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Volg - Marthaler - Stress-Prävention
Kein Stress mit dem Stress!
Die Marthaler-Partner AG hat im Auftrag der Schweizer Detailhandelskette Volg diverse Experten eine Broschüren-Serie zum Thema Stress-Prävention schreiben lassen. BONIN communications hat diese Texte redigiert und lektoriert.
Stress ist „in“. Wer auf die Grussformel „Guten Tag, wie geht es dir?“ nicht mit dem obligaten „Danke, etwas im Stress“ antwortet, gerät in Verdacht, ein fauler Hund zu sein. Doch aufgepasst: Menschen, die ständig unter Stress stehen, riskieren ernsthafte Krankheiten und psychische Probleme. Die medizinischen Folgekosten von Stress belaufen sich allein in der Schweiz auf jährlich rund 4,2 Milliarden Franken. Tendenz steigend. Grund genug, das Phänomen „Stress“ ernst zu nehmen!
Die Aussage „Stress macht man sich selbst“ hat zwar einen wahren Kern. Dennoch ist nicht jeder Stress hausgemacht. Unsere gesamte Lebensweise setzt uns immer härteren Prüfungen aus: So wird immer mehr Arbeit auf immer weniger Arbeitsplätze verteilt. Enormer Kostendruck und rasende technische Entwicklungswellen in der Wirtschaft erlauben uns kaum noch Verschnauf-Pausen. Lautder schweizerischen Gesundheitsbefragung 2002 leiden 44 Prozent der Befragten unter starker nervlicher Anspannung am Arbeitsplatz. Davon beklagen 28 Prozent der Frauen und 21 Prozent der Männer starke körperliche Beschwerden. Auch die moderne Rollenverteilung zwischen Mann und Frau und der schleichende Verlust persönlicher Sinn- und Wertvorstellungen fordern uns heraus. Wer sich in der heutigen Welt nicht mehr zurechtfindet, gerät leicht in Versuchung, sein Heil in Genussmitteln, Konsumrausch oder obskuren Heilslehren zu suchen.
Doch es gibt gesündere Methoden, um Stress abzubauen: In dieser Broschüre finden Sie Anregungen zum positiven Umgang mit Stress. Ein Arzt zeigt auf, welche Krankheiten aus übermässigem Stress entstehen, eine Sucht-Expertin zeigt, warum Alkoholmissbrauch in Stress-Situationen in einen Teufelskreis führt, und ein Psychologe gibt Tipps für den gesunden Umgang mit psychischem Stress.
Stress zermürbt unser Wohlbefinden
Krankheiten, emotionale Probleme, Krisen am Arbeitsplatz: Die Folgen von Stress verursachen viel Leid. Treffen wir also die richtigen Massnahmen dagegen! Zum Beispiel mit Sport, sozialen Kontakten und mehr Mussezeiten.
Text: Dr. Werner Entenmann, Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie, leitender Arzt in der Klinik für Schlafmedizin, Zurzach
In der Umgangssprache bezeichnen wir uns als „gestresst“, wenn wir viel zu tun haben oder wenn uns Probleme belasten. Tatsächlich müssen ein voller Terminkalender oder eine schwierige Lebenssituation aber nicht automatisch zu Stress führen. Vielmehr kommt es darauf an, wie lange eine Belastung andauert und ob der Betroffene in der Lage ist, die Anforderungen anzunehmen, beziehungsweise ob er genügend Handlungsmöglichkeiten hat.
Grundsätzlich bewertet jeder Mensch eine Situation individuell. Je neuer, unkontrollierbarer und unvorhergesehener ein Ereignis ist, desto wahrscheinlicher löst sie eine Stressreaktion aus. Wenn der Betroffene zudem fürchtet, dass er die Situation nicht erfolgreich meistern kann, verschärft sich seine Panikreaktion. Gedanken wie „Das schaffe ich nie!“ oder „Auch das noch!“ oder „Immer passiert mir das!“ erhöhen die Belastung und äussern sich in emotionalen Reaktionen wie Wut, Angst, Unsicherheit und Unzufriedenheit. Oder sie äussern sich in Form von körperlichen Symptomen wie etwa einem trockenen Mund, einem Kloss im Hals, einem flauen Gefühl im Magen, Herz-Kreislaufbeschwerden, übermässigem Schwitzen, Schwindelanfällen und leichter Ermüdbarkeit.
Gestresste Menschen reagieren oft aggressiv
Auch das Verhalten eines Menschen verrät einiges darüber, ob er „unter Strom steht“ oder entspannt ist. Stressbelastete Menschen verhalten sich oft aggressiv, manche knirschen nachts mit den Zähnen, andere sprechen schnell, hören nicht zu oder bewegen sich generell weniger als sie gerne möchten.
