungen Bescheid weiß, desto besser können sie geschützt werden. Manolo, der spanische Meeresbiologe, ist immer an Bord. Er und Katharina Heyer haben die zehn Teilnehmer vor der Ausfahrt mit Diavorträgen eingeführt, ihnen erklärt, wie sie die Tiere in den Wellen entdecken können. Nun diktiert Manolo seine Beobachtungen in ein Aufnahmegerät, die Laienforscher fotografieren Fluken und Finnen, also quasi die "Fingerabdrücke", die bei jedem Wal und Delfin individuell sind und deshalb zur Identifikation der Tiere dienen. So konnte "firmm" dank der Hilfe ihrer Gäste bereits über 3000 Fotos von Grindwalen sammeln und dadurch feststellen, dass vor Tarifa 5 bis 8 große Grindwalfamilien leben. Die Gäste notieren auch Windstärke, Wellengang, Wassertemperatur und Position. Diese Daten helfen, das Verhalten und die Wohnorte der Tiere wissenschaftlich zu analysieren.
Katharina Heyer sucht nun den Augenkontakt mit einem der Delfine, und als sie sich treffen, fühlt sie wieder diese Wärme, die sie mit ihren Freunden verbindet: hier draußen in der Meeresenge von Gibraltar, nur eine halbe Bootsstunde von Tarifa entfernt, leben sie, die Pilot-, Grind- und Pottwale, Delfine aller Art, und im Juli und August sogar die Orcas. Es sind Wesen, die Katharina Heyer zutiefst beglücken können, die ihr stets wichtiges zu sagen haben - und die ihre Hilfe brauchen, weil sie verdrängt, verstümmelt und getötet werden. Von der Umweltverschmutzung, von Treibnetzen und Walschlächtern.
Noch vor zwei Jahren hatte Katharina Heyer davon nichts gewusst, nie hätte sie geglaubt, dass sie schlagartig zur Tierschützerin werden sollte. Wohl war sie schon lange reif für einen Kurswechsel. Mit 50 hatte sie sich erstmals ernsthaft gefragt, ob sie mit ihrem Leben zufrieden sei: Ihre zwei Söhne hatte sie allein großgezogen, zwei gescheiterte Ehen lagen hinter ihr, beruflich war sie als selbständige Geschäftsfrau und Designerin von Reise-Accessoires international erfolgreich. Sie führte ein Leben zwischen Südostasien, den USA und der Schweiz, immer zwei Handies dabei, immer auf Achse. Sollte es nun stets so weitergehen, fragte sie sich. "Ich war auf der Suche nach dem Lebenssinn", erzählt sie. Schon seit geraumer Weile holte sie sich Rat bei einem "geistigen Führer", den sie in spirituellen Kursen kennengelernt hatte. Im November vor drei Jahren erzählte sie ihm, dass sie in Spanien Freunde besuchen werde. "Dann geh doch auch gleich noch nach Tarifa", sagte er, "dort gibt es Delfine.". Na, und...?, dachte sie.
Anfang 1998 stößt sie in Tarifa auf einen Whalewatcher, dank dem sie zum ersten Mal freilebenden Delfinen und Walen begegnet. Sie ist ergriffen von der Magie, die diese Tiere auf sie ausüben. Und sie lernt, dass in der Strasse von Gibraltar die Meeresströme von Mittelmeer und Atlantik einen idealen Futterplatz für die Meeressäugetiere bilden, dass sich dort daher überdurchschnittlich viele Artgenossen tummeln und bislang keine Forschung über ihr Verhalten stattfindet. Doch ohne Forschung, keine Erkenntnisse und somit auch kein Schutz für diese bedrohten Tierarten.
Wenige Wochen später reist Katharina Heyer an einen Meeresbiologenkongress in Monaco, lernt Fachleute kennen, entwickelt die Idee, eine Plattform für Forschende und interessierte Laien zu schaffen. Plötzlich weiß sie, wo ihr weiterer Weg liegt: Künftig würde sie Laien, also Feriengäste, die an Delfinen und Walen interessiert sind, mit Meeresbiologen zusammenbringen, damit diese gemeinsam das Verhalten der Meeressäugetiere vor Tarifa studieren konnten, und sich so das Wissen und die Liebe um diese Tiere verbreitet. "Denn was man liebt, tötet man nicht, und was man schätzt, das schützt man", so ihr Kredo.
