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Masterfoods - Wirz Corporate - Welt der Katze - Schlössli
Er lebt in einem Schlössli und hat «Untertanen», die ihm noch so gerne jeden Wunsch erfüllen: Die Patienten der psychiatrischen Klinik Schlössli Oetwil lieben Kater Pippo, weil er sie besser versteht, als ein Mensch es je könnte.
Für das Magazin "Welt der Katze" von Masterfood, via Wirz Corporate, 2005
Dann, wenn es in der Seele wieder mal nur grau ist, leer und freudlos, wenn Unverständige sagen würden, reiss dich doch zusammen, hör endlich auf zu weinen, dann jeweils kommt Pippo zu ihr, stupft sie an mit seinem Näschen, schaut verständnisvoll zu ihr hoch. Er ist warm und weich. Er kann schweigen und zuhören, so wie es ein Mensch nicht kann. Er schmiegt sich an sie, schnurrt und zeigt ihr, dass sie wichtig ist, ein wertvoller Mensch, jemand, den er lieb hat – was für ein Trost! «Pippo spürt, wenn ich ihn brauche», davon ist Esther überzeugt.
Esther ist seit zehn Wochen auf der Station A1 der psychiatrischen Klinik Schlössli Oetwil/ZH. In dieser Station werden Menschen, die an Depression erkrankt sind, stationär behandelt. Maximal 14 Männer und Frauen halten sich hier auf. Manche bleiben einige Wochen, andere mehrere Monate. Der einzige Mitbewohner, der schon seit Jahren hier weilt und dennoch keinerlei depressive Anzeichen zeigt, ist Pippo.
Er hat guten Grund, hier zu wohnen, denn einen besseren Ort als das Schlössli kann eine Katze wohl kaum finden. «Pippo ist der König der Station, geniesst alle Privilegien», sagt Patientin Brigitte, «Wenn er etwas will, dann springen sofort alle auf und erfüllen seinen Wunsch. Wir haben hier viel Zeit für ein Tier, vermissen zum Teil unsere eigenen Haustiere, die wir zu Hause gelassen haben» Sie wendet sich zu ihm, lächelt, «gäll, Buebeli...» Er blinzelt in die Strahlen der Frühlingssonne, die in den Aufenthaltsraum fallen. Pippo streift um die Beine der Patienten, mauzt, will geherzt werden, versucht, der Linse des Fotografen zu entweichen. Zur Türe rein, raus, rein... Die Patienten lachen über Pippo’s kleinen Tick: oft kann er sich nicht entscheiden, ob er draussen im Schlössli-Garten herumstreifen, vielleicht einen kleinen Jagdausflug unternehmen oder ob er sich drinnen verwöhnen lassen soll. Ein Kommen und Gehen also – und jeder öffnet Pippo willig die Türe, obschon er auch einfach durch sein Katzentörchen ein- und ausgehen könnte.
Wer immer zum Patientengrüppchen in den Aufenthaltsraum stösst, weiss etwas Nettes über den schwarz-weissen Kater zu sagen: «Pippo lenkt mich ab, wenn ich zu viel nachdenke, das tut gut», sagt Wädi. Er könne einem gut um den Finger wickeln, fordere viele Streicheleinheiten ein, gebe dafür aber auch viel Wärme zurück. Der Kater, so ist man sich einig, habe ein ausgeprägtes Gspüri und strahle eine geradezu magische Ruhe aus – kein Wunder: immerhin ist er mit seinen elf Jahren schon ein gesetzter Herr, der sich fundierte Erfahrung im Umgang mit depressiven Menschen angeeignet hat.