Nicht jeder Stress muss negativ sein: Eine momentan bestehende Stress-Situation mobilisiert alle Kräfte des Körpers und kann sogar lebensrettend sein – zum Beispiel im Strassenverkehr, wenn wir ein herannahendes Auto erst im letzten Moment bemerken und dank der durch den Stress ausgelösten schnellen Reaktion einen Unfall verhindern können.
Gefährlich sind indes lang anhaltende, chronische Stress-Situationen. Sie führen zum Verschleiss der Körperorgane. Dauerstress beeinträchtigt die psychische und körperliche Gesundheit nachhaltig. Aus anfänglichen Befindlichkeitsstörungen können ernsthafte Erkrankungen resultieren. Dies ist vor allem dann der Fall, wenn die Stressbelastung zu ausgeprägt ist oder zu oft eintritt und wenn auf lang anhaltende belastende Phasen keine Erholung folgt.
Überdosis von Adrenalin und Noradrenalin
Stress versetzt den Körper zuerst in erhöhte Alarmbereitschaft: Alle Körperkräfte werden aktiviert, hohe Dosen an Adrenalin und Noradrenalin werden ausgeschüttet, die Blutgefässe verengen sich, Blutdruck und Herzfrequenz steigen, die Bronchien erweitern sich, der Blutzucker steigt, Fettvorräte werden abgebaut, die Muskeln sind besser durchblutet und die Darmtätigkeit verlangsamt sich.
Diese Phase kann über einen gewissen Zeitraum hinweg auf gleichem Niveau aufrechterhalten werden. Wir Ärzte nennen das die „Widerstandsphase“. Doch nach dieser Phase tritt eine Erschöpfung ein, in welcher die natürliche Anpassungsfähigkeit des Körpers erheblich reduziert ist. Die stressbedingten Folgen davon sind zum Beispiel Schlafstörungen, Erschöpfung, Konzentrationsmangel, Verdauungsstörungen, Nervosität, erhöhter Zucker- und Cholesterinspiegel, Herzinfarkt, Magen-Darm-Krankheiten, psychische Erkrankungen, Suchterkrankungen oder chronische Immunschwäche.
Weitere Konsequenzen und Symptome im Alltag:
In der Partnerschaft
- Emotionales Chaos, Labilität im Gefühlsbereich, vielfach begleitet vom Wunsch nach innerem Rückzug
- Gefühl der Apathie und Teilnahmslosigkeit
- Stark schwankende Gefühlszustände, Ungeduld oder Launenhaftigkeit
Im Arbeitsbereich
- Hang zu Misstrauen und dem Gedanken, andere wollten einem schaden
- Drang, überall sein zu müssen, mangelhafte Koordination, falsche Prioritäten und permanenter Zeitdruck
- Schlechte, oft nur einseitige und unklar geführte Kommunikation
Im persönlichen Umfeld
- Die fixe Idee schleicht sich ein, überall Feinde zu haben
- Ausreden häufen sich, um soziale Kontakte und den Umgang mit Freunden zu vermeiden
- Die Gewohnheit, an Altem festzuhalten, übersteigt das bisherige Mass
Hilfreiche Methoden gegen Stress
Folgende Massnahmen haben sich besonders bewährt, um die eigene Energiebilanz im Gleichgewicht zu halten und Stress besser aushalten und bewältigen zu können:
- Sportliche Aktivität und Entspannungstechniken: Durch sportliche Tätigkeiten und Entspannungstechniken können die freigesetzten Stresshormone und Eiweisse besser abgebaut werden und lagern sich dadurch nicht in den Gefässen oder Organen ab, wo sie langfristig die Funktionen dieser Organe beeinträchtigen können.
- Soziale Unterstützung:Ein gut funktionierendes soziales Netz hilft, belastende Situationen besser zu überstehen und sich kurzzeitig zu entspannen.
- Kognitives (gedankliches) Stressmanagement:Es gilt, sich über eigene gedankliche Fehlschlüsse oder negative Gedankenspiralen klar zu werden, diese zu hinterfragen und mental umzuwandeln. Beispielsweise durch Gedanken wie: „Ein Schritt nach dem anderen“, „Ich kann diese Herausforderung bewältigen!“, „Ich denke nicht an die Stress-Situation, sondern daran, was ich tun muss“ oder „Es geht mit jedem Mal besser!“
- Organisatorische Massnahmen:Ziele definieren, Prioritäten setzen, eine Arbeitsplanung und Zeitmanagement (Zeit für Beruf, Hobbies und Erholung) helfen, den Überblick zu behalten und auch in anstrengenden Phasen vorausschauend agieren zu können.