Gesagt, getan. Und so wie heute, schafft sie es immer wieder, die Helfer und Gäste von "firmm" mit dieser Leidenschaft anzustecken: Da ist etwa Marius, ein Familienvater, der nun hinter seinem riesigen Fernrohr den Delfinen nachfiebert; seine 16-jährigen Tochter Kathrin und der 13-jährige Christian knipsen um die Wette - einzig Annemarie, die Mutter kann die Aktivferien auf dem Boot noch nicht voll genießen. Vom Wellengang geplagt, kämpft sie mit ihrem Magen. Als die Tümmer sich verzogen haben, hält Manolo ein Hydrophon ins Wasser, um damit die Töne von Pottwalen zu orten. Man vernimmt sie bis auf eine Distanz von 10 Kilometern, und die Kinder lauschen aufmerksam unter dem Kopfhörer - Walgesänge live, das wollten sie schon immer mal erleben. Später auf der Rückfahrt nach Tarifa, werden die sie friedlich schlafen, die Spannung ist vorüber, ihre Träume sind erfüllt.
Auch Katharina Heyers Träume gingen rascher in Erfüllung, als sie gehofft hatte: Nur zwei Monate nach ihrem ersten Besuch in Tarifa, im Februar 1998, mietete sie in der Altstadt Tarifas eine Bar, baute sie um und errichtete darin das Lokal für ihre frisch gegründete Stiftung. Im Juni öffnete "firmm" seine Tore, schon bald strömen Gäste aus Deutschland, der Schweiz und Spanien zu den Beobachtungskursen. Ein Jahr später sind die Kurse bereits weit im voraus ausgebucht, "firmm" besucht im Winter andalusische Schulen, hält Vorträge, erreicht damit 6000 Kinder. Die Stiftung wird von den lokalen Universitäten und von europäischen Tierschutzorganisationen anerkannt - ein voller Erfolg. Als das spanische Ministerium für Umweltschutz landesweite Bestimmungen für korrektes Whalewatching erarbeiten will, bittet es die "firmm" um Unterstützung; und als Tarifas Küstenwache eine neue offizielle Anlaufstelle für gestrandete Meerestiere braucht, übergibt sie den ehrenvollen Auftrag ebenfalls der Stiftung von Katharina Heyer.
Die Delfinretterin bewohnt mittlerweile eine winzige Drei-Zimmer-Wohnung in einer Feriensiedlung Tarifas. Von ihrem Wohnzimmer aus sieht sie Strand, Brandung, Klippen - und weit hinten am Horizont den ersten Streifens Afrikas. Die Aussicht sei das einzig Schöne an dieser Wohnung, findet Heyer, ansonsten sei ihre Bleibe schmucklos und der Wind dringe durch alle Ritzen. Im Juli und August strotzt die Siedlung vor Touristen ansonsten ist sie wie ausgestorben. Südliche Romantik wie sie wohl in den arabisch angehauchten, typischen Flachdachhäusern Tarifs möglich wäre, gönnt sie Katharina nicht. Sie ist ohnehin nur zum Schlafen zu Hause, die restliche Zeit verbringt sie im "firmm"-Büro. Zuweilen, im Winter vor allem, wohnt sie auch in ihrem Haus in der Nähe Zürichs, besucht ihre Mutter und ihre Söhne.
Ansonsten hat sie ihr altes Leben weit hinter sich gelassen, den Designerjob nach einigen Monaten der Doppelbelastung an den Nagel gehängt. Ständig kämpft sie mit Geldsorgen für "firmm", ständig erlebt sie aber auch unerwartete Hilfe. "Immer wenn ich Unterstützung brauche, läuft sie mir über den Weg", erzählt sie. Früher habe sie geglaubt, sie müsse sich alles selbst erkämpfen, heute habe sie gelernt, mehr Vertrauen in Zufälle zu haben.
Kämpfen muss sie aber nach wie vor. "Das erste Jahr in Tarifa war sehr hart, ich sprach noch kein Spanisch und musste mich als Frau in diesem Macho-Land durchsetzen". Wie zu ihren Zeiten als Designerin steht sie morgens weiterhin um sechs Uhr auf und fällt erst spät nach Mitternacht wieder ins Bett. "Ich bin mir für keine Arbeit zu fein, ich putze das Büro, fege das Gässlein, halte Vorträge, treffe Presseleute..." Aber sie sei glücklich, erlebe viel Schönes, das alle Mühsal wettmache.