Die Stimmung im Aufenthaltsraum ist indes nicht depressiv. Die Patienten, die um den grossen Tisch sitzen, wirken ausgeglichen. Wer sich vor dem Besuch der Klinik dem Klischee entsprechend eine düstere Psychi mit dumpfen Geistern vorgestellt hat, wird hier eines besseren belehrt: Der Aufenthaltsraum der Station A1 wirkt eher wie ein freundliches Quartier-Begegungszentrum. Hier versammeln sich Menschen wie du und ich. Leute, die vorübergehend Hilfe brauchen, ansonsten aber im aktiven Berufs- oder Familienleben stehen. Ihre Krankheit scheint im Schlössli gut behandelt zu werden. Morgens sind jeweils Bewegungs- und Gesprächstherapien angesagt, später hat man Zeit, um miteinander zu schwatzen und zu diskutieren. Um ein Magazin durchzublättern, zu spazieren oder abends Fernsehen zu schauen, selbstverständlich mit Pippo auf dem Schoss. Stolz erzählen einige Frauen, sie hätten den Männern kürzlich sogar häkeln beigebracht. «Wir sind hier fast wie eine Familie» sagt Brigitte, «Wir verstehen einander. Schliesslich leiden wir alle an derselben Krankheit. Hier darf man sich selbst sein». Es werde in der A1 gelacht, und ja, wenn jemand einen Rückfall habe, auch geweint. Dann nimmt man sich gegenseitig in den Arm, hört sich zu, weint vielleicht zusammen. «Darum fühle ich mich hier geborgen, geschützter als in der Aussenwelt».
Will ein Patient hingegen niemanden sehen und seine Ruhe haben, dann verzieht er sich am besten aufs eigene Zimmer. Wenn es denn sein soll, dann merkt Pippo, dass er dort von Nutzen ist und schleicht als Tröster treuherzig hintendrein. Stationsleiterin Verena Mink hat oft beobachtet, dass er gezielt die Gesellschaft derer sucht, die sich besonders schlecht fühlen. Einmal sei eine junge Patientin in die Klinik eingetreten, die mit niemandem habe sprechen wollen – ausser mit Pippo. Er besteche dadurch, dass er die Menschen einfach gerne habe. «Insbesondere bei neu eintretenden Patienten löst die Anwesenheit des Kater ein Gefühl der Geborgenheit aus», sagt Verena Mink. Ursprünglich hatte sie es verbieten wollen, dass Pippo auf Zimmerbesuch darf – aus hygienischen Gründen. «Aber wir haben rasch gemerkt, dass es den Patienten gut tut, wenn sie ihn bei sich haben. Er sorgt für Wohlfühlstimmung. Deshalb haben wir das Zimmerverbot stillschweigend aufgehoben». Mit einem Lächeln fügt Verena Mink hinzu, dass sich Pippo ohnehin um Vorschriften scheren würde.
So muss man auch immer auf der Hut sein, dass sich der ohnehin schon mollige Kater nicht zu den Tablaren mit den Essensresten der Patienten schleicht oder Leckereien vom Znüni-Tisch des Personals stibitzt. Dabei wird er doch morgens und abends regelmässig mit Trockenfutter und frischem Wasser versorgt – eine Aufgabe, welche die Patienten gerne jeweils für eine Woche übernehmen. Manchmal, so gesteht Brigitte, würden die Aufenthalter der Station A1 ihrem Liebling auch heimlich einige Leckereien zustecken, «es ist bei Pippo doch wie bei uns Menschen – auch wir naschen zwischendurch gerne ein Stück Schoggi».
Was aber ist mit Leuten, die keine Katzen mögen? Pippo spürt das und lässt sie in Ruhe. «Wer nicht will, der wird von Pippo nicht belästigt», sagt Verena Mink. Stattdessen sei es aber schon vorgekommen, dass Patienten mit Katzenallergien lieber ein Medikament gegen die Allergie eingenommen hätten, als auf Pippos Nähe zu verzichten. Und immer wieder, so erzählt die Stationsleiterin, würden Patienten, die aus der Klinik austreten ihren kleinen Freund am liebsten mit zu sich nach Hause nehmen. Doch während die depressiven Menschen im Schlössli kommen und gehen, hält Pippo die Stellung – als ob er sich seiner seelsorgerischen Aufgabe bewusst wäre.