- Genügend Erholung:Grundvoraussetzung, um leistungsfähig zu bleiben und das Wohlbefinden zu erhalten, ist ausreichender Schlaf.
Stress und Rauschmittel – eine unheilvolle Kombination
Mit Stress gehen alle Betroffenen höchst unterschiedlich um. Eines indes gilt für alle: Wer gestresst ist und sich Linderung von Alkohol, Medikamenten oder anderen Drogen und Genussmitteln erhofft, begibt sich in einen Teufelskreis.
Text: Jacqueline Sidler,Leiterin der Präventionsabteilung, Schweizerische Fachstelle für Alkohol- und andere Drogenprobleme
Jeder von uns ist manchmal unter Druck und gestresst! Überlastung bei der Arbeit, Konflikte mit Nahestehenden, Probleme mit dem Waschküchenschlüssel, eine Erkrankung … In allen Lebensbereichen können Belastungen auftreten – solche, die lange andauern, und solche, die uns nur punktuell betreffen. Einige wiegen schwer, andere stecken wir leicht weg. Was bei jeder Form von Stress indes gleich ist: Man fühlt sich angespannt, ist unruhig, hat vielleicht auch Angst. Es ist für uns Menschen überlebenswichtig, Stress eine Weile lang aushalten zu können. Es ist aber auch wichtig, Entlastung zu suchen, wenn der Druck zu gross wird.
Denn Stress bringt unangenehme Gefühle mit sich. Und dann kann es verlockend sein, nach etwas zu greifen, das sofortige Erleichterung verspricht. Mit Alkohol zum Beispiel verschwinden die Sorgen rasch – aber nur kurzfristig. Und: Wenn man Alkohol trinkt, um sich zu entspannen, ist das Risiko gross, dass man dies immer wieder und immer häufiger tut – und dabei vielleicht abhängig wird.
Kurzzeitig froh, langfristig zerrüttet – Alkohol ist kein Ausweg
Daher sollte man Alkohol nicht konsumieren, wenn man sich schlecht fühlt, und schon gar nicht, um sich zu entspannen. Alkohol und andere Suchtmittel lassen einen den Stress höchstens für kurze Zeit vergessen. Danach ist er wieder da – oft umso heftiger! Und ein problematischer Konsum von Rauschmitteln oder gar eine Abhängigkeit sorgen längerfristig für noch mehr Stress. Eine Suchtkrankheit bedeutet eine schwere persönliche Belastung, für den Betroffenen wie auch die Menschen in seinem Umfeld.
Es ist also wichtig, dass man lernt, angemessen mit Stress umzugehen. Jeder wendet dabei individuelle Tricks an: Ein Spaziergang zum Beispiel kann hilfreich sein, eine Joggingrunde, ein heisses Bad, kreative Tätigkeiten, die Lektüre eines guten Buchs, Tanzen oder das Anwenden von Entspannungstechniken. (Weitere konkrete Tipps siehe nachfolgenden Text). All diese Massnahmen können dazu beitragen, Ablenkung zu schaffen und Druck abzubauen. Auch Gespräche können Erleichterung bringen, zum einen durch das Erzählen selbst, aber auch, weil sie helfen, eine Situation besser einzuschätzen, und weil man im Gespräch Tipps erhalten kann, die einen weiterbringen.
Es gibt Situationen, die sich nicht ändern lassen und in die man sich schicken muss; man muss also lernen, sie zu ertragen. Viele belastende Situationen lassen sich indes ändern – sofern man wirklich daran interessiert ist. Es gilt dabei, die Ursachen der Belastung anzugehen: Indem man bei Arbeitsüberlastung beispielsweise die Situation analysiert und das Gespräch mit Vorgesetzten sucht.
Mit Eigeninitiative oder mit Unterstützung von Freunden und Familie lassen sich viele Probleme lösen – aber längst nicht alle. Zögern Sie daher nicht, auch die Unterstützung von Fachpersonen zu nutzen; manchmal ist sie absolut notwendig. Ein Eheberater hilft bei Beziehungsstress, eine Schuldenberatungsstelle bei finanziellen Schwierigkeiten, wir von der Alkohol- und Drogenprävention bei Suchtproblemen.
Schämen Sie sich nicht, professionellen Rat anzufordern! Sich Hilfe zu beschaffen, ist ein kompetenter, eigenständiger Schritt. Er verhilft einem häufig schneller und vielleicht auch besser zu einem Abbau von Stress und zu einer Lösung des Problems!
Risikoarm mit Alkohol umzugehen, bedeutet ...