So erzählt sie etwa vom kleinen Simon, der nach einem Impfunfall an den Rollstuhl gebunden ist, und dessen größter Wunsch es war, einmal Wale in freier Natur zu erleben. Katharina Heyer fuhr mit ihm aufs Meer, prompt kam eine Walmutter mit zwei Jungen zu Besuch, und wenig später, so freut sich Katharina Heyer, habe der Bub erstmals wieder seine Hand bewegen können. Manchmal ringe sie aber auch mit ihrem Gewissen, weil sie sich mit "firmm" auf einer Gratwanderung befindet: Denn mit kommerziellem Whalewatching will sie nicht in Verbindung gebracht werden, da stünden allzu oft die Interessen der Touristen vor deren der Wale und Delfine, die Boote würden die Tiere stören und damit auch gefährden. "Wir von firmm nähern uns den Tieren sehr respektvoll, warten ab, bis sie selbst zu unserem Boot schwimmen - und vor allem wollen wir damit nicht Geld verdienen". Sämtliche Erlöse fließen immer in die Stiftung, die Angestellten erhalten einen normalen Lohn, sich selbst bezahlt Katharina Heyer bloß die Unterhaltkosten. So lebt sie vorwiegend von ihrem Ersparten.
Eines Tages, als sie dennoch wieder Zweifel plagten, weil sie sich nicht sicher war, ob sie mit ihrem Unternehmen den Tieren gerecht würde, fuhr sie mit einem spanischen Fernseh-Team aufs Meer. Pech für die Kameraleute, denn diesmal ließen sich nur einige vereinzelte Wale in weiter Ferne blicken. Das Team beschloss daher, Katharina Heyer bei einer kurzen Rede auf dem Bug zu filmen. "Als ich sprach, waren plötzlich alle ganz aufgeregt, ich verstand gar nicht warum bis ich merkte, daß hinter mir eine Schule von Pilotwalen ständig um den Bug sprang, so nahe wie nie zuvor. Das ergab natürlich die besten Bilder fürs Fernsehen und meine Zweifel waren gestillt. Diese Tiere wollten, dass ich auf sie aufmerksam mache", ist Heyer überzeugt, "sie helfen mir immer wieder." Ist das nicht zuviel der menschlichen Projektionen ins Tier? Delfin-Kitsch? Nein, sagt Katharina Heyer entschieden, sie stehe mit beiden Beinen auf dem Boden, ärgere sich selbst über diese "esoterischen Tagträumer", die nur süß von Delfinen redeten, aber nichts zu deren Schutz täten. Sie selbst sei jemand, der handle - und im Handeln spüre sie eine Verbindung mit den Meeressäugern. Oft ist es ihr, als ob sie die Tiere gerufen hätten, vielleicht auch, als ob ihr Leben nach ihnen gerufen hätte.
Für heute haben die Tümmler ihren Wellentanz beendet. Das "firmm"-Boot tuckert zurück zum Hafen, die Gäste sitzen zufrieden und leicht fröstelnd auf ihren Bänken, einige sind im sanften Wellengang eingeschlafen, Manolo sammelt die Datenblätter ein, Katharina Heyer blickt in die Ferne. Wie nur hatte sie so viele Jahre ihres Lebens ohne das Meer verbringen können, fragt sie sich wieder einmal, erfüllt von einem Dasein, in dem sich die quälenden Sinnfragen erübrigt haben. Hier, auf dem Wasser ist sie zu Hause, hier geht es ihr gut. "Ich sage nicht, ich bleibe für immer in Tarifa, aber solange ich noch was bewirken kann, bleibe ich. Und solange die Japaner und Norweger weiterhin Wale abschlachten, muss ich weitermachen."
Infos:
Delfine und Wale in freier Natur erleben, mehr über ihr Verhalten lernen und Meeresbiologen bei ihrer Forschung helfen: Bei "firmm" in Tarifa, Südspanien haben Sie jeweils zwischen April und Oktober dazu Gelegenheit: In den Walbeobachtungskursen enthalten sind tägliche Bootsfahren, Vorträge, Diashows, Kurse zur Meeres-, Strand- und Dünenkunde sowie Schnorcheln mit Meeresbiologen. Eine Woche zu DM 560, zwei Wochen DM 1000.-. Unterkunft und Anreise separat, kann aber von "firmm" organisiert werden. Weitere Infos: firmm, Telefon 0041 79 356 96 46, Fax 0041 1 700 15 21, e-mail: firmm98@aol.com oder www.firmm.org
Oder falls Sie sich in Deutschland engagieren wollen:
"Gesellschaft zum Schutz der Meeressäugetiere", Tel. 040 86 87 74.
PS Seit 2010 betreibt firmm auch eine Page in Facebook.