... für gesunde erwachsene Männer: maximal zwei Standardgetränke Alkoholisches pro Tag (zwei Stangen Bier, zwei Gläser Wein oder ein kleines Gläschen Schnaps). Frauen sollten vorsichtiger sein und pro Tag höchstens eines dieser Getränke konsumieren. Schwangere sollten gar keinen Alkohol trinken. Wer Medikamente einnimmt oder an einer Krankheit leidet, sollte sich bei seinem Arzt erkundigen, ob und wie viel Alkohol ihm zuträglich ist.
Stress als Motivator?
Wir wissen es alle: Stress kann krank machen. Aber er kann uns auch stimulieren, antreiben und stärker machen. Dabei ist vor allem entscheidend, wie wir uns im Umgang mit den Stress-Situationen verhalten.
Text: Markus Marthaler, Coach, Burn-out Experte und Geschäftsführer Marthaler-Partner GmbH
Stress kann sowohl positiv wie auch negativ empfunden werden. „Guter“ Stress (sogenannter „Eustress“) macht uns stolz und zufrieden. Negativer Stress („Distress“) bringt uns an scheinbar unüberwindliche Grenzen, ist uns unangenehm und schadet uns auf Dauer. Der Ausdruck „Stress“ stammt vom altfranzösischen „destrece“ ab, was „beanspruchen“ und „einengen“ bedeutet. Das Wort Enge wiederum aus dem lateinischen „Angustus“ ist mit unserem deutschen Wort „Angst“ verwandt – Stress und Angst stehen also in einem viel näheren Zusammenhang, als es auf den ersten Blick den Anschein macht.
Unser Nervensystem ist direkt an unsere Wahrnehmung gekoppelt. Und unser Bewusstheitsgrad entscheidet darüber, ob wir eine Situation als Problem (und somit häufig auch als belastenden Stress) empfinden oder nicht. So ist unsere individuelle Bewertung der Dinge, unser ganz persönlicher Blickwinkel auf die Geschehnisse äusserst entscheidend im Bezug auf den Umgang mit schwierigen Aufgaben. Stress und Angst sind meistens mit negativen Attributen belegt, doch gibt es immer wieder Situationen, wo wir erst im Nachhinein erkennen, dass es just diese psychischen Anforderungen waren, die uns in den wesentlichen Stationen des Lebens aufgezeigt haben, wo wir wirklich standen, und die uns im wahrsten Sinne des Wortes zu einem „Fort-Schritt“ bewegt haben. Denn Probleme tragen in sich den Keim des persönlichen Wachstums. Sie leiten Entwicklungsschritte ein, die uns letztlich auch als Menschen weiterbringen. Das frühzeitige Erkennen psychischer Mechanismen kann einen wesentlichen Beitrag dazu leisten, die Herausforderungen nicht primär als Schmerz und Leid zu erfahren, sondern sie durch das Verändern der inneren Haltung als konstruktiv zu erleben und entsprechend umzugestalten.
Mit belastenden Denkmustern schaden wir uns selbst
Es gibt Denkmuster, die uns innerlich belasten und wenig zu einer konstruktiven Lösung eines Problems beitragen. Sie gilt es zu erkennen und abzubauen. Allein schon das Entlarven solcher destruktiven gedanklichen Strukturen kann wesentlich dazu beitragen, unser Gleichgewicht auch in hektischem Treiben nicht zu verlieren.
Wo immer wir über einen längeren Zeitraum hinweg Stress empfinden, führt dies über kurz oder lang zu einer innerlichen Verunsicherung. Das Selbstwertgefühl ist angekratzt, das Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten wankt, und Selbstzweifel beeinflussen unsere Gedanken und damit auch unser Auftreten und Handeln. Wo dieser Mechanismus unbewusst einsetzt, beginnt der Betroffene damit, den inneren Mangel durch äusseres Verhalten zu kompensieren. Man versucht zum Beispiel, Schwäche durch übersteigertes Anerkennungstreben in der Aussenwelt zu kompensieren, es allen und immer recht zu machen. Aber solch übertriebener Perfektionismus kann rasch dazu führen, den Wald vor lauter Bäumen nicht mehr zu sehen. Dieser Umstand entwickelt sich leicht zu einem Stressfaktor. Das Gefühl, nie genügen zu können, und das übereifrige Gieren nach Lob lassen Betroffene auf lange Sicht meist frustriert zurück. Mehr noch: Durch den Drang, den Erwartungen anderer gerecht zu werden, wächst die Gefahr, dass man andere enttäuscht oder selber enttäuscht wird – eine Situation, die wir im täglichen Leben immer wieder erfahren, wenn wir gerade von jenen Mitmenschen im Stich gelassen werden, von denen wir es überhaupt nicht erwartet hätten. Der Grund liegt darin, dass Menschen, die sich nahe stehen, meist hohe Erwartungshaltungen aneinander koppeln.
Wer ausschliesslich Anerkennung im Aussen sucht, muss ständig wechselnden, hohen Ansprüchen gerecht werden. Das verursacht einen enormen Druck und nährt die permanente Angst, ungenügend zu sein. Der eingangs erwähnte Kreislauf von Angst und Stress nimmt seinen unheilvollen Lauf. So werden Selbstwertgefühl und Motivation für die eigenen Tätigkeiten anhaltend geschädigt.
Doch auch eine solche Situation ist nicht ausweglos. Wer sich mit seinen Ängsten und Zweifeln auseinandersetzt, findet aus vermeintlichen Sackgassen wieder heraus und kann sein Selbstvertrauen neu stärken. Das erfordert aber auch jene Portion Mut, die es ermöglicht, sich dem Lernprozess des Lebens immer wieder zu stellen.
Die nachfolgenden Fragen sollen Sie dazu ermutigen, Ihre Situation zu überdenken und nach Ihren ganz persönlichen Antworten zu suchen. Sie regen dazu an, Ziele zu hinterfragen, und weisen uns in die Richtung unserer individuellen Sinnfindung:
- Was ist mir wirklich wichtig im Leben?
Was tue ich dafür?
- Welche Menschen sind mir wichtig und beeinflussen mich positiv?
Wie viel Zeit gönne ich mir, um sie mit ihnen gemeinsam zu verbringen?
- Wann habe ich mir zuletzt etwas Gutes getan?
Woran erkenne ich, dass ich mich so mag, wie ich bin?
- Welche Tätigkeiten geben mir Kraft im Alltag?
Was erfüllt mich mit Freude und Dankbarkeit?
- Was raubt mir Energie – und warum lasse ich es zu?
Wie lange will ich diesen Zustand unverändert lassen?
- Wann habe ich das letzte Mal „Nein“ gesagt?
Habe ich den Mut, mich abzugrenzen – und die Unpopularität zu ertragen?
- Wann habe ich das letzte Mal absichtslos gegeben?
Habe ich mich darüber auch gefreut?
- Was will ich schon lange tun und habe es noch immer nicht gemacht?
Wer, ausser mir selbst, hindert mich daran, es zumindest zu versuchen?
- Welche Dinge lösen in mir Angst aus?
Wie weit bin ich bereit, wirklich etwas daran zu verändern?
Die Schuld nicht im Aussen suchen
Ein weiterer Aspekt einer destruktiven Denkhaltung besteht darin, dass wir viele Situationen aus mangelnder Selbstreflexion falsch einschätzen. Wir ärgern uns beispielsweise über einen Zeitungsartikel, über den nicht gewährten Vortritt im Strassenverkehr, ein ausgefallenes Kundengespräch, eine schlechte Schulnote der Tochter oder schon allein darüber, dass unser Partner das Bier nicht kalt gestellt hat. Wir alle kennen diese alltäglichen Situationen. Doch wer – ausser wir selbst – entscheidet letztlich darüber, ob das Ereignis zu einem Ärgernis oder gar Konflikt ausartet? Neben den eigenen Vorstellungs- und Erwartungshaltungen ist es der fehlende Blick hinter die Kulisse der eigenen Persönlichkeit, der zu irrtümlichen Annahmen und Schuldzuweisungen in der Aussenwelt führt. Fassen wir uns an die eigene Nase! Wir sind es, die entscheiden und bewerten – unser Verstand und unsere emotionale Haltung beeinflussen unser Handeln!
Doch wie können wir unsere Haltung positiver gestalten? Manchmal hilft es, die Aussenwelt spielerisch wie in einen Spiegel zu betrachten. Was uns an Stimmungen beim morgendlichen Blick im Badezimmerspiegel entgegenschaut, treffen wir später im Alltag wieder. Je bewusster und anständiger wir uns geben, desto reifer und konstruktiver reagieren wir auf den „persönlichen Spiegel“. Es kann eine grosse Hilfestellung sein, wenn man sich immer wieder die Tatsache vor Augen führt, dass äussere Geschehnisse in einem direkten Bezug zu unserem inneren Verständnis stehen. Der Volksmund rät uns mit den Worten „Was dich trifft, betrifft dich“ daran und ermuntert uns mit dem Sinnspruch „Wie du in den Wald hineinrufst, so schallt es zurück“, unsere innere Haltung selbstkritisch zu betrachten. Das Wissen um die eigenen Stärken, Schwächen und Grenzen kann ein ausgezeichneter Anfang sein, sich selbst einer kritischen Prüfung zu unterziehen, um dadurch der inneren Ruhe und Zufriedenheit mehr Raum zu gewähren. Dies fördert nicht nur die Selbsterkenntnis, sondern rückt auch die Themen Respekt und Toleranz in ein anderes Licht.
In diesem Sinne wollen die nachfolgenden Fragen eine konstruktive Auseinandersetzung mit der eigenen Persönlichkeit fördern:
Betrachten Sie Ihre letzte grosse persönliche Auseinandersetzung:
- Wie ist sie entstanden?
- Wie habe ich reagiert? Beschreiben Sie Gedanken, Emotionen und Ihr Kommunikationsverhalten
- Was war mein Beitrag zu einem konstruktiven Ergebnis?
- Wie habe ich mich danach gefühlt?
- Inwiefern belastet mich diese Situation noch immer? Was muss ich noch tun?
- Was würde ich bei einer nächsten, ähnlichen Konfrontation anders machen?
- Was hat dies alles mit mir zu tun?
- Was habe ich daraus gelernt?
- Wie hätte ich reagiert, wenn ich an diesem Tag ruhig und zufrieden gewesen wäre?
- Woran habe ich erkannt, dass diese Situation mich verletzt hat?
- Wäre diese Begebenheit auch eskaliert, wenn ich mich nicht ganz so wichtig genommen hätte?
Schuldzuweisungen machen alles noch schlimmer
Wo immer uns etwas zustösst, suchen wir gern einen Schuldigen. Dieser Reflex entspricht zwar einem normalen Alltagsverhalten, entbehrt allerdings bei genauerer Betrachtung jeder Logik. Die Schuldfrage vermag die entsprechende Situation kaum in ein positives Licht zu rücken, im Gegenteil: In den meisten Fällen ist es der beste Weg in eine destruktive Denkhaltung hinein. Denn das Leben fragt nicht, ob eine Situation uns passt oder nicht, es ist vielmehr gespannt darauf, wie wir damit umgehen. Das Verharren in der Schuldfrage verhindert einen Lösungsprozess. Dieser Mechanismus wird an folgendem Beispiel deutlich: Ein Kind kommt mit einem schlechten Prüfungsresultat nach Hause. Auf die elterliche Frage des „Warum“ sagt es, die Prüfung sei durch den Lehrer nicht angekündigt worden und zudem habe der Sitznachbar nicht geholfen. Zwei Gründe, zwei Schuldige für die schlechte Leistung des Schülers. Zeigen sich die Eltern in dieser Situation verständnisvoll, wird dem Kind die Motivation entzogen, sich in künftigen Prüfungsaufgaben mehr anzustrengen. So einfach dieses Beispiel auch sein mag, es zeigt, dass Schuldzuweisungen eine Absage an Eigenverantwortung sind und zugleich einen Lernprozess verhindern. Über kurz oder lang kann derartiges Verhalten zu einem entscheidenden Stressfaktor werden.
Betrachten Sie Ihre letzte grosse belastende Situation:
- Wie ist sie entstanden? Was war der Auslöser?
- Wie habe ich reagiert? Beschreiben Sie Ihre Gedanken, Emotionen und Ihr Kommunikationsverhalten
- Wohin zielte meine Wut, Aggression oder Trauer?
- Was hat meine Schuldzuweisung bewirkt?
- Was bedeutet es für mich, das Geschehene nicht zu akzeptieren?
- Was löst es in mir aus, die Situation anzunehmen?
- Wie gehe ich mit dem Schmerz um? (Siehe dazu auch die Broschüre „Abschied und Loslassen“ in dieser Volg-Serie!)
Angst und Starrheit sind grosse Hindernisse
Ängste bilden einen wichtigen Bestandteil unseres Lebens. Ihre Facetten sind vielseitig, individuell und oft auch schwer durchschaubar.
Vor Angst erstarrt – das ist ein geläufiger Ausdruck, eine Furcht auslösende Situation zu umschreiben. Entsprechend ist denn auch oft die Haltung, sowohl körperlich wie psychisch: Man duckt sich, zieht sich zurück, frisst die Dinge in sich hinein und versucht, durch Festhalten an Altbewährtem über die Runden zu kommen. Doch was erstarrt ist, wird hart und kann zerbrechen. Daher ist dieses Verhalten meist erfolglos. Gerade in solch einengenden Momenten geht es darum, althergebrachte Denk- und Verhaltensmuster abzulegen.
Das Brechen von Gewohnheitenkann jenen Freiraum schaffen, der Neues entstehen lässt. Suchen Sie daher in der grössten Hektik nach neuen Verhaltensweisen: Steigen Sie beispielsweise vom Auto auf öffentliche Verkehrsmittel um, verändern Sie Ihren Alltag und wecken Sie dadurch neue innere Kräfte. Sie schulen damit gleichzeitig die Fähigkeit, auf unvorhergesehene Begebenheiten bedacht und klug zu reagieren.
Die Angst am Schopf packen
Dazu allerdings ist es notwendig, die Hindergründe der Angst zu kennen. Wie entsteht Angst? Was sind ihre Wurzeln? Das Verständnis dafür kann dazu beitragen, sich im Alltag bewusster mit der Angst-Prophylaxe auseinander zu setzen. Je mehr Angst ich vor etwas habe, desto mehr nimmt die Angst von mir Besitz. Wenn ich mich dann dauernd mit ihr beschäftigen muss, verleihe ich ihr nicht nur die Macht über meine Gedanken und mein Handeln, ich schaffe gleichzeitig eine entsprechende Resonanz auf meine ängstlichen Gedanken: Diese selbst erschaffene Stimmung fördert die Kraft der Erfüllung, so dass gerade das eintrifft, was man unbedingt verhindern wollte.
In manchen Fällen kann durch das Erstellen eines so genannten Krisenszenarios eine gewisse Grundangst entdynamisiert werden. Wenn Sie zum Beispiel die Angst vor einem möglichen Verlust des Arbeitsplatzes nicht mehr schlafen lässt, erstellen Sie einen konkreten Massnahmenplan darüber, was bei einer allfälligen Entlassung zu tun ist. Vergegenwärtigen Sie sich die Situation mit allen Vor- und Nachteilen, bedenken Sie jedes Detail und bringen Sie alles zu Papier. Stecken Sie die erstellten Unterlagen in einen Umschlag und bewahren Sie ihn an einem bestimmten Ort auf. Das kann Ihnen helfen, Ihre Angst buchstäblich „zur Seite zu legen“. Damit mag sie zwar nicht ganz verschwunden sein, aber immerhin haben Sie sich selbst damit konfrontiert und auseinandergesetzt. Sie wissen nun, was auf Sie zu kommen könnte – und es bleibt Ihnen so noch ganz viel wertvolle Zeit, die freigesetzte Energie im Arbeitsprozess konstruktiv zu nutzen!
Auch Selbstmitleid führt zu Stress
Wir machen Fehler im Leben, das ist unvermeidlich: Ein unüberlegter Ausspruch, eine belastende Handlung, ein Versäumnis ... All das kann uns belasten. Überall da, wo Geschehenes nicht verarbeitet, bereinigt und ausgesöhnt wird, kann es sich als Stressfaktor in unserem Leben äussern. „Im Nachhinein ist man oft gescheiter“ und „Wo gehobelt wird, fallen Späne“, heisst es im Volksmund. Der Mensch ist nicht gefeit vor Fehlern, doch darauf sitzen zu bleiben oder sich mit ihnen bis in die ferne Zukunft zu beschäftigen, kann nicht der Sinn des Lebens sein.
Es wäre zu bequem, sich selbstmitleidig in seiner Reue oder seinen Selbstzweifeln zu suhlen und über die Vergangenheit nachzusinnen. Auf diese Weise verhindert man einen wichtigen Lernprozess, der uns auffordert, jeden Tag aufs Neue am Erlebten zu wachsen. Das Geschehene ist nicht mehr zu ändern, sehr wohl aber all das, was noch kommt. Daher steht, einmal mehr, die Eigenverantwortung im Zentrum prophylaktischen Handelns. Nimmt man seine Vergangenheit und die damit verbundene Erfahrung bedingungslos an, so ist das der wesentliche Schlüssel, um sich den Herausforderungen des Alltags positiv zu stellen. Nutzen Sie dafür die nachfolgenden Hinweise:
- Akzeptieren Sie das Geschehene und achten Sie darauf, nicht der depressiven Kraft des Selbstmitleids zu erliegen
- Durch negatives Reden über Andere nähren Sie die eigenen Emotionen mit destruktiven Gedanken und schwächen sich selbst
- Schuldzuweisungen verhindern das bewusste Übernehmen von Verantwortung
- Vermeiden Sie den bereuenden Blick zurück; er ist oft bloss eine getarnte Legitimation, sich nicht nach vorne zu bewegen
- Verdrängte Konflikte holen Sie über kurz oder lang wieder ein. Stellen Sie sich ihnen deshalb besser gleich zu Beginn!
Stress-Prophylaxe als wertvolle Investition für die Zukunft
Zweifellos wird das Phänomen „Stress“ unsere Gesellschaft in den nächsten Jahren noch weiter beschäftigen. Wer es versteht, seinen Energiehaushalt in Ordnung zu halten, leistet einen wesentlichen Beitrag zu seiner persönlichen Gesundheit. Aktives und positives Stressmanagement entwickelt sich immer mehr zu einem Erfolgsfaktor im Berufsleben. Die Fähigkeit des Sich-Zeit-Nehmens und ein bewusster Stress-Abbau sind komplexe und ganzheitliche Herausforderungen.
Die Arbeit an einer positiven inneren Haltung kann – sich gegenseitig ergänzend – über zwei Wege erfolgen: Positive Denkmuster schärfen Herz und Verstand und fördern den Entwicklungsprozess. Konkretes und bewusstes Handeln bezüglich Bewegung und Ernährung, Partnerschaft und Familie in Verbindung mit Arbeit und Umfeld unterstützen durch eine äussere Haltung das innere Bestreben nach Gleichgewicht und Harmonie.
Meditation hilft, die innere Ruhe zu bewahren
Wir müssen uns heutzutage täglich mit uns und unserer Umwelt auseinander setzen, wenn wir dem Stress wirksam begegnen wollen. Einige Minuten der Ruhe und Einkehr im Alltag können dabei eine wunderbare Stütze und wertvolle Ergänzung sein. Eine meditative Haltung in den alltäglichen Begebenheiten erfüllt das Leben mit Reichtum und ist Balsam gegen jede Form von Stress: Den Waldspaziergang, die Bahnfahrt, einen Ausflug in die Natur, den Umgang mit unseren Mitmenschen, die Arbeit – all dies können wir meditativ erfahren. Wenn es uns gelingt, unser Leben im Augenblick zu leben und unsere Erfahrungen mit Bewusstsein zu füllen, wird es immer weniger äussere Situationen geben, die unsere innere Ruhe gefährden können.
Meditation zielt im Wortsinn „auf die Mitte hin“. Dies kann zum einen als Konzentrationsübung, zum andern aber auch einfach als vertieftes Nachdenken über ein Thema verstanden werden. Wer meditiert, muss mit keiner östlichen oder westlichen spirituellen Tradition verbunden sein – er kann die Meditation ganz individuell nach seinen eigenen Wertvorstellungen in den Alltag einfliessen lassen: Durch Meditation lernen wir, Schuldzuweisungen in eigenverantwortliches Handeln umzuwandeln. Wir üben uns darin, die eigenen Gedanken kritisch zu hinterfragen. Dazu müssen wir keinen besonderen Aufwand treiben – wir bemühen uns lediglich um eine meditative, bewusste Haltung in all unseren Tätigkeiten.
Tipps für die alltägliche Meditation:
- Schaffen Sie sich täglich kleine Zeitinseln von etwa zehn Minuten zur inneren Sammlung
- Versuchen Sie, Arbeit und Pausen strikt zu trennen
- Gönnen Sie Ihrem Körper ab und zu entspannende Massagen
- Pflegen Sie stärkende Rituale in und mit Ihrem Lebenskreis
- Besuchen Sie Orte der Kraft wie etwa Kathedralen oder Plätze der Stille in der Natur
Weitere Informationen zu den Themen dieser Broschüre erhalten Sie direkt von den Autoren:
Dr. med.Werner Entenmann
Leitender Arzt der Klinik für Schlafmedizin in Zurzach, Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie
E-Mail: entenmann@ksm.ch
Web: www.ksm.ch
Buchtipp: Daniel Zanetti: Sind Sie gut im Bett?” Textwerkstatt, 2007)
Jacqueline Sidler
Leiterin der Präventionsabteilung, Schweizerische Fachstelle für Alkohol- und andere Drogenprobleme
E-Mail: jsidler@sfa-ispa.ch
Web: www.sfa-ispa.ch
Buchtipp: Die Gratisbroschüren „Alkohol – (k)ein Problem?“ und „Alkoholabhängigkeit: auch Nahestehende sind betroffen“ können Sie bei der SFA (Schweizerischen Fachstelle für Alkohol- und andere Drogenprobleme) mit einem rückfrankierten Antwort-Couvert bestellen oder unter www.sfa-ispa.ch als PDF herunterladen (Rubrik „Publikationen“ anklicken, anschliessend „Informationsmaterial“).
Markus Marthaler
Autor und Burn-out Experte
E-Mail: info@marthaler-partner.ch
Web: www.marthaler-partner.ch
Buchtipp: Markus Marthaler: „Life Balance“ (Kreuz, 2006)





